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Geschichte Mitteldeutschlands - Versuch einer Rekonstruktion

 

Vorbemerkung

Mitteldeutschland, das sind geographisch gesehen die deutschen Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen.

Ich halte die traditionelle Geschichtsdarstellung des frühen und hohen Mittelalters im mitteldeutschen Raum mit der allgemein anerkannten Abfolge Thüringer, Merowinger, Karolinger, Ottonen, Salier und Staufer einfach für falsch.

Ich bin kein Historiker und kann hier keine wissenschaftlichen Kriterien genügende Abhandlung vorlegen. Nein, ich möchte einfach ein alternatives Szenario für die frühe Geschichte Mitteldeutschlands entwerfen, von dem ich glaube, dass es der Wirklichkeit näher kommt als die "gesammelten Märchen" der etablierten Mittelaltergeschichte.

Schon vor etwa 15 Jahren schloss ich mich der Auffassung von Heribert ILLIG an, dass es die Karolinger nie gab, jedoch bot seine These noch keine schlüssige Erklärung für das nachfolgende Mittelalter sowie die Entstehung der Kirche und des Kirchenbaus.

Erst die seit etwa 2013 von Gunnar HEINSOHN in die Diskussion gebrachte These der radikalen Verkürzung des    ersten Jahrtausends auf ca. 300 Jahre lieferte einen erfolgversprechenden Ansatz.

HEINSOHN, der seine These vorwiegend stratigraphisch begründet, sieht die Zeitabschnitte der Jahre 1 - 230 in Westrom und 290 - 520 in Ostrom bzw. Byzanz sowie Anfang 8. Jh. - 930 im Norden und Nordosten zeitgleich. Er sieht jeweils am Ende dieser Zeitabschnitte, d. h.  um 230 in Westrom, um 520 in Byzanz und um 930 im Norden/Nordosten eine größere Naturkatastrophe, die derzeit als drei einzelne Katastrophen erscheinen, die jedoch für ihn eine globale Naturkatastrophe darstellen.

Ein erster Versuch der Veröffentlichung seines Buches "Wie viele Jahre hat das erste Jahrtausend?" im Jahr 2013 hat mangels Verleger leider nicht den Buchhandel erreicht.

HEINSOHN formuliert (Stand 12.02.2015):

"Antike, Spätantike und Frühmittelalter verlaufen stratigraphisch gleichzeitig als regional unterschiedliche Aspekte der gut 230 Jahre währenden Periode der Römischen Kaiserzeit. Antike, Spätantike und Frühmittelalter gehen deshalb im frühen 10. Jh. gemeinsam direkt über in die archäologischen Schichten des Hochmittelalters, das sich vom Vorhergehenden deshalb so tiefgreifend unterscheidet, weil eine Mega-Katastrophe - mit textlichen Belegen und/oder archäologischen Befunden für alle drei Regionen - die römische Zivilisation ausgelöscht und die Primitivismen am Beginn des Hochmittelalters bewirkt hat.
Während für Antike und Spätantike viele Passagen der historischen Erzählungen aus den gleichzeitigen Blöcken "1-230er" und "290-520er" dieselben Vorgänge oftmals 1:1 beschreiben ..., können die für 700-930 in den Lehrbüchern stehenden Erzählungen n i c h t  wie eine deckungsgleiche Folie über die 1-230er=290er-520er Erzählungen gelegt werden. Was für ca. 520 bis ca. 930 in den  Lehrbüchern steht, enthält zwar ebenfalls Wiederholungen von Stoffen aus dem 1-230er=290er-520er Material. Die aber fügen sich nur partiell derselben chronologischen Taktung. Für das 520er-930er Material ist also noch am meisten Zuordnungsarbeit zum jeweiligen Primärstoff zu leisten."

Kurz gesagt bedeutet das, dass sich an die ca. 230 Jahre währende römische Kaiserzeit unmittelbar das Hochmittelalter anschließt und dass Spätantike und Frühmittelalter parallel,   d. h. zeitgleich mit der Kaiserzeit sind. Die in unserer Chronologie enthaltene Ereignisgeschichte zwischen 230 und 930 gehört danach in die Zeit von 0-230. Ab 230 schließt sich die Ereignisgeschichte von 930 bis heute an, was auch bedeutet, dass das Jahr 230 gleich dem Jahr 930 ist. Damit verkürzt sich das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung auf ca. 300 Jahre, was gleichzeitig bedeutet, dass in unserer Chronologie ca. 700 überzählige Jahre enthalten sind.

HEINSOHN gibt auf der Webseite "www.q-mag.org/gunnar-heinsohns-latest.html" unter dem Artikel "The Creation of the First Millenium" eine Kurzvorstellung seiner Hauptthesen.

Weiterhin ist eine 70-seitige englische Kurzfassung des rund 700-seitigen deutschen Manuskriptblocks von WIE LANGE WÄHRTE DAS ERSTE JAHRTAUSEND? unter http://www.q-mag.org/gunnar-heinsohn-the-stratigraphy-of-rome-benchmark-for-the-chronology-of-the-first-millennium-ce.html zu finden.

Jan BEAUFORT, der HEINSOHNs These im Prinzip folgt, sieht in der Chronologie des ersten Jahrtausend drei isolierte, zeitversetzte Datierungsstränge, einen antiken, einen spätantiken und einen frühmittelalterlichen, welche in unserer Chronologie fälschlich nacheinander angeordnet worden sind, die sich aber in Wirklichkeit zum großen Teil überlappen. Der frühmittelalterliche Datierungsstrang setzte sich nach 930 ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart fort. Er ist die heute gebräuchlichen Datierung nach unserer Zeit.

Natürlich sind die drei Datierungsstränge nur eine Hilfskonstruktion zum besseren Verständnis. Die von HEINSOHN definierten Blöcke, weströmische Antike, Spätantike und Frühmittelalter, datierten natürlich nicht nach Christi Geburt. Erst mit der Einbindung in die Chronologie im 16. Jh. erhielten diese ursprünglich unabhängig voneinander existierenden Folgen der Ereignisgeschichte ihre Datierung nach Christi Geburt.

Das Bild der drei Datierungsstränge erlaubt eine bessere Handhabbarkeit, weshalb ich dieses im Folgenden weiter verwende.

Als Zeitversatz zwischen der antiken und der spätantiken Datierung schlägt BEAUFORT 284 Jahre vor, zwischen der spätantiken und frühmittelalterlichen Datierung, also der aktuellen Zeitrechnung 418 Jahre. Die Katastrophe hätte antik um 238, spätantik um 522 und nach u. Z. um 940 stattgefunden. BEAUFORT sieht zwei von Byzanz ausgegangene Aktionen, die für die Zeitversätze verantwortlich zeichnen. Eine erste durch Justinian I. initiiert, wodurch die weströmische Antike um 284 Jahre in die Vergangenheit geschoben wurde. In einer zweiten Aktion, im 11. Jh. durch Michael Psellos und Konstantin IX. veranlasst, wurde die Spätantike mit Justinian einschließlich der vorherigen Geschichte noch einmal um 418 Jahre verschoben.  Erstere hängt möglicherweise mit der Inkarnationszählung des Dionysius Exiguus zusammen, d. h. der Zählung nach Christi Geburt, welche Justinian I. einführte. Durch diese beiden Aktionen wurde die Antike gegenüber der aktuellen Zeitrechnung um insgesamt 702 Jahre veraltet.

Nach Mittel- und Westeuropa kam die erste Verschiebung infolge der unmittelbaren Übernahme durch die Merowinger, die bis zum Ende ihrer Herrschaft ausnahmslos spätantik datierten.

Die zweite Verschiebung kam m. E. erst mit den Kreuzzügen nach Europa, also frühestens im 12. Jh., und wurde vermutlich in der Folgezeit sukzessive übernommen.

An der Peterskirche in Erfurt gibt es eine in die Außenwand eingemeißelte Pestinschrift mit einer A.D.-Datierung 1382. Diese A.D.-Datierung dürfte eine originale A.D.-Datierung sein. Eine heute verschwundene Altarweiheinschrift in der ehemaligen Erfurter Peterskirche besaß die A.D.-Datierung 1351. Woanders kann es durchaus noch ältere originale A.D.-Datierungen geben.

In der Andreaskirche in Verden existiert die Grabplatte des Iso von Wölpes mit einer A.D.-Inschrift 1231 (Selbstverständlich kann die Grabplatte auch viel später gefertigt worden sein).

Der Vatikan datierte regelmäßig erst ab 1431 Urkunden "nach Christi Geburt" [ILLIG]. Die späte Übernahme durch Rom könnte an der Abneigung Roms gegenüber dieser oströmischen Datierung liegen. Letztendlich kam man jedoch nicht umhin, diese ebenfalls zu verwenden, wenn auch nach langem Zögern.

Die in Schriftzeugnissen, welche traditionell vor dem 12. Jh. bis weit in das 12. Jh. hinein datiert sind, auftauchenden A.D.-Datierungen sind bestenfalls Rückrechnungen, also keine originalen Datierungen.

Stellenweise kam es durch die Fortführung der spätantiken Datierung zu einer Überschneidung mit der Datierung nach   u. Z. (A. D.), wobei die traditionelle Forschung auch die spätantike Datierung als A.D.-Datierung missverstand bzw. noch missversteht.

Mit der Übernahme der zweiten Verschiebung rückten z. B. die Merowinger in eine ca. vier Jahrhunderte weiter zurückliegende Zeit.

Um zum tatsächlichen Geschichtsablauf zu gelangen, sind die Versätze der Datierungsstränge rückgängig zu machen. Es sind also ca. 700 Jahre im ersten Jahrtausend zu streichen, da die Chronologie nur 300 Realjahre enthält. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Lässt man nur das 8.-10. Jh. in der Chronologie, so wären die antike und spätantike Geschichte in diese Zeit zu verschieben. Diese Variante wird von HEINSOHN präferiert. Ich bevorzuge eine andere Betrachtungsweise. Für mich erscheint das Jahr der Katastrophe 238 (Westrom) = 522 (Spätantike bzw. Byzanz) = 940 (Frühmittelalter) als die geeignete Zäsur. Ich möchte die antiken weströmischen Datierungen bis 238 beibehalten und würde die Geschichte im Jahr 940 fortsetzen. Damit behalten die uns geläufigen antiken Datierungen, z. B. die Regierungszeiten der Kaiser Augustus, Tiberius, Caligula etc. und die Datierungen ab dem 10. Jh. Gültigkeit. Die spätantike Realgeschichte vor 522 ist dann vor 238, die nach 522 ab 940 einzuordnen. Die spätantiken Datierungen vor 522 sind um     -284 Jahre, die nach 522 um +418 Jahre zu korrigieren. Da die Merowinger ebenfalls spätantik (byzantinisch) datiert sind, müssen sie wie die spätantiken / byzantinischen Datierungen korrigiert werden. Wie weit die zu korrigierenden spätantiken Datierungen in die Vergangenheit reichen befindet sich noch in der Diskussion, ist aber für das vorliegende Thema nicht von Belang.

Während ich HEINSOHNs These zwar prinzipiell für zutreffend erachte, kann ich ihm bei seiner Interpretation des Frühmittelalters und des anschließenden Hochmittelalters nicht folgen. Er sieht die überlieferte Ereignisgeschichte von 700 bis 930, d. h. i. W. die Karolinger und frühen Ottonen in der Antike (0-230). Wenn auch außerhalb seiner These, hält er die überlieferte Ereignisgeschichte ab 930 (Ottonen, Salier und Staufer) für i. W. zutreffend.

Die Lösung des Problems um das frühe und hohe Mittelalter bot für mich die Analyse der Geschichte Alteuropas von ARNDT, der in seinem Buch "Die wohlstrukturierte Geschichte" m. E. überzeugend nachweist, dass die gesamte traditionelle Geschichte Europas und darüber hinaus konstruiert ist. ARNDT sieht insgesamt in der Zeit von 768 bis 1493 ein geschlossenes System, das während der Herrschaft Karl V. (1520-1556) "entworfen wurde, oder zumindest in wesentlichen Teilen erweitert wurde" [71f]. Das Konstrukt des Mittelalters umfasst nach ARNDT jedoch nicht nur die Geschichte Deutschlands, sondern auch die Frankreichs, Englands, Spaniens, Russlands sowie die Ost- und Nordeuropas, sogar die römische Antike und Byzanz. Anscheinend ist die gesamte uns vertraute Geschichte der sog. Alten Welt konstruiert. Die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit ist letztendlich nicht mehr auszumachen.

Da doch zahlreiche, angeblich zeitgenössische Schriftquellen wie Chroniken, Urkunden, etc. bekannt sind, welche die traditionelle Ereignisgeschichte bestätigen, muss es dafür eine nachvollziehbare Erklärung geben.

Eine solche sehe ich in der von mir formulierten, nachstehenden These:

Es gibt keine zeitgenössischen Schriftquellen zwischen ca. 600 und dem 12. Jh. Alle Schriftquellen, wie Chroniken, Urkunden, etc., die unseren mitteleuropäischen Bereich betreffen und von denen die Forschung ausgeht, dass sie im Zeitraum von ca. 600 bis dem    12. Jh. verfasst sind, sind im Wesentlichen Fälschungen ab dem 12. Jh., also nachträglich verfasst und rückdatiert. Der Fälschungsumfang dürfte auch noch die meisten Quellen des 12. Jh. betreffen und möglicherweise noch darüber hinaus. Betroffen sind auf jeden Fall alle karolingischen und alle ottonischen Quellen, aber eben auch die dem 11. Jh. zugeschriebenen Quellen sowie auch spätere. D. h., dass ich alle auf uns überkommenen, sogenannten zeitgenössischen Schriftquellen des frühen und hohen Mittelalters für Pseudepigraphen, d. h. Falschzuschreibungen, oder Fälschungen halte.

 

Die Zeit um 600, korrigiert um 1018, sehe ich als Grenze, da um 600 die antike Geschichtsschreibung im Westen als auch im Osten endete [ARNDT, 94]. Diese war eine antike Tradition, die mit dem Ende der Spätantike ebenfalls endete. In weiten Teilen Mitteleuropas, natürlich besonders im Osten, gab es diese antike Tradition nie. Einer der letzten, noch in der Tradition der Antike verhafteten Historiographen ist Gregor von Tours, dem wir die "Geschichte der Franken" verdanken, auch wenn in der modernen Forschung Gregors Glaubwürdigkeit umstritten ist. Nach Wikipedia sind seine Decem libri historiarum eine christliche Universalgeschichte in spätantiker Tradition.. Mit Gregor von Tours endet jedoch die "verlässliche Geschichtsschreibung". Gregor starb vermutlich im Jahr 594, das ist korrigiert das Jahr 1012.

Die völlige Abwesenheit von Schriftquellen in dem o. a. Zeitraum ist mit der verlorengegangenen Schriftkultur im Bereich des ehemaligen Weströmischen Reichs nach dessen Zusammenbruch zu erklären. Wie kam es zum Verlust der Schriftkultur?

In der antiken Gesellschaft war die Verwendung der Schrift in allen Lebensbereichen verbreitet. Die hohe Spezialisierung und Arbeitsteilung der römischen Wirtschaft machte insbesondere auch in der Wirtschaft die Schriftform unerlässlich.

Die Einfälle der germanischen Völker im 2. Jh. führten zu einer zunehmenden Störung und zum Niedergang der antiken Wirtschaft. Spätestens seit Mitte des 2. Jh. dürfte durch die Beeinträchtigung bzw. sogar Zerstörung der römischen Infrastruktur die römische Produktionsweise und damit die römische Lebensweise größeren Schaden genommen haben.

Mit dem Niedergang aller Bereiche des römischen Lebens ging auch die Verwendung der Schrift zurück.

Davon waren sicher die vom Zentrum entfernteren Gebiete wie Gallien, Germanien, Britannien noch stärker betroffen als das Zentrum selbst.

WARD-PERKINS vermerkt zu Britannien: "Es gibt einen allgemeinen Konsens, dass die komplexe Wirtschaft des römischen Britanniens bemerkenswert schnell und bemerkenswert früh verschwand." [129] Weiter unten:           "... Britannien kehrte zu einem Niveau wirtschaftlicher Einfachheit ähnlich dem der Bronzezeit zurück, ohne Münzprägung, nur mit handgeformten Tongefäßen und Gebäuden aus Holz." [ebd., 131]

"Der Untergang des komplexen Systems in Britannien im frühen 5. Jahrhundert muss sicher in engem Zusammenhang mit dem Rückzug der römischen Macht aus der Provinz gestanden haben." [ebd., 135]

Es gibt keine Veranlassung anzunehmen, dass die Auswirkungen des etwas später erfolgten Rückzugs der Römer aus Gallien und Germanien milder ausfielen.

Mit dem Abzug der Römer aus Gallien und Germanien und der Machtübernahme durch die Franken im 2. Jh./Anfang des 3. Jh. ging die Verwendung der Schriftform vermutlich auf null zurück. Für wirtschaftliche und andere Rechtsgeschäfte  oder gar für künstlerische oder historiographische Schriften war weder Raum noch Bedarf. Die Beziehungen untereinander waren jetzt durch ein Abhängigkeitsverhältnis geprägt. Für Vereinbarungen mit Abhängigen war die Schriftform nicht erforderlich.

Der mehrere Generationen andauernder Nichtgebrauch der Schrift führte unweigerlich zum Verlust der Schriftkultur.

Ob die merowingische Administration für einzelne Verwaltungsakte noch die Schriftform verwendet hat ist nicht eindeutig geklärt. "Von den merowingischen Königen ... sind 196 Urkunden überliefert, davon 38 im Original. Doch zwei Drittel aller dieser Texte bekräftigen oder verkünden Besitz- oder Privilegienansprüche, die nicht gerechtfertigt sind. Es handelt sich um Fälschungen, die etwa 400 Jahre nach dieser Herrscher-Dynastie entstanden sind, um angebliche Besitzrechte zu behaupten. Dies hat jetzt der Bonner Historiker Theo Kölzer in einer fast 1000-seitigen kommentierten Quellen-Edition belegt. ... entdeckte er die geschickten Fälschungen, die etwa aus dem 12. Jahrhundert stammten ... hat mit der Verwaltungssituation zur Zeit der Merowinger zu tun. Während die römische Spätantike noch einen ausgeprägten Behördenapparat kannte, der die Rechtstitel des Einzelnen aktenkundig machte und schützte, mussten zur Zeit der Merowinger die Begünstigten ihre Urkunden selbst aufbewahren. ... „Seit dem 12. Jahrhundert war ohne besiegelte Urkunde nichts zu machen“, sagt Kölzer. So griffen die Betroffenen häufig selbst zu Feder und Pergament." [https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/zwei-drittel-der-merowinger-urkunden-sind-faelschungen/]

Da die Hauptresidenz der Merowinger in Paris war, waren die übrigen Gebiete mehr oder weniger entfernte Provinz. Das dürfte auch für mögliche Verwaltungsakte gegolten haben.

Nach dem Ende der Merowinger um 640, korrigiert um 1060, konnte sich im östlichen Reichsteil Austrasien wie vermutlich im gesamten Merowingerreich keine Zentralgewalt mehr etablieren. Der Ausfall der Zentralgewalt dürfte den Rückgang der Verwendung der Schriftform noch weiter befördert haben. Es ist traditionell bekannt, dass der europäische Adel im Hochmittelalter fast durchgängig des Lesens und Schreibens unkundig war, viel weniger konnte natürlich das gemeine Volk lesen und schreiben.

Erst ab dem 12. Jh. dürfte der Gebrauch der Schrift langsam wieder Einzug in das gesellschaftliche Leben gehalten haben. Die im 11./12. Jh. gegründeten Klöster betrieben Scriptorien, in denen zunächst Schriften für den religiösen Gebrauch erstellt wurden, für die ein großer Bedarf bestand, später sicher auch nichtreligiöse Schriften.

Frühestens ab dem fortgeschrittenen 12. Jh. begann man Geschichte rückwirkend zu erschaffen.

Den sozialgeschichtlichen Hintergrund für den zunehmenden Gebrauch der Schrift im Alltag sehe ich im Aufkommen des freien Städtebürgertums im 11. Jh., die wachsende Arbeitsteilung im Produktionsprozess, die Veränderung von dessen Rechtstellung und dessen wirtschaftlicher Erfolg. Die wirtschaftliche Tätigkeit des freien Städtebürgertums machte das Abfassen von Schriftstücken, z. B. für Verträge, zunehmend notwendig. Der unausbleibliche Austausch mit dem Feudaladel zwang diesen damit ebenfalls zur Schriftlichkeit, z. B. zum schriftlichen Nachweis seiner Rechte und Besitzansprüche.

Für die damaligen Autoren stammten die letzten  bekannten Schriftzeugnisse aus der Merowingerzeit, die vom 12. Jh. aus gesehen scheinbar ca. 500 Jahre zurücklag. Die zweite Verschiebung der Zeitrechnung war in der Erinnerung nicht präsent, somit auch nicht, dass die Merowingerzeit, ebenfalls vom 12. Jh. aus gesehen, nur ca. 100 Jahre zurück lag, das sind ca. vier Generationen.

Um den Anschluss an die Merowingerzeit des 5.-7. Jh. herzustellen, war Geschichte zu kreieren, d. h. zu erfinden. In diesem Zusammenhang musste der Adel auch seine Herkunft, d. h. die Genealogie, glaubhaft machen. Es ergab sich damit ein weites Feld für phantasievolle Erfindungen.

Da die entsprechenden schriftlichen Nachweise nicht vorlagen, kam es in der Folgezeit zu einem massenhaften Fälschen von Urkunden und anderen Dokumenten, i. d. R. zum Nachweis von Besitz und alten Rechten. Sowohl die Urkunden als auch die Genealogie benötigten zur Glaubhaftmachung, d. h. zur Vermeidung offensichtlicher Widersprüche, einen historischen Rahmen, also eine Rahmenerzählung, an die alle bei Bedarf anknüpfen konnten und die in der Nachfolgezeit zur vermeintlichen Ereignisgeschichte wurde. Dafür erfand man das Format der Weltchroniken, welche z. T. rückdatiert und damit zu Pseudepigraphen wurden, um eine frühere Entstehung glaubhaft zu machen.

 

Die Katastrophe von 238 (= 522 = 940)

Kontrovers diskutiert wird noch die Art der globalen Naturkatastrophe, da es für sie scheinbar keine archäologische Belege gibt.

Vermutlich handelte es sich um eine überregionale Überschwemmungskatastrophe riesigen Ausmaßes, die die vorwiegend an Flussläufen gelegenen Städte und Siedlungen zerstört hat. Verursacht wurde die Überschwemmungs-katastrophe möglicherweise durch einen oder mehrere Vulkanausbrüche (z. B. des Ilopango, El Salvador, 450/545 und/oder des Katla, Island, 939/40).

WARD-PERKINS [140] verweist auf einen möglichen Asteroideneinschlag 536/37, der die Sonne für über ein Jahr verdunkelt haben soll.

In einer riesigen Überschwemmungskatastrophe sehe ich eine schlüssige Erklärung, wie es zur fast vollständigen Zerstörung der römischen Städte und Siedlungen in Germanien kam. Ich denke hier an Köln, Mainz, Trier, Aachen u.a.

Oder in Italien. Wie kam das antike Rom unter eine meterdicke Schlammschicht? Die Zerstörung des antiken Aquileia? Oder das antike Londinium in Britannien?

Meines Wissens wurden an zahlreichen Ausgrabungsstätten zwar Belege von katastrophischen Zerstörungen, z. B. infolge von Überschwemmungen, gefunden, jedoch der Schluss, dass diese von einer großen, überregionalen Katastrophe stammen könnten, konnte von den Archäologen bisher nicht gezogen werden. Sie versuchen i. d. R. eine Zuordnung zu einer aus den Schriftquellen bekannten Katastrophe, wie letztens in Erfurt an der Karthäusermühle, wo eine Überschwemmungs-schicht auf einer kaiserzeitlichen Schicht vom Magdalenenhochwasser von 1342 stammen soll (Die fehlenden Schichten zwischen Kaiserzeit und dem 14. Jh. sollen weggeschwemmt worden sein).

Möglicherweise gibt es doch Indizien. In dem Artikel "Erfurts Wurzeln existieren bisher nur auf dem Papier" in der Thüringer Allgemeine vom 29.03.2014 habe ich eine interessante Aussage gefunden: "»Vom Ende der römischen Kaiserzeit im 4. Jahrhundert bis etwa zum 10. Jahrhundert gibt es aus ganz Erfurt keine Siedlungsspur« sagt Karin Sczech, die Referentin des Landesamtes für Archäologie. Ältere Zeiten sind im Fundmaterial gut repräsentiert. ... Erst aus dem 9. und 10. Jahrhundert stießen Archäologen bei Grabungen wieder auf Spuren, die etwa von Häusern aus dieser Zeit stammten, doch wurden sie nicht dort fündig, wo man es am ehesten erwartet hätte. »Die meisten Fundorte liegen außerhalb des Gerabogens«, sagt Karin Sczech." (Die Gera ist ein Fluss, der durch Erfurt fließt)

Haben die Überlebenden der Katastrophe das Geratal zunächst gemieden? Erst im 11./12. Jh. wurde wieder in der Geraaue gebaut. Da war die Katastrophe vielleicht schon in Vergessenheit geraten.

Darüber hinaus ist das Statement der Erfurter Archäologin vielleicht eine Bestätigung der 700jährigen Phantomzeit, was von ihr jedoch vehement bestritten wird. (Antwort auf eine Mail: Sie hätten nur noch (!) nichts gefunden)

Vielleicht ein weiteres Indiz für die ca. 700jährige Phantomzeit:

"Nach den im Bereich des Quedlinburger Schlossbergs geborgenen Funden, unter denen keine vor dem 10. Jahrhundert gefertigte mittelalterliche Ware entdeckt werden konnte, war dieser zwischen der römischen Kaiserzeit und dem 10. Jahrhundert offenbar nicht besiedelt." [LEOPOLD 2010, 15]

Auch in Mainz gibt es für eine mögliche Katastrophe Hinweise, sofern man diese zur Kenntnis nehmen will. Der Leiter der Ausgrabungen in St. Johannis, Mainz, Herrn Dr. KNÖCHLEIN am 13.09.2015 in einem persönlichen Gespräch: "Vermutlich im 4. Jh. gab es ein Ereignis, wonach die gesamte römische Bebauung eingeebnet wurde".

Dass die Schriftquellen über die Katastrophe nicht berichten, erklärt sich damit, dass die hier angesprochene Katastrophe zurückreicht in eine quellenlose bzw. quellenarme Zeit, aus der auch sonst so gut wie keine Schriftquellen vorliegen.

Die Katastrophe ist nicht für das Ende Westroms verantwortlich zu machen. Westrom war schon Jahrzehnte vor der Katastrophe politisch untergegangen. Der Niedergang der römischen Wirtschaft und Kultur begann dagegen schon viel früher.

Die Katastrohe hat nur die noch stehenden Reste an Gebäuden etc. weitestgehend ausgelöscht.

 

West- und Mitteleuropa bis zur Katastrophe im Jahr 238

Bevor die Römer Westeuropa und den westlichen Teil Mitteleuropas eroberten, besiedelten keltische Stämme den Großteil dieses Gebietes (Latène-Kultur). "Archäologisch reichte die weiteste Ausbreitung der materiellen keltischen Kultur von Südostengland, Frankreich und Nordspanien im Westen bis nach Westungarn, Slowenien und Nordkroatien im Osten; von Oberitalien im Süden bis zum nördlichen Rand der deutschen Mittelgebirge. ... Nördlich des keltischen Einflussgebietes waren germanische Stämme ansässig" (Wikipedia)

Ab dem 2. Jh. v. Chr. wurde Westeuropa einschließlich Britannien von den Römern eingenommen. Die Grenze des Römischen Reichs zu Germanien bildeten im Prinzip die Flüsse Rhein und Donau. Dort und westlich entstanden die bekannten Römerstädte wie Köln (19 v. Chr.), Mainz (13/12 v. Chr.), Trier (16 v. Chr.) u. a. Der Limes diente der Sicherung des Vorfelds. Römische Vorstöße in das rechtsrheinische Gebiet, möglicherweise sogar bis zur Elbe, waren nur temporär. Das ist bekannte Geschichte. Die Datierungen gehören dem antiken Datierungsstrang an und bleiben erhalten.

Nach der traditionellen Geschichte endet die römische Herrschaft in Gallien und Germanien erst im 4./5. Jh. infolge der Germaneneinfälle in das Reich. Die Zeit des 4./5. Jh. bis in das 8. Jh. wird gemeinhin als Völkerwanderungszeit bezeichnet.

Mit der HEINSOHN-These ist diese Sichtweise zu revidieren, da diese Datierungen dem spätantiken Datierungsstrang zugehören und korrigiert dem 1./2. Jh. zuzuordnen sind. Damit verringert sich die Dauer der römischen Besetzung Galliens und Germaniens um 284 Jahre, also fast um drei Jahrhunderte.

Nach der Korrektur der Datierung ergibt sich das möglicherweise richtige Szenario:

Schon um 410, korrigiert 126, d. h. schon in der 1. Hälfte des 2. Jh. zogen die Römer ihre Truppen aus dem heutigen England ab. Zum Schutz der römischen Bevölkerung wurden Sachsen und Angeln als foederati ins Land gerufen.

Als letzte Sicherungsmaßnahme vor ihrem Abzug errichteten die Römer noch den sog. Hadrianswall.

Die Sachsen und Angeln begründeten wohl bald eigene kleinere Herrschaftszentren, möglicherweise die aus der traditionellen Geschichtsschreibung bekannten angelsächsischen Kleinkönigreiche (Essex, Sussex, Wessex, Kent, East Anglia, Mercia, Northumbria). In diese Zeit dürfte der bekannte angelsächsische Herrscher Offa von Mercia gehören. Ob sie wirklich eigenständige Königreiche waren, ist anzuzweifeln. Ich halte diese Königreiche dem mittelalterlichen Konstrukt zugehörig und sehe in ihnen eher Herrschaftsgebiete lokaler Adelsgeschlechter. Oberste Lehnsherren in diesen Territorien dürften die im hohen englischen Mittelalter traditionell bekannten sog. Barone (Freiherrn?) gewesen sein.

Auf dem Kontinent erfolgte etwa ab Mitte des 2. Jh. der sukzessive Abzug der Römer aus Gallien und Germanien. Die überlieferten traditionellen Datierungen für die endgültige Aufgabe von Köln um 455 und von Trier um 475 entsprechen korrigiert den Jahren 171 bzw. 191. Die neuen Herrscher waren in beiden Fällen Franken oder genauer Rheinfranken.

Das Ende des Weströmischen Reichs wird traditionell mit der Absetzung des römischen Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker im Jahr 476 verbunden, das korrigiert in die antike Datierung dem Jahr 192 entspricht. Ein Rest dieses Reiches existierte in Gallien als sog. Reich des Syagrius weiter. Dieses wird traditionell 486/487, korrigiert 202/203, durch Chlodwig (trad. 466 - 511 = korrigiert 182 - 227) besiegt, was das endgültige Ende der römischen Herrschaft in Gallien bedeutete.

Doch das Ende des westlichen Teils des Römischen Reichs wurde viel früher eingeläutet. Die Einfälle der sog. Barbaren (Westgoten, Vandalen, etc.) im 2. Jh. hatten sukzessive zur weitgehenden Zerstörung der antiken Wirtschaft und letztendlich zum Niedergang des ursprünglich relativ perfekt funktionierenden Gemeinwesens geführt. Die Komplexität und die Spezialisierung der antiken Wirtschaft hat diese verletzlich gegen Störungen gemacht. Die antike Wirtschaft war auf eine reibungslos funktionierende Infrastruktur angewiesen, die jedoch durch die Germaneneinfälle nachhaltig gestört war. Siehe hierzu [WARD-PERKINS, 113ff].

Die schon durch die Einfälle der germanischen Stämme eingeläutete Krise Westroms, auch als Marc-Aurel-Krise bezeichnet,  wurde zusätzlich von einer Pandemie begleitet, die sog. Antoninische Pest 165-180/90, die das gesamte Römische Reich heimsuchte und der vermutlich auch Kaiser Marc Aurel selbst zum Opfer fiel.

Der Niedergang Westroms ging offenbar einher mit einer dramatischen Abnahme der Bevölkerung. "In vielen Fällen ist der offensichtliche Niedergang erschreckend: von einer römischen Landschaft, die dicht besiedelt und kultiviert war, zu einer nachrömischen Welt, die nur sehr verstreut bewohnt zu sein scheint." [ebd., 147f] WARD-PERKINS ist diesbezüglich etwas vorsichtig - mit Verweis auf die Verwendung vergänglichen Materials - und möchte aufgrund des "scheinbaren Mangels an nachrömischen Stätten" noch nicht von "einem verheerenden Bevölkerungseinbruch in nachrömischer Zeit" sprechen [ebd., 149].

Möglicherweise waren auch Abertausende, vor allem in den Städten, einfach verhungert, weil sie selbst ihre Grundbedürfnisse wie die Nahrungsbeschaffung nicht mehr befriedigen konnten.

Die Zerstörung des Römischen Reichs war von den Invasoren nicht beabsichtigt. "Die Invasoren drangen in das Römische Reich mit dem Wunsch ein, an seinem hohen Lebensstandard teilzuhaben, nicht, es zu zerstören. ... Aber obwohl die germanischen Völker es nicht beabsichtigten, waren ihre Invasionen, die Störungen, die diese verursachten, und das sich daraus ergebende Auseinanderbrechen des römischen Staates unzweifelhaft der Hauptgrund für den Untergang der römischen Wirtschaft." [ebd., 141]

Nach dieser vorausgegangenen Schwächung der wirtschaftlichen Macht des Reiches war die nachfolgende Beseitigung der politischen Macht kein so einschneidendes Ereignis mehr.

Die antiken Bauten dürften schon damals nur notdürftig instand gehalten worden sein. Die neuen Machthaber waren nicht annähernd in der Lage, den erreichten Stand der Technik wieder herzustellen.

Die globale Naturkatastrophe um 238 beseitigte dann weitgehend nur die noch stehenden Reste der antiken Bauwerke.

"Die nachrömische Welt kehrte zu einem Niveau wirtschaftlicher Einfachheit zurück, das sogar niedriger war als das unmittelbar vorrömischer Zeit, mit wenig Bewegung von Gütern, armseligen Wohnstätten und nur elementarsten gewerblichen Erzeugnissen." [ebd., 144]

Der östliche Reichsteil war von den Einfällen der germanischen Völker und von der Naturkatastrophe weniger betroffen und überlebte wirtschaftlich als auch politisch. Verschont blieb es offenbar nicht. "Großstädte wie Korinth, Athen, Ephesos und Aphrodisias, welche die Region schon lange vor der Ankunft der Römer beherrscht hatten, schrumpften auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe - die jüngsten Ausgrabungen in Aphrodisias legen nahe, das der größere Teil der Stadt im frühen 7. Jahrhundert zu einer verlassenen Geisterstadt wurde, die nur von ihren Marmorstatuen bevölkert war." [ebd., 131]

"Aber sogar Konstantinopel schrumpfte dramatisch sowohl an Reichtum als auch an Bevölkerung, nachdem es in den Jahren um 500 n. Chr. (korrigiert um 216 - MM) ein florierendes Zentrum mit etwa einer halben Million Einwohnern gewesen war." [ebd., 133]

Mitteldeutschland selbst war nie römisches Gebiet. Es war und blieb auch während der römischen Besetzung des Westens Siedlungsgebiet germanischer bzw. südlich der Mittelgebirge keltischer Stämme.

 

Die Kirche

Nach BEAUFORT erhebt Kaiser Justinian I. (trad. 527-565) den Katholizismus zur Reichsreligion und begründet die Reichskirche. Der Katholizismus war damals eine von mehreren nebeneinander existierenden christlichen Glaubensgemeinschaften. Die korrigierten Herrscherdaten von Justinian I. sind 945-983, d. h. er herrschte im späten 10. Jh. Alle anderen christlichen Glaubensrichtungen erklärte Justinian danach für ketzerisch bzw. arianisch.

Im Prinzip gleichzeitig übernahmen sowohl das Frankenreich als auch Sachsen den Katholizismus als verbindliche Religion für ihre Herrschaftsgebiete und begründeten ihre ursprünglich vermutlich eigenständigen Landeskirchen. Diese sofortige Übernahme des Katholizismus durch die Franken als auch durch die Sachsen ist mit ihrem Status als foederati nachvollziehbar.

Nach der christlichen Tradition soll Chlodwig nach dem Sieg in der Schlacht von Zülpich im Jahr 496, das ist korrigiert das Jahr 212, zum katholischen Glauben konvertiert sein. Die Taufe soll durch Bischof Remigius in Reims vollzogen worden sein. Diese Nachricht bei Gregor von Tours dürfte in die Rubrik "Schönfärberei" der Merowingerdynastie gehören. Die weiteren Quellen, wie das Glückwunschschreiben des Bischofs Avitus von Vienne und ein Brief des Bischofs Remigius von Reims (Wikipedia) erachte ich für spätere Fälschungen.

Diese Landeskirchen kannten anfangs noch keine Oberherrschaft eines Papsttums, welches sich erst etwas später herausbildete. Diese erste, frühe Kirchenorganisation war das Eigenkirchenwesen. Ihre Gliederung entsprach der Gliederung der feudalen Gesellschaft in Lehnsherren und Vasallen, an oberster Stelle der König. Die adligen Grundherrn hatten das Recht, Kirchen zu gründen und zu betreiben, was sich zu einem relativ lukrativen Geschäftsmodell entwickelte, wobei die Religion meist nur Mittel zum Zweck war. Für die  kirchliche Aufsicht wurde das Herrschaftsgebiet in Bistümer unterteilt und Bischöfe eingesetzt, die jedoch keinerlei wirkliche Befugnisse hatten.

Diese Situation fand das sich in der ersten Hälfte des 11. Jh. herausbildende Papsttum vor. Als Keimzelle des Papsttums sehe ich das Patriarchat Rom, eines der fünf von Justinian I. im 10. Jh. gegründeten Patriarchate zur Organisation der Reichskirche neben Konstantinopel, Alexandria, Jerusalem und Antiochia. Wikipedia: "Die Patriarchate waren untereinander ranggleich und standen zueinander in einer festen Ehrenordnung, deren Spitze Rom mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus als Primus inter pares bildete." Nach meiner Auffassung ist die Ranggleichheit mit dem Vorrang von Rom eine spätere Interpretation der römischen Kirche. Das Patriarchat Konstantinopel, wo sich die Residenz Justinians I. befand, dürfte die Vorherrschaft zunächst innegehabt haben. Wollte die römische Kirche die Herrschaft über die Christen im Westen ausüben, musste sie sich zuerst von diesen Fesseln befreien. Im sogenannten Streit um den Ostertermin ging es in Wirklichkeit um die Befreiung aus dieser Vormundschaft. Dieser Befreiungsschlag gelang letztendlich 1054 mit der Trennung von Ost- und Westkirche. Erst danach hatte die römische Kirche, deren Bischof jetzt als Papst "firmiert", den Rücken frei, um sich um die Belange im beanspruchten Herrschaftsbereich zu kümmern.

Wollte das Papsttum seinen Anspruch, das Oberhaupt der Kirche im Westen zu sein, verwirklichen, so musste es diese vorangegangene Entwicklung stoppen und eine neue Kirchenorganisation installieren, in deren Hierarchie das Papsttum in oberster Position stand. Natürlich ging das nicht konfliktlos vonstatten. Diese Auseinandersetzung ist als Investiturstreit in die Geschichte eingegangen, der allgemein von 1076 bis 1122 datiert. Der desolate Zustand der Kirche infolge der weitgehend ökonomischen Ausrichtung des Eigenkirchenwesens spielte dem Papsttum in diesem Streit als Argumentationshilfe in die Hände.

Von der römischen Kirche wurde ein ganzes Maßnahmenpaket eingesetzt. Neben der ideologischen Auseinandersetzung (Investiturstreit) erfolgte eine von Cluny ausgehende Reform bestehender Benediktinerklöster, die nun nicht mehr dem Bischof unterstellt waren, sondern direkt der römischen Kirche. Es wurden neue Orden gegründet, die ebenso direkt Rom unterstellt waren. Damit untergrub man die bestehende Kirchenhierarchie.

Eine weitere Maßnahme zur Infiltration war die Schaffung von Erzbistümern, ein vom Papst verliehener Ehrentitel (Residierende Erzbischöfe erhielten vom Papst ein über die Schulter zu tragendes Band, das Pallium.).

Ich sehe die Erhebung einzelner Bistümer zu Erzbistümern in der 1. Hälfte des 12. Jh.

Mit dem Ende der Merowingerherrschaft fiel der König, das bisherige Kirchenoberhaupt, ersatzlos weg. Die Bistümer waren sozusagen herrenlos geworden, was diesen kaum missfallen haben dürfte, obwohl die Einflussnahme des Königs auf die "Geschäfte" der Bischöfe sicher gering war.

In diese "Lücke" sprang der Papst ein, vermutlich mit attraktiven Angeboten seitens Rom.

Ich sehe als erstes Erzbistum Magdeburg, sozusagen als Einfallstor in die Bistumslandschaft.

Die Altbistümer Mainz, Köln und Trier wollten sicher auch in den Genuss der "römischen" Privilegien kommen und folgten nicht viel später. Eines dieser Privilegien war vermutlich die Erlaubnis zur Gründung von Suffraganbistümern. So sehe ich die Bistumsgründung in Würzburg als Suffraganbistum des Erzbistums Mainz im 12. Jh. (1161?).

Das dürfte den Durchbruch für das Papsttum bedeutet haben.

Vielleicht bemerkenswert ist, dass in Sachsen kein Erzbistum entstand. Die Bemühungen des Bischofs von Hildesheim (Azelin-Dom) schlugen letztendlich fehl. Die Altbistümer Hildesheim und Halberstadt wurden keine Erzbistümer. Sachsen hatte vermutlich noch sein kirchliches Oberhaupt in Person des sächsischen Königs/Herzogs, der natürlich kein Interesse hatte, Kompetenzen nach Rom abzutreten. Das Erzbistum Magdeburg war kein aus einem Altbistum erwachsenes Erzbistum. Es entstand sozusagen außerhalb der sächsischen Kirchenorganisation.

Am Ende konnte sich das Papsttum weitestgehend durchsetzen. Im  Jahre 1179 wurde das Eigenkirchenrecht der Laien in ein Patronatsrecht umgewandelt (Wikipedia). Das war das Ende des Eigenkirchenwesens, da nach dem Patronatsrecht der Zehntanteil des Grundherrn nunmehr dem Bischof zufiel.

Zur Durchsetzung der kirchlichen (päpstlichen) Interessen bis nach ganz unten erfolgte ebenfalls im 12. Jh. die Einführung des Pfarrsystems.

Meine Sicht der Entstehung des Papsttums im 11. Jh. widerspricht scheinbar der schriftlichen Überlieferung, z. B. dem Liber Pontificalis. Der Liber Pontificalis ist eine chronologisch geordnete Sammlung von Biographien der Päpste (Wikipedia) und entstand nach traditioneller Auffassung in seiner ersten Ausgabe um 530 mit Felix III. (526-530) als letzten Papst.

"Der Liber Pontificalis wurde im 6. Jahrhundert in mehreren Stufen aktualisiert und ab dem 7. Jahrhundert mehr oder weniger regelmäßig nach dem Ableben eines Papstes aktualisiert. Der ältere Text bricht im 9. Jahrhundert mit dem Pontifikat von Stephan V. (Papst) ab. Eine Neuredaktion des Buches begann im 12. Jahrhundert durch Kardinal Boso." (Wikipedia)

Den Liber Pontificalis in seiner ersten Ausgabe halte ich für eine weitgehend zuverlässige Quelle. Der o. a. Widerspruch lässt sich leicht auflösen. Mit der Verschiebung der Antike zuerst um 284 Jahre und dann noch einmal um 418 Jahre in die Vergangenheit (in Summe 702 Jahre) wurde auch die Auflistung der Päpste mit verschoben, da der Liber Pontificalis bereits in der Antike beginnt (nach Wikipedia ist Anterus 235/236 "der erste historisch eindeutig gesicherte Bischof von Rom"). Da der Liber Pontificalis keine direkten Jahreszahlen aufführt, sondern nur die Päpste und die Dauer der Pontifikate, wurde der gesamte Block verschoben. Die heute bekannten Datierungen der Pontifikate in der Papstliste sind später erfolgt. Die tatsächlichen Datierungen der Pontifikate - bezogen auf unsere gültige Chronologie - erhält man, indem man jeweils 702 Jahre hinzuzählt. Damit endet die erste Ausgabe des Liber Pontificalis im Jahr 1232. Die Päpste des 4. Jh. und großen Kirchenbauten Roms wie die Laterankirche und Alt-St.Peter (traditionell Anfang 4. Jh.) gelangen damit in das 11. Jh. (siehe dazu [MEISEGEIER]).

 

Die Merowinger

Da die Merowinger später Teil der Geschichte Mitteldeutschlands wurden, halte ich es für erforderlich kurz auf die Geschichte der Merowinger einzugehen.

Wikipedia: "Die Franken ... waren einer der germanischen Großstämme. Sie formierten sich im 2./3. Jahrhundert im Umfeld des von den Römern besetzten Teiles Germaniens durch Bündnisse mehrerer Kleinstämme. Die Franken wurden erstmals Ende der 250er-Jahre als Franci in römischen Quellen erwähnt. Salische Franken (auch Salier genannt) und Rheinfranken expandierten zunächst räumlich getrennt – die Salier über Toxandrien nach Gallien, die Rheinfranken über den Mittelrhein und das Moselgebiet nach Süden und in die ehemals linksrheinische römische Provinz Gallia Belgica."

Wikipedia weiter unten: "In Toxandrien blieben die Salfranken bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts, ehe sie weiter nach Süden vordrangen und Zug um Zug galloromanisches Land eroberten. Childerich I. legte das Fundament, indem er in den 460er und 470er Jahren des  5. Jahrhunderts eine Machtstellung in Nordgallien errichtete. Sein Sohn und Nachfolger Chlodwig I. eroberte mehrere fränkische Kleinreiche und schließlich im Jahre 486/487 das Kleinreich des letzten römischen Herrschers in Gallien Syagrius. Damit endete die römische Herrschaft in Gallien."

Die Wikipedia-Datierungen sind durchgängig spätantik und sind damit zu korrigieren. Die Formierung der Franken dürfte im 2. und 1. Jh. v. Chr. erfolgt sein. Die erste Erwähnung liegt damit kurz vor der Zeitenwende.

Der Aufstieg von Childerich I. gehört in der 2. Hälfte des 2. Jh. Chlodwig besiegte das Reich des Syagrius 202/203.

Nach traditioneller Geschichte eroberten die Franken Gallien "Zug um Zug" und hätten somit am Untergang Westroms zumindest in Gallien und Germanien maßgeblichen Anteil.

Kurz zu den Rheinfranken:

Wikipedia (Franken (Volk)) zu den Rheinfranken: "Sie waren neben den Saliern der zweite tragende Stamm der fränkischen Expansion – aus ihnen ging später der Zweig der Moselfranken hervor. Die Rheinfranken bereiteten sich im Zuge der Fränkischen Landnahme von Köln über Mainz bis ins heutige Hessen und über Worms nach Speyer aus. Der Zweig der Moselfranken siedelte im Moseltal und in den benachbarten Gebieten bis hinauf nach Trier und im heutigen Luxemburg. Die Rheinfranken hatten eigene Kleinkönige; ihr bedeutendster war Sigibert von Köln, auch „der Lahme“ genannt. In Allianz mit dem Salier-König Chlodwig I. hatte er im Jahre 496 die Alamannen in der Schlacht von Zülpich besiegt. Dennoch fiel er einem Komplott seines ehemaligen Kampfgefährten zum Opfer, der danach die Macht auch bei den Rheinfranken übernahm und die beiden großen fränkischen Volksteile vereinigte."

 

Quelle: Von Map Gaul divisions 481-fr.svg: Romain0derivative work: Furfur (talk) - Map Gaul divisions 481-fr.svg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11397282

 

Dieses traditionelle Szenario bezweifle ich. Eher dürfte zutreffen, dass die Römer aufgrund der Reichskrise der 160/170 Jahre ihre Truppen planmäßig aus Gallien abzogen und den Schutz der gallorömischen Bevölkerung foederati, hier den Salfranken, übertrugen, ähnlich wie in Britannien, wo die Römer die Sachsen als foederati mit dem Schutz der römischen Bevölkerung betrauten. Vermutlich wurden auch die Sachsen auf dem Kontinent neben den Salfranken als foederati mit der Sicherung der Nordgrenze Galliens und Germaniens beauftragt.

(Die Rheinfranken dürften sich vom fränkischen Großstamm vor der Vereinbarung der Salfranken mit den Römern bzgl. des Förderatenstatus abgespalten haben und waren vermutlich in diese nicht einbezogen.)

Nur so erklärt sich die schnelle und fast widerstandslose Machtübernahme der Salfranken/Merowinger in Gallien. Die Salfranken (und die Sachsen) wurden damit Vasallen des Römischen Reichs. Als das Weströmische Reich 476 unterging, das ist korrigiert im Jahr 192, trat Ostrom an dessen Stelle. Das aus dem Vasallenstatus resultierende enge Verhältnis der Merowinger (und Sachsen?) zu Byzanz dürfte bis zu deren Ende bestanden haben. Nur so ist auch die unmittelbare Übernahme der spätantiken Datierung durch die Merowinger und die spätere unverzügliche Übernahme des römischen Reichskirchensystems im Merowingerreich und in Sachsen zu erklären.

Nach der traditionellen Chronologie sind die Merowinger vor den Karolingern eingeordnet. Der Grund für diese falsche Einordnung ist die bei der Erstellung der Chronologie übersehene spätantike Datierung der Merowinger, während die Karolinger, da später konstruiert, frühmittelalterlich, d. h. nach u. Z. datiert sind. Bei Korrektur der spätantiken Datierung der Merowinger erstreckt sich die Herrschaft der Merowinger über die Katastrophe hinweg bis zur Mitte des 11. Jh. Für die Karolinger bleibt dabei kein Platz mehr.

Der Aufstieg der salfränkischen Merowinger begann in der zweiten Hälfte des 2. Jh. Der Salfranke Childerich I. (trad. ca. 457- 481/482, korrigiert 173 - 197/198) war der erste historisch nachweisbare fränkische Kleinkönig aus dem Geschlecht der Merowinger (Wikipedia). Sein Sohn Chlodwig I. (trad. 466 - 511,korrigiert 182 - 227) und seine ihm nachfolgenden Söhne Theuderich, Chlodomer, Childebert und Chlothar herrschten über fast ganz Gallien und Germanien. Unter Chlodwig war Paris die Hauptstadt des Reiches.

Vom Niedergang der römischen Gesellschaft waren die Merowinger naturgemäß wenig beeinträchtigt, da sie in dieses System kaum involviert waren. Ihre Gesellschaft funktionierte auf anderen, weniger entwickelten Grundlagen. Auch die Katastrophe von 238 bzw. 940 überstanden sie relativ unbeschadet. Die zerstörten Römerstädte waren für sie vielleicht ein Komfortverlust, aber kein existentielles Problem. Zu einem Wiederaufbau waren sie freilich nicht in der Lage.

Vor der Katastrophe einverleibten sie sich 486/487  (korrigiert 202/203) das Reich des Syagrius (Neustrien), um 496/497 (korrigiert 212/213) das Gebiet der Alemannen (Schwaben), 507 (korrigiert 223) das Reich der Westgoten bis zu den Pyrenäen (Aquitanien) sowie 509 (korrigiert 225) das Rheinfränkische Reich (Die Rheinfranken hatten ein eigenes Reich konstituiert und eigene Kleinkönige. Das konnte offenbar von dem Merowinger Chlodwig I. nicht akzeptiert werden.).

Nach der Katastrophe beseitigten sie das Thüringer Königreichs 531 (korrigiert 949). Das eroberte Territorium schlugen sie dem Reichsteil Austrasien zu.

Weiterhin eroberten sie 534  (korrigiert 952) das im Süden gelegene Königreich Burgund (Das Königreich Burgund wurde unter den drei regierenden fränkischen Königen Chlothar I., seinem Bruder Childebert I. und beider Neffen Theudebert I. aufgeteilt. Nachdem Theudeberts Sohn und Childebert ohne männliche Nachkommen starben, fiel das Gesamtreich einschließlich Burgund 558 an Chlothar I. Erst nach seinem Tod bei der Aufteilung des Reichs unter seinen Söhnen entstand das fränkische Teilreich Burgund neu, das sein Sohn Guntram I. bis 592 regierte. Seit der Alleinherrschaft von Dagobert I. verblieb Burgund im Teilreich Neustrien, behielt aber seine Eigenständigkeit.).Damit hatte das Frankenreich seine maximale Größe erreicht.

Sachsen  und Bayern haben nach meiner Auffassung nie zum Frankenreich gehört. Wie oben bereits erwähnt, waren die Sachsen vermutlich wie die Franken foederati des Römischen Reichs und mit der Sicherung der Nordgrenze des römischen Gebiets in Gallien und Germanien betraut. Das dürfte auch das relativ ungetrübte Nebeneinander erklären, bis auf kleine Ausnahmen.

Das Gebiet Altbayerns südlich der Donau war Teil des Römischen Reiches und seiner Provinzen Raetia und Noricum. Nach dem Rückzug der Römer in der ersten Hälfte des 5. Jh. (korrigiert etwa Mitte des 2. Jh.) bildete sich das Volk der Bajuwaren heraus. Das sog. Stammesherzogtum Bayern, dass 555 (korrigiert 973) erwähnt wird, soll unter Karl dem Großen dem Frankenreich eingegliedert worden sein, was ich dem frühmittelalterlichen Konstrukt zuordne. Traditionell wird der Neubeginn des Stammesherzogtums Bayern ab 907 unter Arnulf I., Herzog von Bayern gesehen. Ich sehe eine kontinuierliche Entwicklung Bayerns vom Ende der römischen Herrschaft bis zum Hochmittelalter ohne fränkische Herrschaft, wobei auch hier die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters konstruiert ist. Im Übrigen halte ich die Bezeichnung "Stammesherzogtum" für sehr problematisch. Die sog. "Stammesherzogtümer" gehören zum karolingischen Konstrukt.

Die Merowinger teilten ihr Herrschaftsgebiet in Verwaltungsbezirke unter der Führung eines "dux" (Herzog) ein, was sicher pragmatische Gründe hatte. Auch in den neu eroberten Gebieten, wie Thüringen, Franken oder Alamannien wurden Herzöge ("dux") eingesetzt.

Diese merowingische Vorgehensweise wurde vermutlich im Rahmen des karolingischen Geschichtskonstrukt weitergesponnen. So wurde durch die erfundene Eroberung Sachsens durch Karl den Großen sogar Sachsen zum Stammesherzogtum.

Die traditionelle Herrschergenealogie der Merowinger sieht nach Chlodwigs I. Tod eine Aufteilung des Reichs auf seine Söhne.

"Nach seinem Tod teilten seine vier Söhne, wie er es verfügt hatte, die Herrschaft untereinander auf, ohne damit allerdings formal unabhängige Reiche zu gründen. Es waren Theuderich, der Sohn seiner ersten Ehefrau, einer vornehmen Fränkin, sowie Chlodomer, Childebert und Chlothar, die drei Söhne Chrodechilds. Sie gründeten vier eigene Königshöfe in Metz/Reims, Orléans, Paris und Soissons." (Wikipedia)
Im Jahr 558 ist das Reich jedoch wieder unter der Alleinherrschaft Chlothar I. vereint. Danach erfolgt eine neue Aufteilung aus dessen Söhne und 613 eine neue Vereinigung unter dem Alleinherrscher Chlothar II.

ARNDTs Analyse der Abfolge der Namen der Könige ergibt, dass auch die Namen der Könige der fränkischen Merowingerzeit nach einem System konstruiert wurden [91]. Nun hat ARNDT bei seiner Analyse nur die Könige des Gesamtreiches berücksichtigt, die alle ihre Residenz in Paris hatten, bzw. in Zeiten ohne Alleinherrscher die Könige mit Paris (Neustrien) als Residenz [91f].

Nach ARNDT wären jedoch Chlothar I. und Chlothar II. zu streichen [93]. "Die Namen des ersten Teils des Merowinger-System enden 584 mit dem Tod Chilperich I. Danach wiederholt sich die Namensstruktur des ersten Teils. ... Nach ihm begann dann mit Dagobert I. der zweite Teil. ... Dagobert I. (ca. 605-639) war der letzte Merowingerkönig mit einem neuen Namen. Nach ihm treten bei den Königen nur noch bisher schon vergebene Namen auf." [ARNDT, 94]

BEAUFORT sieht in König Dagobert I. den letzten realen Merowingerherrscher. Dagobert I. beherrschte als Alleinherrscher von 629 bis 639 das Merowingerreich, d. h. korrigiert von 1047 bis 1057.

Wikipedia: "Dagobert I. ... war seit 623 Unterkönig in Austrasien und seit 629 König der Franken. Dagobert war Sohn von König Chlothar II. und gilt als der letzte wirklich regierende und bedeutende Herrscher aus dem Geschlecht der Merowinger."

Die traditionell nach Dagobert I. folgenden Merowingerherrscher sind  wie die Karolinger insgesamt konstruiert. Ich würde Chlothar I. entgegen ARNDT in der Herrscherfolge belassen. Ein Chlothar ist nach den Quellen sowohl bei der Zerschlagung des Thüringer Reichs als auch des Burgunderreichs beteiligt.

Nach Chlodwigs Tod wurde die Herrschaft auf seine vier Söhne aufgeteilt, die daraufhin vier eigene Königshöfe in Metz/Reims, Orléans, Paris und Soissons gründeten, wobei die Teilkönigreiche Paris und Orléans nur kurzlebig waren. Nach dem Tod von Charibert I. (561-567 = 979-985 u. Z.) entschieden sich seine überlebenden drei Brüder für eine gemeinsame Verwaltung von Paris, das unter ihrem Großvater Chlodwig immerhin Hauptstadt des Reiches war. Damit war die Grundlage für die späteren (etwa ab 584 = 1002 u. Z.) merowingischen Teilreiche Neustrien und Austrasien geschaffen, wobei die Reichseinheit durch Chlodwigs Nachfolger nie aufgehoben wurde (Wikipedia), was die Herrschaft von Chlothar I., Chlothar II. und Dagobert I. über das Gesamtreich erklären würde.

 

Könige Austrasiens mit Residenz in Metz/Reims (Wikipedia: auch als Reich von Metz bezeichnet, bis sich ab 584 der Name Austrasien durchsetzte):

  traditionell u. Z.
    Theuderich I. 511 - 533 929 - 951
    Theudebert I. 533 - 547 951 - 965
    Theudebald 547 - 555 965 - 973
    Chlothar I.1 558 - 561 976 - 979
    Sigibert I. 561 - 575 979 - 993
    Childebert II. 575 - 596 993 - 1014
    Theudebert II. 596 - 612 1014 - 1030
    Sigibert II. 613 1031
    Chlothar II.1 613 - 629 1031 - 1047
    Dagobert I.1 629 - 639 1047 - 1057

1  Gesamtreich

 

Könige Neustriens mit Residenz in Soissons:

  traditionell u. Z.
    Chlothar I. 511 - 558 929 - 976
    Chlothar I.1 558 - 561 976 - 979
    Chilperich I. 561 - 584 979 - 1002
    Chlothar II. 584 - 613 1002 - 1031
    Chlothar II.1 613 - 629 1031 - 1047
    Dagobert I.1 629 - 639 1047 - 1057

1  Gesamtreich

 

Könige Burgunds mit Residenz in Chalon-sur-Saône:

  traditionell u. Z.
    Guntram I. 561 - 592 979 - 1010
    Childebert II. 575 - 596 993 - 1014
    Theuderich II. 596 - 613 1014 - 1031

 

König im Teilreich Orléans (nach Tod Aufteilung seines Reichsteils unter seinen Brüdern):

  traditionell u. Z.
    Chlodomer 511 - 524 929 - 942

 

König im Teilreich Paris (nach Tod Aufteilung seines Reichsteils unter seinen Brüdern):

  traditionell u. Z.
    Charibert I. 561 - 567 979 - 985

 

 

Das Thüringer Königreich

Der größte Teil des heutigen Mitteldeutschlands war im 6. Jh. das Zentrum des ehemaligen Thüringer Königreichs. Die genaue Lage des Königsitzes ist bis heute unbekannt.

Während die vorgeschichtlichen Funde in Mitteldeutschland bis weit in die Jungsteinzeit zurückreichen, beginnt die wirkliche Geschichte Mitteldeutschlands im Prinzip mit dem Thüringer Königreich, das sich nach der traditionellen Geschichtsschreibung ab etwa Mitte des 5. Jh. herausbildete.

"Aus Hermunduren, eingewanderten Chatten und weiteren von Norden kommenden germanischen Stämmen wie Angeln und Warnen bildete sich im dritten Jahrhundert zwischen Werra und mittlerer Elbe der Stamm der Thüringer heraus. Thüringische Krieger unterstützten das Heer des Hunnenkönigs Attila beim Kampf gegen Westrom. Sie waren nach der Niederlage der Hunnen in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 besonders bestrebt, ihre Machtstellung nach Norden und Süden hin zu erweitern. ... Unter der Herrschaft des Thüringer Königs Herminafrid erstarkte das Thüringer Reich, das zeitweilig von der mittleren Elbe über den oberen Main hinweg bis an die Donau reichte, besonders nachdem sich Herminafrid mit den Ostgoten verbündet hatte." [Geschichte der Stadt Erfurt 1986, 27f]

Dagegen Wikipedia zu Thüringen: "Ihre Ursprünge (der Thüringer - MM) sind umstritten, so ist eine oftmals angenommene Verbindung zu den älteren Hermunduren wissenschaftlich nicht haltbar, vielmehr ist es wahrscheinlich, dass der Stamm sich aus ansässigen sowie aus dem Osten zugewanderten Gruppen gebildet hat."

Die Thüringer wurden erstmalig um 400 von Publius Vegetius Renatus genannt [WEISSGERBER].

Im Jahr 531, das ist korrigiert das Jahr 949, vernichten die Franken unter der Führung Theuderich I. und Chlothar I. das Thüringer Königreich.

Eine sächsische Beteiligung an der Vernichtung des Thüringer Königreichs wird z. T. vermutet, jedoch ist der Anteil der Sachsen dabei nicht klar. "Keine der zeitgenössischen Quellen weiß etwas von einer Beteiligung der Sachsen am Eroberungskrieg. Tatsache ist aber, daß das nördliche Sachsen-Anhalt danach von (Nieder-)Sachsen besiedelt wurde." [WEISSGERBER]

Eine Kooperation zwischen den foederati Franken und Sachsen ist aber durchaus plausibel.

Möglicherweise wurde die Reichsbildung der Thüringer als Gefahr für die Ostgrenze des Frankenreichs gesehen.

"In den Schriftquellen wurde als König der Thüringer namentlich zuerst Bisin(us) genannt, dem seine Söhne Baderich, Herminafrid (später Oberkönig) und Berthachar folgten." [ebd.]

"Das Thüringer Reich ist durch mehrere zeitgenössische Schriftquellen gut bezeugt. Es gibt zumindest zwei Überlieferungsstränge, die voneinander unabhängig sind: ein thüringisch-fränkischer und ein thüringisch-ostgotisch-oströmischer." [ebd.]

Der thüringisch-fränkische Überlieferungsstrang beruht auf der hl. Radegunde, der Enkelin des Königs Bisin und Tochter des Teilkönigs Berthachar [ebd.].

Von Venantius Fortunatus gibt  eine Lebensbeschreibung der Radegunde (“De vita sanctae Radegundis“). Venantius Fortunatus war eng mit Bischof Gregor von Tours befreundet, dem Verfasser der “Zehn Bücher fränkischer Geschichte“, der einzigen relativ zuverlässigen Primärquelle der Geschichte des frühen Frankenreiches [ebd.]. In diesem Werk wurde ausführlich, wenn auch mit stark fränkischer Tendenz, die Geschichte und der Untergang des Thüringerreiches geschildert [ebd.].

Der thüringisch-ostgotisch-oströmische Überlieferungsstrang basiert auf zwei Briefen des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen an Herminafred und der Gotengeschichte des Jordanis (“Getica“) [ebd.].

Das Thüringer Königshaus war mit dem ostgotischen Herrscherhaus verwandtschaftlich verbunden. Um 510 heiratete Herminafrid Amalaberga, die Nichte Theoderichs. Amalaberga war die Tochter des Vandalenkönigs Thrasamund und der Schwester Theoderichs, Amalafrida, und die Schwester des späteren Ostgotenkönigs Theodahat. [ebd.].

Die Quellen beider Überlieferungsstränge sind spätantik datiert, woraus auch die spätantike Datierung des Thüringer Königreichs resultiert.

 

Korrigierte Datierungen:

 

  um 120 (trad. um
  400)

 

   erste Erwähnung der Thüringer

 

 

  167 (trad. 451) 

 

  Schlacht auf den Katalaunischen
  Feldern, Niederlage der Hunnen
  unter Attila

                                                    

 

  um 226 (trad. um
  510)

 

  Heirat Herminafrid und
  Amalaberga (Nichte Theoderichs)

 

 

  949 (antik 247, trad.
  531)

 

  Vernichtung des Thüringer
  Königreichs durch die Franken (und
  Sachsen)

                                                            

 

  952 (antik 250, trad.
  534)               

 

  Ermordung Herminafrids

 

 

  ca. 958-1012      
  (trad. ca. 540-594)

 

  Gregor von Tours, Bischof von
  Tours, befreundet mit Venantius
  Fortunatus, schrieb bis 1009 (trad.
  591) an den "Zehn Büchern
  fränkischer Geschichte"

                                                           

 

  um 958-1018/1028
  (trad. um 540-
  600/610)

 

  Venantius Fortunatus, der letzte
  römische Dichter der Spätantike
  und Bischof von Poitiers

 

 

 

Thüringen unter fränkischer Herrschaft

Mit Thüringen bezeichne ich im Folgenden das Gebiet, das im Norden und Süden durch den Harz bzw. den Thüringer Wald und im Osten durch die Saale begrenzt ist, also i. W. das heutige Bundesland Thüringen, jedoch ohne das Gebiet südlich des Thüringer Waldes, das ich geographisch der Region Franken zuordne.

Von den Franken wird nach der Zerschlagung des Thüringer Königreichs das Thüringer Gebiet nur teilweise besetzt.

Im Rahmen einer Vortragsreihe zur Geschichte der Stadt Erfurt in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der Vortragende, Dr. Kadenbach, damals als Begründung für die nur teilweise Besetzung des Thüringer Gebiets und den schnellen Abzug der fränkischen Kontingente nach dem Sieg über die Thüringer eine Erhebung im Frankenreich genannt. Leider konnte ich keine Quelle ausfindig machen, wo eine solche Erhebung erwähnt wird.

Dauerhaft eingenommen haben die Franken das Gebiet zwischen dem Harz und dem Thüringer Wald bis zur Saale (i. W. das heutige Bundesland Thüringen) und das Gebiet südlich davon zwischen Thüringer Wald und der Donau bis zum fränkischen Mittelgebirge/Oberpfälzisch-Bayerischer Wald (das heutige Franken). Flüsse und Gebirge waren damals noch schwierig zu überwindende Hindernisse. Das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Harzes bis zur Elbe schlugen die Sachsen ihrem Herrschaftsgebiet zu. 

Das auch zum ehemaligen Thüringer Königreich gehörende Gebiet östlich der Saale blieb unbesetzt bzw. wurde sukzessive von Slawen besiedelt.

 Wikipedia: "Die Gebiete östlich der Saale konnten von den Franken nicht gehalten werden und wurden von Slawen besiedelt." Die Formulierung in Wikipedia setzt die zuvor erfolgte komplette Besetzung des Thüringer Gebiets voraus, was m. E. unrichtig ist.

Es ist offenbar so, dass durch die Franken keine fränkische Besiedlung des eroberten Gebiets erfolgte. Das wird auch durch die Archäologie belegt.

"Der archäologische Befund läßt nur den Schluß zu, daß Thüringen nur relativ kurz unter unmittelbarer fränkischer Herrschaft stand." [WEISSGERBER]

Es gibt m. E. eine plausible Interpretation der Situation: Die Franken hatten gar nicht die Absicht, durch Landnahme das Frankenreich zu vergrößern. Ihre einzige Absicht war die Grenzsicherung zu gewährleisten. Das Thüringische Königreich war als potentielle Gefahr an ihrer Ostgrenze zu beseitigen. Ihre Aufgabe war mit der Zerschlagung der Herrschaftsstrukturen des Thüringer Reichs erfüllt. Der Gebietsgewinn wurde selbstverständlich mitgenommen, war aber sekundär. Das Gebiet wurde danach einfach dem ostfränkischen Teilreich Austrasien zugeschlagen. Grundherr war damit der König des Teilreichs Austrasiens, der seinen Sitz im relativ weit entfernten Metz hatte.

Zur Verwaltung des eroberten Gebiets setzte dieser einen Herzog (dux) ein. Erst ziemlich spät, um 630, das ist korrigiert 1048, ist ein Herzog der Franken mit Namen Radulf in Thüringen bezeugt. Diese Information stammt aus dem Fredegar. Es ist anzunehmen, dass Radulf entsprechende Vorgänger hatte, die aber namentlich nicht bekannt sind.

Wikipedia: "Anfang der 630er Jahre (vor 634) setzte der Frankenkönig Dagobert I. Radulf als Herzog von Thüringen ein ... Radulf sollte nun als Herzog vor allem die Grenzsicherung gegen die slawischen Stämme der Nachbarschaft übernehmen, die sich um 623/624 unter Samo zusammengeschlossen hatten und den Franken im Jahr 631 eine Niederlage in der Schlacht bei Wogastisburg beibrachten. Tatsächlich gelang Radulf ein Sieg gegen die Slawen." Die korrigierten Jahreszahlen lauten: 630=1048, 623/624=1041/1042, 631=1049.

WEISSGERBER geht etwas ausführlicher auf Radulf ein: "Gleichzeitig mit Sigibert wurde der Adlige Radulf zum Herzog (dux) der Thüringer eingesetzt. Nach dem Bericht besiegten Sigibert und Radulf dann auch die Sorben [IV.68]. Anschließend gelang es Radulf, der sich auf den thüringischen Adel stützte, eine selbständige Machtbasis aufzubauen. Er hatte viele Sympathisanten im Frankenreich, seine Beziehungen reichten bis zum Königshof [IV.77]. Hochinteressant ist die sehr lange dritte einschlägige Passage des “Fredegar” [IV,77]. Hier heißt es, daß sich der Thüringerherzog Radulf bald unabhängig vom Frankenreich gemacht hat. Dies soll im 8. Regierungsjahr des Sigibert ... geschehen sein: »Als Sigibert im 8. Jahr König war, empörte sich der Herzog Radulf von Thüringen mit Macht gegen ihn. Da entbot Sigibert alle seine austrasischen Mannen ins Feld und zog mit ihnen über den Rhein.« [IV.77] ... Sigibert war aber der Lage nicht gewachsen..."

Radulf bereitete dem Heer Sigiberts eine vernichtende Niederlage.

WEISSBERGER weiter: "Damit sein Restheer nicht völlig vernichtet wurde, blieb Sigibert nichts anderes übrig, als um Abzug zu bitten:

»Da man erkannte, daß nichts gegen Radulf auszurichten sei, wurden am anderen Morgen Gesandte zu ihm geschickt und ein Abkommen mit ihm getroffen, wonach Sigibert mit seinem Heer unbelästigt an den Rhein und nach Hause zurückkehren konnte.«

Radulf war nunmehr nicht mehr irgendein Herzog, wie es einige in Sigiberts Heer gab, sondern wurde de facto vom Frankenreich unabhängig, was im Bericht auch eindeutig zum Ausdruck kommt:

»Radulf aber, voll Übermut, gebärdete sich als König von Thüringen, schloß Freundschaft mit den Wenden [= Sorben; K.W.] und knüpfte auch mit den übrigen benachbarten Völkern ein friedliches Verhältnis an. Dem Namen nach erkannte er zwar Sigiberts Oberherrschaft an, aber in der Tat widersetzte er sich ihr kräftig.« [alle Zitate aus IV.77 nach Andert 145 ff]"

Der im Zusammenhang mit Radulf genannte Sigibert ist für WEISSGERBER Sigibert I. (561-575, korrigiert 979-993), nach Wikipedia aber Sigibert III., der noch unmündige Sohn König Dagoberts I. Sigibert III. war ab seinem dritten Lebensjahr (633, korrigiert 1051) Unterkönig in Austrasien. "Nach einer Niederlage 641 an der Unstrut wurde Thüringen faktisch unabhängig." (Wikipedia)

Nach meiner Auffassung ist hier der traditionellen Forschung Recht zu geben, natürlich mit Korrektur der Datierungen. Die Niederlage Sigibert III. im Jahr 641 (korrigiert 1059) gehört zum Ende der Merowingerdynastie. Vermutlich nutzte Herzog Radulf die Schwäche der Zentralgewalt aus. Er wusste, dass ihm diese nichts entgegenzusetzen hatte.

Das Bestreben, sich zum geeigneten Zeitpunkt unabhängig von der Zentralgewalt zu machen, war sicher folgerichtig. Da ab Chlothar II., d. h. ab 1031, der König von Austrasien auch König des Gesamtreichs war und damit seinen Herrschersitz nicht mehr in Metz sondern in Paris hatte, waren die "neuen" Gebiete noch weiter von der Zentralgewalt abgekoppelt.

Da der eingesetzte Herzog kaum über eine Machtbasis verfügte, musste er sich zwangsläufig mit den lokalen Territorialherren arrangieren. Wiederum hatten diese vermutlich i. W. freie Hand, ihre Herrschaft auszubauen.

Im Jahr 1057, mit dem Tod von Dagobert I., erlosch die Herrschaft der Merowinger.

 

In der thüringischen Lokalgeschichte und auch in Wikipedia geistert ein Hedan (oder Heden) II. als Herzog eines thüringischen Stammesherzogtums herum, der seinen Sitz in Würzburg hatte.

WEISSGERBER, der sich intensiv mit den Originalquellen befasst hatte, erteilte dieser Legende vom Thüringer Herzogtum in Würzburg eine eindeutige Absage. Nach WEISSGERBER ist die wesentliche Quelle für die "Hedene" die “Passio Kiliani martyris Wirziburgensis“, die Leidensgeschichte des Heiligen Kilian, angeblich entstanden im 9. Jh. Dort ist an keiner Stelle erwähnt, dass die "Hedene" Herzöge von Thüringen waren. In der Passio wird Würzburg als eine befestigte Stadt bezeichnet, was m. E. eher auf das 12. Jh. der Passio-Entstehung hinweist.

WEISSGERBER vertritt "... dagegen die Auffassung, daß die “Hedene”, soweit sie überhaupt existierten, nur gleichzeitig mit den Thüringer Herzögen ... in Würzburg, nicht aber in Thüringen geherrscht haben können."

Ich gehe davon aus, dass wie in Thüringen auch ein "dux" im von den Merowingern eingenommenen Gebiet südlich des Thüringer Waldes, nördlich der Donau und westlich des fränkischen Mittelgebirges/Oberpfälzisch-Bayerischer Waldes (i. W. das heutige Franken) eingesetzt wurde. Möglicherweise hatte dieser seine Residenz in Würzburg. Man kann sicher davon ausgehen, dass die folgende Geschichte in Franken ähnlich verlaufen ist, wie in Thüringen.

Auch ist m. E. der Schluss auf ein eigenständiges thüringisches Stammesherzogtum unzulässig. Zu dem Begriff "Stammesherzogtum" hatte ich bereits oben ausgeführt.

Herzog Hedan II. wird u. a. eine Urkunde zugeschrieben, die mehrere Orte in Thüringen und auch Würzburg als ihre Ersterwähnung ansehen.

Wikipedia: "Eine in Würzburg ausgestellte Schenkungsurkunde des Herzogs vom 1. Mai 704 an Bischof Willibrord nennt den ersten sicher überlieferten Ortsnamen Würzburgs Castellum Virteburh und Ortsnamen im heutigen Thüringen: Arnstadt (Arnestati), Mühlberg (Mulenberge) und Großmonra (Monhore)."

WEISSGERBER hat sich mit dieser Urkunde näher befasst. Von der Urkunde gibt es nur eine spätere Kopie. Die Jahreszahl 704 gibt es nur in der Vorbemerkung des Kopisten. In der Urkunde selbst findet sich folgende Datierung: 1. Mai im 10. Regierungsjahr König Childeberts.  Für die traditionelle Geschichte war König Childebert der merowingische König Childebert III. (674-711), womit das für sie passte.

WEISSGERBER sieht dagegen die Bezugnahme in dieser Urkunde auf Childebert II. (575-596), dem ich mich anschließe mit dem Unterschied, dass ich die traditionelle (spätantike) Datierung korrigiere, so dass die Urkunde m. E. 575 + 10 + 418 = 1003 erstellt wurde.

Zwar basierend auf unterschiedlichen Ansätzen halten WEISSGERBER und ich Childebert III. für ein karolingisches Konstrukt. Die erstaunliche Übereinstimmung der traditionellen Datierung in das Jahr 704 dürfte dem Kopisten zu "verdanken" sein, dem das karolingische Konstrukt bekannt gewesen sein dürfte.

Kirchenorganisatorisch wurden die neuen Gebiete dem bestehenden Erzbistum Mainz zugeordnet. Mit dieser formalen Zuordnung waren jedoch offenbar keinerlei Aktivitäten für eine zügige Christianisierung Thüringens verbunden. Die Thüringer sollen bereits vor der Zerschlagung des Thüringer Reichs den christlichen Glauben von den Ostgoten übernommen haben. Dieses Christentum der Ostgoten war das ältere, sog. arianische Christentum, das, seit Justinian den Katholizismus zur Reichsreligion erhoben hatte, als Ketzertum verfolgt wurde. Das den Thüringern zugeschriebene Christentum dürfte jedoch höchstens die Herrscherschicht betroffen haben. Die Bevölkerung war mit Sicherheit davon weitestgehend unberührt und heidnisch.

Trotzdem gab es in der Zeit der Herrschaft der Merowinger anscheinend keine einzige Kirchengründung im thüringischen Gebiet, zumindest datiert kein Kirchenbau in Thüringen seine Gründung in diese Zeit.

Bis auf eine Ausnahme vielleicht: Um 1060 vertreibt der Erzbischof von Mainz die Kanoniker eines bestehenden Stiftes auf dem Petersberg in Erfurt und besetzt dieses mit eigenen Mönchen. Demgemäß war das bis dahin bestehende Stift eine ältere, vermutlich königliche Gründung. Wie oben bereits ausgeführt, endet die Merowingerzeit mit dem Tod von König Dagobert I. im Jahr 1057. Damit ist von der Gründung des älteren Kanonikerstifts in der Merowingerzeit auszugehen. Ganz aktuell erwähnt ERTHEL in seinem Aufsatz eine Dagobert-Skulptur im Bereich des ehemaligen Westportals der Peterskirche, womit man den vermeintlichen Gründer verehrte [29]. Dass Dagobert I. nicht nur der vermeintliche Gründer sein könnte, ist also mehr als wahrscheinlich.

In diesem Zusammenhang wird eine Nachricht wieder interessant, die in die Abschrift der Annalen des Hersfelder Mönches Lampert um 1110/1131 eingefügt wurde: "706: Gründung des Klosters des hl. Petrus in Erfurt, welches der Frankenkönig Dagobert errichtete auf dem Berg, der früher Merwigsburg hieß, aber von Dagobert selbst Berg des hl. Petrus genannt wurde."

Diese Nachricht wurde bisher als falsch angesehen, da im Jahr 706 kein König Dagobert bekannt ist.

Zunächst ist festzustellen, dass die Annalen des Lampert von Hersfeld (1028-1082/85) ein Pseudepigraph ist, womit auch die Einfügung um 1110/1131 äußerst fraglich ist. Nach meiner Auffassung sind die Annalen inkl. "Einfügung" deutlich jünger.

Die Datierung 706, korrigiert 1124, dürfte jedoch ein Versehen des Pseudepigraph-Erstellers sein. Aber bis auf die Jahreszahl ist die Nachricht anscheinend zutreffend. Vermutlich ist die "Einfügung" (einschl. der Annalen?) nach der Auflösung des Doppelklosters St. Peter und Paul entstanden, da nur das Patrozinium St. Peter genannt wird,   d. h. frühestens im 13. Jh.

Ob wirklich auf dem Petersberg eine merowingische Burg bestanden hat, wäre denkbar, ist aber zur Zeit reine Spekulation. Bisher hat man keine Spuren einer älteren Burganlage o. ä. gefunden.

Dagobert I. galt seit dem 11. Jh. auch als angeblicher Stifter des elsässischen Klosters Weißenburg, obwohl dieses nach der aktuellen Forschung erst um 660/61 (korrigiert 1078/79) vom Bischof von Speyer gegründet wurde. Im 13. Jh. tauschten sich Erfurt und Weißenburg über den gemeinsamen Gründer aus. [WERNER, 47]

Die traditionelle Forschung beschäftigte sich ausgiebig mit der Frage, ob es in Erfurt schon im Frühmittelalter ein Kloster auf dem Petersberg gab, und kam zu dem Schluss, dass es ein solches einfach nicht gab [ebd., 44ff]. Damit hatte sich die weitere Beschäftigung mit der Nachricht scheinbar erledigt.

Das Jahr 1060 der Vertreibung der Kanoniker korreliert sehr gut mit dem Ende der Merowingerherrschaft im Jahr 1057. Nach dem Tod von König Dagobert waren die Herrschaftsverhältnisse im Frankenreich offensichtlich zunächst ungeklärt. Das entstandene Machtvakuum wurde vom Erzbischof von Mainz ausgenutzt, indem er die ehemals königliche Stadt Erfurt dem Erzbistum einverleibte.

Eine Problematik habe ich bisher ausgeklammert, die jedoch insbesondere für Thüringen und für Hessen von größerer Bedeutung ist. Gerade in Thüringen und Hessen berufen sich zahlreiche Kirchen und Klöster auf eine Gründung durch Bonifatius. Der angelsächsische Mönch Winfried, später unter dem Namen Bonifatius bekannt, lebte nach traditioneller Datierung von 672 bis 754. Es sollen etwa hundert (!) Briefe des Bonifatius überliefert sein, von denen jedoch nicht ein Einziger (!) im Original erhalten ist. "Hauptquelle für die Chronologie des Bonifatius sind seine Briefe, daneben Willibalds Vita I. und Eigils Vita Sturmi." (Wikipedia)

Eine erste Vita über das Leben des Bonifatius soll Willibald von Mainz im Auftrag von Lul verfasst haben. Die traditionelle Forschung vermutet die Entstehung dieser ersten Vita um 760. Von 1062 bis 1066 soll Othlo von St. Emmeram in Regensburg  die Lebensbeschreibung des Willibald von Mainz auf Bitten der Mönche des Klosters Fulda bearbeitet haben, wobei er seine Vorlage um neues (!) Material erweitert, darunter 29 Briefe des Heiligen.

Nach meiner Auffassung hat es den angelsächsischen Missionar des 7./8. Jh., den sog. "Apostel der Deutschen", wie ihn die Geschichtsbücher darstellen, nie gegeben. Der uns bekannte Bonifatius ist eine von der Kirche geschaffene Legende. Die Briefe des Bonifatius als auch seine missionarischen Aktivitäten und natürlich sein Märtyrertod in Friesland sind freie Erfindungen im Zusammenhang mit der Kreation der Bonifatiuslegende.

Die bis 731/734 reichende Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum des Beda Venerabilis (†735), eine der bedeutendsten Quellen zur angelsächsischen Geschichte (Wikipedia), erwähnt den angelsächsischen Mönch Winfried überhaupt nicht, nur dessen angeblichen Zeitgenossen und Landsmann Willibrord, der seit etwa 690 auf dem Kontinent sein soll.

Erst in der Continuatio Bedae, einer Fortsetzung der Historia Bedas bis 766, wird der Tod des Bonifatius erwähnt. Als Verfasser der anonymen Continuatio identifiziert LASZLO Simeon von Durham, der diese im 12. Jh. geschrieben haben soll. LASZLO sieht daraufhin die tatsächliche Lebenszeit des Bonifatius im letzten Drittel des 10. Jh. bis Mitte des 11. Jh.

Ich halte die Continuatio für eine deutlich spätere Fälschung, vielleicht um Bonifatius mit der angelsächsischen Geschichte zu verknüpfen.

Nach meiner Auffassung ist Bedas Historia ein Pseudepigraph. Beda Venerabilis soll damals zum ersten Mal die Jahreszählung nach Christi Geburt des Dionysius Exiguus verwendet haben, die die erste Verlängerung der Chronologie enthielt, welche nach BEAUFORT auf Justinian zurückgeht.

ARNDT [109ff] weist nach, dass die englische Geschichte bis in das 16. Jh. konstruiert ist. Er verweist auf JOHNSON, der bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. zu dem Schluss kommt, dass die englische Geschichte bis Heinrich VIII. (1491-1547) gefälscht sein muss [ARNDT, 113]. Nach JOHNSON sind alle Schriften, die dieser Zeit zugeordnet werden, wie z. B. die Historia Bedas, im 16. Jh. entstanden. Schon ILLIG stellte zu Beda fest: "Vielmehr dürften wesentliche Schriften von ihm ins 12. Jahrhundert gehören, so daß der Begriff Pseudo-Beda angebracht wäre. Aber diese Bezeichnung ist bereits vergeben, kennt man doch weitere Schriften, die unter seinem Namen in Umlauf gesetzt worden sind ...." [ILLIG 2001, 127].

Vermutlich sind sowohl Bedas Historia als auch die Continuatio beide erst im 16. Jh. erschaffen worden. Vermutlich hat der Verfasser des Pseudepigraph "Beda" für seine Historia ältere Quellen zur englischen Geschichte verwendet. Die verschafften jedoch nur den Rahmen für sein Hauptanliegen, die nachträglich konstruierte "christliche Geschichte" Englands.

Beda erwähnt in seiner Historia die römischen Päpste Gregor I. (590-604) und Bonifatius V. (619-625), die m. E. erst im 16./17. Jh. im Liber Pontificalis "ergänzt" wurden. Zum Liber Pontificalis siehe [MEISEGEIER 2017, 25ff]. Wenn die Papstabschnitte (Buch I und II) in der Historia nicht nachträglich "eingearbeitet" worden sind, kann die Historia frühestens im 16. Jh. entstanden sein.

Übrigens, eine angelsächsische Mission hat es nie gegeben, genauso wenig wie davor eine iro-schottische. Die tatsächliche "iro-schottische Mission" fand im 11. Jh. statt, was die zahlreichen Schottenklöster des 11./12. Jh. belegen.

 

Thüringen nach dem Ende der Merowinger

Die nach der traditionellen Geschichtsschreibung folgenden Söhne Dagoberts, Chlodwig II. (634-657) und Sigibert III. (630-650), unter denen das Reich neu aufgeteilt worden sein soll, hat es nach meiner Auffassung als Herrscher Austrasiens nie gegeben.

Genauso wenig gab es die Karolinger, Ottonen, Salier und Staufer als Herrscher eines Ostfrankenreichs oder römisch-deutschen Reichs oder wie auch immer.

Nach meiner Überzeugung blieb das Ostfrankenreich nach Dagoberts I. Tod ohne Zentralgewalt.

Im Jahr 1057, dem Todesjahr Dagoberts I., sieht die traditionelle Geschichte Heinrich IV. als römisch-deutschen Kaiser an der Macht.

Möglicherweise gibt es einen realen historischen Kern hinter der Herrschaft Heinrich IV. Denkbar wäre, dass sich der fränkische Salier Heinrich (IV.) als Erbe der Merowingerdynastie sah und die Herrschaft in Austrasien für sich beanspruchte. Mit diesem Anspruch erregte er den Widerspruch der sich schon während der Herrschaft der Merowinger herausgebildeten mächtigen Territorialherrschaften. Die weit entfernte und damit schwache Königsmacht zuerst in Metz und ab 629 (korrigiert 1047) im noch weiter entfernten Paris hatte logischerweise ein Erstarken des territorialen Adels zur Folge, der seine lokale Herrschaftsbasis ausbauen konnte. Eine erneute, vielleicht stärkere Königsmacht war keinesfalls in deren Interesse. Dass die unter der Merowingerherrschaft erstarkten Territorialfürsten ihre einmal erlangte Macht nur unfreiwillig zurückgaben oder teilten, ist nachzuvollziehen.

Die von Heinrich IV. bekannten zahlreichen kriegerischen Unternehmungen - sofern sie tatsächlich stattgefunden haben - hatten vielleicht die Durchsetzung seines Machtanspruches zum Ziel.  Letztendlich konnte sich Heinrich IV. nicht durchsetzen. Sein Heer erlangte zwar lokal militärische Erfolge, doch waren die nicht nachhaltig. Nach seinem Abzug agierten die Territorialfürsten ungehindert weiter in ihrem Interesse.

Das Verschwinden der Königsmacht nutzten die Territorialfürsten aus. Das Königsgut wurde dem eigenen Besitz zugeschlagen. Ein Beispiel aus meiner Heimatstadt Erfurt: Nach der traditionellen Geschichte einverleibte sich der Erzbischof von Mainz um 1060 die ehemalige Königsstadt Erfurt, verjagte die Kanoniker des bestehenden Stifts auf dem Petersberg und gründete ein Eigenkloster, ein Benediktiner-Doppelkloster St. Peter und Paul. Seit dieser Zeit war der Bischof von Mainz Grundherr der Stadt Erfurt.
So konnte u. a. im 11. Jh. das Adelsgeschlecht der Ludowinger zu großer Machtfülle aufsteigen und im 12. Jh. als Landgraf von Thüringen auftreten.

In dieser Zeit sehe ich auch das Entstehen der Grafschaft Weimar, wobei ich die frühen Grafen, vielleicht auch noch Wilhelm II. für legendär halte.

"Unter Wilhelms Sohn Wilhelm II., dem Großen (regierte 963–1003), werden die Grafen von Weimar zu einem der mächtigsten Adelsgeschlechter im thüringischen Raum." [Wikipedia]

Diese Entwicklung war natürlich nicht auf Thüringen beschränkt. Nach einem bis dahin andauernden Konzentrationsprozess sind Mitte des 14. Jh. die in der Goldenen Bulle aufgeführten Kurfürsten (die Erzbischöfe von Trier, Köln und Mainz, der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg) die mächtigsten Territorialherren auf dem Gebiet des ehemaligen fränkischen Teilreichs Austrasien.

In der "Goldenen Bulle" (1356) gaben sich die mächtigsten deutschen Fürsten ein Regelwerk für den Umgang miteinander und regelten die Königswahl. In der "Goldenen Bulle" war Frankfurt als Wahlstadt für die Königswahl vorgeschrieben. Nach der "Goldenen Bulle" war die Krönung nur noch ein formaler Akt, da allein durch die Wahl der Gewählte alle Rechte eines Königs und zukünftigen Kaisers erhielt. Auch einer Bestätigung durch den Papst bedurfte es nicht mehr.

Merkwürdig ist, dass erst ab 1562 (Maximilian II.) Krönungen in Frankfurt erfolgten (Nach Wikipedia fanden angeblich schon seit 1147 die meisten Königswahlen in Frankfurt statt). Das Ganze sieht doch ziemlich nach Manipulation aus. Ist die "Goldene Bulle" vielleicht ein Pseudepigraph aus dem 16. Jh.?

Die traditionelle Geschichte kennt ebenfalls eine königs- und kaiserlose Zeit in den Jahren um 1250, dem Ende der Staufer, bis 1273, der Wahl Rudolf I. zum römisch-deutschen König - das sog. Interregnum. Die herrschenden Zustände während des Interregnums sind bei Wikipedia nachzulesen: "Während des Interregnums versuchten die Bischöfe und Fürsten, ihre Ansprüche und Territorien zu vergrößern. So unterdrückten sie andere mindermächtige Adelige, bekämpften das städtische Bürgertum und rissen widerrechtlich Reichslehen an sich, außerdem führten sie Zölle, neue Steuern und sogar Regalien aller Art ein, um ihren persönlichen Reichtum zu vergrößern. Auch der niedere Adel, allen voran das Rittertum, stand den Großen in nichts nach, auch wenn seine Methoden weniger subtil waren. Das Raubrittertum entstand. Niemand konnte dieser Verwilderung des deutschen Adels Einhalt gebieten; die Gerichte und Reichsbehörden waren machtlos, das Faustrecht, das Recht des Stärkeren, setzte sich allgemein durch."

Nach meiner Auffassung währte das Interregnum  auf dem Gebiet des ehemaligen merowingischen Austrasiens oder Ostfrankenreichs nicht nur ca. 23 Jahre, sondern dauerte von 1057, dem Tod Dagoberts I. und Ende der Merowingerdynastie, vermutlich bis 1314, dem Beginn der Herrschaft König Ludwig IV. ("der Bayer"), also ganze 257 Jahre.

Nach ARNDT enden 1314 und 1328 jeweils ein  Abschnitt des "wohlstrukturierten Systems der Königsnamen" Ab der Zeit König Ludwig IV. (1314-1346) wurden Urkunden und andere Schriftstücke überwiegend in Deutsch verfasst (davor ausnahmslos in Latein) [ARNDT, 40] - m. E. ein gewichtiges Argument für eine mögliche vorhandene Schnittstelle.

Durch die Korrektur der Datierungen bleibt sowohl für die Karolinger als auch die Ottonen und frühen Salier kein Platz in der Geschichte. Wie oben bereits ausgeführt, erachte ich das römisch-deutsche Kaisertum von den Ottonen bis zu den Staufern für frei erfunden, ebenso die Herrschaft der Kapetinger im Westen.

 

Sachsen

Ähnlich wie bei den Franken haben sich etwa in der 2. Hälfte des 2. Jh. (korrigiert im 2./1. Jh. v. Chr.?) verschiedene westgermanische Stämme zum Großstamm der Sachsen zusammengeschlossen. Ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet war im Nordwesten des heutigen Deutschlands und im Osten der heutigen Niederlande (Wikipedia), also unmittelbar östlich des Ursprungsgebietes der Franken. Sie expandierten in Richtung Osten nördlich des fränkischen Herrschaftsgebiets bis an die Westgrenze des Thüringerreichs, nach Westen auf die britische Insel. Die Kirchengeschichte Bedas berichtet für die Regierungszeit Kaiser Markians (trad. 450-457 = 166-173), dass Sachsen zum Schutz vor den Nordvölkern ins Land geholt worden seien. Da die bestehenden römischen Städte und Ansiedlungen nach dem Abzug der Römer 410 (= 126) ansonsten schutzlos gewesen wären, ist es durchaus plausibel, dass Rom Sachsen und Angeln als foederati ansiedelten, die als Schutzmacht fungierten.
Ich denke, dass die Sachsen auch auf dem Kontinent einen Foederatenvertrag mit den Römern hatten, hier zur Sicherung der Nordgrenze. M. E. waren die Sachsen noch im 10. Jh. ein selbständiger Stammesverband, der an der Nordgrenze des Ostfrankenreichs (Austrasien) sein Herrschaftsgebiet hatte. Sachsen war nie Teil des Ostfrankenreichs. Ein eigenes Königreich gründeten die Sachsen jedoch nicht. Offensichtlich war die Stammesentwicklung der Sachsen noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie an die Gründung eines eigenen Reichs gehen konnten, im Gegensatz zu den Thüringern oder den Franken.

Da sowohl die Franken als auch die Sachsen foederati des Römischen Reichs waren, dürfte eine Art Koexistenz zwischen beiden bestanden haben. Während es bei der Zerschlagung des Thüringer Reichs eine Allianz gegeben haben könnte, gab es offensichtlich später vereinzelt auch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Sachsen und den Franken, wenn auch die Zusammenhänge ziemlich unklar erscheinen.

Dazu Wikipedia: "Hingegen scheinen die Sachsen in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts ihrerseits unter fränkischen Einfluss gelangt zu sein. Als im Jahr 555 der fränkische König Theudebald starb, erhoben sich die Sachsen allerdings gegen Chlothar I. Dieser zog gegen die Aufständischen, wobei er Thüringen verwüstete, da die Thüringer den Sachsen offenbar Hilfstruppen gestellt hatten. Kurz darauf (vermutlich 556) fand eine erneute sächsische Erhebung statt, in der die Sachsen die ihnen auferlegten Zwangsabgaben verweigerten. Gregor von Tours schreibt in diesem Zusammenhang von einer Niederlage Chlothars, während Marius von Avenches von einem erneuten Sieg Chlothars berichtet. ... Unsicherheit besteht auch bezüglich der Erwähnung einer dritten Auseinandersetzung (556 oder 557), bei der Sachsen in die Francia (Franken) eingedrungen und bis in die Nähe von Deutz vorgestoßen sein sollen." Damals war Thüringen aber schon fränkisch.

Unmittelbar nach der Zerschlagung des Thüringer Königreichs besetzten die Sachsen das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Harzes bis zur Elbe bzw. Saale. Die Nordgrenze lag etwas nördlich von Magdeburg. Die Stadt Magdeburg ist mit Sicherheit eine sächsische Gründung. Die karolingische Erwähnung Magdeburgs (805) ist allein dem Konstrukt des Mittelalters geschuldet.

Da die Merowinger die Osterweiterung ihres Gebiets an der Saale offensichtlich für beendet betrachteten, ergab sich für die Sachsen die Gelegenheit, das durch die Vernichtung des Thüringer Königreichs entstandene Machtvakuum im Gebiet östlich der Saale für ihre Eroberungsambitionen auszunutzen. Insbesondere das sächsische Geschlecht der Wettiner machte hier von sich reden. "Das Haus Wettin kann in seiner Herkunft bis in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts zurückverfolgt werden." (Wikipedia) Die Wettiner eroberten sukzessive das Gebiet zwischen Saale und Elbe. Die Städte Merseburg, Halle, Zeitz und Meißen dürften in dieser Zeit entstanden sein. Die Markgrafschaft Meißen wird erstmals 1046 erwähnt.

Im 12. Jh. startete von den sächsischen Geschlecht der Askanier eine neue Ostexpansion, nun rechts der Elbe bis zur Oder/Neiße. 1157 konnte Albrecht der Bär die slawische Brandenburg endgültig erobern, was im Allgemeinen als der Gründungstag der Mark Brandenburg gilt (Wikipedia). Um 1165 erfolgte die Gründung des Bistums Brandenburg, 1170 erhielt Brandenburg Stadtrecht.

Im 12. Jh. erfolgte auch noch die Besiedlung der Altmark, womit das sächsische Territorium komplett war.

Sämtliche ottonischen Daten der o. a. Städte und Bistumsgründungen sind dem ottonischen Konstrukt zuzuordnen.

Ich erachte die Ottonen angefangen von Heinrich I., seiner Frau Königin Mathilde, seinem Sohn Otto I. auf jeden Fall bis Otto III. für komplett erfunden. Zu deren angeblicher Regierungszeit herrschten die im ostfränkischen Reichsteil Austrasien die Merowinger. Über die Herrscher im sächsischen Stammesgebiet fehlen jegliche Hinweise. Die wirkliche Geschichte im sächsischen Stammesgebiet ist vermutlich durch die Ottonenlegende vollkommen überdeckt.

Die Namensgleichheit der frühen Ottonen Heinrich I. (um 876-936), seiner Frau Mathilde (†968) und deren Sohn Otto der Große (912-973) mit Heinrich dem Löwen (1129/35-1195), dessen Frau Mathilde von England (um 1156-1189) und beider Sohn Otto IV. (1175/76-1218) entlarvt erstere (oder sogar beide?) als Konstrukt. Es sieht so aus, als wäre die Geschichte der frühen Ottonen ein Stück weit nach der Genealogie der Welfen des 12. Jh. konstruiert worden.

Die Italienpolitik und das römisch-deutsche Kaisertum der Ottonen wie auch der traditionell nachfolgenden Herrschergeschlechter, der Salier und der Staufer, ist konstruiert und hat es nie gegeben.

Wikipedia zur Nachrichtenlage für die Zeit Heinrich I.: „Die Zeit Heinrichs I. gehört zu den quellenärmsten des gesamten europäischen Mittelalters. Die erst Jahrzehnte nach seinem Tod verfassten ottonischen Geschichtswerke würdigen insbesondere Heinrichs Einung und Befriedung des Reiches nach innen und außen. Lange Zeit galt Heinrich als erster „deutscher“ König im „deutschen Reich“. Erst in der modernen Forschung setzte sich die Auffassung durch, dass das Deutsche Reich nicht durch einen Akt, sondern in einem lange währenden Prozess entstanden ist. Gleichwohl wird Heinrich darin weiterhin eine entscheidende Rolle zugemessen.“ (Wikipedia)

Wikipedia zitiert den Historiker Johannes Fried: "„Eine allgemeine Königswahl Heinrichs durch Franken und Sachsen gab es vermutlich nie. […] Er begann als König in Sachsen und schob sein Königtum allmählich in einen nach Konrad I. königsfreien Raum vor.“

Die Geschichte der Sachsen im 11./12. Jh. ist vermutlich ähnlich der in Thüringen und in den anderen Gebieten des ehemaligen Teilreichs Austrasien verlaufen. Mitte des 14. Jh. ist der Herzog von Sachsen einer der mächtigsten Territorialherren, wobei sich der Schwerpunkt des Herzogtums gegenüber dem alten sächsischen Siedlungsgebiet nach Osten verlagert hat.

 

Literatur:

Arndt, Mario (2015): Die wohlstrukturierte Geschichte: Eine Analyse der Geschichte Alteuropas

Illig, Heribert (1991): Die christliche Zeitrechnung ist zu lang. In: Vorzeit - Frühzeit - Gegenwart 3(1991) Heft 1, 4-20

Meisegeier, Michael (2017): Der frühchristliche Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers. Versuch einer Neueinordnung mit Hilfe der HEINSOHN-These.
BoD Norderstedt

Ward-Perkins, Bryan (2007): Der Untergang des Römischen Reiches und das Ende der Zivilisation. WBG Darmstadt

Weissgerber, Klaus (1999): Zur Phantomzeit in Thüringen. Schriftquellen und archäologischer Befund. In: ZEITENSPRÜNGE 11 (3), 482-509 und (4), 583-612

 

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 23.03.2019

 

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