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Geschichte des frühen und hohen Mittelalters in Mittel- und Westeuropa - ein Versuch

 

Wie in meinem Aufsatz zur Chronologie dargestellt, ist unsere Chronologie im ersten Jahrtausend um ca. 700 Jahre überdehnt. Eine alternative Geschichte hat diese Überdehnung rückgängig zu machen. Nun ist die Ereignisgeschichte dieser 700 Jahre nicht einfach zu löschen. Zumindest die spätantike Geschichte, vermutlich bis Phokas (trad. 602-610), die durch die Verschiebung der weströmischen Geschichte in die Vergangenheit auf der Zeitachse nach dieser eingeordnet wurde, scheint Realgeschichte zu sein. Dagegen sehe ich in der frühmittelalterlichen Geschichte des 8. - 10. Jh. keine Realgeschichte, sondern ein Konstrukt. Unabhängig davon ist natürlich der Zeitraum existent, auch wenn seine Geschichte konstruiert ist.

Um zum tatsächlichen Geschichtsablauf zu gelangen, sind die Versätze der Datierungsstränge rückgängig zu machen. Es sind also ca. 700 Jahre im ersten Jahrtausend zu streichen, da die Chronologie nur 300 Realjahre enthält. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Lässt man nur das 8.-10. Jh. in der Chronologie, so wären die antike und spätantike Geschichte zu verschieben. Diese Variante wird von HEINSOHN präferiert. Ich bevorzuge eine andere Betrachtungsweise. Für mich erscheint das Katastrophendatum 238 (Westrom) = 522 (Spätantike bzw. Byzanz) = 940 (Frühmittelalter) als die geeignete Zäsur. Ich möchte die antiken weströmischen Datierungen bis 238 beibehalten und würde die Geschichte im Jahr 940 fortsetzen. Damit behalten die uns geläufigen antiken Datierungen, z. B. die Regierungszeiten der Kaiser Augustus, Tiberius, Caligula etc. und die Datierungen ab dem 10. Jh. Gültigkeit. Die spätantike Realgeschichte vor 522 ist dann vor 238, die nach 522 ab 940 unterzubringen. Die spätantiken Datierungen vor 522 sind um -284 Jahre, die nach 522 um +418 Jahre zu korrigieren. Nach BEAUFORT sind die Merowinger ebenfalls spätantik (byzantinisch) datiert und müssen wie die spätantiken byzantinischen Datierungen korrigiert werden.

Letztendlich treffen wir in West- und Mitteleuropa sowohl weströmisch-antike und spätantike und frühmittelalterliche Datierungen an. Einzelne spätantike Datierungen scheinen sogar noch im Hochmittelalter vorzukommen, vermischen sich sozusagen mit den frühmittelalterlichen Datierungen. Erschwert wird die gesamte Problematik durch die konstruierte Geschichte des Frühmittelalters.

 

Das Ende der Römischen Herrschaft in Gallien und Germanien, Karolinger und Merowinger

Ab dem 2. Jh. v. Chr. wurde Westeuropa einschließlich Britannien von den Römern eingenommen. Die Grenze des Römischen Reichs zu Germanien bildeten im Prinzip die Flüsse Rhein und Donau. Dort und westlich entstanden die bekannten Römerstädte wie Köln (19 v. Chr.), Mainz (13/12 v. Chr.), Trier (16 v. Chr.) u. a. Der Limes diente der Sicherung des Vorfelds. Römische Vorstöße in das rechtsrheinische Gebiet, möglicherweise sogar bis zur Elbe, waren nur temporär. Das ist bekannte Geschichte. Die Datierungen gehören dem antiken Datierungsstrang an und bleiben erhalten.

Nach der traditionellen Geschichte endet die römische Herrschaft in Gallien und Germanien erst im 4./5. Jh. infolge der Germaneneinfälle in das Reich. Die Zeit des 4./5. Jh. bis in das 8. Jh. wird gemeinhin als Völkerwanderungszeit bezeichnet. Mit der HEINSOHN-These ist diese Sichtweise zu revidieren, da diese Datierungen dem spätantiken Datierungsstrang zuzuordnen sind und 1./2. Jh. gehören. Damit verringert sich die Dauer der römischen Besetzung Galliens und Germaniens um 284 Jahre, also fast um drei Jahrhunderte. Nach der Korrektur der Datierung ergibt sich das richtige Szenario: Etwa ab der Mitte des 2. Jh. erfolgte der sukzessive Abzug der Römer aus Gallien und Germanien. Die traditionellen Datierungen für die endgültige Aufgabe von Köln um 455 und von Trier um 475 entsprechen korrigiert den Jahren 171 bzw. 191. Die neuen Herrscher waren in beiden Fällen Franken oder genauer Rheinfranken.
Das Ende des Römischen Reichs wird traditionell mit der Absetzung des römischen Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker im Jahr 476 verbunden, das der antiken Datierung 192 entspricht. Ein Rest des Römischen Reichs existierte in Gallien als sog. Reich des Syagrius weiter. Dieses wird traditionell 486/487, korrigiert 202/203, durch Chlodwig (trad. 466 - 511 = 182 - 227) besiegt, was das endgültige Ende der römischen Herrschaft in Gallien bedeutete.

Die globale Naturkatastrophe um 238 beendete die römische Kultur, nachdem das Westreich schon 192 unterging. Der östliche Reichsteil überlebte die Katastrophe. Seine spätantike Geschichte setzte sich fort, jetzt im 10. Jh. u. Z.

Die Verschiebung der Ostkaiser um 284 Jahre in die Vergangenheit verschiebt diese vom 4.-6. Jh. jetzt in das 1.-3. Jh. und damit parallel zu den bekannten Romkaisern. Durch die Verschiebung der Ostkaiser beginnt z. B. die Regierungszeit von Diokletian im Jahr 1, die Regierungszeit von Konstantin I. datiert von 22-53 und die von Theodosius I. von 95-111. Die Reichsteilung des Jahres 395 fand 111 statt.
Die parallelen Regierungszeiten der Rom- und Ostkaiser erklärt HEINSOHN so: Es gab von Anfang an, d. h. seit dem Tod Cäsars 44 v. Chr., in Rom, als auch außerhalb Roms  gleichzeitig residierende Kaiser. Als Residenzen, z. B. der Tetrarchiekaiser und ihrer Nachfolger, sind u. a. Trier, Mailand, Sirmium, Thessaloniki, Nikomedia, Antiochia, Naissus, Palmyra Arles, Serdica und Caesarea bekannt. Sie herrschten nicht in Rom und besuchten die Stadt fast nie. So residierte z. B. Konstantin der Große in Arles, Konstantinopel, Nikomedia, Serdica, Sirmium und Thessaloniki. Er war nur zweimal in Rom. [HEINSOHN: Wie viele Jahre hat das erste Jahrtausend?, S. 21] Unklar ist dabei noch, wie die Kommunikation und Interaktion zwischen Rom- und Residenzkaisern stattfand.

 

Die Karolinger und Karl der Große

Da ILLIG die Jahre von 614 bis 911 ersatzlos aus der Chronologie entfernt hat, sind bei ihm die Karolinger nicht existent bis auf Karl Simplex, der erst 923 seiner Macht enthoben wurde. Noch aus seiner Zusammenarbeit mit ILLIG hat HEINSOHN in seinem Aufsatz "Karl der Einfältige (898/911-923)" die Idee entwickelt, dass Karl Simplex dieser große Karl war, der bis heute zum Überkaiser aufgebauscht wurde. Heute ist HEINSOHN von seiner früheren Idee abgerückt. Im Zusammenhang mit der Entwicklung seiner These erachtet er die traditionelle Geschichte der Karolinger wie die der späteren Ottonen, Salier, etc. für real. Er sieht den Aufstieg der Karolinger innerhalb des Römischen Reichs ab dem 1. Jh. und Karl den Großen im 2. Jh., etwa um 170.

BEAUFORT identifiziert in seinem Aufsatz "Wer waren die Karolinger? Über das antike Herstal und das Reich der Rheinfranken" die rheinfränkischen Herrscher als die Karolinger. Als Geburtsort von Pippin von Herstal oder auch genannt Pippin der Kurze und Karl der Große gilt das nahe bei Herstal gelegenen Jupille. Jupille und Herstal liegen auf dem Gebiet des römischen Verwaltungsbezirks Civitas Tungrorum. Die Civitas gehörte zuerst zur Provinz Gallia Belgica, später wurde sie der unter Domitian neu geschaffenen Provinz Germania Inferior zugeschlagen. BEAUFORT datiert den Tod Karls des Großen um 210.
(Nach Wikipedia ist jedoch
der Geburtsort von Karl dem Großen völlig unbekannt und alle Bestimmungsversuche spekulativ.)

Karl der Große - ein rheinfränkischer Herrscher? Wikipedia: "Die Franken ... waren einer der germanischen Großstämme. Sie formierten sich im 2./3. Jahrhundert im Umfeld des von den Römern besetzten Teiles Germaniens durch Bündnisse mehrerer Kleinstämme. Die Franken wurden erstmals Ende der 250er-Jahre als Franci in römischen Quellen erwähnt. Salische Franken (auch Salier genannt) und Rheinfranken expandierten zunächst räumlich getrennt – die Salier über Toxandrien nach Gallien, die Rheinfranken über den Mittelrhein und das Moselgebiet nach Süden und in die ehemals linksrheinische römische Provinz Gallia Belgica." Die Datierung 2./3. Jh. dürfte weströmisch-antik sein und muss also nicht korrigiert werden.
Wikipedia (Franken (Volk)) zu den Rheinfranken: "Sie waren neben den Saliern der zweite tragende Stamm der fränkischen Expansion – aus ihnen ging später der Zweig der Moselfranken hervor. Die Rheinfranken bereiteten sich im Zuge der Fränkischen Landnahme von Köln über Mainz bis ins heutige Hessen und über Worms nach Speyer aus. Der Zweig der Moselfranken siedelte im Moseltal und in den benachbarten Gebieten bis hinauf nach Trier und im heutigen Luxemburg. Die Rheinfranken hatten eigene Kleinkönige; ihr bedeutendster war Sigibert von Köln, auch „der Lahme“ genannt. In Allianz mit dem Salier-König Chlodwig I. hatte er im Jahre 496 die Alamannen in der Schlacht von Zülpich besiegt. Dennoch fiel er einem Komplott seines ehemaligen Kampfgefährten zum Opfer, der danach die Macht auch bei den Rheinfranken übernahm und die beiden großen fränkischen Volksteile vereinigte.
Von den Stammesführern und Königen der Rheinfranken in der Zeit der Frankengenese bis zum Komplott gegen König Sigibert von Köln sind folgende in schriftlichen Quellen erwähnt:

bulletGennobaudes I. (287/289)
fränkischer Stammesführer, der sich den Römern unterwerfen musste.
bulletAscaricus und Merogaisus (etwa 306)
waren fränkische Stammesführer, die 306 in römisches Gebiet eindrangen, aber von Kaiser Konstantin besiegt wurden. Sie wurden in der Arena von Trier wilden Tieren vorgeworfen.
bulletMallobaudes (ab 378)
war zunächst Heerführer in der römischen Armee, bevor er sich von den Römern abwandte und am Rhein Kleinkönig der Franken wurde. Überliefert ist, dass er im Jahre 380 im Kampf den König der alamannischen Bukinobanten, Makrian, tötete.
bulletGennobaudes II. (ab 388)
im Jahre 388 unternahm er zusammen mit den Heerführern Marcomer und Sunno einen Angriff auf die römische Provinz Germanien. Die Franken durchbrachen den römischen Limes und verwüsteten den Raum um Köln.
bulletTheudomer (Richimers Sohn, 413–428)
Ob der zur Zeit des weströmischen Kaisers Jovinus, erwähnte fränkische König Theudomer zu den Rheinfranken zählte, ist nicht bekannt. Geschichtsschreiber Gregor von Tours berichtet, dass Theudomer, Sohn des Richimer, zusammen mit seiner Mutter Asycla durch das Schwert hingerichtet wurde.
bulletSigismer im Jahre 469 als „Königssohn“ erwähnt
Aufgrund seines Namens könnte er zu den Rheinfranken gezählt werden. Gesichert ist seine rheinfränkische Zugehörigkeit jedoch nicht.
bulletSigibert von Köln (König 483 bis 509)
Sigibert hatte in Allianz mit dem salfränkischen Merowinger Chlodwig I. im Jahre 496/497 in der Schlacht bei Zülpich die Alamannen besiegt – worauf Chlodwig die Christliche Religion annahm. Im Kampfe hatte sich Sigibert eine Knieverletzung zugezogen, als deren Folge er den Beinamen „der Lahme“ erhielt. Er wurde von seinem Sohn auf Anstiftung Chlodwigs ermordet.
bulletChloderich der Vatermörder (kurzzeitig 509)
Der salfränkische Herrscher Chlodwig I. hatte Chloderich zum Mord an dessen Vater aufgewiegelt. Nach dem Mord ließ Chlodwig auch den „Vatermörder“ umbringen und ließ sich von den Rheinfranken zum König ausrufen.

Mit Sigibert von Köln und seinem Sohn endete das eigenständige Königshaus der Rheinfranken." (Ich habe bei dem zitierten Wikipedia-Text die Quellenverweise bewusst weggelassen. Wer sich dafür interessiert, soll bitte dort nachsehen.) Die obigen Datierungen sind alle spätantik/merowingisch und müssen korrigiert werden. Nach der Korrektur datiert Gennobaudes I. kurz nach der Zeitenwende und Sigibert von Köln ist von 199 bis 225 König. Danach geht das Rheinfränkische Reich im Reich der Merowinger auf.

Die Aufstellung der bekannten Stammesführer und Könige gibt keinen Hinweis auf einen Karl noch bietet sie Platz für einen Karl den Großen. Bei ihrer Expansion nach Süden nahmen die Rheinfranken u. a. Köln (um 455), Trier (um 475) und auch Aachen ein. Zwischen der Eroberung von Trier und Köln durch die Rheinfranken bis zum Ende des Reichs der Rheinfranken (509) liegen letztendlich nur 54  bzw. sogar nur 34 Jahre. Wenn wir an die Existenz eines großen Karl bei den Rheinfranken denken, müsste dieser in diesem kurzen Zeitraum geherrscht haben. Ich denke, dass kann nicht gelingen. BEAUFORTs Datierung des Todes von Karl dem Großen (um 210) liegt in diesem kurzen Zeitintervall. Zu dieser Zeit herrschte im fränkischen Teilreich der Rheinfranken Sigibert von Köln. Dieser ist in den merowingischen Quellen belegt und dürfte kaum durch einen Karl ersetzt werden können.

Die Geschichte der Salfranken mit den Merowingern als führendes Herrschergeschlecht bietet genauso wenig einen Ansatz für die Herrschaft eines großen Karl.

ARNDT hat das Aufkommen des Namens "Karl" unter den europäischen Herrschernamen untersucht. Er geht davon aus, dass Karl der Große die Namensgebung beeinflusst haben muss. Ihn wundert das späte Aufkommen des Namens nach den Karolingern. Nach ARNDT taucht der Name Karl nach den Karolingern erstmals wieder im 13. Jh. bei Karl I. von Anjou (1226-1285, König von Sizilien) aus der französischen Kapetinger-Dynastie auf [20], danach erst wieder im 14. Jh. mit Karl IV. (geb. 1316) [27].

Die Genealogie der Karolinger ist offensichtlich ein reines Konstrukt, wobei ein Teil der Genealogie des Hauses Valois als Vorlage diente. Das Haus Valois, ein Nebenzweig der Kapetinger, kommt 1328 mit  Philipp III. (dem Kühnen) auf den französischen Thron (mit dem Tode König Karls IV. des Schönen im Jahr 1328 starben die Kapetinger in direkter Linie (Capétiens directs) aus.). Das System der Königsnamen wurde nach ARNDT unter Karl V. (1520-1556) entworfen, oder zumindest in wesentlichen Teilen erweitert [71f]. Karl der V. war über seine Großmutter Maria von Burgund mit dem französischen Königshaus Valois verbunden (Das jüngere Haus Burgund = Seitenzweig des französischen Königshauses Valois).
ARNDT: "Der König (REX) und Kaiser (IMP AVG) Karl I. von Valois (1270-1325), der Stammvater aller französischen Könige nach ihm bis 1589, entspricht also Karl dem Großen. Sein Großonkel Karl I. von Anjou (der erste französischstämmige König mit Namen Karl) ist das Modell für Karl Martell, dem ersten Karl überhaupt und Großvater von Karl dem Großen."  [http://de.geschichte-chronologie.de/index.php?view=article&catid=30%3A2008-11-15-18-07-26&id=134%3Awer-war-karl-der-grosse-wirklich&tmpl=component&print=1&layout=default&page=&option=com_content&Itemid=116]

"Im Jahre 800, und zwar genau 800 Jahre nach der "Fleischwerdung des Herrn" am 25.12., entsteht mit der Kaiserkrönung Karls des Großen das römische Kaisertum im Westen neu. ...  Die Lebensdaten der beiden wichtigsten römischen Herrscher der Antike, Julius Caesar und Augustus, sind mit denen der beiden bedeutendsten römischen Kaiser des Mittelalters und der Neuzeit eng verknüpft, Karl I., auch der Große genannt, und Karl V., "in dessen Reich die Sonne nie unterging", und in dessen Amtszeit das westliche Christentum in seiner heutigen Form durch Reformation und Gegenreformation entstand.
2 x 800 Jahre nach Julius Casar wird Karl V. geboren, im Jahre 1500 AD, und beendet seine Herrschaft 2 x 800 Jahre nach diesem im Jahre 1556 AD. Karl der Große verweist auf Augustus, da er exakt 800 Jahre nach dessen Tod stirbt, im Jahre 814, und sich weitere biographische Details nach genau 800 Jahren sehr ähneln Z.B.: Im Jahre 32 v. Chr. ließ sich Oktavian zum "Führer Italiens" und damit des gesamten Westens ausrufen. Karl der Große wurde exakt 800 Jahre später, im Jahre 768, König des Fränkischen Reiches. ...  Karl V. verweist auch ganz klar auf Karl I., den Großen. Sowohl Karl der Große als auch Karl V. wurden im Jahre 1500 geboren. Der eine ab urbe condita (= 747 AD), der andere Anno Domini. Somit werden ihre Lebensdaten auch über die Ära ab Gründung der Stadt Rom miteinander verknüpft - sehr passend für einen römischen Kaiser. Karl V. war auch tatsächlich Karl I., nämlich als König von Spanien, Erzherzog von Österreich und König von Sardinien." [ARNALDUS (=ARNDT), 81f]

Es ist offensichtlich müßig, über die Realexistenz von Karl dem Großen nachzudenken. Karl der Große ist ein reines Phantasieprodukt und die Karolinger ebenso. ARNDT dazu: "Karl der Große, Otto der Große und Friedrich Barbarossa - alles nur Märchen wie Rotkäppchen und König Drosselbart!" [https://www.historyhacking.de/geschichtsanalytik/medi%C3%A4vistik/]
Vielleicht brauchte Karl V. nur einen berühmten Namensvorgänger für sein Projekt "Universalmonarchie" und zur Rechtfertigung seiner globalen Ambitionen.

 

Die Merowinger

Nach traditioneller Sicht haben die Franken am Untergang Westroms zumindest in Gallien und Germanien maßgeblich mitgewirkt. Daran habe ich meine Zweifel. Eher dürfte zutreffen, dass die Römer aufgrund der Reichskrise der 160/170 Jahre ihre Truppen planmäßig aus Gallien abzogen und den Schutz der gallorömischen Bevölkerung foederati, hier den Franken, übertrug - ähnlich wie in Britannien, wo die Römer schon 410 (= 126) abzogen und die Sachsen als foederati mit dem Schutz der römischen Bevölkerung betraut waren. Nur so erklärt sich die schnelle und fast widerstandslose Machtübernahme der Franken in Gallien. Die Franken wurden damit Vasallen des Römischen Reichs. Als das Weströmische Reich 476 (= 192) unterging, trat Ostrom an dessen Stelle. Das aus dem Vasallenstatus resultierende enge Verhältnis der Franken, insbesondere der Merowinger, zu Byzanz dürfte bis zu deren Ende bestanden haben. Nur so ist auch die unmittelbare Übernahme der spätantiken Datierung durch die Merowinger und die spätere unverzügliche Übernahme des römischen Reichskirchensystems im Frankenreich zu erklären.

Nach traditioneller Sicht expandierten die Salfranken oder auch Salier nach der Vereinigung der proto-fränkischen Stämme zum Großstamm der Franken (siehe oben) über Toxandrien nach Gallien. Wikipedia: "In Toxandrien blieben die Salfranken bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts, ehe sie weiter nach Süden vordrangen und Zug um Zug galloromanisches Land eroberten. Childerich I. legte das Fundament, indem er in den 460er und 470er Jahren des  5. Jahrhunderts eine Machtstellung in Nordgallien errichtete. Sein Sohn und Nachfolger Chlodwig I. eroberte mehrere fränkische Kleinreiche und schließlich im Jahre 486/487 das Kleinreich des letzten römischen Herrschers in Gallien Syagrius. Damit endete die römische Herrschaft in Gallien." Diesen Expansionsdrang kanalisierten die Römer mit dem Foederatenstatus der Franken.

Childerich I. und Chlodwig I. gehörten dem bedeutendsten Königsgeschlecht der Salfranken an, den Merowingern. "Historisch gesichert ist die Existenz der Merowinger erst für das 5. Jahrhundert: In Tournai wurde im Jahr 1653 die Grabstätte von Childerich I. († 481 oder 482) gefunden. Dieser bezeichnete sich selbst als rex, was zu dieser Zeit allerdings nicht ohne weiteres als „König“ übersetzt werden kann, und war anscheinend ein Fürst der Salfranken. Von Childerich, der angeblich ein Sohn Merowechs und mit dem früheren rex Chlodio verwandt war, stammten alle späteren Merowinger ab. Heute wird dabei im Unterschied zur älteren Forschung oft angenommen, dass der Aufstieg der Familie erst mit Childerich begann." (Wikipedia)

 

Quelle: Von Map Gaul divisions 481-fr.svg: Romain0derivative work: Furfur (talk) - Map Gaul divisions 481-fr.svg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11397282

 

Nach der traditionellen Chronologie sind die Merowinger vor den Karolingern eingeordnet. Der Grund für diese falsche Einordnung ist die bei der Erstellung der Chronologie übersehene spätantike Datierung der Merowinger während die Karolinger, da später konstruiert, frühmittelalterlich, d. h. nach u. Z. datiert sind. Bei Korrektur der spätantiken Datierung der Merowinger erstreckt sich die Herrschaft der Merowinger über die Katastrophe hinweg bis zur Mitte des 11. Jh. Für die Karolinger bleibt dabei kein Platz mehr.

Der Aufstieg der salfränkischen Merowinger begann in der zweiten Hälfte des 2. Jh. Der Salfranke Childerich I. (trad. ca. 457- 481/482 = 173 - 197/198) war der erste historisch nachweisbare fränkische Kleinkönig aus dem Geschlecht der Merowinger (Wikipedia). Sein Sohn Chlodwig I. (trad. 466 - 511 = 182 - 227) und seine ihm nachfolgenden Söhne Theuderich, Chlodomer, Childebert und Chlothar herrschten über fast ganz Gallien und Germanien. Unter Chlodwig war Paris die Hauptstadt des Reiches.

Die Merowingerherrschaft überstand die Katastrophe von 238 bzw. 940. Vor der Katastrophe einverleibten sie sich 486/487  (= 202/203) das Reich des Syagrius (Neustrien), um 496/497 (= 212/213) das Gebiet der Alemannen (Schwaben), 507 (= 223) das Reich der Westgoten bis zu den Pyrenäen (Aquitanien) sowie 509 (= 225) das Rheinfränkische Reich.

Nach der Katastrophe eroberten sie noch ein Teilgebiet des im Osten gelegenen Thüringer Königreichs 531 (= 949 u. Z.), das Austrasien zugeschlagen wurde, und das im Süden gelegene Königreich Burgund 534  (= 952 u. Z.). (Das Königreich Burgund wurde unter den drei regierenden fränkischen Königen Chlothar I., seinem Bruder Childebert I. und beider Neffen Theudebert I. aufgeteilt. Nachdem Theudeberts Sohn und Childebert ohne männliche Nachkommen starben, fiel das Gesamtreich einschließlich Burgund 558 an Chlothar I. Erst nach seinem Tod bei der Aufteilung des Reichs unter seinen Söhnen entstand das fränkische Teilreich Burgund neu, das sein Sohn Guntram I. bis 592 regierte. Seit der Alleinherrschaft von Dagobert I. verblieb Burgund im Teilreich Neustrien, behielt aber seine Eigenständigkeit.) Damit hatte das Frankenreich seine maximale Größe erreicht.

Sachsen  und Bayern haben nach meiner Auffassung nie zum Frankenreich gehört. Vermutlich waren die Sachsen wie die Franken foederati des Römischen Reichs und mit der Sicherung der Nordgrenze des römischen Gebiets in Gallien und Germanien betraut. Das Gebiet Altbayerns südlich der Donau war Teil des Römischen Reiches und seiner Provinzen Raetia und Noricum. Nach dem Rückzug der Römer in der ersten Hälfte des 5. Jh. (= etwa Mitte des 2. Jh.) bildete sich das Volk der Bajuwaren heraus. Das Stammesherzogtum Bayern, dass 555 (= 973 u. Z.) erwähnt wird, soll unter Karl dem Großen dem Frankenreich eingegliedert worden sein, was ich dem frühmittelalterlichen Konstrukt zuordne. Die traditionelle Geschichte spricht bzgl. Sachsen und Bayern von sog. Stammesherzogtümern. Das setzt jedoch eine fränkische Herrschaft durch die Einsetzung eines Herzogs voraus, was ich anzweifele. Traditionell wird der Neubeginn des Stammesherzogtums Bayern ab 907 unter Arnulf I., Herzog von Bayern gesehen. Ich sehe eine kontinuierliche Entwicklung Bayerns vom Ende der römischen Herrschaft bis zum Hochmittelalter ohne fränkische Herrschaft, wobei auch hier die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters konstruiert ist.

Die traditionelle Herrschergenealogie der Merowinger sieht nach Chlodwigs I. Tod eine Aufteilung des Reichs auf seine Söhne. "Nach seinem Tod teilten seine vier Söhne, wie er es verfügt hatte, die Herrschaft untereinander auf, ohne damit allerdings formal unabhängige Reiche zu gründen. Es waren Theuderich, der Sohn seiner ersten Ehefrau, einer vornehmen Fränkin, sowie Chlodomer, Childebert und Chlothar, die drei Söhne Chrodechilds. Sie gründeten vier eigene Königshöfe in Metz/Reims, Orléans, Paris und Soissons." (Wikipedia)
Im Jahr 558 ist das Reich jedoch wieder unter der Alleinherrschaft Chlothar I. vereint. Danach erfolgt eine neue Aufteilung aus dessen Söhne und 613 eine neue Vereinigung unter dem Alleinherrscher Chlothar II.

ARNDTs Analyse der Abfolge der Namen der Könige ergibt, dass auch die Namen der Könige der fränkischen Merowingerzeit nach einem System konstruiert wurden [91]. Nun hat ARNDT bei seiner Analyse nur die Könige des Gesamtreiches berücksichtigt, die alle ihre Residenz in Paris hatten, bzw. in Zeiten ohne Alleinherrscher die Könige mit Paris (Neustrien) als Residenz [91f]. Nach ARNDT wären Chlothar I. und Chlothar II. zu streichen [93]. "Die Namen des ersten Teils des Merowinger-System enden 584 mit dem Tod Chilperich I. Danach wiederholt sich die Namensstruktur des ersten Teils. ... Nach ihm begann dann mit Dagobert I. der zweite Teil. ... Dagobert I. ( ca. 605-639) war der letzte Merowingerkönig mit einem neuen Namen. Nach ihm treten bei den Königen nur noch bisher schon vergebene Namen auf." [ARNDT, 94]

BEAUFORT hält Dagobert I. - sicher zu Recht - für den letzten realen Merowingerherrscher. Dagobert I. beherrschte als Alleinherrscher von 629 bis 639 das Merowingerreich, d. h. korrigiert von 1047 bis 1057 u. Z.

Wikipedia: "Dagobert I. ... war seit 623 Unterkönig in Austrasien und seit 629 König der Franken. Dagobert war Sohn von König Chlothar II. und gilt als der letzte wirklich regierende und bedeutende Herrscher aus dem Geschlecht der Merowinger."

Die traditionell nach ihm folgenden Merowingerherrscher sind m. E. wie die Karolinger insgesamt konstruiert. Ich würde Chlothar I. entgegen ARNDT in der Herrscherfolge belassen. Ein Chlothar ist nach den Quellen sowohl bei der Zerschlagung des Thüringer Reichs als auch des Burgunderreichs beteiligt.

Nach Chlodwigs Tod wurde die Herrschaft auf seine vier Söhne aufgeteilt, die daraufhin vier eigene Königshöfe in Metz/Reims, Orléans, Paris und Soissons gründeten, wobei die Teilkönigreiche Paris und Orléans nur kurzlebig waren. Nach dem Tod von Charibert I. (561-567 = 979-985 u. Z.) entschieden sich seine überlebenden drei Brüder für eine gemeinsame Verwaltung von Paris, das unter ihrem Großvater Chlodwig immerhin Hauptstadt des Reiches war. Damit war die Grundlage für die späteren (etwa ab 584 = 1002 u. Z.) merowingischen Teilreiche Neustrien und Austrasien geschaffen, wobei die Reichseinheit durch Chlodwigs Nachfolger nie aufgehoben wurde (Wikipedia), was die Herrschaft von Chlothar I., Chlothar II. und Dagobert I. über das Gesamtreich erklären würde.

Könige Austrasiens mit Residenz in Metz/Reims (Wikipedia: auch als Reich von Metz bezeichnet, bis sich ab 584 der Name Austrasien durchsetzte):

  traditionell u. Z.
    Theuderich I. 511 - 533 929 - 951
    Theudebert I. 533 - 547 951 - 965
    Theudebald 547 - 555 965 - 973
    Chlothar I.1 558 - 561 976 - 979
    Sigibert I. 561 - 575 979 - 993
    Childebert II. 575 - 596 993 - 1014
    Theudebert II. 596 - 612 1014 - 1030
    Sigibert II. 613 1031
    Chlothar II.1 613 - 629 1031 - 1047
    Dagobert I.1 629 - 639 1047 - 1057

1  Gesamtreich

 

Könige Neustriens mit Residenz in Soissons:

  traditionell u. Z.
    Chlothar I. 511 - 558 929 - 976
    Chlothar I.1 558 - 561 976 - 979
    Chilperich I. 561 - 584 979 - 1002
    Chlothar II. 584 - 613 1002 - 1031
    Chlothar II.1 613 - 629 1031 - 1047
    Dagobert I.1 629 - 639 1047 - 1057

1  Gesamtreich

 

Könige Burgunds mit Residenz in Chalon-sur-Saône:

  traditionell u. Z.
    Guntram I. 561 - 592 979 - 1010
    Childebert II. 575 - 596 993 - 1014
    Theuderich II. 596 - 613 1014 - 1031

 

König im Teilreich Orléans (nach Tod Aufteilung seines Reichsteils unter seinen Brüdern):

  traditionell u. Z.
    Chlodomer 511 - 524 929 - 942

 

König im Teilreich Paris (nach Tod Aufteilung seines Reichsteils unter seinen Brüdern):

  traditionell u. Z.
    Charibert I. 561 - 567 979 - 985

 

Die Zerschlagung des Thüringer Königreichs

Im Jahr 531 (= 949 u. Z.) vernichten die Franken unter der Führung Theuderich I. und Chlothar I. das Thüringer Königreich. Eine sächsische Beteiligung an der Vernichtung des Thüringer Königreichs wird z. T. vermutet, jedoch ist der Anteil der Sachsen dabei nicht klar. Eine Kooperation zwischen den foederati Franken und Sachsen ist durchaus plausibel. Möglicherweise wurde die Reichsbildung der Thüringer als Gefahr für die Ostgrenze des Frankenreichs gesehen.
Von den Franken wird nach der Zerschlagung des Thüringer Königreichs das Thüringer Gebiet nur teilweise besetzt. Aus der traditionellen Geschichte ist bekannt, dass die fränkischen Kontingente nach dem Sieg über die Thüringer wegen einer Erhebung im Frankenreich schnell wieder abgezogen wurden.
Dauerhaft eingenommen haben die Franken das Gebiet zwischen dem Harz und dem Thüringer Wald bis zu Saale (i. W. das heutige Bundesland Thüringen) und das Gebiet südlich davon zwischen Thüringer Wald und der Donau bis zum fränkischen Mittelgebirge/Oberpfälzisch-Bayerischer Wald (das heutige Franken). Flüsse und Gebirge waren damals noch schwierig zu überwindende Hindernisse.
So wurde das Gebiet des ehemaligen Thüringer Königreichs nur teilweise besetzt. Das auch zum ehemaligen Thüringer Königreich gehörende Gebiet zwischen Saale und Elbe blieb unbesetzt bzw. wurde von Slawen besiedelt. Zur Sicherung der fränkischen Macht in den besetzten Gebieten wurde ein Herzog (dux) eingesetzt.

"Um 630 richteten die Merowinger in Thüringen ein Herzogtum und setze als Herzog den Franken Radulf ein. Über ihn und seine Nachfolger Heden I. und Heden II. ist fast nichts bekannt. Heden II. schenkte 704 seinen Hof Arnstadt dem Bischof Willibrord - es ist die älteste urkundliche Erwähnung eines Ortsnamens im Thüringer Gebiet." [www://heraldik-wiki.de/wiki/Geschichte_Thüringens] Vermutlich sind die Datierungen spätantik und lauten korrigiert 1048 für die Einrichtung des Herzogtums (Warum erst so spät?) und 1122 für Schenkung an Willibrord und die erste urkundliche Erwähnung Arnstadts.

Das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Harzes bis zur Elbe schlugen die Sachsen ihrem Herrschaftsgebiet zu.

Eine etwas spätere Auseinandersetzung zwischen Franken und Sachsen ist jedoch bei Gregor von Tours zu finden. Im Jahr 555 (= 973 u. Z.) sollen die Sachsen "aufständig" gewesen sein. Daraufhin soll König Chlothar in sächsisches Gebiet eingefallen sein und dieses verwüstet haben. Für 556 wird ein zweiter Sachsenfeldzug geschildert, der jedoch mit einer Niederlage der Franken endete.

Hier einige interessante Datierungen um die Vernichtung des Thüringer Königreichs nach Korrektur der traditionellen Datierungen.

u. Z.

862/882                    Kaiser Marcus Aurelius. Hunnen und Goten bedrängen das Römische Reich (trad. 160-180 = 444-464 spätantik)

869                            Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (trad. um 451 = 167 antik), nach Sidonius Apollinaris (trad. 431-479 = 147-195 antik = 849-897 u. Z.)
              mit Beteiligung von Thüringer Kontingenten

923                            Tod König Bisinius – erster gesicherter Herrscher des Thüringerreichs
                                  Söhne: Baderich, Herminafried, Bertachar (trad. 505)

um 936                     Geburt Radegunde (trad. um 518)

944                            Tod Theoderichs (König der Ostgoten), wahrscheinlich Bündnis zwischen Thüringern und Goten (trad. 526)

952                            Ermordung Herminafrieds in Zülpich, letzter Thüringer König (trad. 534)

958                            Heirat Radegunde mit Chlothar I. (trad. 540)

973/974                    Radegunde gründet in Poitiers ein Frauenkloster (trad. 555/556)

988                            Radegunde erhält von Kaiser Justin II. (trad. 565-578 = 983-996 u. Z.) Reliquien des hl. Kreuzes. Das Nonnenkloster erhält den Namen Sainte Croix (trad. 570)

1005                          Tod Radegunde in Poitiers (trad. 587)

kurz nach 1018        Kirche Sainte-Radegonde in Poitiers mit Grab der Radegunde
                                  (trad. kurz nach 600)

um 1028                   Tod Venantius Fortunatus (Bischof von Poitiers und enger
                                  Vertrauter von Radegundis) (trad. 610)

1020                          Tod Kaiser Maurikios in Byzanz (trad. 602 - Ende der justinianischen Dynastie)

 

 

Sachsen und Ottonen

Die traditionelle Geschichtsschreibung sieht im Osten des Frankenreichs ab 919 den Aufstieg der sächsischen Ottonen unter dem Königtum Heinrich I. und als Höhepunkt die Wiederaufnahme des römischen Kaisertums durch Otto I. Wie ARNDT belegt, ist die tradierte Geschichte der Ottonen wie die der vorangegangenen Karolinger und der folgenden Salier und Staufer in wesentlichen Teilen ein Konstrukt, also frei erfunden, auch wenn einzelne Personen möglicherweise real existierten.

Ich wiederhole mich: Die traditionelle Geschichte um die Ottonen ist ein Konstrukt. Der Wahrheitsgehalt entspricht dem eines Märchens der Gebrüder Grimm.

Ähnlich wie bei den Franken haben sich etwa in der 2. Hälfte des 2. Jh. verschiedene westgermanische Stämme zum Großstamm der Sachsen zusammengeschlossen. Ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet war im Nordwesten des heutigen Deutschlands und im Osten der heutigen Niederlande (Wikipedia), also unmittelbar östlich des Ursprungsgebietes der Franken. Sie expandierten in Richtung Osten nördlich des fränkischen Herrschaftsgebiets bis an die Westgrenze des Thüringerreichs, nach Westen auf die britische Insel. Die Kirchengeschichte Bedas berichtet für die Regierungszeit Kaiser Markians (trad. 450-457 = 166-173), dass Sachsen zum Schutz vor den Nordvölkern ins Land geholt worden seien. Da die bestehenden römischen Städte und Ansiedlungen nach dem Abzug der Römer 410 (= 126) ansonsten schutzlos gewesen wären, ist es durchaus plausibel, dass Rom Sachsen und Angeln als foederati ansiedelten, die als Schutzmacht fungierten. Ob Sachsen bereits um die Jahrtausendwende in Britannien ansässig waren, wo sie mit den Römern in Konflikt geraten sein sollen, wie HEINSOHN meint, kann ich nicht beantworten.
Ich denke, dass die Sachsen auch auf dem Kontinent einen Foederatenvertrag mit den Römern hatten, hier zur Sicherung der Nordgrenze. M. E. waren die Sachsen noch im 10. Jh. ein selbständiger Stammesverband, der an der Nordgrenze des Ostfrankenreichs (Austrasien) sein Herrschaftsgebiet hatte. Nach meiner Auffassung war Sachsen nie Teil des Ostfrankenreichs. Ein eigenes Königreich gründeten die Sachsen nie. Offensichtlich war die Stammesentwicklung der Sachsen noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie an die Gründung eines eigenen Reichs gehen konnten, im Gegensatz zu den Thüringern oder den Franken.
Da sowohl die Franken als auch die Sachsen foederati des Römischen Reichs waren, dürfte eine Art Koexistenz zwischen beiden bestanden haben. Während es bei der Zerschlagung des Thüringer Reichs eine Allianz gegeben haben könnte, gab es offensichtlich später vereinzelt auch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Sachsen und den Franken, wenn auch die Zusammenhänge ziemlich unklar erscheinen.
Dazu Wikipedia: "Hingegen scheinen die Sachsen in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts ihrerseits unter fränkischen Einfluss gelangt zu sein. Als im Jahr 555 der fränkische König Theudebald starb, erhoben sich die Sachsen allerdings gegen Chlothar I. Dieser zog gegen die Aufständischen, wobei er Thüringen verwüstete, da die Thüringer den Sachsen offenbar Hilfstruppen gestellt hatten. Kurz darauf (vermutlich 556) fand eine erneute sächsische Erhebung statt, in der die Sachsen die ihnen auferlegten Zwangsabgaben verweigerten. Gregor von Tours schreibt in diesem Zusammenhang von einer Niederlage Chlothars, während Marius von Avenches von einem erneuten Sieg Chlothars berichtet. ... Unsicherheit besteht auch bezüglich der Erwähnung einer dritten Auseinandersetzung (556 oder 557), bei der Sachsen in die Francia (Franken) eingedrungen und bis in die Nähe von Deutz vorgestoßen sein sollen." Damals war Thüringen aber schon fränkisch.

Unmittelbar nach der Zerschlagung des Thüringer Königreichs besetzten die Sachsen das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Harzes bis zur Elbe bzw. Saale. Die Nordgrenze lag etwas nördlich von Magdeburg. Die Stadt Magdeburg ist mit Sicherheit eine sächsische Gründung. Die karolingische Erwähnung Magdeburgs (805) ist allein dem Konstrukt des Mittelalters geschuldet.

Da die Merowinger die Osterweiterung ihres Gebiets an der Saale offensichtlich für beendet betrachteten, ergab sich für die Sachsen die Gelegenheit, das durch die Vernichtung des Thüringer Königreichs entstandene Machtvakuum im Gebiet östlich der Saale für ihre Eroberungsambitionen auszunutzen. Insbesondere das sächsische Geschlecht der Wettiner machte hier von sich reden. "Das Haus Wettin kann in seiner Herkunft bis in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts zurückverfolgt werden." (Wikipedia) Die Wettiner eroberten sukzessive das Gebiet zwischen Saale und Elbe. Die Städte Merseburg, Halle, Zeitz und Meißen dürften in dieser Zeit entstanden sein. Die Markgrafschaft Meißen wird erstmals 1046 erwähnt.

Im 12. Jh. startete von den sächsischen Geschlecht der Askanier eine neue Ostexpansion, nun rechts der Elbe bis zur Oder/Neiße. 1157 konnte Albrecht der Bär die slawische Brandenburg endgültig erobern, was im Allgemeinen als der Gründungstag der Mark Brandenburg gilt (Wikipedia). Um 1165 erfolgte die Gründung des Bistums Brandenburg, 1170 erhielt Brandenburg Stadtrecht.

Im 12. Jh. erfolgte auch noch die Besiedlung der Altmark, womit das sächsische Territorium komplett war.

Sämtliche ottonischen Daten der o. a. Städte und Bistumsgründungen sind dem ottonischen Konstrukt zuzuordnen.

Problematisch ist die Identifizierung der Ottonen. Ob sowohl Heinrich als auch seinem Sohn Otto reale Personen der Geschichte zugrunde liegen ist unklar, vielleicht sächsische Stammesführer, jedoch keinesfalls Könige des Ostfrankenreichs noch weniger ein römisch-deutscher Kaiser.

Die Namensgleichheit der frühen Ottonen Heinrich I. (um 876-936), seiner Frau Mathilde (†968) und deren Sohn Otto der Große (912-973) mit Heinrich dem Löwen (1129/35-1195), dessen Frau Mathilde von England (um 1156-1189) und beider Sohn Otto IV. (1175/76-1218) belegt erstere oder sogar beide als Konstrukt. Es sieht so aus, als wäre die Geschichte der frühen Ottonen ein Stück weit nach der Genealogie der Welfen des 12. Jh. konstruiert worden.

Die Italienpolitik und das römisch-deutsche Kaisertum der Ottonen wie auch der traditionell nachfolgenden Herrschergeschlechter, der Salier und der Staufer, ist konstruiert und hat es nie gegeben.

Wikipedia zur Nachrichtenlage für die Zeit Heinrich I.: „Die Zeit Heinrichs I. gehört zu den quellenärmsten des gesamten europäischen Mittelalters. Die erst Jahrzehnte nach seinem Tod verfassten ottonischen Geschichtswerke würdigen insbesondere Heinrichs Einung und Befriedung des Reiches nach innen und außen. Lange Zeit galt Heinrich als erster „deutscher“ König im „deutschen Reich“. Erst in der modernen Forschung setzte sich die Auffassung durch, dass das Deutsche Reich nicht durch einen Akt, sondern in einem lange währenden Prozess entstanden ist. Gleichwohl wird Heinrich darin weiterhin eine entscheidende Rolle zugemessen.“ (Wikipedia)

Wikipedia zitiert den Historiker Johannes Fried: "„Eine allgemeine Königswahl Heinrichs durch Franken und Sachsen gab es vermutlich nie. […] Er begann als König in Sachsen und schob sein Königtum allmählich in einen nach Konrad I. königsfreien Raum vor.“

 

Geschichte nach dem Ende der Merowingerherrschaft

Im Jahr 1057 starb Dagobert I., der seit 623 Unterkönig in Austrasien und seit dem Tod Chlothars II. 629 Alleinherrscher im Frankenreich war. Nach seinem Tod kommen im Westfrankenreich (Neustrien) die Kapetinger an die Macht. An der Machtübernahme auch im Ostfrankenreich (Austrasien) waren sie offensichtlich nicht interessiert. Wie ARNDT nachweist, ist auch das Westfrankenreich von der Konstruktion der Geschichte betroffen. Analog des konstruierten Zeitraums 911-1250 im Ostfrankenreich ist ein französisches System von 929-1322 nachzuweisen.

Nach meiner Überzeugung blieb das Ostfrankenreich nach Dagoberts I. Tod ohne Zentralgewalt. Die nach der traditionellen Geschichtsschreibung folgenden Söhne Dagoberts, Chlodwig II. (634-657) und Sigibert III. (630-650), unter denen das Reich neu aufgeteilt worden sein soll, hat es nach meiner Auffassung als Herrscher Austrasiens nie gegeben. Ich folge BEAUFORT darin, dass die Merowingerdynastie mit Dagobert I. endete.

Im Jahr 1057, dem Todesjahr Dagoberts I., sieht die Geschichte Heinrich IV. als römisch-deutschen Kaiser an der Macht. Wie ich das Kaisertum der Ottonen als Konstrukt ansehe, halte ich das römisch-deutsche Kaisertum des 11.-13. Jh. ebenfalls für ein Phantasieprodukt.

Möglicherweise gibt es einen realen historischen Kern hinter der Herrschaft Heinrich IV. Denkbar wäre, dass sich der fränkische Salier Heinrich (IV.) als Erbe der Merowingerdynastie sah und die Herrschaft in Austrasien für sich beanspruchte. Mit diesem Anspruch erregte er den Widerspruch der sich schon während der Herrschaft der Merowinger herausgebildeten Territorialherrschaften. Die weit entfernte und damit schwache Königsmacht zuerst in Metz und ab 629 (=1047) im noch weiter entfernten Paris hatte logischerweise ein Erstarken des territorialen Adels zur Folge, der seine lokale Herrschaftsbasis ausbauen konnte. Eine erneute, vielleicht stärkere Königsmacht war keinesfalls in deren Interesse. Dass die unter der Merowingerherrschaft erstarkten Territorialfürsten ihre einmal erlangte Macht nur unfreiwillig zurückgaben oder teilten, ist nachzuvollziehen.

Die von Heinrich IV. bekannten zahlreichen kriegerischen Unternehmungen - sofern sie tatsächlich stattgefunden haben - hatten vielleicht die Durchsetzung seines Machtanspruches zum Ziel.  Letztendlich konnte sich Heinrich IV. nicht durchsetzen. Sein Heer erlangte zwar lokal militärische Erfolge, doch waren die nicht nachhaltig. Nach seinem Abzug agierten die Territorialfürsten ungehindert weiter in ihrem Interesse.

Das Verschwinden der Königsmacht nutzten die Territorialfürsten aus. Das Königsgut wurde  dem eigenen Besitz zugeschlagen. Ein Beispiel aus meiner Heimatstadt Erfurt: Nach der traditionellen Geschichte einverleibte sich der Erzbischof von Mainz um 1060 die ehemalige Königsstadt Erfurt, verjagte die Kanoniker des bestehenden Stifts auf dem Petersberg und gründete ein Eigenkloster, ein Benediktiner-Doppelkloster St. Peter und Paul. Seit dieser Zeit war der Bischof von Mainz Grundherr der Stadt Erfurt.
Übrigens, das Kloster verehrte einen König Dagobert als Gründer (Es gab eine Dagobert-Skulptur im Bereich des ehemaligen Westportals der Peterskirche), was von den Historikern ignoriert wird, weil für sie unverständlich. Nach einer in die Abschrift der Annalen des Hersfelder Mönches Lampert um 1110/1131 eingefügten Nachricht erfolgte die Gründung des Petersklosters durch König Dagobert im Jahr 706 auf dem Berg der Merwigsburg hieß. Diese Nachricht wurde bisher als falsch angesehen, da im Jahr 706 kein König Dagobert bekannt ist. Das Jahr 706 ist auch nach Korrektur der Datierung bei der Annahme, es handelt sich um eine spätantike (merowingische) Datierung nicht stimmig. Nach Korrektur ergäbe sich das Jahr 1124. Zu dieser Zeit bestand schon lange das bischöfliche Doppelkloster. Traditionell soll die Nachricht eine Fälschung des 12. Jh. sein. Vermutlich wurde die an sich vielleicht richtige Nachricht im 12. Jh. eingefügt, jedoch hatte man sich bei der Nennung des merowingischen Gründungsjahrs vertan. Immerhin lag diese mehr als hundert Jahre zurück.

Nach ARNDT wurde das System des Mittelalterkonstrukts während der Herrschaft Karl V. (1520-1556) entworfen, oder zumindest in wesentlichen Teilen erweitert [71f]. Karl V. erscheint als Protagonist bei der Erschaffung eines übergeordneten Herrschersystems fast ideal.

Wikipedia: "Karl verfolgte den Reichsgedanken der Universalmonarchie, wonach dem Kaiser Vorrang vor allen Königen zukam. Er verstand sich als Friedenswahrer in Europa, Beschützer des Abendlandes vor der Expansion des Osmanischen Reiches unter Süleyman I. und als Verteidiger sowie Reformator der römisch-katholischen Kirche. Um seine hegemoniale Herrschaftsidee durchsetzen zu können, führte er gegen den französischen König Franz I. zahlreiche Kriege (Italienische Kriege)."

Die Herrschaft Karl V. korreliert mit zwei anderen vielleicht bemerkenswerten Daten. Im Jahr 1530/31 erfolgte die letzte Krönung in Aachen (Ferdinand I.) und im Jahr 1530 die letzte Kaiserkrönung (Karl V. in Bologna). Ich halte sowohl die früh- und hochmittelalterlichen Krönungen in Aachen als auch die Kaiserkrönungen in Rom für konstruiert. Nach meiner Auffassung haben diese nie in Aachen bzw. Rom stattgefunden.
In der "Goldenen Bulle" (1356) war Frankfurt als Wahlstadt für die Königswahl vorgeschrieben (Nach Wikipedia fanden schon seit 1147 die meisten Königswahlen in Frankfurt statt.). Obwohl die Krönung nach der "Goldenen Bulle" nur noch ein formaler Akt war, da allein durch die Wahl der Gewählte alle Rechte eines Königs und zukünftigen Kaisers erhielt, erfolgten die Krönungen in Frankfurt erst ab 1562 (Maximilian II.). Eine Bestätigung durch den Papst bedurfte es nicht mehr. Für mich ist vorstellbar, dass die "Goldene Bulle" erst im 16. Jh. entstanden ist und rückdatiert wurde. Vielleicht beginnt die reale Herrschergeschichte erst wieder im 16. Jh.

Vielleicht ist der Umstand, dass das Mittelalter keine deutschen Könige kennt und es den Zusatz zur Reichsbezeichnung "Deutscher Nation" erst seit dem späten 15. Jh. gibt, worauf schon ARNDT [40 und 58] hinweist, ein Indiz für meinen Ansatz.

 

Christianisierung, Papsttum, Investiturstreit

Nach BEAUFORT erhebt Kaiser Justinian I. (trad. 527-565) den Katholizismus zur Reichsreligion und begründet die Reichskirche. Die korrigierten Herrscherdaten von Justinian I. sind 945-983, d. h. im späten 10. Jh. Alle anderen christlichen Glaubensrichtungen erklärte Justinian für ketzerisch bzw. arianisch. Ich sehe in der Begründung der Reichskirche den Startpunkt für den monumentalen Kirchenbau.

Im Prinzip gleichzeitig übernahmen sowohl das Frankenreich als auch z. B. Sachsen den Katholizismus als verbindliche Religion für ihr Herrschaftsgebiet. Schon im letzten Drittel des 10. Jh. Kirchen wurden dort errichtet. Diese sofortige Übernahme des Katholizismus durch die Franken als auch durch die Sachsen ist mit ihrem Status als foederati erklärbar, wobei eine eigenständige fränkische bzw. sächsische Landeskirche entstanden sein dürfte.

Chlodwig soll nach dem Sieg in der Schlacht von Zülpich (496 = 212 antik) zum katholischen Glauben konvertiert sein. Die Taufe soll durch Bischof Remigius in Reims vollzogen worden sein. Diese Nachricht bei Gregor von Tours dürfte in die Rubrik "Schönfärberei" der Merowingerdynastie gehören. Die weiteren Quellen, wie das Glückwunschschreiben des Bischofs Avitus von Vienne und ein Brief des Bischofs Remigius von Reims (Wikipedia) erachte ich für spätere Fälschungen. Ich sehe die Erhebung des Katholizismus zur Reichsreligion im Merowingerreich etwa zeitgleich mit Ostrom etwa nach Mitte des 10. Jh.

Entgegen der traditionellen Darstellung (Papstliste), die zwischen Bischof von Rom und Papst nicht eindeutig unterscheidet, sehe ich das Papsttum erst, als sich der Bischof von Rom zum Oberhirten aller Christen (im Westreich) erklärt. Erst dieser Hegemonialanspruch macht m. E. das Papsttum aus. Zuvor war ein Bischof in Rom eben der Vorsteher einer Christengemeinde in Rom, wobei natürlich nicht vergessen werden darf, dass es verschiedene christliche Gemeinschaften  mit unterschiedlichen  Auffassungen über Jesus, Christus, den Messias, den Sohn Gottes gab und deshalb sehr wahrscheinlich mehrere Bischöfe in Rom gleichzeitig. Erst mit der Erhebung des Katholizismus zur Reichsreligion wurde der Bischof der katholischen Gemeinde zum Bischof von Rom.

Keimzelle des Papsttums ist das Patriarchat Rom, eines der fünf von Justinian I. im 10. Jh. gegründeten Patriarchate zur Organisation der Reichskirche neben Konstantinopel, Alexandria, Jerusalem und Antiochia. Wikipedia: "Die Patriarchate waren untereinander ranggleich und standen zueinander in einer festen Ehrenordnung, deren Spitze Rom mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus als Primus inter pares bildete." Nach meiner Auffassung ist die Ranggleichheit mit dem Vorrang von Rom eine spätere Interpretation der römischen Kirche. Das Patriarchat Konstantinopel, wo sich die Residenz Justinians I. befand, dürfte die Vormundschaft zunächst innegehabt haben. Wollte die römische Kirche die Herrschaft über die Christen im Westen ausüben, musste sie sich zuerst von diesen Fesseln befreien. Im sogenannten Streit um den Ostertermin ging es in Wirklichkeit um die Befreiung aus dieser Vormundschaft. Dieser Befreiungsschlag gelang letztendlich 1054 mit der Trennung von Ost- und Westkirche. Erst danach hatte die römische Kirche, deren Bischof jetzt als Papst "firmiert", den Rücken frei, um sich um die Belange im beanspruchten Herrschaftsbereich zu kümmern.

Der Liber Pontificalis, eine chronologisch geordnete Sammlung von Biographien der Päpste (Wikipedia) entstand nach traditioneller Auffassung in seiner ersten Ausgabe um 530 mit Felix III. (526-530) als letzten Papst. "Der Liber Pontificalis wurde im 6. Jahrhundert in mehreren Stufen aktualisiert und ab dem 7. Jahrhundert mehr oder weniger regelmäßig nach dem Ableben eines Papstes aktualisiert. Der ältere Text bricht im 9. Jahrhundert mit dem Pontifikat von Stephan V. (Papst) ab. Eine Neuredaktion des Buches begann im 12. Jahrhundert durch Kardinal Boso." (Wikipedia) Auch wenn sich die Entstehung des Papsttums im 10./11. Jh.  und die Angaben im Liber Pontificalis scheinbar widersprechen, halte ich den Liber Pontificalis in seiner ersten Ausgabe für eine weitgehend zuverlässige Quelle. Der Widerspruch lässt sich leicht auflösen. Mit der Verschiebung der Antike zuerst um 284 Jahre und dann noch einmal um 418 Jahre in die Vergangenheit (in Summe 702 Jahre) wurde auch die Auflistung der Päpste mit verschoben, da der Liber Pontificalis bereits in der Antike beginnt (nach Wikipedia ist Anterus 235/236 "der erste historisch eindeutig gesicherte Bischof von Rom"). Da der Liber Pontificalis keine direkten Jahreszahlen aufführt, sondern nur die Päpste und die Dauer der Pontifikate, wurde der gesamte Block verschoben. Die heute bekannten Datierungen der Pontifikate in der Papstliste sind später erfolgt. Die tatsächlichen Datierungen der Pontifikate - bezogen auf unsere gültige Chronologie - erhält man, indem man jeweils 702 Jahre hinzuzählt. Damit endet die erste Ausgabe des Liber Pontificalis im Jahr 1232. Die großen Kirchenbauten Roms wie die Laterankirche und Alt-St.Peter (traditionell Anfang 4. Jh.) werden zu Bauten des 11. Jh.

Im von der römischen Kirche beanspruchten Herrschaftsbereich hatte sich jedoch schon - ohne vorherige römische Einflussnahme - eine Kirchenorganisation entwickelt, in der die adligen Grundherrn die Träger der Entwicklung waren - das Eigenkirchenwesen. Wollte das Papsttum seinen Anspruch, das Oberhaupt der Kirche im Westen zu sein, verwirklichen, so musste es diese vorangegangene Entwicklung stoppen und eine neue Kirchenorganisation installieren, in deren Hierarchie das Papsttum in oberster Position stand. Natürlich ging das nicht konfliktlos vonstatten. Diese Auseinandersetzung ist als Investiturstreit in die Geschichte eingegangen, der allgemein von 1076 bis 1122 datiert. Der desolate Zustand der Kirche infolge der weitgehend ökonomischen Ausrichtung des Eigenkirchenwesens spielte dem Papsttum in diesem Streit als Argumentationshilfe in die Hände. Am Ende konnte sich das Papsttum weitestgehend durchsetzen. Im  Jahre 1179 wurde das Eigenkirchenrecht der Laien in ein Patronatsrecht umgewandelt [Wikipedia]. Zur Durchsetzung der kirchlichen Interessen bis nach ganz unten erfolgte ebenfalls im 12. Jh. die Einführung des Pfarrsystems.

 

England

Die nach Mitte des 2. JH. als foederati ins Land gerufenen Sachsen und Angeln gründeten wohl bald ein angelsächsisches Königreich, das ab Mitte des 10. Jh. unter einem König vereint in der Geschichte auftaucht. Die aus der traditionellen Geschichtsschreibung bekannten angelsächsischen Kleinkönigreiche (Essex, Sussex, Wessex, Kent, East Anglia, Mercia, Northumbria) könnten durchaus lokale Herrschaftszentren gewesen sein, die vor der Vereinigung zu einem Gesamtreich existiert haben, d. h. vom Ende des 2. Jh. bis zur Katastrophe im Jahr 238. In diese Zeit dürfte der bekannte angelsächsische Herrscher Offa von Mercia gehören. Die Katastrophe 238 = 940 hat vermutlich den Zusammenschluss zu einem Gesamtreich befördert. Nach der traditionellen Geschichte soll das Reich der Angelsachsen  dann bis ins 11. Jh. bestanden haben, bevor die Eroberung durch die französischen Normannen 1066 die Herrschaft der Angelsachsen beendete.

Auch für England hat ARNDT nachgewiesen, dass Königsnamen und Herrscherzeiten und -dynastien eindeutig konstruiert sind. "Der erste König mit dem Titel "König von England" (Rex Angliae) war Heinrich II. (1154-1189)." [ARNDT, 109] Er stammte aus dem Haus Plantagenet, das "von 1154 bis 1399 in direkter Linie und bis 1485 in den Nebenlinien Lancaster und York die Könige von England stellte" (Wikipedia).

Eine der bedeutendsten Quellen zur englischen Geschichte ist die Historia ecclesiastica gentis Anglorum (Kirchengeschichte des englischen Volkes) von Beda Venerabilis, der traditionell von 672/73 bis 735 lebte. Beda Venerabilis soll damals zum ersten Mal die Jahreszählung nach Christi Geburt des Dionysius Exiguus verwendet haben, die die erste Verlängerung der Chronologie enthielt, welche nach BEAUFORT auf Justinian zurückgeht.
Falls Beda kein Pseudepigraph ist, was nicht auszuschließen ist, könnten seine Lebensdaten spätantik sind. Damit hätte er von 1090/91-1153 gelebt, womit sein Eintritt in das Kloster St. Peter in Wearmouth bereits mit sieben Jahren deutlich glaubhafter wird. Er kannte die nochmals verlängerte Chronologie noch nicht bzw. ignorierte sie, welche meiner Auffassung erst mit den Kreuzzügen nach Europa kam. Wenn die obige Annahme zutrifft, wäre die Geschichte zwischen dem Jahr 735 und der Mitte des 12. Jh.  in unser gültigen Chronologie nachträglich erfunden bzw. konstruiert worden. Eine dänische Herrschaft und eine normannische Eroberung hätte es danach in England nie gegeben. Genauso wenig einen Alfred den Großen.
 

Ob die lateinische Fassung der Historia ecclesiastica gentis Anglorum die originale ist, wovon die anerkannte Forschung ausgeht, oder die altenglische, wie BEAUFORT vermutet, kann ich nicht sagen. (BEAUFORT sieht Beda früher, d. h. kurz nach der Katastrophe. Nach seiner Meinung starb Beda 1020/30 und wurde in der Kathedrale von Durham erstmalig bestattet, während die Tradition von einer Überführung der Gebeine nach Durham spricht.) ILLIG stellte schon 2001 zu Beda fest: "Vielmehr dürften wesentliche Schriften von ihm ins 12. Jahrhundert gehören, so daß der Begriff Pseudo-Beda angebracht wäre. Aber diese Bezeichnung ist bereits vergeben, kennt man doch weitere Schriften, die unter seinem Namen in Umlauf gesetzt worden sind ...." [ILLIG 2001, 127].

 

 

 

 

Literatur:

Arndt, Mario (2015): Die wohlstrukturierte Geschichte: Eine Analyse der Geschichte Alteuropas

Arnaldus, Marius (2018): History Hacking

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 23.07.2018

 

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