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Augsburg, Dom Mariä Heimsuchung

 

Die frühe Geschichte von Augsburg, wie sie im Internet zu finden ist:

"Die Römersiedlung Augsburg, also das Lagerdorf, ... entstand zwischen 8 v. Chr. und 37 n. Chr. ... Sicher ist, dass im Zeitraum von 8/5 v. Chr. bis 15/16. n. Chr. am Zusammenfluss von Lech und Wertach im heutigen Augsburger Stadtteil Oberhausen ein Militärlager bestand. Vermutlich wurde es aber wegen eines Hochwassers aufgegeben.

Ab 46/47 n. Chr. war der bedeutende Militärplatz Augusta Vindelicum durch die römische Staatsstraße Via Claudia Augusta mit Oberitalien verbunden. Spätestens um 70 n. Chr. ist das Militärlager Oberhausen auf jeden Fall aufgegeben worden. Die Zivilsiedlung entwickelte sich dennoch weiter und löste Cambonunum (Kempten) als Hauptstadt der unter Kaiser Tiberius gebildeten Provinz Rätien ab.

Schon um 121 war diese Siedlung so groß geworden, dass Augusta Vindelicum von Kaiser Hadrian das munizipale Stadtrecht erhielt und sich offiziell "Municipium Aelium Augustum" nannte. ... Bald nach der Stadterhebung folgten unruhige Zeiten. ...

259/260 kam es zum Einfall der Juthungen und Semnonen. Auch Augsburg wurde überfallen. Wie stark die Stadt damals zerstört wurde, ist allerdings bis heute nicht geklärt. Trotz allem entwickelte sich während des 2. und 3. Jahrhunderts ein blühendes Gemeinwesen mit Forum, Tempeln, Bädern und einer Markthalle. ... Im 3. und 4. Jahrhundert führten die Kaiser Diokletian und Konstantin Reformen im römischen Imperium durch, die zur Teilung der Provinz Raetien führten (294 n. Chr.). Augusta Vindelicum blieb die Hauptstadt der "Raetia Secunda", ... Im 4. und 5. Jahrhundert blieb Aelia Augusta als Hauptstadt der Provinz Raetia secunda in unveränderter Größe bestehen. Die römische Verwaltung endete in Aelia Augusta erst um die Mitte des 5. Jahrhunderts. 450 n. Chr. eroberten die Alemannen die Stadt ohne sie zu zerstören. " [https://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/DasRoemischeAugsburg]

 

Nachrichten zum Dombau in den Schriftquellen

Im Katalog der Denkmäler der vorromanischen Kirchenbauten sind die wichtigsten Nachrichten zum Dombau und die zugehörigen Quellen aufgelistet [OSWALD, 28f].

- Unsichere Nachrichten über Dombauten der Bischöfe Zeiso (um 690-710) und Simpert (um 800-807). Erste urkundliche Erwähnung 823.

- Nach Vita Udalrici von Bischof Ulrich (923-974) nur Baumaßnahmen an der Krypta aus den Anfängen seiner Amtszeit überliefert.

- Durch Bischof Heinrich I. (973-992) Erneuerung des Kirchendachs nach Vita Udalrici.

- 994 Einsturz der Kirche nach Annales Augustani, nach Überlieferung aus dem 11. Jh. (Miracula S. Adelheidis) nur des Westteils.

- Nach Annales Augustani 995 Beginn des Neubaus durch Bischof Liutolf (988-996). Liutolf ist der erste Bischof, der im Dom begraben wurde.

- Nach Abtskatalog von St. Ulrich und Afra durch Bischof Heinrich II.: "Novam fecit ecclesiam s. dei genitricis Mariae cum porticibus et atrio et palacio"

- Domweihe 1065 (Annales Augustani)

- 1075 Bauzeit der Türme (Quelle des 16. Jh.)

 

Die Baugeschichte in der Fachliteratur

Nach [OSWALD, 28f]:

Die Westteile (Querschiff, Apsis und Cripta interior) einheitlich und älter als das Langhaus. Cripta interior stilistisch passend zu Baubeginn 995. Baufortgang nach einheitlichem Plan bis 1065, mit Ausnahme der Cripta anterior. Ungewöhnliche Stellung der Türme wegen Atrium und Lage der Haupteingänge.

 

Nach [JACOBSEN, 33]:

Vor dem frühromanischen Dom vier Vorgängerbauten auf den Resten römischer profaner Bebauung, wobei weder Bau I noch Bau II bzgl. des Typus zu identifizieren sind.

Bau III nach Estrich (100-110 cm unter heutigem Boden) in den romanischen Seitenschiffen bereits eine dreischiffige Basilika (?), mit den Abmessungen des frühromanischen Langhauses.

Bau IV eine dreischiffige Anlage. Nord-Süd-Wand zwischen den romanischen Türmen im Bereich des Mittelschiffs mit halbkreisförmiger Nische in der Mittelachse (Krypta-Ostwand?). Zugehöriger Estrich ca. 65-70 cm unter dem Bodenniveau des romanischen Langhauses. Estrichfläche östlich mit gleicher Höhenlage. Bauliche Gestaltung dazu unbekannt. Wegen Nischenmauer vermutlich ottonische Entstehung. Entweder die Wiederherstellung Ulrichs oder die Wiederherstellung Liutolfs nach Brand 994.

Der frühromanische Dom dreischiffig mit Westquerhaus und Westapsis und Krypta. Apsidialer Ostschluss des Mittelschiffs.

Hinweise auf Erneuerung unter Bischof Sintpert (ca. 778-807) vielleicht auf Reorganisation der Diözese zu beziehen.

Der Dom unter Bischof Hiltin (909-23) und Bischof Ulrich (923-74) wurde offenbar im Zuge der Ungarneinfälle zerstört. Ulrich musste die von ihm errichtete Krypta nach Einsturz erneuern. Wiederherstellung des Doms durch Bischof Ulrich oder Nachfolger (Nachricht einer Dacherneuerung durch Bischof Heinrich I. (973-992).

Baumaßnahmen durch Bischof Liutolf 995 vielleicht nur Wiederherstellung der 994 eingestürzten Kirche. 996 wird Bischof Liutolf im Dom bestattet.

Unter Bischof Heinrich II. (1047-1063) völliger Neubau zu erschließen. Dieser Bau mit dem heute noch erhaltenen Westchor 1065 durch Bischof Embriko (1063-1077) geweiht.

 

Nach Wikipedia:

Erste nachweisbare Dombauten unter Bischof Wikterp und Bischof Sintpert. 805 Weihe der Bischofskirche. Erste Erwähnung des Mariendoms 822.

994 Einsturz des Westbaus, unmittelbar danach Neubau durch Bischof Liutold. Fertigstellung wohl schon 1006 mit Westchor, nördlichem Querhaus und Mittelschiff (Kern des heutigen Doms - Westquerhaus u. Mittelschiff)

Größere Baumaßnahmen unter Bischof Heinrich II., genaues Ausmaß unklar, sicher Veränderungen an einem vollständigen Bauwerk. Abschluss unter Bischof Embriko, Weihe des Hauptaltars im Westchor 1065

 

Nach Michael Andreas SCHMID (2013):

Bischof Simpert (807) und Bischof Ulrich (973) in der Nähe des vermeintlichen Grabes der hl. Afra  beigesetzt, nicht im Dom. Venantius Fortunatus (6. Jh.) berichtet über Pilger beim Grab der Märtyrerin Afra.

"Allerdings bietet selbst die schriftliche Überlieferung keinen sicheren Hinweis auf kirchliche Verwaltungsstrukturen in Augsburg, wie man sie in einer römischen Provinzhauptstadt eigentlich erwarten dürfte."

Erst unter Bischof Simpert (778-807) karolingischer Dom, angeblich 807 geweiht, im 3. Jahrzehnt des 10. Jh. durch Brand schwer beschädigt. Wiederherstellung durch Bischof Ulrich (923-74).

994 Einsturz größerer Teile im Westen.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse an Bauhölzern belegen, dass der bis heute in wesentlichen Teilen bestehende Dom in nur wenig mehr als einem Jahrzehnt erbaut wurde. Nach Vollendung des Querhauses wurde umgehend das Langhaus errichtet, das schon 1005 weitgehend vollendet war. Baumaterial wurde zu einem Gutteil vom Vorgängerbau wiederverwendet.

Orientierung in manchen Punkten am Mainzer Dom von Erzbischof Willigis. Augsburg gehörte damals zur Kirchenprovinz des Erzbistums Mainz.

Die in der jüngeren Forschung angenommene jahrzehntelange Bauzeit und die Zuschreibung des Dom zu Bischof Heinrich II. in diesem Umfang offenbar nicht zutreffend. Die entsprechende Nachricht entstammt einer Chronik aus dem 13. Jh.

Möglicherweise die große Ostapsis durch Bischof Heinrich II. errichtet.

 

Nach Angelika PORST und Reinhold WINKLER (2011):

Bauphase 1:

Im Mauerwerk der Obergadenwände des romanischen Lang- und Querhauses wurden Gerüsthölzer festgestellt, die beim Bau eingesetzt wurden.

Die dendrochronologische Untersuchung des ältesten Gerüstholzes ergab ein Fälldatum Winter 999/1000 (Giebelwand des nördlichen Querhuases).

Das zweitälteste aus der nördlichen Obergadenwand des Langhauses mit Fälldatum Sommer 1003. Das drittälteste aus der südlichen Obergadenwand des Langhauses mit Fälldatum Winter 1003/1004.

Aus den Fälldaten kann geschlossen werden, dass der Dom nach dem Einsturz 994 neu gebaut wurde. Um die Jahrtausendwende dürfte das Querhaus gebaut worden sein, anschließend das dreischiffige Langhaus.

Die für die Amtszeit Bischof Heinrich II. (1047-1063) überlieferten Baumaßnahmen und die Weihe des Hauptaltars 1065 sind demnach auf eine eigene Baumaßnahme zu beziehen.

Bauphase 2:

betrifft nur Wandmalerei

Bauphase 3:

Obergadenwände des Langhauses im östlichen Drittel überformt.

Veränderungen eines intakten Zustandes, nicht Fortsetzung eines unterbrochenen Baus.

Ob bei dieser Baumaßnahme der Ostschluss der ottonischen Basilika insgesamt verändert wurde oder ob es sich lediglich um lokale Eingriffe handelt, kann durch die Befunde nicht geklärt werden. 

Bauphase 4: um 1178 - Zweites romanisches Dachwerk

Oberhalb des ottonischen Mauerwerks Aufmauerung mit romanisches Mauerwerk. Dachneigung des romanischen Dachwerks ca. 45° während das ottonische Dach eine Neigung von ca. 33° aufwies.

Dendrochronologisch wurde ein entsprechendes Gerüstholz datiert auf Fälldatum Winter 1175/76.

Zerrbalkenlage des gotischen Dachwerks über dem Mittelschiff besteht aus Hölzern mit Fälldatum Winter 1177/78. Daraus ist zu schlussfolgern, dass das gesamte Dachwerk über dem Quer- und Langhaus im letzten Drittel des 12. Jh. ersetzt wurde. Die Zerrbalkenlage des Dachwerks von 1178 wurde dann beim Bau des heute vorhandenen gotischen Dachwerks (1461/62) wiederverwendet.

 

Vorschlag für neue Rekonstruktion der Baugeschichte

Noch einmal zur Geschichte Augsburgs: Die eingangs erwähnten unruhigen Zeiten sind die Germaneneinfälle in der 2. Hälfte des 2. Jh. Die danach aufgeführten Ereignisse sind spätantike Datierungen, die zu korrigieren sind. So dürfte der Einfall der Juthungen und Semnonen vor der Zeitenwende stattgefunden haben, weswegen in Augsburg keine Zerstörungen aufgetreten sein können. Die Kaiser Diokletian und Konstantin gehören an den Anfang des 1. Jh., die Teilung der Provinz Raetien fand im Jahr 10 n. Chr. statt. Die römische Verwaltung endete nach der Mitte des 2. Jh., vermutlich durch die Einnahme der Stadt durch die Alemannen. Die Alemannen wurden um 496/497 (korrigiert 212/213) von den Merowingern besiegt. Damit dürfte Augsburg Anfang des 3. Jh. fränkisch geworden sein.

Das römische Augsburg war zur Zeit der alemannischen Besiedlung vermutlich noch intakt, zumindest nicht zerstört. Die Zerstörung des römischen Augsburgs dürfte erst der Katastrophe von 238 = 940 zuzurechen sein. Die nicht der römischen Liquidation folgende Erweiterung der Stadt außerhalb des römischen Kerns ist sicher die alemannische Besiedlung zwischen der 2. Hälfte des 2. Jh. und der o. a. Katastrophe. Erst in der Nachfolge der Katastrophe wird das in Trümmern liegende römische Augsburg mittelalterlich überbaut, u. a. mit dem Dombezirk.

Entsprechend traditioneller Geschichte ist Augsburg "... wohl seit der Christianisierung Roms Bischofssitz, wobei erst ab 738 ein historischer Bischofssitz gesichert ist." [https://augsburg.bayern-online.de/die-stadt/kultur/geschichte/]  Über eine frühchristliche Gemeinde in Augsburg ist m. W. nichts bekannt. Die fränkische Landeskirche wurde erst um die Jahrtausendwende formiert. Augsburg wurde m. E. dem Bistum Mainz unterstellt. Mit der Erhebung des Bistums Mainz zum Erzbistum in der 1. Hälfte des 12. Jh. hatte Mainz das Recht Suffraganbistümer zu gründen. Vermutlich wurde in diesem Zusammenhang Augsburg zum Suffraganbistum erhoben. Das Jahr 738 dürfte spätantik sein und korrigiert dem Jahr 1156 entsprechen. Von Mainz wurden etwa um dieselbe Zeit die Suffraganbistümer Erfurt und Würzburg (beide 1161) gegründet. Der Dombezirk liegt im Norden der Stadt innerhalb der ehemaligen römischen Stadtgrenzen.

Auch erst nach der Katastrophe, also ab der 2. Hälfte des 10. Jh., formiert sich aus der ansässigen Bevölkerung das Volk der Bajuwaren, der späteren Bayern. Wikipedia zu Bajuwaren: "Vermutlich entstanden die Bajuwaren als Gemisch verschiedener Völker. Nicht in einer großen Wanderung, sondern in einzelnen Schüben besiedelten sie das Land zwischen Donau und Alpen. Dort wuchsen die verschiedenen Zuwanderer zu jenen Bajuwaren zusammen, die von Jordanes 551 in seiner Gotengeschichte und kurz danach auch von dem Dichter Venantius Fortunatus beschrieben wurden. Beide Quellen berichten übereinstimmend, dass östlich der Sueben bzw. östlich des Lechs das Land Baiuaria liegt. Die Einwohner von Baiuaria werden Baibari bzw. Baiovarii genannt.
In der Folge bildete sich das Volk der Bajuwaren, das 551 erstmals genannt wurde. Archäologische Funde und eine neue Interpretation der Quellen lassen immerhin den Schluss zu, dass die Bajuwaren weniger germanische als romanische Wurzeln hatten. Die römische Bevölkerung zog nicht ganz ab, auch die Strukturen des römischen Reiches bestanden fort, was im Übrigen auch viele lateinische Sprachreste in den bayerischen Mundarten zu bestätigen scheinen. Vermutlich haben sich die Bajuwaren in einem Verschmelzungsprozess aus verschiedenen Gruppen gebildet – aus elb- und ostgermanischen Kleinstämmen, keltischer Urbevölkerung, ansässigen Römern, alemannischen, fränkischen und thüringischen, ostgotischen und langobardischen Flüchtlingen sowie Nachkommen germanischer und anderer Söldner der dort früher stationierten römischen Grenztruppen.
In der modernen Forschung ist jedenfalls von einer geschlossenen Einwanderung und Landnahme eines quasi fertigen Volkes keine Rede mehr. Es wird von einer Stammesbildung der Bajuwaren im eigenen Land, also dem Land zwischen Donau und Alpen, ausgegangen."

Die erstmalige Nennung der Bajuwaren 551 ist wieder spätantik und entspricht dem Jahr 969.

 

Sämtliche traditionelle Datierungen sind konstruiert. Sie sind für das Finden der tatsächlichen Baudaten unbrauchbar und können auch nicht umgerechnet werden wie die spätantiken Datierungen.

M. e. gibt es trotzdem eine Möglichkeit der Datierung. Der Ursprungsbau mit dem durchgehenden Westquerhaus und dem apsidial geschlossenen Westchor, also ursprünglich eine gewestete Kirche gleicht in seiner Konzeption auffällig anderen gewesteten Bauten, so z. B. dem Mainzer Dom (sog. Willigisbau), der Ratgar-Basilika in Fulda, dem Azelin-Dom in Hildesheim sowie der Nordkirche auf dem Magdeburger Domplatz, die ich ebenfalls als gewesteten Bau rekonstruiere [MEISEGEIER 2019, 163ff]. Der Baubeginn aller dieser Bauten datiert nach meiner Auffassung um 1100 bzw. am Beginn des 12. Jh. Vorbild dieser Bauten ist Alt-St.Peter in Rom. Nach meiner Auffassung wurde Alt-St.Peter um 1018 begonnen und unter dem Pontifikat von Papst Liberius (trad. 352-366 = 1054-1068) fertiggestellt.

Mit der Aufnahme des Bautypus des römischen Baus signalisierten die Bauherrn ihre Zugehörigkeit zur römischen Kirche. Magdeburg und Mainz wurden dafür mit dem Titel Erzbistum "belohnt". Seit der zweiten Hälfte des 11. Jh. versuchte die römische Kirche den Fuß in die bestehende Kirchenorganisation hineinzubekommen. Diese bestehende Kirchenorganisation, die durch das Eigenkirchenwesen charakterisiert war, entstand ursprünglich aus der fränkischen Landeskirche, die jedoch seit dem Ende der Merowingerherrschaft (König Dagoberts I. 639 = 1057) führerlos war.

Ob die Initiative, in Augsburg einen Bau "more romano" zu errichten von Mainz oder von Augsburg selbst ausging, ist unbekannt. Augsburg, das zum Erzbistum Mainz gehörte, konnte natürlich nicht ebenfalls Erzbistum werden.

Zurück zur Baugeschichte des Augsburger Doms. M. E. erfolgte der Baubeginn um 1100 bzw. Anfang des 12. Jh. Der Ursprungsbau war ein gewesteter Bau, mit durchgehendem Westquerhaus, Westapsis und Westkrypta. Im Osten war der Bau vermutlich zunächst gerade geschlossen. Zu diesem Bau dürfte der ca. 100-110 cm unter dem romanischen Fußboden angetroffene Estrich gehört haben. Das gebundene System ist an dem Ursprungsbau noch nicht konsequent realisiert, was möglicherweise ebenfalls für einen Baubeginn um 1100 sprechen könnte.

Die Mode, gewestete Bauten zu errichten, erlosch ziemlich schnell. Schon in der fortgeschrittenen ersten Hälfte des 12. Jh. entsteht kein gewesteter Bau mehr. Offensichtlich hatte sich die Liturgie in der römischen Kirche gefestigt. Ich denke, dass noch vor Mitte des 12. Jh. eine Umkehrung der Orientierung des Baus erfolgte. Dazu wurde die Ostapsis errichtet und die Türme in Anlehnung an die vielfach andernorts ab 1100 errichteten Chorflankentürme errichtet. Da der ursprüngliche Osteingang durch die neue Apsis versperrt war, wurden südlich und nördlich der Apsis, also im Bereich der Seitenschiffe, Eingangsportale angeordnet (Zugang vom Atrium). Einem dieser Portale dürfte die erhaltene Bronzetür zuzuordnen sein. Die Bronzetüren in Hildesheim (Bernwardtür) [MEISEGEIER 2017, 260] und in Magdeburg (heute in Nowgorod [MEISEGEIER 2019, 178]) sind ebenfalls um die Mitte des 12. Jh. gefertigt worden. Für einen "richtigen" Umbau des Ostschlusses fehlten offensichtlich die Mittel. In diesem Zusammenhang dürfte der Fußboden auf das romanische Niveau erhöht worden sein. Die Fertigstellung des Baus sehe ich um die Mitte des 12. Jh.

 

 

Augsburg, Dom. Grundriss nach DEHIO, jedoch modifiziert, d. h. ohne Nebenapsiden im Osten und ohne die Rekonstruktion von Westtürmen. Atrium im Osten nicht dargestellt.

 

Zu den Vorgängerbauten:

M. E. hatte der Dom an der heutigen Stelle keinen Vorgängerbau. Der Bau wurde auf den Resten der römischen Bebauung errichtet. Diese war in der Katastrophe um 940 zerstört worden. Die Fläche lag bis zur Errichtung des Doms im Prinzip brach. Das heißt jedoch nicht, dass in den römischen Resten gar keine Baumaßnahmen stattfanden. Die ehemaligen Bewohner mussten sich ja u. a. ein neues Obdach schaffen. Die von JACOBSEN dem Bau I zugeordneten Befunde könnten zu solchen kleineren Baumaßnahmen gehören.

Ich sehe in der Anfang des 19. Jh. abgerissenen Kirche St. Johann den Vorgängerbau des Doms. SCHAEFER und OSWALD datieren die dreischiffige Pfeilerbasilika (Gussmauerwerk, Ziegelsteine mit Eckquadern, z. T. römische Spolien) wegen der Überbauung eines Walls nach der Ungarnschlacht 955. JACOBSEN sieht diesen Bau möglicherweise erst im späten 11. Jh. Ich schließe mich JACOBSEN diesbezüglich an. Die Kirche St. Johann dürfte in der zweiten Hälfte des 11. Jh. errichtet worden sein. Da m. E. Augsburg vielleicht erst kurz vor der Mitte des 12. Jh. Bistum wurde, war St. Johann natürlich noch kein Dombau, vielleicht eine Eigenkirche des Erzbistums Mainz. Zur Kirche St. Ulrich und Afra, welche nach der Tradition ebenfalls in frühchristliche Zeit zurückreichen soll, siehe unten.

St. Johann hatte an derselben Stelle einen kleinen Vorgängerbau - einen Rechtecksaal mit Ostapsis, der möglicherweise unter Aufgabe der Apsis nach Osten erweitert wurde. Westlich dieses Baus wurde eine mehrmals umgebaute Taufanlage aufgedeckt. Ich datiere diesen ersten Bau in die erste Hälfte des 11. Jh.

Auffällig ist die Parallele zu Mainz, die von SCHMID bereits festgestellt wurde. Dort wurde vor wenigen Jahren (2014) in der Kirche St. Johannis der Vorgängerbau des Doms identifiziert. Bemerkenswert vielleicht dasselbe Patrozinium. Auch bei St. Johannis in Mainz sind römische Reste in den Bau einbezogen worden. Der Mainzer Dom steht ebenfalls auf Mauerresten aus römischer Zeit. Auch bemerkenswert, dass sowohl in Mainz als auch in Augsburg zwischen St. Johannis/St. Johann ein gedeckter Verbindungsgang zum eigentlichen Dombau bestand. (Siehe meinen Aufsatz zu Mainz, St. Johannis)

St. Ulrich und Afra - außerhalb der römischen Siedlung über einem römischen Friedhof und im Süden am gegenüber liegenden Ende der damaligen Stadt liegend, scheidet m. E. als Vorgängerbau allein aufgrund der Lage aus. Die Tradition sieht zwar einen spätrömischen Kirchenbau, danach eine merowingische und noch eine karolingische Kirche, bevor 1064/71 diese einer frühromanischen Kirche Platz machen musste.

Die Archäologie kann diese Bauhistorie nicht bestätigen, obwohl sich JACOBSEN riesige Mühe gibt. Er rekonstruiert eine Cella memoria über dem Afragrab aus dem Anfang des 4. Jh. Einem Bau II  ordnet er eine Mauer zu - angeblich die Südwand einer Kirche - , an der Gräber aus dem 7. Jh. angeordnet waren. Ein Bau III um 800 ist nur in den Schriftquellen vorhanden, an den jedoch ein Anbau erfolgt, die sog. Ulrichsgruft. Der Anbau und etwas später noch ein nur aus den Quellen bekanntes Ulrichsoratorium sollen dann im 10. Jh. errichtet worden sein.

M. E. geben das die archäologischen Funde überhaupt nicht her. Bau I und Bau II sind für mich einfach römische Grabbauten, wie sie im Bereich römischer Nekropolen üblicherweise anzutreffen sind. Die jüngeren Befunde dürften zum frühromanischen Bau des 11. Jh. gehören.

Auch ist die Legende der hl. Afra problematisch. SCHIMMELPFENNIG hält die hl. Afra für eine "literarische Fiktion". Nach ihm wurde die Kirche auf dem einzigen bekannten Friedhof der Völkerwanderungszeit erbaut ohne das Grab zu kennen (Wikipedia). Die hl. Afra wurde angeblich 1064 heilig gesprochen. Dieses Datum ist konstruiert. Auch ich halte die hl. Afra für eine platzierte Legende, deutlich später kreiert. Ein passendes römisches Grab zu finden, war auf dem römischen Friedhof sicher nicht die schwerste Aufgabe.

Merkwürdig ist die Bestattung der frühen Bischöfe einschließlich Bischof Ulrich (973) auf dem römischen Friedhof in der Nähe des Afragrabs. Falls diese Bischöfe nicht fiktiv sind, was ich eher annehme, wären sie Bischöfe einer frühchristlichen Gemeinde in Augsburg. Das würde ihre Bestattung auf einem römischen Friedhof erklären. Das Bistum Augsburg gab es einfach noch nicht.

Über Bischof Ulrich (Udalrich) wissen wir aus der Vita s. Udalrici. Verfasser soll Gerhard von Augsburg sein, der angeblich ein Zeitgenosse Ulrichs war. Die Vita soll zwischen 983 und 993 verfasst worden sein. "Da Gerhard ... vieles als Augenzeuge miterlebt hat, kommt seiner Darstellung großer Quellenwert zu." [http://www.geschichtsquellen.de/repOpus_02408.html, 2016-09-05] Soweit ich die Angaben in der vorgenannten Quelle richtig interpretiere, scheint die älteste bekannte Ausgabe von 1595 zu sein. Ich erachte die Vita für ein Pseudepigraph aus deutlich späterer Zeit (frühestens 12./13. Jh. oder vielleicht erst 16. Jh.) mit nur geringem Realitätsgehalt.

 

Literaturverzeichnis:

Jacobson, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München, Nachtragsband

Meisegeier, Michael (2017): Der frühchristliche Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers. Versuch einer Neueinordnung mit Hilfe der HEINSOHN-These. BoD - Books on Demand, Norderstedt

Meisegeier, Michael (2019): Frühe Kirchenbauten in Mitteldeutschland. Alternative Rekonstruktionen der Baugeschichten. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. BoD - Books on Demand, Norderstedt

Oswald, Friedrich / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1966-1971): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München

Porst, Angelika / Winkler, Reinhold (2011): Bauforschung im Dachwerk des Augsburger Domes. Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte und zur frühen Ausmalung. In: DENKMALPFLEGE INFORMATIONEN    Nr. 148 März 2011 des Bayerisches Landesamtes für Denkmalpflege.

Schmid, Michael Andreas (2013): Der Hohe Dom zu Augsburg Mariä Heimsuchung. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu

 

 

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 20.05.2019

 

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