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Augsburg, Dom Mariä Heimsuchung

 

Augsburg, das römische Augusta Vindelicorum (eigentlich Augusta Vindelicum) wurde wohl unter Kaiser Trajan (98–117 n. Chr.) zur Hauptstadt der römischen Provinz Raetia erhoben. Der Dombezirk liegt im Norden der Stadt innerhalb der ehemaligen römischen Stadtgrenzen.

 

Nachrichten zum Dombau in den Schriftquellen

Im Katalog der Denkmäler der vorromanischen Kirchenbauten sind die wichtigsten Nachrichten zum Dombau und die zugehörigen Quellen aufgelistet [OSWALD, 28f].

- Unsichere Nachrichten über Dombauten der Bischöfe Zeiso (um 690-710) und Simpert (um 800-807). Erste urkundliche Erwähnung 823.

- Nach Vita Udalrici von Bischof Ulrich (923-974) nur Baumaßnahmen an der Krypta aus den Anfängen seiner Amtszeit überliefert.

- Durch Bischof Heinrich I. (973-992) Erneuerung des Kirchendachs nach Vita Udalrici.

- 994 Einsturz der Kirche nach Annales Augustani, nach Überlieferung aus dem 11. Jh. (Miracula S. Adelheidis) nur des Westteils.

- Nach Annales Augustani 995 Beginn des Neubaus durch Bischof Liutolf (988-996). Liutolf ist der erste Bischof, der im Dom begraben wurde.

- Nach Abtskatalog von St. Ulrich und Afra durch Bischof Heinrich II.: "Novam fecit ecclesiam s. dei genitricis Mariae cum porticibus et atrio et palacio"

- Domweihe 1065 (Annales Augustani)

- 1075 Bauzeit der Türme (Quelle des 16. Jh.)

 

Die Baugeschichte in der Fachliteratur

Nach [OSWALD, 28f]:

Die Westteile (Querschiff, Apsis und Cripta interior) einheitlich und älter als das Langhaus. Cripta interior stilistisch passend zu Baubeginn 995. Baufortgang nach einheitlichem Plan bis 1065, mit Ausnahme der Cripta anterior. Ungewöhnliche Stellung der Türme wegen Atrium und Lage der Haupteingänge.

 

Nach [JACOBSEN, 33]:

Vor dem frühromanischen Dom vier Vorgängerbauten auf den Resten römischer profaner Bebauung, wobei weder Bau I noch Bau II bzgl. des Typus zu identifizieren sind.

Bau III nach Estrich (100-110 cm unter heutigem Boden) in den romanischen Seitenschiffen bereits eine dreischiffige Basilika (?), mit den Abmessungen des frühromanischen Langhauses.

Bau IV eine dreischiffige Anlage. Nord-Süd-Wand zwischen den romanischen Türmen im Bereich des Mittelschiffs mit halbkreisförmiger Nische in der Mittelachse (Krypta-Ostwand?). Zugehöriger Estrich ca. 65-70 cm unter dem Bodenniveau des romanischen Langhauses. Estrichfläche östlich mit gleicher Höhenlage. Bauliche Gestaltung dazu unbekannt. Wegen Nischenmauer vermutlich ottonische Entstehung. Entweder die Wiederherstellung Ulrichs oder die Wiederherstellung Liutolfs nach Brand 994.

Der frühromanische Dom dreischiffig mit Westquerhaus und Westapsis und Krypta. Apsidialer Ostschluss des Mittelschiffs.

Hinweise auf Erneuerung unter Bischof Sintpert (ca. 778-807) vielleicht auf Reorganisation der Diözese zu beziehen.

Der Dom unter Bischof Hiltin (909-23) und Bischof Ulrich (923-74) wurde offenbar im Zuge der Ungarneinfälle zerstört. Ulrich musste die von ihm errichtete Krypta nach Einsturz erneuern. Wiederherstellung des Doms durch Bischof Ulrich oder Nachfolger (Nachricht einer Dacherneuerung durch Bischof Heinrich I. (973-992).

Baumaßnahmen durch Bischof Liutolf 995 vielleicht nur Wiederherstellung der 994 eingestürzten Kirche. 996 wird Bischof Liutolf im Dom bestattet.

Unter Bischof Heinrich II. (1047-1063) völliger Neubau zu erschließen. Dieser Bau mit dem heute noch erhaltenen Westchor 1065 durch Bischof Embriko (1063-1077) geweiht.

 

Nach Wikipedia:

Erste nachweisbare Dombauten unter Bischof Wikterp und Bischof Sintpert. 805 Weihe der Bischofskirche. Erste Erwähnung des Mariendoms 822.

994 Einsturz des Westbaus, unmittelbar danach Neubau durch Bischof Liutold. Fertigstellung wohl schon 1006 mit Westchor, nördlichem Querhaus und Mittelschiff (Kern des heutigen Doms - Westquerhaus u. Mittelschiff)

Größere Baumaßnahmen unter Bischof Heinrich II., genaues Ausmaß unklar, sicher Veränderungen an einem vollständigen Bauwerk. Abschluss unter Bischof Embriko, Weihe des Hauptaltars im Westchor 1065

 

Nach Michael Andreas SCHMID (2013):

Bischof Simpert (807) und Bischof Ulrich (973) in der Nähe des vermeintlichen Grabes der hl. Afra  beigesetzt, nicht im Dom. Venantius Fortunatus (6. Jh.) berichtet über Pilger beim Grab der Märtyrerin Afra.

"Allerdings bietet selbst die schriftliche Überlieferung keinen sicheren Hinweis auf kirchliche Verwaltungsstrukturen in Augsburg, wie man sie in einer römischen Provinzhauptstadt eigentlich erwarten dürfte."

Erst unter Bischof Simpert (778-807) karolingischer Dom, angeblich 807 geweiht, im 3. Jahrzehnt des 10. Jh. durch Brand schwer beschädigt. Wiederherstellung durch Bischof Ulrich (923-74).

994 Einsturz größerer Teile im Westen.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse an Bauhölzern belegen, dass der bis heute in wesentlichen Teilen bestehende Dom in nur wenig mehr als einem Jahrzehnt erbaut wurde. Nach Vollendung des Querhauses wurde umgehend das Langhaus errichtet, das schon 1005 weitgehend vollendet war. Baumaterial wurde zu einem Gutteil vom Vorgängerbau wiederverwendet.

Orientierung in manchen Punkten am Mainzer Dom von Erzbischof Willigis. Augsburg gehörte damals zur Kirchenprovinz des Erzbistums Mainz.

Die in der jüngeren Forschung angenommene jahrzehntelange Bauzeit und die Zuschreibung des Dom zu Bischof Heinrich II. in diesem Umfang offenbar nicht zutreffend. Die entsprechende Nachricht entstammt einer Chronik aus dem 13. Jh.

Möglicherweise die große Ostapsis durch Bischof Heinrich II. errichtet.

 

Nach Angelika PORST und Reinhold WINKLER (2011):

Bauphase 1:

Im Mauerwerk der Obergadenwände des romanischen Lang- und Querhauses wurden Gerüsthölzer festgestellt, die beim Bau eingesetzt wurden.

Die dendrochronologische Untersuchung des ältesten Gerüstholzes ergab ein Fälldatum Winter 999/1000 (Giebelwand des nördlichen Querhuases).

Das zweitälteste aus der nördlichen Obergadenwand des Langhauses mit Fälldatum Sommer 1003. Das drittälteste aus der südlichen Obergadenwand des Langhauses mit Fälldatum Winter 1003/1004.

Aus den Fälldaten kann geschlossen werden, dass der Dom nach dem Einsturz 994 neu gebaut wurde. Um die Jahrtausendwende dürfte das Querhaus gebaut worden sein, anschließend das dreischiffige Langhaus.

Die für die Amtszeit Bischof Heinrich II. (1047-1063) überlieferten Baumaßnahmen und die Weihe des Hauptaltars 1065 sind demnach auf eine eigene Baumaßnahme zu beziehen.

Bauphase 2:

betrifft nur Wandmalerei

Bauphase 3:

Obergadenwände des Langhauses im östlichen Drittel überformt.

Veränderungen eines intakten Zustandes, nicht Fortsetzung eines unterbrochenen Baus.

Ob bei dieser Baumaßnahme der Ostschluss der ottonischen Basilika insgesamt verändert wurde oder ob es sich lediglich um lokale Eingriffe handelt, kann durch die Befunde nicht geklärt werden. 

Bauphase 4: um 1178 - Zweites romanisches Dachwerk

Oberhalb des ottonischen Mauerwerks Aufmauerung mit romanisches Mauerwerk. Dachneigung des romanischen Dachwerks ca. 45° während das ottonische Dach eine Neigung von ca. 33° aufwies.

Dendrochronologisch wurde ein entsprechendes Gerüstholz datiert auf Fälldatum Winter 1175/76.

Zerrbalkenlage des gotischen Dachwerks über dem Mittelschiff besteht aus Hölzern mit Fälldatum Winter 1177/78. Daraus ist zu schlussfolgern, dass das gesamte Dachwerk über dem Quer- und Langhaus im letzten Drittel des 12. Jh. ersetzt wurde. Die Zerrbalkenlage des Dachwerks von 1178 wurde dann beim Bau des heute vorhandenen gotischen Dachwerks (1461/62) wiederverwendet.

 

Vorschlag für neue Rekonstruktion der Baugeschichte

Nach meiner Auffassung wurde der Dom 995 im Westen mit dem Westquerhaus begonnen und ohne große Unterbrechung mit dem östlich anschließenden dreischiffigen Langhaus errichtet. Nach der ersten Planung dürfte der Bau sowohl im Osten als auch im Westen gerade geschlossen gewesen sein. Zu diesem Bau dürfte der ca. 100-110 cm unter dem romanischen Fußboden angetroffene Estrich gehört haben. Im Osten und im Westen ein erhöhter Bereich (65-70 cm unter dem romanischen Fußboden), wohl als Chorbereich zu deuten. Noch vor der endgültigen Fertigstellung und der Weihe erfolgte unter Bischof Heinrich II. (1047-1063) eine Planänderung. Sowohl im Osten als auch im Westen wurde Apsiden angefügt. Im Westen wurde die noch heute erhaltene Krypta eingebaut. Im Osten wurden südlich und nördlich der Apsis, also im Bereich der Seitenschiffe, Eingangsportale angeordnet. Einem dieser Portale dürfte die erhaltene Bronzetür zuzuordnen sein. In diesem Zusammenhang dürfte der Fußboden auf das romanische Niveau erhöht worden sein. Dieser Bau wurde 1065 geweiht.

 

Augsburg, Dom. Grundriss nach DEHIO, jedoch modifiziert, d. h. ohne Nebenapsiden im Osten und ohne die Rekonstruktion von Westtürmen. Atrium im Osten nicht dargestellt.

 

Zu den Vorgängerbauten:

M. E. hatte der Dom an der heutigen Stelle keinen Vorgängerbau. Der 995 begonnene Bau wurde auf den Resten der römischen Bebauung errichtet. Diese war in der Katastrophe um 940 zerstört worden. Die Fläche lag bis zur Errichtung des Doms im Prinzip brach. Das heißt jedoch nicht, dass in den römischen Resten gar keine Baumaßnahmen stattfanden. Die ehemaligen Bewohner mussten sich ja u. a. ein neues Obdach schaffen. Die von JACOBSEN dem Bau I zugeordneten Befunde könnten zu solchen kleineren Baumaßnahmen gehören.

Ich sehe in der Anfang des 19. Jh. abgerissenen Kirche St. Johann den Vorgängerbau des Doms. SCHAEFER und OSWALD datieren die dreischiffige Pfeilerbasilika (Gussmauerwerk, Ziegelsteine mit Eckquadern, z. T. römische Spolien) wegen der Überbauung eines Walls nach der Ungarnschlacht 955. Ich denke an eine Errichtung etwa um 970/80, JACOBSEN sieht diesen Bau möglicherweise erst im späten 11. Jh. Sollte er Recht haben, hätte das Augsburger Bistum bis Mitte des 11. Jh. gar keinen Kirchenbau gehabt. Zur Kirche St. Ulrich und Afra, welche nach der Tradition ebenfalls in frühchristliche Zeit zurückreichen soll, siehe unten.

St. Johann hatte an derselben Stelle einen kleinen Vorgängerbau - einen Rechtecksaal mit Ostapsis, der möglicherweise unter Aufgabe der Apsis nach Osten erweitert wurde. Westlich dieses Baus wurde eine mehrmals umgebaute Taufanlage aufgedeckt. Ich datiere diesen ersten Bau um die Mitte des 10. Jh.

Auffällig ist die Parallele zu Mainz, die von SCHMID bereits festgestellt wurde. Dort wurde vor wenigen Jahren (2014) in der Kirche St. Johannis der Vorgängerbau des Doms identifiziert. Bemerkenswert vielleicht dasselbe Patrozinium. Auch bei St. Johannis in Mainz sind römische Reste in den Bau einbezogen worden. Der Mainzer Dom steht ebenfalls auf Mauerresten aus römischer Zeit. Auch bemerkenswert, dass sowohl in Mainz als auch in Augsburg zwischen St. Johannis/St. Johann ein gedeckter Verbindungsgang zum eigentlichen Dombau bestand. (Siehe meinen Aufsatz zu Mainz, St. Johannis)

St. Ulrich und Afra - außerhalb der römischen Siedlung über einem römischen Friedhof und im Süden am gegenüber liegenden Ende der damaligen Stadt liegend, scheidet m. E. als Vorgängerbau allein aufgrund der Lagesituation aus. Die Tradition sieht zwar einen spätrömischen Kirchenbau, danach eine merowingische und noch eine karolingische Kirche, bevor 1064/71 diese einer frühromanischen Kirche Platz machen musste.

Die Archäologie kann diese Bauhistorie nicht bestätigen, obwohl sich JACOBSEN riesige Mühe gibt. Er rekonstruiert eine Cella memoria über dem Afragrab aus dem Anfang des 4. Jh. Einem Bau II  ordnet er eine Mauer zu - angeblich die Südwand einer Kirche - , an der Gräber aus dem 7. Jh. angeordnet waren. Ein Bau III um 800 ist nur in den Schriftquellen vorhanden, an den jedoch ein Anbau erfolgt, die sog. Ulrichsgruft. Der Anbau und etwas später noch ein nur aus den Quellen bekanntes Ulrichsoratorium sollen dann im 10. Jh. errichtet worden sein.

M. E. geben das die archäologischen Funde überhaupt nicht her. Bau I und Bau II sind für mich einfach römische Grabbauten, wie sie im Bereich römischer Nekropolen üblicherweise anzutreffen sind. Die jüngeren Befunde dürften zum frühromanischen Bau des 11. Jh. gehören.

Auch ist die Legende der hl. Afra problematisch. SCHIMMELPFENNIG hält die hl. Afra für eine "literarische Fiktion". Nach ihm wurde die Kirche auf dem einzigen bekannten Friedhof der Völkerwanderungszeit erbaut ohne das Grab zu kennen (Wikipedia). Die hl. Afra wurde 1064 heiligesprochen. Dieses Datum passt exakt zum frühromanischen Bau.

Auch ich halte die hl. Afra für eine platzierte Legende, möglicherweise kurz vor 1064 kreiert. Ein passendes römisches Grab zu finden, war auf dem römischen Friedhof sicher nicht die schwerste Aufgabe.

Merkwürdig ist die Bestattung der frühen Bischöfe einschließlich Bischof Ulrich (973) auf dem römischen Friedhof in der Nähe des Afragrabs. Als Bischof wäre eine Bestattung im Dom anzunehmen. Ausgehend davon, dass Bischof Ulrich nicht nur eine Legende ist, war der römische Friedhof offenbar nach der Katastrophe weiter in Benutzung, weshalb die Bestattung dort nicht besonders verwunderlich ist. Nach meiner Auffassung gab es bei seinem Ableben noch keinen Dom, weshalb er sich dort auch nicht bestatten lassen konnte. Sein Grab hatte noch keinen räumlichen Bezug zum vermeintlichen Afragrab, das erst später dort verortet wurde. Über Bischof Ulrich (Udalrich) wissen wir aus der Vita s. Udalrici. Verfasser soll Gerhard von Augsburg sein, der angeblich ein Zeitgenosse Ulrichs war. Die Vita soll zwischen 983 und 993 verfasst worden sein. "Da Gerhard ... vieles als Augenzeuge miterlebt hat, kommt seiner Darstellung großer Quellenwert zu." [http://www.geschichtsquellen.de/repOpus_02408.html, 2016-09-05] Soweit ich die Angaben in der vorgenannten Quelle richtig interpretiere, scheint die älteste bekannte Ausgabe von 1595 zu sein. Ich erachte die Vita für ein Pseudepigraph aus deutlich späterer Zeit (frühestens 12./13. Jh. oder vielleicht erst 16. Jh.) mit nur geringem Realitätsgehalt.

 

Literaturverzeichnis:

Jacobson, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München, Nachtragsband

Oswald, Friedrich / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1966-1971): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München

Porst, Angelika / Winkler, Reinhold (2011): Bauforschung im Dachwerk des Augsburger Domes. Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte und zur frühen Ausmalung. In: DENKMALPFLEGE INFORMATIONEN    Nr. 148 März 2011 des Bayerisches Landesamtes für Denkmalpflege.

Schmid, Michael Andreas (2013): Der Hohe Dom zu Augsburg Mariä Heimsuchung. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu

 

 

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 14.10.2016

 

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