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Gernrode, St. Cyriakus

Was wir über die frühe ottonische Baukunst glauben zu wissen, basiert maßgeblich auf einem einzigen vermeintlich aus dieser Zeit erhaltenen Bauwerk, der Stiftskirche in Gernrode. Die Quellen nennen als Stiftungsdatum das Jahr 962, was auch allgemein als Baubeginn gesehen wird.

Es gibt einen Stiftungsbericht von 963, der jedoch nicht den Bau erwähnt. Darüber hinaus existieren je eine Schutzurkunde von Otto I. und Otto II.

Im Jahr 965 soll Markgraf Gero in der von ihm gestifteten Kirche beigesetzt worden sein. Zu dieser Zeit sollen zumindest die Ostteile fertiggestellt gewesen sein.

Da ich die ottonische Geschichte für ein Konstrukt erachte, schließe ich die Echtheit dieser Schutzurkunden und des Stiftungsberichts von vornherein aus. Ich halte alle ottonischen, vermeintlich zeitgenössischen Schriftquellen, wie Chroniken, Viten, sämtliche Urkunden, etc., für Fälschungen bzw. Pseudepigraphen, also Falschzuschreibungen aus späterer Zeit.

Das betrifft natürlich auch die Gründungslegende in Gernrode um den Markgrafen Gero, der danach sogar im Jahr 965 in der angeblich von ihm gestifteten Kirche beigesetzt worden sein soll. Die Lage des Grabes ist nicht genau bekannt, obwohl nach ihm immer wieder gesucht worden ist [VOIGTLÄNDER, 118]. In der Tumba von 1519 fand man 1865 Reste eines männlichen und eines weiblichen Skeletts.
Es gibt noch eine frühe Bestattung in der Stiftskirche, die heute nicht mehr verortet werden kann. Es ist die der Äbtissin Hathui, welche angeblich 1014 starb und „in medio aecclesiae coram sanctae crucis altari“ beigesetzt worden sein soll. Hathui soll die erste Äbtissin in Gernrode und eine Cousine Ottos des Großen gewesen sein.
Die Situation erinnert sehr an die erfolglose Suche nach dem Heinrichsgrab in Quedlinburg. Dort wie hier ist das Ergebnis dasselbe: Die Bestattungen hat es nie gegeben. Sie gehören wie die Stiftungslegende zu dem ottonischen Geschichtskonstrukt.

Zunächst muss  einmal festgestellt werden, dass für Gernrode bis zum 15.Jh. jegliche Baunachrichten fehlen.

Trotzdem gehen alle bisherigen Autoren LEOPOLD, MÖBIUS, ROSNER, UNTERMANN, VOIGTLÄNDER u. a. von einem unverzüglichen Baubeginn des Kirchenbaus und seiner zügigen Fertigstellung aus, womit dieser Bau zum am besten erhaltenen ottonischen Bau und zum Paradeobjekt für die ottonischen Baukunst wird.

Zur Baugeschichte schreibt VOIGTLÄNDER: "Von der Baugeschichte ist nur wenig bekannt und das wenige nicht vollkommen eindeutig. Ein weites Feld schwach begründeter Vermutungen!" [VOIGTLÄNDER, 53]

 Trotzdem hält er für scheinbar eindeutig [ebd., 53f]:

1.     Baubeginn spätestens wohl 961

2.     Bauschluss spätestens 1014 (Jahr des Todes der ersten Äbtissin, die der Kirche noch den Kirchenschatz gestiftet hat)

3.     Baurichtung sehr wahrscheinlich von Osten nach Westen.

 

Gernrode St. Cyriakus. Grundriss aus [VOIGTLÄNDER, 28]

 

Angesichts des bescheidenen Baus der Stiftskirche in Quedlinburg im ausgehenden 10. Jh. (siehe [MEISEGEIER 2016, 11-40]) ist der aufwändige Bau in Gernrode ein so krasser Gegensatz, dass allein dadurch die frühe Bauzeit in höchstem Maße anzuzweifeln ist.

Die neueste wichtige Publikation zu Gernrode erschien 2007 von KAHSNITZ / KRAUSE / LEOPOLD / MÖLLER u. a. mit dem Titel "Das Heilige Grab in Gernrode", wobei natürlich ihr Schwerpunkt auf der Baugeschichte des Heiligen Grabes lag.

Da die Baugeschichte des Heiligen Grabes zwangsläufig mit der Baugeschichte des Kirchenbaus verbunden ist, kamen die Verfasser nicht umhin, einige Aussagen zur Baugeschichte des Kirchenbaus zu tätigen.

Folgende Aussagen sind hier von Interesse:

1.     Das Langhaus wurde nachträglich an das bestehende Querhaus angebaut. Vermutlich wurde das Langhaus zuletzt errichtet.

2.     Der Einbau der Querhausemporen erfolgte nach der Mitte des 12. Jh., um 1160/70, nicht schon um 1130, wie die Forschung bisher annahm [KAHSNITZ / KRAUSE / LEOPOLD / MÖLLER, 294f].

3.     Der Emporeneinbau war vermutlich der Start für die umfangreichen Baumaßnahmen des späten 12. Jh., das sind Umbau der Seitenschiffe mit der Aufgabe der Emporen im Langhaus und der Umbau des  
   Westbaus mit Errichtung des Westchors und der Westkrypta sowie als letzte Baumaßnahme die Errichtung des Kreuzgangnordflügels.

Für die Datierung des Gründungsbaus hilft diese ansonsten sehr detaillierte Ausarbeitung leider keinen Schritt weiter. Ein großes Manko ist anzuführen: KAHSNITZ / KRAUSE / LEOPOLD / MÖLLER übernehmen kritiklos die traditionellen Baudaten mit dem Baubeginn um 960, worauf sie ihre Datierung der frühen Bauphasen der Heilig-Grab-Anlage aufbauen.

 

Einen Hinweis für die möglicherweise zu frühe Datierung von Gernrode ist bei HEITZ / ROUBIER [227] zu finden. Es geht um die Datierung der Abteikirche St.-Peter-und-Paul von Montier-en-Der. Mit Bezug auf das frühe Gernrode wird für HEITZ die allgemein übliche Datierung in das ausgehende 10. Jh. plausibler, ansonsten würde er eine Datierung in das 11. Jh. zeitgleich wie Vignory sehen.

Welche Anhaltspunkte gibt es für die Datierung?

Die Ostkrypta in Gernrode (1149 erstmals genannt) gehört zu den frühen Hallenkrypten (Vierstützenräume), die noch ausschließlich dem accessus ad confessionem dienten, d. h. dem Zugang zum Heiligengrab. Sie waren aus diesem Grund nicht mit einem Altar ausgestattet, der auch in Gernrode nicht gefunden wurde [VOIGTLÄNDER, 31]. Dieser Kryptentyp ist bis weit in die erste Hälfte des 11. Jh. anzutreffen. UNTERMANN's Behauptung, dass nur ein Kryptazugang vorhanden war (wie angeblich auch bei der "Confessio" in Quedlinburg), ist bauarchäologisch widerlegt. Ein Türpfosten und eine Stufe beim Südzugang wurden nachgewiesen [VOIGTLÄNDER, 30f].

Angeblich konnte sogar das Heiligengrab in Gernrode archäologisch nachgewiesen werden. Näheres dazu unten im Abschnitt Die "Reliquienkammer" in der Ostkrypta.

Die von der Forschung allgemein angenommene Entwicklung der Krypta von der Frühform der Krypta (Ringkrypta, Gangkrypta, Kammerkrypta, Umgangskrypta) letztendlich zur Hallenkrypta sehe ich nicht. Nach meiner Auffassung existieren diese frühen Kryptentypen einschließlich den ersten Hallenkrypten (Vierstützenräume) in der Frühromanik gleichberechtigt nebeneinander. Diese frühen Kryptentypen dienten ausschließlich dem accessus ad confessionem, d. h. dem Zugang zum Heiligengrab. Sie benötigten keinen Altar. Dieser frühen Phase, die m. E. bis weit in die erste Hälfte des 11. Jh. reicht, ordne ich die Gernroder Krypta zu. In der Hochromanik verschwinden diese Kryptentypen gänzlich. Es setzt sich die Hallenkrypta durch, wobei ab 1100 großräumige Anlagen entstehen, die sich oftmals unter die gesamten Ostteile der Kirchenbauten einschließlich Querhaus erstrecken. In der Hochromanik ist der Zweck des accessus ad confessionem weitestgehend verloren gegangen. Die Krypta ist jetzt "normaler" Kultraum mit eigenem Altar, ähnlich einer separaten Kapelle. Darüber hinaus wird sie zunehmend Bestattungsraum, da sie die Bestattung in der Nähe der Reliquien des Hauptaltars ermöglichte. Während die Bauten der Reformorden in der Regel von vornherein auf eine Krypta verzichten, verschwindet die Krypta allgemein fast gänzlich mit dem Aufkommen der Gotik.

 

Markant ist die Verzerrung im Grundriss, hier kein Knick in der Kirchenachse wie bei vielen anderen Bauten, sondern ein Achsversatz zwischen Ost- und Westbau, ist vermutlich durch einen Vermessungsfehler entstanden. Der Achsversatz legt nahe, dass die Kirche nicht von Osten nach Westen errichtet wurde, sondern dass Ost- und Westbau parallel errichtet wurden. Das Langhaus wurde anschließend zwischen die beiden Baukörper gebaut.

Möglicherweise bestätigt diesen Bauablauf die zwischen Querhaus und südlicher Seitenschiffswand festgestellte Fuge, wonach die Seitenschiffswand an das Querhaus angebaut wurde [KAHSNITZ / KRAUSE / LEOPOLD / MÖLLER, 240]. Als der Fehler bemerkt wurde, waren der Ost- und der Westbau offensichtlich bereits soweit fertiggestellt, dass ein Rückbau eines Teils nicht mehr in Frage kam. So wurde dann das Langhaus am Ende schief dazwischen gebaut.

Vielleicht war die Fläche des Langhauses während des Baus in Nutzung, z. B. für Werkstätten und Lagerplatz der Bauhütte, so dass eine ungestörte Absteckung von Ost- und Westbau nicht möglich war. Das ist jedoch nur Spekulation. Den wirklichen Grund für den Achsversatz kennen wir nicht. Der Bau hat auch sonst einige bauliche Unzulänglichkeiten, was eher auf eine wenig erfahrende Bauhütte hinweist. Die erfahreneren Bauhütten waren vermutlich an den damaligen Schwerpunkten des Baugeschehens in Halberstadt, Magdeburg und Hildesheim tätig und standen für den "Provinzbau" in Gernrode nicht zur Verfügung.

Nach eingehender Beschäftigung mit den Untersuchungsergebnissen von ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD erhellt sich die Baugeschichte noch ein ganzes Stück weiter.

Neben den Ergebnissen zur "Reliquienkammer" in der Ostkrypta (siehe unten) sind die Ausführungen zur Vierung von besonderem Interesse, insbesondere, da die Verfasser die Existenz einer ausgeschiedenen Vierung als erwiesen ansehen. Schon VOIGTLÄNDER [42] kam zu dem Schluss: "Somit muß mit einer ausgeschiedenen Vierung gerechnet werden." Nach LEHMANN [VOIGTLÄNDER, 42, Anmerkung 7] ist die ausgeschiedene Vierung aufgrund der unterschiedlichen Kämpferhöhen von östlichen und westlichen Vierungsbogen auf jeden Fall noch nicht voll ausgebildet.

Sieht man sich den Grundriss an, so ist klar, dass das gebundene System in Gernrode noch nicht voll ausgebildet ist, obwohl - mit einigem guten Willen - vielleicht erste Bemühungen um das gebundene System festzustellen sind. Das gebundene System beginnt sich allgemein erst ab etwa 1100 durchzusetzen, mit ihm das Ausscheiden der Vierung.

Die Ausführungen von ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD erlauben außerdem Schlüsse zur Bauchronologie.

Da entsprechende Abarbeitungsspuren der Vorlagen des Nordbogens sowohl auf der Ostseite als auch auf der Westseite nachgewiesen werden konnten, rekonstruieren ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD einstige ostwestgerichtete Vierungsbögen und damit eine ausgeschiedene Vierung [ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD, 255].

Der Befund der Abbruchspuren wirft einige Fragen auf:

1.     Bei den Restaurierungsbeginn im 19. Jh. waren keine ostwestgerichteten Vierungsbögen vorhanden. Warum wurden die Vierungsbögen abgebrochen?

2.     Auf der Südseite wurden keine Abarbeitungsspuren gefunden

Die Abarbeitungsspuren auf der Südseite sollen durch die bei der Restaurierung im 19. Jh. wieder (?) hergestellten Vorlagen verdeckt sein. Zu Frage 1 wird keine befriedigende Antwort gegeben. Klar scheint dagegen zu sein, dass auf der Nordseite Vorlagen für einen ostwestgerichteten Vierungsbogen vorhanden waren und diese abgearbeitet worden sind. Bevor die Frage der Vierung noch einmal zu diskutieren ist, soll ein weiterer Befund von ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD angesprochen werden.

 Zwei Feststellungen, die zum Nachdenken anregen:

"Zwar stehen die Ostteile des Baues zueinander leidlich rechtwinklig ..." [ebd., 245]

"Da die Achse des Triumphbogens gegen diejenige des Chorbogens nach Süden verschoben ist, zeichnet sich die Verziehung des Grundrisses schon in der Vierung ab. ... ist die eigentlich erst westlich der Vierung einsetzende Achsabweichung schon in ihr angelegt." [ebd., 258]

Bisher hat sich bzgl. der Bauabfolge die Auffassung durchgesetzt, dass zuerst die Ostteile und der Westbau errichtet worden sind und danach das Langhaus von Westen nach Osten dazwischengesetzt wurde. Die Fuge ist am Westende des Querhauses vorhanden.

Das kann jetzt präzisiert werden:

In Gernrode erfolgte das Anlegen der Grundmauern nicht für den kompletten Bau, sondern für die Ostteile und die Westteile getrennt, wodurch es zu dem Fehler der Achsdifferenz von ca. 2 m kam. Dass eine sich dazwischen befindliche Bebauung das Anlegen des kompletten Grundrisses nicht möglich machte, hatte der Autor schon früher vermutet [MEISEGEIER 2016, 53]. Ob sich wirklich ein Vorgängerbau an dieser Stelle befand, wie ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD vermuten, könnte nur durch eine Grabung im Langhaus belegt werden. Bis dahin bleiben solche Gedanken reine Spekulation.

Nach dem Anlegen der Grundmauern wurden der Westbau und im Osten die Krypta und der Chor errichtet. Die auf der Südseite festgestellte und im Norden erschlossene Baufuge in der Querhausostwand [ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD, 279] belegen, dass das Querhaus in diesem Bauabschnitt noch nicht hochgezogen war. Die Verzeihung des Grundrisses schon in der Vierung unterstützt die spätere Errichtung des Querhauses. Das bedeutet, dass das Querhaus erst zusammen mit dem Langhaus, also zuletzt errichtet wurde. Beim Anlegen der Langhausgrundmauern bemerkte man natürlich den früheren Absteckungsfehler und versuchte diesen schon in der Vierung, trotz der dort bereits fertigen Grundmauern, durch das Verziehen des Triumphbogens etwas zu kompensieren.

In diesem Zusammenhang ist die ausgeschiedene Vierung noch einmal anzusprechen. Bei der Errichtung des Querhauses waren sicher ursprünglich Längsbögen im Norden und Süden der Vierung, also eine, wenn auch nicht perfekte ausgeschiedene Vierung geplant. Im Nordarm waren dafür die Vorlagen schon ausgeführt, den Längsbogen hatte man sicher noch nicht errichtet. Dazu fehlte nämlich die Mittelschiffswand als Widerlager. Der Horizontalschub aus dem Bogen hätte Standsicherheitsprobleme für den nordwestlichen Vierungspfeiler auch mit dem "schmalen Ostansatz der Mittelschiffswand" [ebd., 266] mit sich gebracht. Man hätte auf den Anschluss des Langhauses warten müssen, um weiter bauen zu können.

Ich nehme an, dass zu diesem Zeitpunkt, vielleicht aus o. a. Grund, eine Planänderung vorgenommen wurde, indem auf die Längsbögen verzichtet wurde zugunsten eines durchgehenden, so genannten "römischen Querhauses". Die schon hergestellten Vorlagen wurden wieder abgearbeitet. Möglicherweise war zu dieser Zeit der Südarm noch gar nicht hochgemauert, so dass dort der Abbruch der Vorlagen nicht erforderlich war.

 

Der ursprüngliche Westbau wurde durch Bauuntersuchungen erschlossen. Die Forschung ist sich sicher, dass der ursprüngliche Westabschluss ein quadratischer und turmartiger (?) Baukörper mit einer Geschossdecke etwa in Emporenhöhe war, der durch Arkaden im Untergeschoss und im Obergeschoss zum Langhaus geöffnet war. Dieser Baukörper war im Westen von zwei Treppentürmen flankiert und hatte möglicherweise im Westen eine Apsis. Solche Baukörper sind für das 11. Jh. mehrfach bezeugt bzw. sogar erhalten. Hierzu gehören Paderborn (Bau III), Neuenheerse und Freckenhorst. VON SCHÖNFELD DE REYES [96f] sieht hier unter Bezugnahme auf LOBBEDEY aufgrund der ähnlichen Westbaulösungen eine formal zusammengehörende Bautengruppe im sächsischen Gebiet. Die Zeitspanne für die Errichtung dieser Bauten sieht sie zwischen 950 und 1050, wobei der Autor diese eher bei 1000 bis 1100 sieht. Der imposante Westbau der Stiftskirche in Freckenhorst ist kein Überrest eines Baus um 1000, sondern gehörte mit Sicherheit zu dem 1085 geweihten Neubau.

Für die Gestaltung des Langhauses mit Emporen müssen nicht zwingend byzantinische Vorbilder gesucht werden und zur Vermittlung Theophanu bemüht werden. Um 1020/40 ist das Baumotiv der Langhausemporen im fränkischen Gebiet mehrfach anzutreffen, so in Vignory und in Jumieges. 

Bezüglich des Bauschmuckes und der Kapitellformen sieht die Forschung Ähnlichkeiten zwischen Gernrode und St. Michael in Hildesheim. Gernrode wird diesbezüglich als Vorläufer gesehen. Nach Auffassung des Autors ist St. Michael in Hildesheim ebenfalls jünger als traditionell angenommen. Mit der neuen Einordnung von St. Michael von um 1100 bis 1186 ist der Vorlauf von Gernrode wieder hergestellt [MEISEGEIER 2017, 254ff].

 

Nun noch zu der wichtigen Frage, wann der Bau in Gernrode errichtet wurde. Die Bauform der Krypta spricht für die erste Hälfte des 11. Jh., m. E. zwischen 1020 und 1050, wobei mehr für das Ende dieser Zeitspanne spricht. Auch die Gestaltung der Ostteile spricht für eine Erbauung noch im 11. Jh. Der ursprüngliche Westbau ist ebenfalls in die zweite Hälfte des 11. Jh., spätestens um 1100 zu datieren.
Die Errichtung des Querhauses sehe ich nach 1100, womit die beabsichtigte ausgeschiedene Vierung auch nicht mehr anachronistisch wäre. Zur Bauzeit des Querhauses und des Langhauses in der ersten Hälfte des 12. Jh. passt die früheste Nennung des Hauptaltars und des Kryptaaltars im Jahr 1149. Gernrode entfällt damit auf jeden Fall als singuläres Beispiel für das 10. Jh. und reiht sich damit zwanglos in die Reihe der übrigen Bauten der Frühromanik ein.
Mit dem Umbau des Westabschlusses und der Errichtung eines Westchors könnte Gernrode dem Beispiel von St. Michael in Hildesheim gefolgt sein, wo in der 2. Hälfte des 12. Jh. der Westchor für Bischof Bernward errichtet wurde und dessen Heiligsprechung betrieben wurde.

Auch das Problem der großen Zwillingsfenster mit den angeblich ottonischen Kapitellen in der Nordwand des Querhauses löst sich zwanglos. Die Kapitelle (vermutlich spätes 11. Jh.) stammen aus dem ab Mitte des 12. Jh. umgebauten Westbau, wie schon KRAUSE annahm [KAHSNITZ / KRAUSE / LEOPOLD / MÖLLER, 265], mit dem Unterschied, dass er den ursprünglichen Westbau und damit die Kapitelle im 10. Jh. sieht.

Die vermutete hölzerne Vorgängerempore im Nordarm [ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD, 265]  löst sich damit in Luft auf. Genauso natürlich die ottonische Klausur [ebd., 281f]. Die ursprüngliche Öffnung in der Südwand des Querhauses verband die Klausur des 12. Jh. mit dem Südquerarm der Kirche, ebenfalls 12. Jh.

Damit erhebt sich noch einmal die Frage nach dem Stifter des Kirchenbaus. Gernrode gehörte zum Bistum Halberstadt. Zur Zeit des angenommenen Baubeginns amtierten die Bischöfe Branthog (1023-1036) bzw. Burchard (1036-1059). Möglicherweise stellt das in der Grabkammer des Heiligen Grabes befindliche, um 1160/70 geschaffene Stuckrelief eines Bischofs den Halberstädter Bischof als Stifter dar. Mehr dazu in [MEISEGEIER 2018].

Offenbar war um 1160/70 das tatsächliche Gründungsgeschehen noch in lebendiger Erinnerung und nicht durch den Gründungsmythos um Gero überdeckt, der erst später erschaffen wurde. 

 

Die "Reliquienkammer" in der Ostkrypta 

Im Jahr 1965 wurde bei Renovierungsarbeiten in der Ostkrypta eine interessante Entdeckung gemacht. In der Westwand wurde eine mittelschiffbreite, raumhohe, damals noch vermauerte, axiale Öffnung entdeckt. VOIGTLÄNDER vermerkt in seinem 1980 erschienenen Buch, dass die Untersuchungen diesbezüglich noch nicht abgeschlossen sind. Trotzdem vermeldet die Fachwelt schon eine erste Interpretation. So 1967 BELLMANN: "In Gernrode ist sogar das Kultgrab hinter der Westseite der Krypta noch nachzuweisen. 1965 wurde dort der Rest einer tonnengewölbten Kammer entdeckt, wenig schmaler als das Mittelschiff der Krypta, der Boden etwa 30 cm über dem Kryptenboden, mit Anschlag für einen Verschluß in der Öffnung zur Krypta." [BELLMANN, 47] Auch der DEHIO (1976) gibt eine erste Information: "In der Mitte der KryptenWWand urspr. eine tiefe, oben mit dem Gewölbe abschließende Nische, dahinter vermutlich urspr. Reliquien (oder das Stiftergrab?)." [DEHIO, 125]

Auf die Veröffentlichung von VOIGTLÄNDER bildete sich eine Arbeitsgruppe aus bekannten Bauforschern, die einzelne Ausführungen VOIGTLÄNDERs auf ihre Richtigkeit überprüfen wollten. In diesem Zusammenhang erfolgten auch intensivere Untersuchungen am Bau selbst. Ein erster Vorbericht ist 1988 erschienen [ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD]. ROSNER bezieht sich im Abschnitt über die Gernroder Krypta bei der Beurteilung der Öffnung in der Westwand vorwiegend auf diesen Vorbericht.

Kurz das Ergebnis, zu dem die Arbeitsgruppe gekommen ist:

"... die Öffnung ist bei Errichtung der Krypta von Anfang an mit gebaut worden, und zwar mit gleicher Gewölbehöhe und -breite und mit gleicher Fußbodenhöhe wie der übrige Kryptaraum." [ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD, 249]

Insgesamt wurden vier zeitlich zu unterscheidende Bauphasen ermittelt, als Periode I bis IV bezeichnet. Als Periode I wird der Ursprungsbau der Krypta gesehen. Schon in Periode I ist die Öffnung in ihrer gesamten Tiefe, als "Rohraum" bezeichnet, hergestellt worden. Die Perioden II und III betreffen nur noch Einbauten in diesen "Rohraum". Die Periode IV ist dann die Aufgabe der Anlage und ihre kryptaseitige Vermauerung.

Das Forscherteam sieht in dem Befund eine Confessio (Heiligenkrypta). Zentraler Bauteil sei eine etwa 1 m breite und etwa 1 m hohe Kammer, die so genannte Estrichkammer, die durch ein axiales Fenster mit der Krypta verbunden war. Sie diente wohl zur Aufbewahrung eines Reliquiars (vollständige Heiligengebeine sind für Gernrode nicht überliefert). Wahrscheinlich für Armreliquie des hl. Cyriakus. [ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD, 252].

Im Hinterkopf hatten die Bauforscher offenbar eine Confessioanlage, wie sie BRAUN [557ff] in seiner umfänglichen Publikation zum christlichen Altar beschreibt. Die Begeisterung über das Auffinden einer solchen von BRAUN beschriebenen Anlage verhinderte offenbar einen nüchternen Blick auf den Befund.

Die Tiefe der erkundeten Anlage beträgt etwa 1,7 m [ROSNER, 304]. Da die Westwand der Krypta wohl kaum dicker war als 0,9 bis 1,0 m, befindet man sich mit dem hinteren Teil der Anlage bereits jenseits der Kryptawestwand, also in der Vierung.

"Ungeklärt die Einbindung der Confessio in den Chorstufenbereich: der Estrichraum in etwa niveaugleich mit dem Langhausboden ..." [ROSNER, 305].

 

Bauarchäologischer Befund der "Confessio" nach [ERDMANN / JACOBSEN / KOSCH / von WINTERFELD, 250]

 

Ich möchte folgenden Alternativvorschlag für die Rekonstruktion der Anlage unterbreiten:

Die 0,66 m tiefe, raumhohe, tonnengewölbte Nische in der Kryptawestwand von 1,75 m Breite, dem lichten Abstand der Pfeiler, gehört zur ursprünglichen Raumkonzeption der Krypta (Periode I). Die Nische war nach Westen durch eine zwischen die Wände gesetzte Mauer (Periode II) abgeschlossen. Die Westflucht dieser Mauer II, deren Dicke unbekannt ist, war vermutlich die Westflucht der Kryptawestwand. Der Estrich der Vierung schloss logischerweise ursprünglich von Westen an diese Wand an. Die so genannte "Estrichkammer" war also keine gesonderte Kammer, sondern nur der Fußbodenestrich der Vierung.

Offenbar war nicht die westliche Mauerschale durchgeführt worden, sondern die Seitenwände der Nische stoßen durch die Kryptawestwand in den Vierungsbereich. Diese beidseitig weiter nach Westen führenden Mauern, die zur Periode I gehören, sind einfach die Reste der Chortreppenwangen, die sich jeweils von diesen Wangen bis zu den Wangen der Kryptazugänge im Norden und Süden erstreckten. Vom Kalkplattenboden der nördlichen Chortreppe wurde sogar ein Rest (unter der achten Chorstufe und über der sechsten Chorstufe) aufgefunden, den die Bauforscher aber aufgrund ihrer unzutreffenden Rekonstruktion nicht zuordnen konnten.

Nach einer Planänderung, wahrscheinlich zeitnah zur Errichtung der Krypta, wurde die zwischen die Wangen gesetzte Abschlusswand II zurückgebaut und durch eine 60 cm dicke Wand (Periode III) ersetzt, wobei die Ostflucht der alten Mauer beibehalten wurde. Vermutlich ragte diese neue Abschlusswand III aufgrund ihrer größeren Dicke weiter in die Vierung herein als die alte zuvor. Die lockere Steinschüttung, auf der die Wand III zum Teil aufsteht, ist der Unterbau des Fußbodens der Vierung bzw. die Verfüllung der tieferen Baugrube der Krypta.

Die neue Abschlusswand III erstreckte sich nicht über die volle Höhe, sondern ließ oben eine Öffnung, vermutlich zum Einblick in die Krypta.

Die etwa 1 m breite, zwischen den Chortreppen verbleibende Fläche, gestattete das Herantreten an die o. a. verbliebene, möglicherweise mit einem Gitter versehene Öffnung zum Einblick in die Krypta.

Zu einem späteren Zeitpunkt wurden der Nischenboden durch eine ca. 50 cm hohe Aufmauerung angehoben, vor die Nischenseitenwände die schmalen Wangen eingebaut und der Holzrahmen eingesetzt. Dass dieser nur einem Gitter als Anschlag diente, ist wenig wahrscheinlich. Da die verbleibende Nische schon an einen Wandschrank erinnert, wäre auch ein Verschluss der Nische mit einer zweiflügeligen Tür denkbar.

 

Abb. Ostkrypta mit geplantem, jedoch nicht realisiertem Heiligengrab (Rekonstruktionsvorschlag)

 

Abb. Ostchor (Rekonstruktionsvorschlag)

 

Nach meiner Auffassung unterliegen die bisher in Gernrode tätig gewordenen Bauforscher einem Trugschluss, indem sie eine Reliquie hinter der Westwand als maßgeblich für die Krypta ansahen. Dem ist zu widersprechen. Auch ich hatte in meinen früheren Buchveröffentlichungen die Bestimmung als Reliquienkammer übernommen ohne diese zu hinterfragen. Davon möchte ich jetzt Abstand nehmen.

Zweifellos war der "umgangsbetonte Vierstützenraum" [ROSNER, 302] in der Gernroder Stiftskirche ursprünglich zur Präsentation eines Heiligengrabes (Sarkophag oder Reliquienschrein) konzipiert worden. Der Sarkophag oder auch ein größerer Reliquienschrein sollte jedoch nicht hinter der Westwand zur Aufstellung kommen, sondern vor ihr, im Mittelschiff der Krypta mit dem Kopfende in der Nische der Westwand.

Die zwei Rechteckvorlagen, die die Nische flankieren und die von der Einwölbung der Krypta her keinen Sinn machen, dürften zur Rahmung, d. h. dem gestalterischen Hervorheben, der Nische gedient haben. Die nördliche weist im unteren Teil eine Ausklinkung auf [ROSNER, 303], möglicherweise für eine dort ursprünglich vorgesehene Abschrankung.

Die geplante Präsentation eines Heiligengrabes unterblieb letztendlich. Vermutlich waren zur Zeit der Fertigstellung des Kirchenbaus im 12. Jh. Ganzkörperreliquien nicht mehr erhältlich, die Präsentation aber von einem kleinen Reliquiar in einer Krypta kaum sinnvoll machbar. Einen örtlichen Heiligen, wie etwa Bischof Bernward in der Michaeliskirche in Hildesheim, hatte man in Gernrode einfach nicht. Ähnliche Versuche andernorts, wie die Präsentation des Grabes von Königin Mathilde in der Stiftskirche in Quedlinburg oder des Grabes von Bischof Bernhard im Halberstädter Dom waren offensichtlich wenig erfolgreich gewesen.

So blieb die Krypta in Gernrode "leer". Sie wurde umfunktioniert in einen "normalen" Kultraum, z. B. für Privatmessen. In ihr kam ein Altar zur Aufstellung, der 1149 erstmalig genannt wird, vermutlich der später bezeugte Altar der 11000 Jungfrauen. Die in der Westwand vorhandene Nische wurde zu einer Art Wandschrank umgebaut. Möglicherweise wurde die Einblicköffnung belassen und die Tür in einem Teilbereich dafür durchbrochen ausgeführt.  Der "Wandschrank" diente vielleicht zur Aufbewahrung von liturgischem Gerät und anderen Kultgegenständen, Gewändern, etc.,  damit dieses nicht bei jeder Messe aus der Oberkirche in die Krypta und wieder zurück verbracht werden musste.

Auch in der nahegelegenen, etwa zeitgleichen Wipertikrypta in Quedlinburg ist eine dreischiffige Umgangskrypta erhalten. Dort sind die Seitenschiffe im Osten als Umgang um das Mittelschiff herumgeführt. Auch diese Krypta war ursprünglich ohne Altar. Das Mittelschiff verengt sich nach Osten. Allein die Grundrissform des Mittelschiffs dort legt nahe, dass es ursprünglich zur Aufnahme eines Sarkophags oder größeren Reliquienschrein vorgesehen war. Auch in St. Wiperti kam es nicht zur Aufstellung eines solchen, sicher aus ähnlichen Gründen.

 

Noch etwas zur Gernroder "Armreliquie des hl. Cyriakus". Markgraf Gero soll von einer Romreise den Armknochen des hl. Cyriakus mitgebracht haben, der danach in der Ostkrypta aufbewahrt worden sein soll. Diese Nachricht entstammt der Chronik Thietmars, die ich als Pseudepigraph sehe. Infolge dieser Reliquienübertragung soll der hl. Cyriakus zum Stiftspatron geworden sein. Die ehemaligen Patrone Maria und Petrus wurden damit verdrängt. Der von Thietmar geschilderte Vorgang dürfte komplett erfunden sein. Vermutlich präsentierte man die so genannte "Armreliquie des hl. Cyriakus" im 12. Jh. und veraltete sie, wie den gesamten Kirchenbau, durch die Erzählung Thietmars.

 

 

Literaturverzeichnis:

Bellmann, Fritz (1967): Die Krypta der Königin Mathilde in der Stiftskirche zu Quedlinburg. In: Kunst des Mittelalters in Sachsen. Festschrift für Wolf Schubert, Weimar, 44 – 59

Braun, Joseph (1924): Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung. Band 1: Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik, München

Halle. HDehio, Georg (1976): Der Bezirk andbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Berlin

Erdmann, Wolfgang / Jacobsen, Werner / Kosch, Clemens / von Winterfeld, Dethard (1988): Neue Untersuchungen an der Stiftskirche zu Gernrode. In: Bernwardinische Kunst. Bericht über ein wissenschaftliches Symposium in Hildesheim vom 10.10. bis 13.10.1984, (Schriftenreihe der Kommission für Niedersächsische Bau- und Kunstgeschichte bei der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft, hg. von Martin Gosebruch, Bd. 3) Göttingen, S. 245-285

Heitz, Carol / Roubier, Jean (1982): Gallia praeromanica. Die Kunst der merowingischen, karolingischen und frühromanischen Epoche in Frankreich. Wien/München

Kahsnitz, Rainer / Krause, Hans-Joachim / Leopold, Gerhard / Möller, Roland u. a. (2007): Das Heilige Grab in Gernrode. Bestandsdokumentation und Bestandsforschung. In: Beiträge zur Denkmalkunde in Sachsen-Anhalt, Band 3. Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Berlin

Leopold, Gerhard (1983): Archäologische Forschungen an mittelalterlichen Bauten. In: Denkmale in Sachsen-Anhalt. Weimar, 163-189

Meisegeier, Michael (2016): Frühe Kirchenbauten in Mitteldeutschland. Alternative Rekonstruktionen der Baugeschichten. BoD Norderstedt

 Meisegeier, Michael (2017): Der frühchristliche Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers. Versuch einer Neueinordnung mit Hilfe der HEINSOHN-These. BoD Norderstedt

Möbius, Helga (1976): Die Stiftskirche zu Gernrode. Das christliche Denkmal Heft 68, Berlin

Rosner, Ulrich (1991): Die ottonische Krypta. Köln

von Schönfeld de Reyes, Dagmar (1996): Westwerkprobleme. Zur Bedeutung der Westwerke in der kunsthistorischen Forschung, 81-100

Untermann, Matthias (2006): Architektur im frühen Mittelalter. Darmstadt

Voigtländer, Klaus (1980): Die Stiftskirche zu Gernrode und ihre Restaurierung 1858-1872. Berlin

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 14.05.2018

 

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