Link  der Homepage von Michael Meisegeier, Erfurt        Zurück

 

Gernrode, St. Cyriakus

Was wir über die frühe ottonische Baukunst glauben zu wissen, basiert maßgeblich auf einem einzigen vermeintlich aus dieser Zeit erhaltenen Bauwerk, der Stiftskirche in Gernrode. Die Quellen nennen als Stiftungsdatum das Jahr 962, was auch allgemein als Baubeginn gesehen wird.

Gerade für Gernrode tut man so, als wäre der Baubeginn und damit der Bau der Krypta sicher datiert. Da sich Datierungen anderer Krypten dann an der Gernroder Krypta orientieren, befinden wir uns im perfekten Zirkelschluss.

Es muss zuerst einmal festgestellt werden, dass für Gernrode bis zum 15.Jh. jegliche Baunachrichten fehlen. Es gibt einen Stiftungsbericht von 963, der jedoch nicht den Bau erwähnt. Darüber hinaus existieren je eine Schutzurkunde von Otto I und Otto II.

Da die ottonische Geschichte ein Konstrukt ist, ist die Echtheit dieser Schutzurkunden von vornherein ausgeschlossen. Vermutlich ist der Stiftungsbericht auch eine Fälschung.

Auch ist die Annahme, dass mit der Stiftung – sofern sie den Tatsachen entspricht – sofort mit dem Bau begonnen wurde, rein willkürlich.

Trotzdem gehen alle bisherigen Autoren LEOPOLD, MÖBIUS, ROSNER, UNTERMANN, VOIGTLÄNDER u. a. von einem unverzüglichen Baubeginn des Kirchenbaus und seiner zügigen Fertigstellung aus, womit dieser Bau zum am besten erhaltenen ottonischen Bau und zum Paradeobjekt für die ottonischen Baukunst wird.

Im Vergleich zu dem bescheidenen „Kirchlein" des ausgehenden 10. Jh. in Quedlinburg ist der aufwändige Bau in Gernrode ein so krasser Gegensatz, dass allein dadurch die frühe Bauzeit in höchstem Maße anzuzweifeln ist.

Da wir keinen besseren Anhaltspunkt haben, muss der Bau für sich sprechen. Um nicht ebenfalls einem Zirkelschluss zu verfallen, sollen eingangs nicht die Krypta, sondern der Westbau und das Langhaus betrachtet werden.

Für Gernrode ist von einer einheitlichen Bauzeit des gesamten Baus auszugehen. Für eine längere Bauunterbrechung gibt es keine Hinweise. Die Verzerrung im Grundriss, hier kein Knick in der Kirchenachse wie bei vielen anderen Bauten, sondern ein Achsversatz zwischen Ost- und Westbau, ist vermutlich durch einen Vermessungsfehler entstanden. Der Achsversatz legt nahe, dass die Kirche nicht von Osten nach Westen errichtet wurde, sondern dass Ost- und Westbau parallel errichtet wurden. Das Langhaus wurde anschließend zwischen die beiden Baukörper gebaut. Als der Fehler bemerkt wurde, waren der Ost- und der Westbau offensichtlich bereits soweit fertiggestellt, dass ein Rückbau eines Teils nicht mehr in Frage kam. So wurde dann das Langhaus am Ende schief dazwischen gebaut. Vielleicht war die Fläche des Langhauses während des Baus in Nutzung, z. B. für Werkstätten und Lagerplatz der Bauhütte, so dass eine ungestörte Absteckung von Ost- und Westbau nicht möglich war. Das ist jedoch nur Spekulation. Den wirklichen Grund für den Achsversatz kennen wir nicht. Der Bau hat auch sonst einige bauliche Unzulänglichkeiten, was m. E. auf eine wenig erfahrende Bauhütte hinweist. Ich denke, dass die mehr erfahrenen Bauhütten an den damaligen Schwerpunkten des Baugeschehens in Halberstadt, Magdeburg und Hildesheim tätig waren und für den "Provinzbau" in Gernrode nicht zur Verfügung standen.

Der ursprüngliche Westbau wurde durch Bauuntersuchungen erschlossen. Die Forschung ist sich sicher, dass der ursprüngliche Westabschluss ein quadratischer, turmartiger (?) Baukörper mit einer Geschossdecke etwa in Emporenhöhe war, der durch Arkaden im Untergeschoss und im Obergeschoss zum Langhaus geöffnet war. Dieser Baukörper war im Westen von zwei Treppentürmen flankiert und hatte möglicherweise im Westen eine Apsis. Solche Baukörper sind um 1020 mehrfach bezeugt bzw. sogar erhalten. Hierzu gehören Paderborn (Bau III), Neuenheerse und Freckenhorst. VON SCHÖNFELD DE REYES [96f] sieht hier unter Bezugnahme auf LOBBEDEY aufgrund der ähnlichen Westbaulösungen eine formal zusammengehörende Bautengruppe im sächsischen Gebiet.

Für die Gestaltung des Langhauses mit Emporen müssen nicht zwingend byzantinische Vorbilder gesucht werden und zur Vermittlung Theophanu bemüht werden. Um 1020/40 ist das Baumotiv der Langhausemporen im fränkischen Gebiet mehrfach anzutreffen, so in Vignory und in Jumieges. Der Bauschmuck weist auch nicht unbedingt in eine frühere Zeit, wobei zu bedenken ist, dass uns die Baukunst des 10. Jh. - wenn man Gernrode herausnimmt - kaum bekannt ist. Ähnlichkeiten im Bauschmuck und den Kapitellformen zwischen Gernrode und St. Michael in Hildesheim sind bereits früher festgestellt worden. Damals hielt man Gernrode für den Vorläufer. Nach meiner Auffassung ist es genau umgekehrt. Das Langhaus von Gernrode entstand nach Hildesheim. In Gernrode wurden die Motive kopiert, wenn auch nicht in der künstlerischen Vollendung wie in Hildesheim.

Wenn die Datierungen für den Westbau (um 1020) und für das Langhaus (um 1020/40) übernommen werden, so würde für den Baubeginn der Krypta ebenfall um 1020 zur Debatte stehen.

Die von der Forschung allgemein angenommene Entwicklung der Krypta von der Frühform der Krypta (Ringkrypta, Gangkrypta, Kammerkrypta, Umgangskrypta) letztendlich zur Hallenkrypta sehe ich nicht. Nach meiner Auffassung existieren diese frühen Kryptentypen einschließlich den ersten Hallenkrypten (Vierstützenräume) in der Frühromanik gleichberechtigt nebeneinander. Diese frühen Kryptentypen dienten ausschließlich dem accessus ad confessionem, d. h. dem Zugang zum Heiligengrab. Sie waren aus diesem Grund in der Regel ohne Altar. In der Hochromanik verschwinden diese Kryptentypen gänzlich. Es setzt sich die Hallenkrypta durch, wobei jetzt großräumige Anlagen entstehen, die sich oftmals unter die gesamten Ostteile der Kirchenbauten einschließlich Querhaus erstrecken. Dieser frühen Phase, die m. E. bis weit in die erste Hälfte des 11. Jh. reicht, ordne ich die Gernroder Krypta zu. Das Heiligengrab konnte archäologisch nachgewiesen werden.

In der Hochromanik ist der Zweck des accessus ad confessionem weitestgehend verloren gegangen. Die Krypta ist jetzt "normaler" Kultraum mit eigenem Altar, ähnlich einer separaten Kapelle. Darüber hinaus wird sie zunehmend Bestattungsraum, da sie die Bestattung in der Nähe der Reliquien des Hauptaltars ermöglichte. Während die Bauten der Reformorden in der Regel von vorn herein auf eine Krypta verzichten, verschwindet die Krypta allgemein fast gänzlich mit dem Aufkommen der Gotik.

UNTERMANN's Behauptung, dass nur ein Kryptazugang vorhanden war (wie angeblich auch bei der "Confessio" in Quedlinburg), ist bauarchäologisch widerlegt. Ein Türpfosten und eine Stufe beim Südzugang wurden nachgewiesen [VOIGTLÄNDER, 30f].

Im Übrigen verwundert die ausgeschiedene Vierung um 1020 natürlich auch nicht mehr.

Einen Hinweis für die möglicherweise zu frühe Datierung von Gernrode ist bei HEITZ / ROUBIER [227] zu finden. Es geht um die Datierung der Abteikirche St,-Peter-und-Paul von Montier-en-Der. Mit Bezug auf das frühe Gernrode wird für HEITZ die allgemein übliche Datierung in das ausgehende 10. Jh. plausibler, ansonsten würde er eine Datierung in das 11. Jh. zeitgleich wie Vignory sehen.

Auf die weitere Baugeschichte möchte ich hier verzichten. Sie würde sich auch bei Verjüngung der Anlage auf „ab 1020" nahtlos einfügen lassen.

FRANZ widerspricht meiner Darstellung vehement. Er spricht sich für die traditionelle Datierung Gernrodes aus und wirft mir vor, dass ich Hildesheim als Vorbild für Gernrode und Memleben betrachte, wogegen er eine Entwicklung mit Hildesheim als Höhepunkt sieht. Ich bin hier ein wenig vorsichtiger. Eine Entwicklung bei den drei Bauten zu sehen, halte ich für problematisch, da es sicher zahlreiche andere Einflüsse, u. a. auch die Qualität und Professionalität des Bauherrn und der Bauhütte gibt. Man kann sicher auch von Vorbildbauten ausgehen, die im Ganzen oder auch in einzelnen Elementen kopiert werden, insbesondere von vielleicht weniger kreativen Bauherrn/Bauhütten. Eine Entwicklung ist m. E. erst bei einer Vielzahl von Bauten auszumachen. Ich denke, dass an dieser Problematik die Kunstgeschichte des 10. Jahrhundert und der 1. Hälfte des 11. Jahrhundert generell krankt. Die wenigen überkommenen Beispiele, wobei bei den meisten Bauten noch die Datierung unsicher ist, erlaubt gar nicht, eine Entwicklung oder gar eine künstlerische Epoche festzumachen.

 

Grundriss aus [VOIGTLÄNDER, 28]

Letztendlich sehe ich Gernrode als Bau des frühen 11. Jh. Gernrode entfällt damit als singuläres Beispiel für das 10. Jh. und reiht sich damit zwanglos in die Reihe der übrigen Bauten der Frühromanik ein.

 

Literaturverzeichnis:

Franz, Dietmar (2007): St. Cyriakus, Gernrode. ein Nachtrag zu: "Phantomzeitliche und phantomzeitnahe Bauten in Thüringen...". In ZEITENSPRÜNGE 19 (1), 224-229

Leopold, Gerhard (1983): Archäologische Forschungen an mittelalterlichen Bauten. In: Denkmale in Sachsen-Anhalt. Weimar, 163-189

Heitz, Carol / Roubier, Jean (1982): Gallia praeromanica. Die Kunst der merowingischen, karolingischen und frühromanischen Epoche in Frankreich. Wien/München

Möbius, Helga (1976): Die Stiftskirche zu Gernrode. Das christliche Denkmal Heft 68, Berlin

Rosner, Ulrich (1991): Die ottonische Krypta. Köln

von Schönfeld de Reyes, Dagmar (1996): Westwerkprobleme. Zur Bedeutung der Westwerke in der kunsthistorischen Forschung, 81-100

Untermann, Matthias (2006): Architektur im frühen Mittelalter. Darmstadt

Voigtländer, Klaus (1980): Die Stiftskirche zu Gernrode und ihre Restaurierung 1858-1872. Berlin

 

Zurück

 

Letzte Bearbeitung dieser Seite: 16.01.2017

 

Impressum