Homepage von Michael Meisegeier

 

Jahrgang: 

Wohnort:

Beruf:

Studium/Promotion:

 

1950

Erfurt

Bauingenieur, Dr.-Ing.

Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar
(heute Bauhaus Universität)

 

 

Obwohl als Bauingenieur eher die technische Seite des Baugeschehens mein Metier ist, beschäftige ich mich seit ca. 40 Jahren mal mehr und mal weniger intensiv mit der Geschichte der Architektur. Mein besonderes Interesse gilt dabei fast von Anfang an der vorromanischen und romanischen Baukunst und Kunstgeschichte. Von dort bis zur Christianisierung und zum frühchristlichen Kirchenbau ist nur ein kleiner Schritt. Neben Fragen der Bauform und der Bautechnik, der Zweckbestimmung und Nutzung sind immer wieder Datierungsfragen bedeutsam – insbesondere bei den älteren Bauten, womit natürlich die geschichtlichen Ereignisse als Umfeld des Baugeschehens eine erhebliche Rolle spielen. Ist die Kenntnis über die Geschichte lückenhaft oder gar falsch, sind wir kaum in der Lage, eine Baugeschichte richtig zu rekonstruieren.

Meine intensive Beschäftigung mit der Materie führte mich fast zwangsläufig zu dem Kreis der Chronologiekritiker um Heribert Illig. Seine umstrittene und von der etablierten Fachwelt abgelehnte Phantomzeitthese, die den Zeitraum von 614 bis 911 als Phantomzeit, d. h. als nicht existent behauptet, bot eine Lösung für die m. E. bestehenden Unstimmigkeiten in der offiziellen Geschichtsdarstellung des Frühmittelalters und dessen nicht auffindbare Bauten.

Ich bin überzeugt, dass die uns in den Lehrbüchern und an den Universitäten gelehrte Chronologie für die Zeit des Frühmittelalters keinesfalls zutreffen kann. Vielleicht ist auch die Chronologie der Antike und der Spätantike sowie des Hochmittelalters dringend revisionsbedürftig, wie gerade in neuerer Zeit von verschiedenen Vertretern der Chronologiekritik behauptet.

Die Betrachtung der frühesten Kirchenbauten in Thüringen und Sachsen/Anhalt unter diesem Aspekt führte mich zu einer teils deutlich abweichenden, wesentlich stimmigeren Lösung für die Baugeschichte dieser Bauten als von der etablierten Kunstgeschichte für diese angeboten.

Da die Anpassungs- und Leidensfähigkeit der etablierten Fachwelt nur sehr begrenzt ist, kann ich für meine Ausarbeitungen vorerst kaum auf die Zustimmung von offizieller Seite hoffen.
Leider beharrt die etablierte Wissenschaft auf ihren in vielen Jahren schwer erarbeiteten Irrtümern. Dass die Experten der Architekturgeschichte jedoch zu keiner Zeit unfehlbar waren, haben ihre zahlreichen Irrwege im Verlauf des 20.Jh. deutlich gemacht. Bei der Aufdeckung solcher Irrtümer kam und kommt der Archäologie auf jeden Fall ein hoher Stellenwert zu. Gerade die Zerstörungen des 2. Weltkrieges erlaubten die archäologische Untersuchung vieler Kirchenbauten, so dass man bei der Rekonstruktion der Baugeschichte nicht nur auf mündliche und schriftliche Überlieferungen angewiesen blieb. Die Archäologie ist jedoch kein unabhängiger Wissenschaftszweig, da sie nur die zeitliche Abfolge der Bautätigkeit rekonstruieren kann, jedoch keine explizite Datierung. Dafür sind andere Wissenschaftsdisziplinen erforderlich. Erst im Zusammenspiel ist eine Interpretation der archäologischen Untersuchungen möglich. Damit erhöht sich die Fehleranfälligkeit der Interpretation dramatisch.
Wissenschaftliche Datierungsmethoden wie die Dendrochronologie und die Radiokarbonmethode (C14-Methode) sind z. T. umstritten. Sie sind auch nur anwendbar bei Hölzern bzw. kohlenstoffhaltigen, d. h. organischen Materialien. Steine, Mauerwerk, Mörtel oder Putz sind damit nicht zu datieren.
Schwierig wird es, wenn die Archäologen die Interpretation der Grabungsergebnisse den mündlichen und schriftlichen Überlieferungen „anpassen“, wie das leider fast durchgängig geschieht. Damit ist der Zirkelschluss perfekt. Wie nachfolgend gezeigt, erlaubt ein anderer Ansatz möglicherweise zu besseren Ergebnissen zu gelangen.

Im Folgenden möchte ich einige spezielle Themen in Form einzelner Aufsätze vorstellen, die mich insbesondere in den letzten Jahren beschäftigt haben und immer noch beschäftigen.

 

Veröffentlichungen:

"Frühe Kirchenbauten in Mitteldeutschland. Alternative Rekonstruktionen der Baugeschichten"
2016, 132 S., BoD - Books on Demand, Norderstedt
ISBN: 9783743180703

Inhaltsverzeichnis

 

 

"Der frühchristliche Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers. Versuch einer Neueinordnung mit Hilfe der HEINSOHN-These"
Im Anhang u. a. Exkurs: Die Erschaffung der karolingischen und ottonischen Baukunst
2017, 280 S., BoD - Books on Demand, Norderstedt
ISBN: 9783848256686

Inhaltsverzeichnis

 

"Das Heilige Grab in Gernrode - alles klar, oder? Eine alternative Baugeschichte"
Im Anhang Exkurs: Die "Reliquienkammer" in der Ostkrypta der Stiftskirche in Gernrode
2018, 60 S., BoD-Books on Demand, Norderstedt
ISBN: 9783746097381

Inhaltsverzeichnis

 

 

Aufsätze:

 

Stimmt unsere Chronologie?

 

 

Vermutlich ist allein die Frage schon ketzerisch. Als Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts ILLIG 297 Jahre aus der Chronologie streichen wollte, erntete er von der Fachwelt, aber auch von vielen Laien einen wahren Shitstorm. Heute wird seine Phantomzeitthese, nach der die Zeit zwischen 614 und 911 nicht existiert hat und in unsere Chronologie eingeschoben wurde, im Prinzip totgeschwiegen. Seine These, die er auch heute noch vertritt und die nach meiner Meinung viele richtige Fakten und Fragestellungen beinhaltet, wird von der etablierten Wissenschaft einhellig abgelehnt und einfach ignoriert. Ist die Chronologie für die etablierte Wissenschaft sakrosankt und damit tabu? Ich halte das schon für ziemlich merkwürdig.

Bekanntlich wurde die uns heute bekannte Chronologie erst im ausgehenden 16. Jh. von Joseph Justus Scaliger erstellt. Sollte Scaliger, auch wenn er (nach Wikipedia) als einer der größten Gelehrten der zweiten Hälfte des 16. Jh. gilt, bei der diffusen Quellenlage, die ihm zur Verfügung stand, auf Anhieb die Chronologie auf den Punkt getroffen haben, so dass keinerlei Nachbesserungsbedarf bis heute besteht? Von der Wahrscheinlichkeit her kaum glaubhaft. Trotzdem halten alle, auch die Wissenschaft krankhaft an der einmal erstellten Chronologie fest und lassen nicht einmal eine Diskussion darüber zu.
Natürlich habe ich Verständnis, dass jemand, der einem wesentlichen Teil seines wissenschaftlichen Schaffens Karl dem Großen gewidmet und der meterweise Bücher und sonstige Veröffentlichungen über ihn geschrieben hat, ein Problem damit hat, wenn jemand auftaucht, der behauptet, Karl den Großen hätte es nie gegeben. Selbst die Politik, die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen den Karlspreis vergibt, dürfte eine solche Diskussion zumindest unangenehm sein.

ARNDT ist der Auffassung, dass die alte Geschichte bis weit in das 18. Jh. konstruiert ist. Ob und wie viele Jahre dabei zu viel auf der Zeitachse sind, darüber lässt sich ARNDT nicht aus, d. h. die Chronologie lässt er unberührt. Ihm geht es ausschließlich um die Konstruktion der überlieferten Geschichte.

Seit etwa 2013 tritt HEINSOHN, der anfangs gemeinsam mit ILLIG an der Phantomzeitthese arbeitete, mit einer eigenen These an. HEINSOHN, der seine These vorwiegend stratigraphisch begründet, sieht die Zeitabschnitte der Jahre 1 - 230 in Westrom und 290 - 520 in Ostrom bzw. Byzanz sowie Anfang 8. Jh. - 930 im Norden und Nordosten zeitgleich. Er sieht jeweils am Ende dieser Zeitabschnitte, d. h.  um 230 in Westrom, um 520 in Byzanz und um 930 im Norden/Nordosten eine größere Naturkatastrophe, die derzeit als drei einzelne Katastrophen erscheinen, die jedoch für ihn eine globale Naturkatastrophe darstellen. Diese führte zum fast schlagartigen Untergang der römischen Kultur, nachdem das Weströmische Reich bereits kurz zuvor aufhörte, zu existieren. Gleichzeitig widerspricht er ILLIG bzgl. einer eingeschobenen Zeit und der Erfindung der Geschichte für diese. Z. B. verbleiben bei HEINSOHN im Gegensatz zu ILLIG die Karolinger in der Geschichte. Sie sind für ihn jedoch Bestandteil der römischen Geschichte des 1. - 3. Jh. (HEINSOHN-These).
Das hört sich zunächst nicht sonderlich dramatisch an. Doch die Konsequenz ist erheblich. Da nach seiner These das Jahr 230 gleich dem Jahr 930 ist, verbleiben dem ersten Jahrtausend insgesamt nur ca. 300 reale Jahre. Demnach sind also in der Chronologie des ersten Jahrtausends 700 Jahre zuviel, anders formuliert 700 Jahre Phantomzeit enthalten. Die Antike Westroms rückt damit unmittelbar vor das Hochmittelalter.
Was ist mit der Ereignisgeschichte dieser 700 Jahre? HEINSOHN ist der Auffassung, das diese Geschichte Realgeschichte ist und nur auf der Zeitachse verschoben werden muss. Dem stimme ich nur zum Teil zu. Nach meiner Meinung ist die spätantike Ereignisgeschichte sicher weitgehend real und muss verschoben werden. Die Geschichte des Frühmittelalters (8. Jh. - 930) jedoch sehe ich als konstruiert an. Sie ist keine Realgeschichte. Dazu mehr in meinen Aufsätzen zu den Quellen und zur Geschichte des Mittelalters (siehe unten).

BEAUFORT, der HEINSOHN im Prinzip folgt, sieht in der Chronologie des ersten Jahrtausend drei isolierte, zeitversetzte Datierungsstränge, einen antiken, einen spätantiken und einen frühmittelalterlichen, welche in unserer Chronologie fälschlich nacheinander angeordnet worden sind, die aber in Wirklichkeit zum großen Teil zeitgleich sind. Der frühmittelalterliche Datierungsstrang entspricht der heute gebräuchlichen Datierung nach unserer Zeit und setzt sich bis in die Gegenwart fort.
Als Zeitversatz zwischen der antiken und der spätantiken Datierung schlägt BEAUFORT 284 Jahre vor, zwischen der spätantiken und frühmittelalterlichen Datierung, also der aktuellen Zeitrechnung 418 Jahre. Die Katastrophe hätte antik um 238, spätantik um 522 und nach u. Z. um 940 stattgefunden. BEAUFORT sieht zwei von Byzanz ausgegangene Aktionen, die für die Zeitversätze verantwortlich zeichnen. Eine erste durch Justinian I. initiiert, wodurch die weströmische Antike um 284 Jahre in die Vergangenheit geschoben wurde, eine zweite im 11. Jh.
durch Michael Psellos und Konstantin IX., wodurch die Spätantike mit Justinian um 418 Jahre veraltet wurde.  Erstere hängt möglicherweise mit der Inkarnationszählung des Dionysius Exiguus zusammen, d. h. die Zählung nach Christi Geburt, welche Justinian I. eingeführte oder gar erst erstellen ließ.

Die etablierte Forschung hat die zweite Verschiebung von Christi Geburt im 11. Jh. durch Byzanz um 418 Jahre in die Vergangenheit nicht mitbekommen und befindet sich in dem Glauben, dass die aktuelle Zeitrechnung nach u. Z. die von Dionysius Exiguus geschaffene Inkarnationszählung ist.  Die nach dem zweiten Zeitversatz folgende, sog. frühmittelalterliche Zählung ist meiner Auffassung nach erst mit den Kreuzzügen nach Europa gelangt und dann dort übernommen worden. Die Ereignisgeschichte Europas vor der Übernahme der neuen Datierung war spätantik datiert, womit sich Europa zu Zeit der Kreuzzüge im 7./8. Jh. befand. Mit dem Sprung in das 12./13. Jh. entstand eine Phantomzeit von mehr als vier Jahrhunderten in der Chronologie, die bis heute von der Forschung nicht erkannt wurde.
Wichtig ist, festzustellen, dass wir es hier weder mit einer Fälschung der Chronologie, denn die würde eine Absicht voraussetzen, noch mit einer Verschwörung zu tun haben - nein, nur mit einem simplen Fehler bei der Erstellung der Chronologie. Offensichtlich verwendeten die Ersteller der Chronologie im 16. Jh. Quellen, die bereits die "lange" Chronologie enthielten.

Gewarnt durch ILLIGs Schicksal ist HEINSOHN mit der Veröffentlichung seiner These vorsichtiger. HEINSOHNs vorgesehene Publikation "Wie viele Jahre hat das erste Jahrtausend", in der er seine These vorstellt, ist bisher noch nicht veröffentlicht. Einen ersten Blick erlaubt der Autor auf der Webseite "www.q-mag.org/gunnar-heinsohns-latest" unter dem Titel "The Creation of the First Millennium". Verschiedene Einzelbeiträge veröffentlichte er bisher auch auf "www.malagabay.wordpress.com". Details seiner These sind noch immer in der Diskussion.

Ich halte die HEINSOHN-These und den Vorschlag von BEAUFORT zu den drei Datierungssträngen und deren zeitlicher Versatz prinzipiell für zutreffend. Verschiedene Details der Schlussfolgerungen HEINSOHNs, z. B. zum frühchristlichen Kirchenbau oder zur Geschichte der Karolinger teile ich dagegen nicht.

 

 

 

Wir haben ein generelles Quellenproblem !

 

 

Eine der Möglichkeiten, die bei der Interpretation von frühmittelalterlichen Baubefunden regelmäßig herangezogen wird, liegt zunächst auf der Hand. Das ist die Auswertung von etwaigen Schriftzeugnissen, die zum Bau vorliegen oder über diesen berichten.

Leider gibt es an reinen Baunachrichten zu den frühen Kirchenbauten in Mitteldeutschland in den Quellen nicht allzu viel, so dass eine Rekonstruktion anhand konkreter Baunachrichten im Allgemeinen nicht möglich ist. Dagegen gibt es besonders für die Zeit der Ottonen eine, wenn auch relativ geringe Anzahl an Schriftquellen, in denen die Orte oder auch die Bauten selbst erwähnt werden. Das sind insbesondere die Chroniken zur Ottonengeschichte wie z. B. die Sachsenchronik von Widukind, die Chronik des Thietmar von Merseburg sowie Gesta Oddonis der Hrotsvith von Gandersheim. Sie gelten der etablierten Wissenschaft als zeitgenössische Quellen und haben für sie einen absoluten Wahrheitswert.

Merkwürdig ist nur, dass verschiedene dort berichtete Ereignisse mit den archäologischen Untersuchungsergebnissen nicht in Einklang zu bringen sind. Ich möchte hier nur die vergebliche Suche nach dem Grab Heinrich I. in Quedlinburg oder die vergebliche Suche nach dem Moritzkloster und der ottonischen Pfalz in Magdeburg oder die vergebliche Suche nach der ersten Marienkirche in Memleben, in der Otto I. aufgebahrt gewesen sein soll, sowie der dortigen ottonischen Pfalz anführen. Genauso wie für Quedlinburg zahlreiche Besuche der späteren Ottonen - insbesondere immer zu den Osterfeierlichkeiten schriftlich „bezeugt" sind, weswegen Quedlinburg als „wichtigste Pfalz der ersten Liudolfinger", als Osterpfalz angesehen wird, obwohl dort die baulichen Voraussetzungen vor der Jahrtausendwende gar nicht vorhanden waren.

Berichten die vermeintlich zeitgenössischen Quellen doch nicht die Wahrheit? Betreffend Widukind ist es nach FAUßNER [ANWANDER zu FAUßNER 23f] erwiesen, dass die Sachsenchronik eine Fälschung des 12. Jh. durch Wibald (1098-1158), Abt von Stablo und Corvey, ist. Nach FRANZ ist neben der Sachsenchronik Widukinds auch die Chronik Thietmars zweifelsfrei durch Wibald im 12. Jh. geschaffen worden. Sowohl die Sachsenchronik als auch die Chronik Thietmars dienten Wibald dazu, "seinen Urkundenreihen einen Halt, einen geschichtlichen Kontext zu verleihen." [FRANZ, 239] So sind von den schon nicht sehr zahlreichen so genannten zeitgenössischen Quellen zwei weitere für unsere Kenntnis der Ottonenzeit als solche ausgefallen. Von FAUßNER sind schon Werke wie die Gesta Oddonis der Hrotsvith von Gandersheim, die Vita brunonis von Ruotger, das Ottonianum von Heinrich  II. und andere als Werke Wibalds benannt worden [ILLIG, 410]. Und es gab nicht nur die Fälscherwerkstatt Wibalds.

Meine These:

Alle Schriftquellen, wie Chroniken, Urkunden, etc., die unseren mitteleuropäischen Bereich betreffen und von denen die Forschung ausgeht, dass sie im Zeitraum von ca. 640 (Tod König Dagobert I.) bis dem 12. Jh. verfasst sind, sind bis auf wenige Ausnahmen Fälschungen ab dem 12. Jh., also nachträglich verfasst und rückdatiert. Der Fälschungsumfang dürfte auch noch die meisten Quellen des 12. Jh. betreffen und möglicherweise noch darüber hinaus. Betroffen sind auf jeden Fall alle karolingischen und alle ottonischen Quellen, aber eben auch die dem 11. Jh. zugeschriebenen Quellen sowie auch spätere. D. h., dass ich alle auf uns überkommenen, sogenannten zeitgenössischen Schriftquellen des frühen und hohen Mittelalters für Pseudepigraphen, d. h. Falschzuschreibungen, oder Fälschungen halte. Oftmals beschreiben diese Quellen die Zustände der Zeit ihrer späteren Abfassung.

Ich stelle mir dabei folgendes Szenario vor:

Für verbindliche Rechtsgeschäfte zwischen römischen Bürgern war in der antiken Gesellschaft die Schriftform unerlässlich. Mit der Zurückdrängung der Römer und der Machübernahme durch die Franken im 2. Jh./Anfang des 3. Jh. gingen die Rechtsgeschäfte zwischen Römern und damit die Verwendung der Schriftform rapide zurück. Die Beziehungen untereinander waren im Wesentlichen durch ein Abhängigkeitsverhältnis geprägt. Für Vereinbarungen mit Abhängigen war die Schriftform nicht erforderlich.
Trotzdem dürfte die merowingische Administration für einzelne Verwaltungsakte auch die Schriftform verwendet haben. Da die Hauptresidenz der Merowinger in Paris war, waren die übrigen Gebiete mehr oder weniger entfernte Provinz. Das dürfte auch für die Verwaltungsakte gegolten haben.
Nach dem Ende der Merowinger gab es im östlichen Reichsteil Austrasien keine Zentralgewalt mehr. Die Kapetinger konzentrierten sich auf das Westfrankenreich. Der Osten interessierte sie nicht. Mit dem Ausfall der Zentralgewalt war die Verwendung der Schriftform noch weiter zurückgegangen.
Ähnlich verhält es sich mit der Geschichtsschreibung. Diese war eine antike Tradition, die mit dem Ende der Spätantike ebenfalls endete. In weiten Teilen Mitteleuropas, natürlich besonders im Osten, gab es diese antike Tradition nie. Einer der letzten, noch in der Tradition der Antike verhafteten Historiographen ist Gregor von Tours, dem wir die "Geschichte der Franken" verdanken. Nach Wikipedia sind seine
Decem libri historiarum eine christliche Universalgeschichte in spätantiker Tradition.
Ich denke, dass der Schluss zulässig ist, dass
vor dem 12. Jh. in Mitteleuropa das Abfassen von Schriftstücken kaum gebräuchlich war. Genauso gab es nach Gregor von Tours keine "verlässliche" Geschichtsschreibung mehr, auch wenn in der modernen Forschung Gregors Glaubwürdigkeit umstritten ist.

Verschärft wurde die Problematik durch das Aufkommen der Datierung nach u. Z., der bei uns heute noch gültigen Zeitrechnung. Diese wurde um die Mitte des 11. Jh. in Byzanz eingeführt (siehe Aufsatz "Stimmt unsere Chronologie?"). Mit den Kreuzzügen, also frühestens im 12. Jh., kam diese nach Europa und wurde sukzessive übernommen. Damit kam es zu einer Überschneidung der spätantiken Datierung mit der Datierung nach u. Z. Die Merowinger datierten bis zu ihrem Ende ihrer Herrschaft um die Mitte des 11. Jh. ausnahmslos spätantik. Auch nach dem Ende der Merowinger wurde die spätantike Datierung z. T. fortgeführt, z. B. von einzelnen Klöstern und Bistümern (Das sind die wenigen Ausnahmen. Siehe oben).  Spätestens im 13. Jh. hatte sich dann die Datierung nach u. Z. durchgesetzt. Der Vatikan datierte erst ab 1431 Urkunden "nach Christi Geburt". Die wenigen Ausnahmen mit spätantiken Datierungen bis in das 8. Jh. verwirren die Historiker bis heute. Die neue Datierung nach u. Z. hatte den Beginn der Jahreszählung, d. h. Christi Geburt, gegenüber der spätantiken Jahreszählung um 418 Jahre in die Vergangenheit gerückt. Damit rückten die Merowinger, deren Herrschaft eigentlich gerade einmal ca. 100 Jahre vergangen war, in eine ca. 500 Jahre zurückliegende Zeit. Diese ca. 500 Jahre währende "Lücke" war bei der anstehenden Geschichtsschreibung  bzw. später bei der Chronologie zu schließen.

Ab dem fortgeschrittenen 12. Jh. begann man Geschichte rückwirkend zu schaffen. Dabei war der Anschluss an die Merowingerzeit herzustellen, die in das 5./6. Jh. datiert. Es kam es zu einem massenhaften Fälschen von Urkunden und anderen Dokumenten, i. d. R. zum Nachweis von Besitz und alten Rechten. Für die Schaffung von Geschichte erfand man das Format der Weltchroniken.

Den sozialgeschichtlichen Hintergrund des Aufkommens der Schriftform im 12. Jh. sehe ich wie folgt: Mit dem Abwandern abhängiger Bauern in die Städte, beginnend im 11. Jh., entstand zunehmend ein freies Städtebürgertum und damit eine Veränderung der Rechtsstellung der Bürger. Die wirtschaftliche Tätigkeit des freien Städtebürgertums machte das Abfassen von Schriftstücken, z. B. für Verträge, zunehmend notwendig. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Schicht und der unausbleibliche Austausch mit dem Feudaladel zwang jenen ebenfalls zur Schriftlichkeit, z. B. zum schriftlichen Nachweis seiner Rechte und Besitzansprüche für eine mögliche Verpfändung. Da Rechte und Besitz in der Vergangenheit "erworben" wurden, war eine solche glaubhaft darzustellen. So begann man ab dem fortgeschrittenen 12. Jh. Geschichte rückwirkend zu schaffen. Es kam es zu einem massenhaften Fälschen von Urkunden und anderen Dokumenten, i. d. R. zum Nachweis von alten Besitz und alten Rechten.

Die Fälschungen erfolgten i. d. R. nicht in betrügerischer Absicht. Nein, man war gezwungen, einen praktikablen Rechtszustand herzustellen. Das Berufen auf anerkannte Autoritäten wie Karl den Großen und Otto den Großen war in diesem Zusammenhang hilfreich. Diese Autoritäten waren möglicherweise reale, wenn auch stark überhöhte Personen der Vergangenheit und vermutlich in der mündlichen Überlieferung noch lebendig. Der religiöse Kontext, in dem diese Autoritäten dargestellt wurden, verdeutlichte die gottgewollte Ordnung dahinter, was die Anfechtbarkeit des dargestellten "Faktes" im Prinzip unmöglich machte.

Da sich die traditionelle Ereignisgeschichte des frühen und hohen Mittelalters maßgeblich auf diese Quellen stützt, sehe ich auch diese als verfälscht an. Nach meiner Meinung ist die Geschichte des gesamten Mittelalters weitgehend erfunden. Unser Geschichtsbild wird bis heute durch diese gefälschte, größtenteils erfundene Ereignisgeschichte geprägt. Die Erfindung betrifft wie oben bereits gesagt sowohl die Geschichte der Karolinger, als auch die der Ottonen, aber auch die Geschichte der Salier und Staufer. Das gesamte römisch-deutsche Kaisertum hat es nach meiner Auffassung vor dem Spätmittelalter nie gegeben.

 

 

Die traditionelle Geschichte des Mittelalters ist ein Konstrukt ! Der Versuch einer alternativen Geschichte

 

 

Wenn unsere Chronologie wie oben behauptet fehlerhaft ist, wenn die Quellen wie oben behauptet nachträglich gefälscht sind, wie kann überhaupt eine glaubhafte Darstellung der Ereignisgeschichte gelingen?

ARNDT weist in seinem Buch "Die wohlstrukturierte Geschichte" glaubhaft nach, dass die offizielle Geschichte des Mittelalters weitgehend konstruiert ist. Nach ihm ist die gesamte Geschichte von 911-1313 eine bewusste Konstruktion. ARNDT sieht insgesamt von 768 bis 1493 ein geschlossenes System, das während der Herrschaft Karl V. (1520-1556) "entworfen wurde, oder zumindest in wesentlichen Teilen erweitert wurde" [71f]. ARNDT spricht von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100]. Er sieht die Merowinger und die Karolinger "nach derselben Schablone gestrickt" und betitelt seinen Abschnitt zur Karolingerzeit mit der Frage: "Sind die Karolinger nur ein Double der Merowinger?" [98]. Mehr noch: Nach ARNDT ist auch die folgende Geschichte, d. h. die Geschichte des deutsch-römischen Kaisertums bis zum 14./15. Jh. ein Konstrukt.

Auch wenn nach der Analyse von ARNDT die Voraussetzungen nicht gerade komfortabel sind, versuche ich unter Verwendung der HEINSOHN-These und den von BEAUFORT vorgeschlagenen Datierungssträngen die Ereignisgeschichte zumindest grob zu umreißen.

Ich möchte jedoch vorausschicken, dass ich weder Historiker noch Mediävist bin - aber vielleicht ist das ja auch hierbei von Vorteil.

Geschichte des frühen und hohen Mittelalters in Mittel- und Westeuropa - ein Versuch

 

 

 

Frühe Kirchenbauten in Mitteldeutschland

 

Quedlinburg, St. Servatius
Gernrode, St. Cyriakus
Magdeburg, Dom

 

 

Erfurt  

 

Gernrode

 

Halberstadt

 

Magdeburg

 

Memleben

 

Ohrdruf

 

Quedlinburg

 

Rohr

 

Meißen

 

Mitteldeutschland, das sind heute die Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen, hat eine Reihe von sehr alten Kirchenbauten aufzuweisen, deren angebliche Gründungen z. T. bis in das 8. Jh. zurückreichen. Sicher ist dabei die Unterscheidung wichtig, ob nur schriftliche Quellen oder sogar nur Legenden über diese frühe Zeit berichten oder ob auch materielle Hinterlassenschaften nachzuweisen sind.

So wird z. B. die Gründung des Doms zu Erfurt, richtiger der Stiftskirche Maria Beatae Virginis, mit Bonifatius in Verbindung gebracht, wobei die Archäologie bisher keine Spuren des 8. Jh. nachweisen konnte. Die frühesten baulichen Reste, die ergraben wurden, gehören - so die Archäologen - dem 12. Jh. an. Dagegen gibt es Grabungsergebnisse im Halberstädter Dom, die vermeintlich einen Kirchenbau um 800 "belegen".

Man muss sich natürlich darüber im Klaren sein, dass die von den Experten manchmal mit großer Selbstsicherheit dargebotenen Rekonstruktionen der Baugeschichte dieser frühen Kirchenbauten nur Interpretationen sind, welche naturgemäß an sich erst einmal rein subjektive Auslegungen sind.

Gerade die sehr unterschiedlichen Rekonstruktionen z. B. der Baugeschichte der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg - obwohl alle auf denselben bauarchäologischen Untersuchungen fußen - belegen die große Unsicherheit bei den Experten zum Thema des frühesten Kirchenbaus in Mitteldeutschland. Der Blick auf die anderen frühen, mitteldeutschen Kirchenbauten zeigt ein ähnliches Bild.

 

 

Frühchristlicher Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers

 

Ravenna, San Apollinare in Classe
Bethlehem, Geburtskirche
 Rom, Santo Stefano Rotondo

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

Der Beginn des monumentalen Kirchenbaus wird mit der Regierungszeit von Kaiser Konstantin I. verbunden. Als markantes politisches Ereignis gilt die berühmte Mailänder Vereinbarung von 313 (das sog. Toleranzedikt), in der durch Konstantin und Licinius „allgemeine Religionsfreiheit, namentlich für das corpus Christianorum, d. h. für die christliche Gemeinde, und die Rückgabe des ihr in der Verfolgung entzogenen Eigentums“ [DEMANDT 2008, 42] bestätigt wird. Nach [DEMANDT 2008, 42] stiftete Konstantin I. bereits 312, also zeitlich vor der Mailänder Vereinbarung die Lateranbasilika für den Bischof von Rom. 324 bis 326 folgen die Petersbasilika und die Umgangsbasilika für Marcellinus und Petrus [ebd, 42]. „Nicht nur in Rom und Konstantinopel, sondern im ganzen Reich hat der Kaiser den Kirchenbau gefördert…Insbesondere im Heiligen Lande entstanden monumentale Kirchenbauten, so die Basilika von Mamre, sowie die Geburtskirche in Bethlehem und die Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg…Die Grabeskirche nahe der Schädelstätte wurde mit besonderem Aufwand errichtet und zu den Tricennalien des Kaisers am 17. September 335 eingeweiht.“[ebd, 51].

Was für ein furioser Auftakt – aber so war es mit Sicherheit nicht!

Der monumentale Kirchenbau beginnt erst mit der Erhebung des Christentums zur Reichsreligion und der Begründung der Reichskirche. Nach der neueren traditionellen Forschung erfolgt die Gründung der Reichskirche nicht schon durch Theodosius I. sondern erst durch Justinian I. Die HEINSOHN-These datiert Justinian I. in das 10. Jh.

Dem stehen jedoch die zahlreichen vermeintlichen frühchristlichen Kirchenbauten in Rom, Mailand, Ravenna, Jerusalem, Konstantinopel und anderswo entgegen. Nach meiner Auffassung sind sämtliche sogenannte frühchristliche Kirchen falsch datiert. Der Grund ist unsere falsche Chronologie, die durch die HEINSOHN-These aufgedeckt wurde. Im Endeffekt gibt es keine frühchristlichen Kirchenbauten. Alle diese Kirchen sind Bauten des 11.-13. Jh., die in Rom im Wesentlichen fehlen.

Unabhängig von und zeitlich vor HEINSOHN hatte ich die Entstehung des monumentalen Kirchenbaus maßgeblich ab dem 10. Jh. gesehen. Mein Aufsatz dazu, noch unter der Phantomzeitthese von ILLIG erarbeitet, ist veröffentlicht in den ZEITENSPRÜNGE-Heften 3/2010, 2/2011 und 3/2011. Der vorliegende Aufsatz ist sozusagen das Upgrade auf die HEINSOHN-These.

 

 

Die Erschaffung der karolingischen und ottonischen Baukunst

 

Lorsch, Torhalle

Fulda, St. Michael, Krypta

 Müstair

Corvey, Westbau Obergeschoss

 

zum Aufsatz

hier

 

Die Kunst der Karolinger und Ottonen - eine Chimäre? Ja! Selbstverständlich sind die den Karolingern und Ottonen zugeschriebenen Bauten existent; sie sind nur zeitlich und kunsthistorisch falsch eingeordnet.

Aufgrund des oben beschriebenen Chronologiefehlers (siehe oben: Stimmt unsere Chronologie?) ergab sich u. a. eine Phantomzeit zwischen der Merowingerzeit 6./7. Jh. und dem 11. Jh. Diese im Norden und Nordosten, also in unserem mitteleuropäischen Raum, "geschichtslose Zeit", d. h. eine Zeit ohne schriftliche Geschichtsüberlieferung im Gegensatz zu Rom, Byzanz und auch Westeuropa, wurde etwa ab dem 12. Jh. rückwärts mit "Geschichte" gefüllt. Diese "Geschichte" speiste sich z. T. aus mündlichen Überlieferung in der Bevölkerung als auch aus reiner Erfindung der Historiker. Grundlage der mündlichen Überlieferung im Volk war die Erinnerung an einen großen Herrscher Karl - für mich kommt hier als Vorlage für den fiktiven Karl den Großen nur der reale Karl III., der Einfältige (carolus simplex) infrage - oder auch einen großen König Otto. Diese legendäre Geschichte wurde in der Chronologie verankert und mit einem Stammbaum versehen. Zentrum der Karlsverehrung ist heute insbesondere Aachen (gelegen im ehemals rheinfränkischen Gebiet. Karl Simplex war m. A. nach König der Rheinfranken, die im Jahr 927 vom Merowinger Chlodwig, König der Salfranken, besiegt wurden, womit das Reich der Rheinfranken zu existieren aufhörte). Zentrum der Verehrung Ottos des Großen ist heute das Nordharzgebiet, das Kerngebiet der ehemaligen sächsischen Herrscher. Alle nachfolgenden Historiker haben am Ausbau dieser Personen und ihrer Zeit ihr Scherflein beigetragen, so dass sowohl die Personen als auch ihre Zeit uns heute so wohlvertraut sind, dass ein Zweifel an ihrer realen Existenz einem Sakrileg gleichkommt.

Natürlich musste dieser Zeit auch ein Kunstschaffen zugeordnet werden. So hat man ein Teil der überkommenen frühen Kirchenbauten der Frühromanik entrissen und der Karolingerzeit bzw. der Ottonenzeit zugeschlagen. Genauso ist man mit den anderen Kunstgattungen wie Wandmalerei, Plastik, Kleinkunst und Goldschmiedekunst verfahren. Die Kunsthistoriker der 19. und 20. Jh. haben sich die größte Mühe gegeben, die Charakteristika der Karolingerkunst herauszuarbeiten. Die Bauforscher haben die verschiedenen Bauphasen detailliert der nicht existenten Zeit zugeordnet und tun es bis heute.

In Wirklichkeit gehören alle diese Bauten in die ca. 120 Jahre der Frühromanik, die am Ende des 10. Jh. ihren Anfang nimmt und bis etwa 1100 reicht.

 

 

Der "karolingische" Dom zu Hildesheim

 

Ostansicht

Inneres nach Osten

 Krypta

 

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

Traditionell gilt der Hildesheimer Dom als eines der ganz wenigen in großen Teilen erhaltenen karolingischen Kirchenbauten. Die Gründung des Bistums Hildesheim ist für das Jahr 815 überliefert. Zu dieser Zeit soll durch Ludwig den Frommen eine erste Kapelle errichtet worden sein. Diese will Diözesankonservator Karl Bernhard KRUSE jetzt bei den aktuell laufenden Grabungen entdeckt haben. Darüber hinaus meint er bei einer Grabung in der profanierten Antoniuskirche südöstlich des heutigen Doms die Fundamente des ersten Hildesheimer Doms aus dem 9. Jh., des so genannten Gunthardoms, aufgedeckt zu haben.

 

 

Die angeblich zweitälteste Kirche in Deutschland - St. Johannis in Mainz einschließlich einer alternativen Rekonstruktion der Baugeschichte des Mainzer Doms

 

Südostansicht

Inneres nach Westen

 südliche Arkadenwand

 

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

 

Im Februar des Jahres 2014 geht die Meldung durch die Presse, dass St. Johannis in Mainz laut Experten die wohl zweitälteste Kirche in Deutschland sei (nach Trier).

Im Rahmen von Sanierungsarbeiten ist man beim Einbau einer Fußbodenheizung auf Reste eines älteren Fußbodens - angeblich aus dem 9. Jh. - gestoßen. Da Experten schon länger in St. Johannis einen älteren Bau vermuteten, nahm man diesen Fund zum Anlass, weiter zu graben.

Der daraufhin angetroffene Befund wird als archäologischer Sensationsfund betrachtet. Man spricht von der ältesten Kirche nach dem Trierer Dom und dem einzigen erhaltenen karolingischen Dom Deutschlands.

 

 

 

Der Hohe Dom zu Augsburg ohne karolingische und ältere Baugeschichte

 

Plan

Westkrypta des 11. Jh.

 Skulptierte Stücke im Museum

 

 

zum Aufsatz

 

hier

 

Auf einem Zwischenstopp auf dem Heimweg vom Chiemsee nach Thüringen nutzte ich die Gelegenheit zu einem Kurzbesuch des Augsburger Doms. Die frühromanische Krypta, die Bronzetür und die romanischen Glasmalereien waren der erste Beweggrund dafür. Erst die Ausgrabungen von St. Johann südlich des Doms und die Parallele zur Situation in Mainz haben mich zu einer ausführlicheren Beschäftigung mit der Baugeschichte dieses hochinteressanten Kirchenbaus veranlasst.

In Augsburg haben wir den einzigen in wesentlichen Teilen erhaltenen Dombau aus der Zeit um die Jahrtausendwende vor uns. Weder in Köln, noch in Magdeburg, Merseburg oder Halberstadt sind die Dombauten aus dieser Zeit erhalten. Jedoch bei frühchristlichen, merowingischen oder karolingischen Vorgängerbauten Fehlanzeige.

 

 

Der Dom zu Speyer - um einiges jünger als die Forschung glaubt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Betrachtung der frühen romanischen Krypten ist die Krypta des Doms zu Speyer von großer Bedeutung. Ihre frühe Datierung passt einfach nicht in das Bild der Kryptenentwicklung, welche ich in zwei Phasen sehe, eine frühe Phase und eine spätere. Die von der Forschung allgemein angenommene Entwicklung der Krypta von der Frühform der Krypta (Ringkrypta, Gangkrypta, Kammerkrypta, Umgangskrypta) letztendlich zur Hallenkrypta sehe ich nicht. Diese frühen Kryptentypen einschließlich den ersten Hallenkrypten (Vierstützenräume) existieren in der Frühromanik gleichberechtigt nebeneinander. Die frühen Krypten dienten ausschließlich dem accessus ad confessionem, d. h. dem Zugang zum Heiligengrab. Sie waren aus diesem Grund in der Regel ohne Altar. Diese frühe Phase reicht bis weit in die erste Hälfte des 11. Jh.
Danach verschwinden diese Kryptentypen gänzlich. Es setzt sich die Hallenkrypta durch. Am Anfang, d. h. etwa ab Mitte des 11. Jh. bis in die 1. Hälfte des 12. Jh., wurde nur der Chor mit einer Chorkrypta unterbaut. Im 12. Jh. erstrecken sich die Krypten bis in die Vierung, z. T. entstehen großräumige Anlagen, die sich unter die gesamten Ostteile der Kirchenbauten einschließlich Querhaus erstrecken.

Bei den Krypten dieser zweiten Phase ist der Zweck des accessus ad confessionem weitestgehend verloren gegangen. Die Krypta ist jetzt "normaler" Kultraum mit eigenem Altar, ähnlich einer separaten Kapelle. Darüber hinaus wird sie zunehmend Bestattungsraum, da sie die Bestattung in der Nähe der Reliquien des Hauptaltars ermöglichte. Während die Bauten der Reformorden in der Regel von vorn herein auf eine Krypta verzichten, verschwindet die Krypta allgemein fast gänzlich mit dem Aufkommen der Gotik.

Zurück zu Speyer. Meiner These scheint die monumentale Krypta des Domes in Speyer zu widersprechen. Nach KUBACH ist der Dombau in Speyer 1025/1030 mit der Krypta begonnen worden. In einer ersten Bauphase erstreckte sie sich nur unter dem Chorquadrat einschließlich Apsis. Nach einer Planänderung wurde die Krypta unter die Vierung und die Querschiffsarme zu der noch heute erlebbaren riesigen Unterkirche erweitert. Der Bau soll 1061 geweiht worden sein. In der Literatur heißt dieser Bau Speyer I. Der Umbau zum heutigen Erscheinungsbild des Doms (Speyer II nach der aktuellen Forschung) soll ab 1080 erfolgt sein. Dessen Weihe soll 1106 erfolgt sein. Der älteste Teil der Krypta (Krypta-Ostarm) hatte die ursprünglich vorgesehenen Zugänge in den Westjochen der Nord- und Südwand. In der Westwand hatte sie einen mittigen Durchgang zu einem etwas tiefer liegenden Raum, der die Forschung irritiert, da damals die Kryptaerweiterung noch gar nicht geplant war. Dieser westlich gelegene Raum könnte ein Westannex mit einem ehemaligen Heiligengrab gewesen sein, ähnlich der Anlage in der Krypta des Doms zu Merseburg.

Nach meiner Auffassung irrt KUBACH bezüglich der Datierung des Speyerer Baus. Der im heutigen Dom enthaltene ältere Bau (Speyer I) wird erst 1080 begonnen. Möglicherweise ist die Weihe von 1108 diesem Bau zuzuordnen. Damit könnte die Überlieferung der Bauherrnschaft Heinrich IV. für den Dom durchaus zutreffen. Dieser Bau war zunächst als kreuzförmige, dreischiffige, flachgedeckte Basilika mit Chorflankentürmen  und Krypta unter Chor und Apsis ohne gesonderten Westbau errichtet worden. Um 1100 sind die Chorflanken- bzw. Chorwinkeltürme nicht mehr zu früh.

Noch vor seiner Fertigstellung scheint die Planänderung zu einem der größten romanischen Kirchenbauten nördlich der Alpen erfolgt zu sein, vielleicht angeregt durch die gigantische, gewölbte burgundische Abteikirche Cluny III, deren Ostteile 1095 geweiht wurden, die jedoch erst Mitte des 12. Jh. fertiggestellt wurde. Das Mittelschiff wurde verlängert und ein Westbau hinzugefügt. Die Krypta wurde unter die jetzt ausgeschiedene Vierung und die Querhausarme erweitert. Dieser Umbau zu wird in die erste Hälfte des 12. Jh. zu datieren sein. Ich schlage vor, diesen Umbau als Speyer II zu benennen.

Um die Mitte des 12. Jh. sehe ich die letzte große Planänderung: die Einwölbung des Baus und die Errichtung der Vierungstürme (Vorschlag: Speyer III). Diese Baumaßnahmen dürften sich bis in das 13. Jh. erstreckt haben.

Aufgrund der Erwähnung eines Bischofs 614/615 und eines Doms um 665 sieht die Forschung noch einen merowingischen Vorgängerbau, von dem aber bisher keine Spuren gefunden wurden. Nach Korrektur der spätantiken Datierungen ist die Erwähnung eines Bischofs 1032/33 und des Doms um 1083 zu datieren.

Die Gründung des Doms durch Konrad II. könnte legendär sein oder es existierte tatsächlich ein Vorgängerbau, der noch nicht entdeckt wurde. Die Erwähnung eines Bischofs um 1032/33 legt nahe, dass es einen solchen gab. Da der Merowingerkönig Dagobert I. in Austrasien bis 1057 Alleinherrscher war, wäre die Bezeichnung des Bau als merowingisch nicht falsch.

Dieser Bau ist vermutlich außerhalb des Grundrisses des Doms, jedoch in unmittelbarer Nähe zu suchen, wie u. a. die Dombauten in Magdeburg, Mainz und Hildesheim zeigen, womit dieser Bau während der Bauarbeiten am Nachfolgebau genutzt werden konnte. Ob diesem die Weihe von 1061 zuzuordnen ist, muss hier offen bleiben. Die Königsgräber des 11. Jh., vermutlich auch die des 12. Jh., dürften aus diesem Bau später umgebettet worden sein.

Die Krypta von St. Maria im Kapitol in Köln, die immer im Zusammenhang mit der Speyerer Krypta genannt wird, und traditionell auch in das 11. Jh. datiert wird, ist ebenso zu früh datiert; schon aufgrund der Ableitung des Dreikonchenchors von der Geburtskirche in Bethlehem, die ich in das 12. Jh. datiere.
 

 

 

 

 

                                                                                                                                                                         

Letzte Bearbeitung dieser Seite: 02.06.2018

 

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