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Geschichte des frühen und hohen Mittelalters in Mittel- und Westeuropa (ein Versuch)

Gelingt es mit der HEINSOHN-These, eine glaubwürdige Geschichte Mittel- und Westeuropas im Frühmittelalter darzustellen? Die HEINSOHN-These sieht das Frühmittelalter, das ist im Norden und Nordosten das 8.-10. Jh., parallel mit dem antiken, weströmischen 1.-3. Jh. und parallel mit dem spätantiken 4.-6. Jh. in Byzanz. Aufgrund seiner stratigraphischen Untersuchungen sieht er in allen drei Regionen jeweils am Ende dieser Zeiträume eine zerstörerische Naturkatastrophe, die infolge der Parallelität der drei Zeiträume zwangsläufig zu einer Großkatastrophe verschmelzen.

Die Geschichte in unserem Raum, das ist Mittel- und Westeuropa, ist offensichtlich anders verlaufen als uns die Geschichtsbücher erzählen. Um dem tatsächlichen Geschichtsablauf auf die Spur zu kommen, muss man sich noch einmal mit der Entstehung der traditionellen Chronologie befassen. Der im 16. Jh. erarbeiteten Chronologie lag natürlich die zur damaligen Zeit aktuelle Zeitrechnung nach u. Z. zugrunde, die auch noch heute für uns gültig ist. Diese Zeitrechnung ist jedoch erst deutlich nach der Jahrtausendwende eingeführt worden, d. h. frühere Quellen haben nach anderen Zeitrechnungen bzw. sogar ganz anders datiert. Erstmalig wurde die Inkarnationszählung, d. h. die Zählung ab Christi Geburt, angeblich im 6. Jh. von Dionysius Exiguus vorgeschlagen. BEAUFORT sieht die Einführung der Zählung ab Christi Geburt im 10. Jh. unter Justinian I. und das Liber de paschate von Dionysius Exiguus als ein Werk um die Mitte des 11. Jh. Nach traditioneller Sichtweise verwendet Beda Venerabilis (672-735) erstmalig diese Zählung in seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum. Ich halte Bedas Historia für ein Pseudepigraph viel späterer Zeit, möglicherweise des 16. Jh. Die etablierte Wissenschaft geht noch heute davon aus, dass die von Dionysius Exiguus vorgeschlagene Zeitrechnung mit unserer Zeitrechnung identisch ist.

Entgangen ist den Erstellern der Chronologie, dass mit der durch Dionysius Exiguus vorgenommenen Verschiebung von Christi Geburt gegenüber der Diokletiansära um 284 Jahre in die Vergangenheit  die Geschichte des antiken Roms ebenfalls verschoben wurde. Somit ist heute die Geschichte des antiken Roms und damit ganz Westroms auf der Zeitachse um 284 Jahre gegenüber der Geschichte von Byzanz verschoben. Entgangen ist den Erstellern der Chronologie weiterhin, dass nach der Regierungszeit von Justinian I. eine nochmalige Verschiebung erfolgte, womit letztendlich zwischen der Spätantike Justinians und unserer Zeit eine weitere Phantomzeit von 418 Jahren eingefügt wurde. Durch das Nacheinandereinfügen der an sich parallelen Zeitabschnitte ist in unsere Chronologie insgesamt eine Phantomzeit von ca. 700 Jahren eingefügt worden.

Es kommt noch schlimmer. ARNDT hat in seiner Arbeit "Die wohlstrukturierte Geschichte" ein geschlossenes System der Abfolge der mittelalterlichen Herrscher von 768 bis 1493 aufgedeckt, das belegt, dass die gesamte Geschichte in diesem Zeitraum gefälscht oder - milder ausgedrückt - konstruiert ist. Nach ARNDT ist das System frühestens während der Herrschaft von Karl V. (1520-1556) entworfen oder in wesentlichen Teilen erweitert worden [71]. Während die Herrscherliste der Merowinger zwar offensichtliche Manipulationen aufweist, jedoch zumindest bis 584 evtl. noch einschließlich Dagobert I. (605-639) einen realen Kern erkennen lässt (er schlägt vor, alle Könige mit Namen Chlothar zu streichen), scheinen die Herrscherlisten der Karolinger und der ihnen folgenden Ottonen, Salier und Staufer im Wesentlichen frei konstruiert zu sein. Die Geschichte der Karolinger ist z. B. eine Verdopplung der Merowingergeschichte. ARNDT spricht von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100]. Er sieht die Merowinger und die Karolinger "nach derselben Schablone gestrickt" und betitelt seinen Abschnitt zur Karolingerzeit mit der Frage: "Sind die Karolinger nur ein Double der Merowinger?" [98].

Wie kam es dazu? Während sowohl in Rom als auch in Byzanz das Aufschreiben von Geschichte (Geschichte der römischen Konsulate, Kaisergeschichte, Papstgeschichte etc.) offensichtlich einer antiken Tradition entsprach, gab es diese im Norden und Nordosten nicht. Die Geschichtsleere des Norden und Nordosten wurde ab dem 12. Jh. rückwärts mit größtenteils erfundener Geschichte gefüllt. So entstanden solche "Geschichtswerke" wie die Sachsenchronik des Widukind, die Chronik des Thietmar von Merseburg oder die Gesta Oddonis der Hrotsvith von Gandersheim u. a. für die Geschichte der Ottonen. Sie sind jedoch ausnahmslos Pseudepigraphen. Genauso wurde die Geschichte der Karolinger mit Hilfe fingierter Briefe, Viten, etc. Alkuins und Einhards konstruiert. ARNDT spricht von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100].

Ich erachte die gesamte Geschichte des deutsch-römischen Kaisertums im Früh- und Hochmittelalter, beginnend bei den Karolingern über die Ottonen, Salier,  Staufer und wahrscheinlich auch darüber hinaus für i. W. frei erfunden. Das römisch-deutsche Kaisertum im Früh- und Hochmittelalter hat es m. A. n. nie gegeben. Das heißt natürlich nicht, dass alle Personen, Handlungen, etc. völlig frei erfunden sind. In der mündlichen Überlieferung mag die Erinnerung an einen großen König Karl oder auch einen sächsischen Herrscher Heinrich und/oder Otto durchaus lebendig geblieben sein. So sehe ich sowohl Karl Simplex als auch König Heinrich als reale Personen an. Möglicherweise gab es auch seinen Sohn Otto. Den Karl den Großen und auch den Otto den Großen unserer Geschichtsbücher halte ich dagegen für erfunden. Vielleicht war Karl III., der Einfältige oder Simplex die Vorlage für den Überkaiser Karl den Großen.

Nun sind insbesondere in der Geschichte der römischen Antike, in Byzanz aber auch in der zumindest größtenteils realen Merowingergeschichte zahlreiche Datierungen überliefert, die ich im Prinzip für korrekt halte, die jedoch nicht in unserer aktuellen Zeitrechnung datiert sind, sondern dem antiken weströmischen oder dem byzantinischen Datierungsstrang angehören. Um zum tatsächlichen Geschichtsablauf zu gelangen, ist eine vorherige Bereinigung erforderlich. Wie HEINSOHN belegt, sind nur 300 Jahre des ersten Jahrtausends real. Welche Jahrhunderte zu streichen sind und welche Datierungen zu verschieben sind, ist dem Betrachter freigestellt. Lässt man nur das 8.-10. Jh. in der Chronologie, so wären die antike und spätantike Geschichte zu verschieben. Ich bevorzuge eine andere Betrachtungsweise. Für mich erscheint das Katastrophendatum 238 (Westrom) = 522 (Spätantike bzw. Byzanz) = 940 (Frühmittelalter) als die geeignete Zäsur. Ich möchte die antiken weströmischen Datierungen bis 238 beibehalten und würde die Geschichte im Jahr 940 fortsetzen. Damit behalten die uns geläufigen antiken Datierungen, z. B. die Regierungszeiten der Kaiser Augustus, Tiberius, Caligula etc. und die Datierungen ab dem 10. Jh. Gültigkeit. Natürlich ist es dabei zwingend, die wirklich belegten spätantiken Datierungen in diesen beiden Zeitabschnitten unterzubringen. Da die Merowinger ebenfalls spätantik (byzantinisch) datierten, sind die merowingischen Datierungen wie die spätantiken byzantinischen Datierungen zu korrigieren.
Somit ergibt sich eine recht einfache Verfahrensweise:

  1. Die oströmischen (= spätantiken) und die merowingischen Datierungen bis zum Jahr 522 werden in Richtung Vergangenheit um 284 Jahre verschoben.

  2. Die oströmischen (= spätantiken) und die merowingischen Datierungen ab dem Jahr 522 werden in Richtung unsere Zeit um 418 Jahre verschoben.

Und was ist mit England? Leider ist auch England nach dem Ende der Römer dort geschichtsleer. Es gibt keine glaubwürdige Geschichtsquelle für die nachrömische Zeit. Die berühmte Historia ecclesiastica gentis Anglorum von Beda Venerabilis, die angeblich zum ersten Mal die Jahreszählung nach Christi Geburt verwendet,  ist ein Pseudepigraph zur Schaffung von "Geschichte" in der Phantomzeit Englands. In England wurde also genauso wie im östlichen Frankenreich nachträglich die "Geschichtslücke" mit erfundener Geschichte gefüllt. ARNDT [109ff] weist nach, dass die englische Geschichte bis in das 16. Jh. konstruiert ist. Er verweist auf JOHNSON, der bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. zu dem Schluss kommt, dass die englische Geschichte bis Heinrich VIII. (1491-1547) gefälscht sein muss [ARNDT, 113]. Nach JOHNSON sind alle Schriften, die dieser Zeit zugeordnet werden, wie z. B. die Historia Bedas, im 16. Jh. entstanden.

Die sog. angelsächsischen Kleinkönigreiche, die angeblich vom 5./6. Jh. bis Mitte des 10. Jh. in England geherrscht haben sollen, hat es vermutlich als selbständige Königreiche nie gegeben. "Mitte des 10. Jahrhunderts lösten sich dann die letzten Kleinkönigreiche auf, so dass England sei dieser Zeit endgültig unter einem König vereint war." [ARNDT, 116] Mitte des 10. Jh. endet auch die HEINSOHNsche Phantomzeit, was natürlich keineswegs heißt, dass danach die für England überlieferte Herrschergeschichte stimmt.

 

Das Ende der Römischen Herrschaft in Gallien und Germanien, Karolinger und Merowinger

Das Frankenreich entsteht im Verlauf des 2. Jh. durch die Zurückdrängung der Römer aus Gallien und Germanien. So werden z. B. Trier und Köln 151 bzw. 175 von den Römern endgültig aufgegeben. Als byzantinische Datierungen ergeben sich für die Aufgabe von Trier das Jahr 435 und von Köln das Jahr 459.  Von unserer Zeit aus gesehen, sind diese Ereignisse letztendlich dem 9. Jh. u. Z. zuzuordnen.

Das Ende des Römischen Reichs wird traditionell mit der Absetzung des römischen Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker im Jahr 476 verbunden. Ein Rest des Römischen Reichs existierte in Gallien als sog. Reich des Syagrius weiter. Dieses wird traditionell 486/487 durch Chlodwig, Sohn des Salfranken Childerich I. (gest. 481/482), besiegt, was das endgültige Ende der römischen Herrschaft in Gallien bedeutete. Alle diese Datierungen sind byzantinisch und korrelieren bestens mit den o. a. Datierungen für Trier und Köln. Ursprünglich war HEINSOHN der Auffassung, dass Westrom durch die globale Naturkatastrophe sein Ende fand. Dem ist anscheinend nicht so. Westrom endet bereits im 5. Jh., während die Katastrophe auf 522, d. h. in das 6. Jh. datiert wird. Offensichtlich geht das Weströmische Reich politisch in der Folge der Mark-Aurel-Krise unter. Die römische Kultur wird jedoch durch die Naturkatastrophe beendet.

Mit der byzantinischen Jahresangabe 486/487 (= 904/905 u. Z.) befinden wir uns bereits am Beginn des 10. Jh. u. Z. Zu dieser Zeit sehen wir den Karolinger Karl Simplex (Karl III., der Einfältige) an der Macht. Er soll seit 893/898 alleiniger König des Frankenreichs gewesen sein. Ab 911 tituliert er als Imperator. 922 soll durch die fränkischen Großen Robert von Franzien zum Gegenkönig erhoben worden sein. Robert von Franzien wird jedoch 923 in einer Schlacht gegen Karl getötet. Trotzdem verliert Karl die Schlacht und Rudolf von Burgund wird 923 zum König des Westfrankenreichs erhoben. Karl wird eingesperrt und stirbt 929 in Péronne. (Wikipedia)

Wenn man die kurze Zeitspanne von der römischen Aufgabe Kölns im Jahr 459 bis zur Krönung Karl Simplex 475/480 betrachtet, bleibt kaum Platz für einen großen Karl. Ich denke, dass eben gerade Karl Simplex dieser große Karl war, der bis heute zum Überkaiser aufgebauscht wurde. Diese These hat bereits HEINSOHN in seinem Aufsatz "Karl der Einfältige (898/911-923)" aufgestellt. Heute ist HEINSOHN davon abgerückt. Er erachtet die traditionelle Geschichte der Karolinger für real und sieht den Aufstieg der Karolinger innerhalb des Römischen Reichs ab dem 1. Jh. und Karl den Großen im 2. Jh., etwa um 170. Hier kann ich ihm nicht folgen. Ich halte die Geschichte der Karolinger und insbesondere die Person Karls des Großen für ein Konstrukt des 13. Jh.

Ich leugne keineswegs die Existenz der Karolinger. Sie waren für mich ein rheinfränkisches Adelsgeschlecht, dessen Aufstieg innerhalb des Römischen Reichs erfolgte. Für die Karolinger der traditionellen Geschichte lieferten sie höchstens die Vorlage. Als prominentesten Vertreter der Karolinger sehe ich Karl Simplex, dessen Herrschaftsbereich bei seiner Krönung 893/898 allein auf das Reich der Rheinfranken oder Ripuarier beschränkt war. Das Reich der Salfranken gehörte nach meiner Ansicht nie zum Herrschaftsbereich der Karolinger. Insgesamt waren große Teile Galliens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht unter fränkischer Herrschaft. Das Reich des Syagrius und das westgotische Aquitanien werden erst später durch den Salfranken Chlodwig I. (466 - 511 = 884 - 929 u. Z.) erobert. Das Reich des Syagrius wurde erst 486/487 einverleibt (wie oben bereits angeführt), das Reich der Westgoten bis zu den Pyrenäen erst 507 (= 925 u. Z.), d. h. sogar erst nach Karls Absetzung. Durch die Eroberungen Chlodwigs erlebten die salfränkischen Merowinger einen enormen Aufstieg. Im Jahr 509 (= 927 u. Z.) erobert Chlodwig auch das rheinfränkische Reich, vereinigt die fränkischen Teilreiche und beendet damit die Herrschaft der Karolinger. Die Merowinger regierten bis in das 11. Jh. das Frankenreich.

Nach BEAUFORT kommen entgegen der traditionellen Geschichtsschreibung, die die Merowinger vor den Karolingern einordnet,  im 10. Jh. im Westfrankenreich die Merowinger an die Macht und behalten diese bis ca. Mitte des 11. Jh. inne. Die Karolinger verschwinden in der 1. H. des 10. Jh. für immer.

Merowingerkönige nach BEAUFORT:

  traditionell u. Z.
    Theuderich I. 511 - 533 929 - 951
    Theudebert I. 533 - 547 951 - 965
    Theudebald 547 - 555 965 - 973
    Chlothar I. 511 - 561 929 - 979
    Chilperich I. 561 - 584 979 - 1002
    Chlothar II. 584 - 629 1002 - 1047
    Dagobert I. 629 - 639 1047 - 1057

Nach ARNDT wären Chlothar I. und Chlothar II. zu streichen. Ob diese ersatzlos entfallen, oder durch Herrscher mit anderen Namen zu ersetzen sind, bleibt hier offen. Es gibt dazu keinerlei Hinweise.

 

Die Nachbarn der Franken

Interessant ist ein Blick auf die Karte Mittel- und Westeuropas um 930 u. Z. Die Merowinger herrschten über Austrasien, das ursprüngliche Herrschaftsgebiet der Rhein- und Salfranken, darüber hinaus über Neustrien, das ehemalige Reich des Syagrius, und über das ehemals westgotische Aquitanien. Um 496/497 ( = 914/915 u. Z.) wird das Gebiet der Alemannen (Schwaben) dem fränkischen Reich eingegliedert. Nachbarn sind im Süden Burgund, das 534 (= 952 u. Z.) von den Franken unterworfen wurde, im Osten das Thüringer Königreich, das 531 (= 949 u. Z.) besiegt und teilweise dem Frankenreich einverleibt wurde, und im Norden das Stammesherzogtum Sachsen.
Im Südosten bestand das Stammesherzogtum Bayern, dass 555 (= 973 u. Z.) erwähnt wird. Es soll unter Karl dem Großen dem Frankenreich eingegliedert worden sein, was ich für erfunden erachte. Der Neubeginn des Stammesherzogtums wird ab 907 unter Arnulf I., Herzog von Bayern gesehen. Ich sehe eine kontinuierliche Entwicklung des bayrischen Stammesherzogtums und denke, dass Bayern - wie auch Sachsen - nie zum Frankenreich gehört hat.

Für die ostfränkischen Gebiete waren die Merowinger die weit entfernt im Westfrankenreich (Paris) residierenden Herrscher. Der von den Franken eingesetzte Herzog war von den regionalen Kräften abhängig. Den regionalen Adelsgeschlechtern kam diese Situation vermutlich durchaus gelegen, ergaben sich doch daraus Spielräume für die eigene Herrschaftsausweitung.

 

Zerschlagung des Thüringer Königreichs

Im Jahr 949 (= trad. 531) vernichten die Franken unter der Führung Theuderich I. und Chlothar I. das Thüringer Königreich (nach ARNDT wäre Chlothar I. zu streichen). Eine sächsische Beteiligung an der Vernichtung des Thüringer Königreichs wird z. T. vermutet, jedoch ist der Anteil der Sachsen dabei nicht klar. Von den Franken wird nach der Zerschlagung des Thüringer Königreichs das Thüringer Gebiet nur teilweise besetzt. Aus der traditionellen Geschichte ist bekannt, dass die fränkischen Kontingente nach dem Sieg über die Thüringer wegen einer Erhebung im Frankenreich schnell wieder abgezogen wurden. So wurde das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Thüringer Waldes nur bis zur Saale eingenommen. Zur Sicherung der fränkischen Macht wurde ein Herzog (dux) eingesetzt. Das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Harzes bis zur Elbe schlugen die Sachsen ihrem Herrschaftsgebiet zu. Ob es darüber eine Vereinbarung mit den Sachsen gab oder die Sachsen die Gunst der Stunde nutzten muss hier offen bleiben.

Eine etwas spätere Auseinandersetzung zwischen Franken und Sachsen ist jedoch bei Gregor von Tours zu finden. Im Jahr 555 (= 973 u. Z.) sollen die Sachsen "aufständig" gewesen sein. Daraufhin soll König Chlothar in sächsisches Gebiet eingefallen sein und dieses verwüstet haben. Für 556 wird ein zweiter Sachsenfeldzug geschildert, der jedoch mit einer Niederlage der Franken endete. Widukind erwähnt ohne konkret zu werden einen "Treubruch der Franken". Gab es vielleicht doch ein Bündnis zwischen Franken und Sachsen bei der Vernichtung des Thüringer Königreichs?

Hier einige interessante Datierungen um die Vernichtung des Thüringer Königreichs nach Korrektur der traditionellen Datierungen.

u. Z.

862/882                    Kaiser Marcus Aurelius. Hunnen und Goten bedrängen das Römische Reich (trad. 160-180 = 444-464)

869                            Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (trad. um 451), nach Sidonius Apollinaris (trad. 431-479 = 849-897) mit Beteiligung von Thüringer Kontingenten

923                            Tod König Bisinius – erster gesicherter Herrscher des Thüringerreichs
                                  Söhne: Baderich, Herminafried, Bertachar (trad. 505)

um 936                     Geburt Radegunde (trad. um 518)

944                            Tod Theoderichs (König der Ostgoten), wahrscheinlich Bündnis zwischen Thüringern und Goten (trad. 526)

949                            Vernichtung des Thüringer Königreichs durch die Franken unter der Führung von Theuderich I. (929 – 951 u.Z.) und Chlothar I. (929 – 979 u.Z.) (trad. 531)

952                            Ermordung Herminafrieds in Zülpich, letzter Thüringer König (trad. 534)

958                            Heirat Radegunde mit Chlothar I. (trad. 540)

973/974                    Radegunde gründet in Poitiers ein Frauenkloster (trad. 555/556)

988                            Radegunde erhält von Kaiser Justin II. (983-996 u. Z.) Reliquien des hl. Kreuzes. Das Nonnenkloster erhält den Namen Sainte Croix (trad. 570)

1005                          Tod Radegunde in Poitiers (trad. 587)

kurz nach 1018        Kirche Sainte-Radegonde in Poitiers mit Grab der Radegunde
                                  (trad. kurz nach 600)

um 1028                   Tod Venantius Fortunatus (Bischof von Poitiers und enger
                                  Vertrauter von Radegundis) (trad. 610)

1020                          Tod Kaiser Maurikios in Byzanz (trad. 602 - Ende der justinianischen Dynastie)

1057                          Tod Dagobert I. (639), Sohn von Chlothar II., der letzte wirklich regierende und bedeutende Merowingerherrscher
                                  Im 11. Jh. herrschten im Westfrankenreich:
                                  Austrasien: Theudebert II. 1014-1030 (trad. 596-612)
                                  Neustrien:  Chlothar II. 1002- 1047 (trad. 584-629)
                                  Burgund:    Theuderich II. 1014-1031 (trad. 596-613)
                                  Chlothar II. nach dem Tod von Theudebert II. und Theuderich II. Alleinherrscher. Nach seinem Tod regiert sein Sohn  Dagobert I., gest. 1057 u. Z. (= trad. 639), der letzte wirklich
                                  regierende und bedeutende Merowingerherrscher.

(nach ARNDT wären Chlothar I. und Chlothar II. zu streichen)

 

 

 

Literatur:

Arndt, Mario (2015): Die wohlstrukturierte Geschichte: Eine Analyse der Geschichte Alteuropas

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 17.05.2018

 

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