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Geschichte des Frühmittelalters in Mittel- und Westeuropa

Gelingt es mit der HEINSOHN-These, eine glaubwürdige Geschichte Mittel- und Westeuropas im Frühmittelalter darzustellen? Die HEINSOHN-These sieht das Frühmittelalter, das ist im Norden und Nordosten das 8.-10. Jh., parallel mit dem antiken, weströmischen 1.-3. Jh. und parallel mit dem spätantiken 4.-6. Jh. in Byzanz. Aufgrund seiner stratigraphischen Untersuchungen sieht er in allen drei Regionen jeweils am Ende dieser Zeiträume eine zerstörerische Naturkatastrophe, die infolge der Parallelität der drei Zeiträume zwangsläufig zu einer Großkatastrophe verschmelzen.

Die Geschichte in unserem Raum, das ist Mittel- und Westeuropa, ist offensichtlich anders verlaufen als uns die Geschichtsbücher erzählen. Um dem tatsächlichen Geschichtsablauf auf die Spur zu kommen, muss man sich noch einmal mit der Entstehung der traditionellen Chronologie befassen. Der im 16. Jh. erarbeiteten Chronologie lag natürlich die zur damaligen Zeit aktuelle Zeitrechnung nach u. Z. zugrunde, die auch noch heute für uns gültig ist. Diese Zeitrechnung ist jedoch erst deutlich nach der Jahrtausendwende eingeführt worden, d. h. frühere Quellen haben nach anderen Zeitrechnungen bzw. sogar ganz anders datiert. Erstmalig wurde die Inkarnationszählung, d. h. die Zählung ab Christi Geburt, angeblich im 6. Jh. von Dionysius Exiguus vorgeschlagen. BEAUFORT sieht die Einführung der Zählung ab Christi Geburt im 10. Jh. unter Justinian I. und das Liber de paschate von Dionysius Exiguus als ein Werk um die Mitte des 11. Jh. Nach traditioneller Sichtweise verwendet Beda Venerabilis (672-735) erstmalig diese Zählung in seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum. Ich halte Bedas Historia für ein Pseudepigraph viel späterer Zeit, möglicherweise des 16. Jh. Die etablierte Wissenschaft geht noch heute davon aus, dass die von Dionysius Exiguus vorgeschlagene Zeitrechnung mit unserer Zeitrechnung identisch ist.

Entgangen ist den Erstellern der Chronologie, dass mit der durch Dionysius Exiguus vorgenommenen Verschiebung von Christi Geburt gegenüber der Diokletiansära um 284 Jahre in die Vergangenheit  die Geschichte des antiken Roms ebenfalls verschoben wurde. Somit ist heute die Geschichte des antiken Roms und damit ganz Westroms auf der Zeitachse um 284 Jahre gegenüber der Geschichte von Byzanz verschoben. Entgangen ist den Erstellern der Chronologie weiterhin, dass nach der Regierungszeit von Justinian I. eine nochmalige Verschiebung erfolgte, womit letztendlich zwischen der Spätantike Justinians und unserer Zeit eine weitere Phantomzeit von 418 Jahren eingefügt wurde. Durch das Nacheinandereinfügen der an sich parallelen Zeitabschnitte ist in unsere Chronologie insgesamt eine Phantomzeit von ca. 700 Jahren eingefügt worden.

Es kommt noch schlimmer. ARNDT hat in seiner Arbeit "Die wohlstrukturierte Geschichte" ein geschlossenes System der Abfolge der mittelalterlichen Herrscher von 768 bis 1493 aufgedeckt, das belegt, dass die gesamte Geschichte in diesem Zeitraum gefälscht oder - milder ausgedrückt - konstruiert ist. Nach ARNDT ist das System frühestens während der Herrschaft von Karl V. (1520-1556) entworfen oder in wesentlichen Teilen erweitert worden [71]. Während die Herrscherliste der Merowinger zwar offensichtliche Manipulationen aufweist, jedoch zumindest bis 584 evtl. noch einschließlich Dagobert I. (605-639) einen realen Kern erkennen lässt (er schlägt vor, alle Könige mit Namen Chlothar zu streichen), scheinen die Herrscherlisten der Karolinger und der ihnen folgenden Ottonen, Salier und Staufer im Wesentlichen frei konstruiert zu sein. Die Geschichte der Karolinger ist z. B. eine Verdopplung der Merowingergeschichte. ARNDT spricht von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100]. Er sieht die Merowinger und die Karolinger "nach derselben Schablone gestrickt" und betitelt seinen Abschnitt zur Karolingerzeit mit der Frage: "Sind die Karolinger nur ein Double der Merowinger?" [98].

Wie kam es dazu? Während sowohl in Rom als auch in Byzanz das Aufschreiben von Geschichte (Geschichte der römischen Konsulate, Kaisergeschichte, Papstgeschichte etc.) offensichtlich einer antiken Tradition entsprach, gab es diese im Norden und Nordosten nicht. Die Geschichtsleere des Norden und Nordosten wurde ab dem 12. Jh. rückwärts mit größtenteils erfundener Geschichte gefüllt. So entstanden solche "Geschichtswerke" wie die Sachsenchronik des Widukind, die Chronik des Thietmar von Merseburg oder die Gesta Oddonis der Hrotsvith von Gandersheim u. a. für die Geschichte der Ottonen. Sie sind jedoch ausnahmslos Pseudepigraphen. Genauso wurde die Geschichte der Karolinger mit Hilfe fingierter Briefe, Viten, etc. Alkuins und Einhards konstruiert. ARNDT spricht von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100].

Ich erachte die gesamte Geschichte des deutsch-römischen Kaisertums im Früh- und Hochmittelalter, beginnend bei den Karolingern über die Ottonen, Salier,  Staufer und wahrscheinlich auch darüber hinaus für i. W. frei erfunden. Das römisch-deutsche Kaisertum im Früh- und Hochmittelalter hat es m. A. n. nie gegeben. Das heißt natürlich nicht, dass alle Personen, Handlungen, etc. völlig frei erfunden sind. In der mündlichen Überlieferung mag die Erinnerung an einen großen König Karl oder auch einen sächsischen Herrscher Heinrich und/oder Otto durchaus lebendig geblieben sein. So sehe ich sowohl Karl Simplex als auch König Heinrich als reale Personen an. Möglicherweise gab es auch seinen Sohn Otto. Den Karl den Großen und auch den Otto den Großen unserer Geschichtsbücher halte ich dagegen für erfunden. Vielleicht war Karl III., der Einfältige oder Simplex die Vorlage für den Überkaiser Karl den Großen.

Nun sind insbesondere in der Geschichte der römischen Antike, in Byzanz aber auch in der zumindest größtenteils realen Merowingergeschichte zahlreiche Datierungen überliefert, die ich im Prinzip für korrekt halte, die jedoch nicht in unserer aktuellen Zeitrechnung datiert sind, sondern dem antiken weströmischen oder dem byzantinischen Datierungsstrang angehören. Um zum tatsächlichen Geschichtsablauf zu gelangen, ist eine vorherige Bereinigung erforderlich. Wie HEINSOHN belegt, sind nur 300 Jahre des ersten Jahrtausends real. Welche Jahrhunderte zu streichen sind und welche Datierungen zu verschieben sind, ist dem Betrachter freigestellt. Lässt man nur das 8.-10. Jh. in der Chronologie, so wären die antike und spätantike Geschichte zu verschieben. Ich bevorzuge eine andere Betrachtungsweise. Für mich erscheint das Katastrophendatum 238 (Westrom) = 522 (Spätantike bzw. Byzanz) = 940 (Frühmittelalter) als die geeignete Zäsur. Ich möchte die antiken weströmischen Datierungen bis 238 beibehalten und würde die Geschichte im Jahr 940 fortsetzen. Damit behalten die uns geläufigen antiken Datierungen, z. B. die Regierungszeiten der Kaiser Augustus, Tiberius, Caligula etc. und die Datierungen ab dem 10. Jh. Gültigkeit. Natürlich ist es dabei zwingend, die wirklich belegten spätantiken Datierungen in diesen beiden Zeitabschnitten unterzubringen. Da die Merowinger ebenfalls spätantik (byzantinisch) datierten, sind die merowingischen Datierungen wie die spätantiken byzantinischen Datierungen zu korrigieren.
Somit ergibt sich eine recht einfache Verfahrensweise:

  1. Die oströmischen (= spätantiken) und die merowingischen Datierungen bis zum Jahr 522 werden in Richtung Vergangenheit um 284 Jahre verschoben.

  2. Die oströmischen (= spätantiken) und die merowingischen Datierungen ab dem Jahr 522 werden in Richtung unsere Zeit um 418 Jahre verschoben.

Und was ist mit England? Leider ist auch England nach dem Ende der Römer dort geschichtsleer. Es gibt keine glaubwürdige Geschichtsquelle für die nachrömische Zeit. Die berühmte Historia ecclesiastica gentis Anglorum von Beda Venerabilis, die angeblich zum ersten Mal die Jahreszählung nach Christi Geburt verwendet,  ist ein Pseudepigraph zur Schaffung von "Geschichte" in der Phantomzeit Englands. In England wurde also genauso wie im östlichen Frankenreich nachträglich die "Geschichtslücke" mit erfundener Geschichte gefüllt. ARNDT [109ff] weist nach, dass die englische Geschichte bis in das 16. Jh. konstruiert ist. Er verweist auf JOHNSON, der bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. zu dem Schluss kommt, dass die englische Geschichte bis Heinrich VIII. (1491-1547) gefälscht sein muss [ARNDT, 113]. Nach JOHNSON sind alle Schriften, die dieser Zeit zugeordnet werden, wie z. B. die Historia Bedas, im 16. Jh. entstanden.

Die sog. angelsächsischen Kleinkönigreiche, die angeblich vom 5./6. Jh. bis Mitte des 10. Jh. in England geherrscht haben sollen, hat es vermutlich als selbständige Königreiche nie gegeben. "Mitte des 10. Jahrhunderts lösten sich dann die letzten Kleinkönigreiche auf, so dass England sei dieser Zeit endgültig unter einem König vereint war." [ARNDT, 116] Mitte des 10. Jh. endet auch die HEINSOHNsche Phantomzeit, was natürlich keineswegs heißt, dass danach die für England überlieferte Herrschergeschichte stimmt.

 

Das Ende der Römischen Herrschaft in Gallien und Germanien, Karolinger und Merowinger

Das Frankenreich entsteht im Verlauf des 2. Jh. durch die Zurückdrängung der Römer aus Gallien und Germanien. So werden z. B. Trier und Köln 151 bzw. 175 von den Römern endgültig aufgegeben. Als byzantinische Datierungen ergeben sich für die Aufgabe von Trier das Jahr 435 und von Köln das Jahr 459.  Von unserer Zeit aus gesehen, sind diese Ereignisse letztendlich dem 9. Jh. u. Z. zuzuordnen.

Das Ende des Römischen Reichs wird traditionell mit der Absetzung des römischen Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker im Jahr 476 verbunden. Ein Rest des Römischen Reichs existierte in Gallien als sog. Reich des Syagrius weiter. Dieses wird traditionell 486/487 durch Chlodwig, Sohn des Salfranken Childerich I. (gest. 481/482), besiegt, was das endgültige Ende der römischen Herrschaft in Gallien bedeutete. Alle diese Datierungen sind byzantinisch und korrelieren bestens mit den o. a. Datierungen für Trier und Köln. Ursprünglich war HEINSOHN der Auffassung, dass Westrom durch die globale Naturkatastrophe sein Ende fand. Dem ist anscheinend nicht so. Westrom endet bereits im 5. Jh., während die Katastrophe auf 522, d. h. in das 6. Jh. datiert wird. Offensichtlich geht das Weströmische Reich politisch in der Folge der Mark-Aurel-Krise unter. Die römische Kultur wird jedoch durch die Naturkatastrophe beendet.

Mit der byzantinischen Jahresangabe 486/487 (= 904/905 u. Z.) befinden wir uns bereits am Beginn des 10. Jh. u. Z. Zu dieser Zeit sehen wir den Karolinger Karl Simplex (Karl III., der Einfältige) an der Macht. Er soll seit 893/898 alleiniger König des Frankenreichs gewesen sein. Ab 911 tituliert er als Imperator. 922 soll durch die fränkischen Großen Robert von Franzien zum Gegenkönig erhoben worden sein. Robert von Franzien wird jedoch 923 in einer Schlacht gegen Karl getötet. Trotzdem verliert Karl die Schlacht und Rudolf von Burgund wird 923 zum König des Westfrankenreichs erhoben. Karl wird eingesperrt und stirbt 929 in Péronne. (Wikipedia)

Wenn man die kurze Zeitspanne von der römischen Aufgabe Kölns im Jahr 459 bis zur Krönung Karl Simplex 475/480 betrachtet, bleibt kaum Platz für einen großen Karl. Ich denke, dass eben gerade Karl Simplex dieser große Karl war, der bis heute zum Überkaiser aufgebauscht wurde. Diese These hat bereits HEINSOHN in seinem Aufsatz "Karl der Einfältige (898/911-923)" aufgestellt. Heute ist HEINSOHN davon abgerückt. Er erachtet die traditionelle Geschichte der Karolinger für real und sieht den Aufstieg der Karolinger innerhalb des Römischen Reichs ab dem 1. Jh. und Karl den Großen im 2. Jh., etwa um 170. Hier kann ich ihm nicht folgen. Ich halte die Geschichte der Karolinger und insbesondere die Person Karls des Großen für ein Konstrukt des 13. Jh.

Ich leugne keineswegs die Existenz der Karolinger. Sie waren für mich ein rheinfränkisches Adelsgeschlecht, dessen Aufstieg innerhalb des Römischen Reichs erfolgte. Für die Karolinger der traditionellen Geschichte lieferten sie höchstens die Vorlage. Als prominentesten Vertreter der Karolinger sehe ich Karl Simplex, dessen Herrschaftsbereich bei seiner Krönung 893/898 allein auf das Reich der Rheinfranken oder Ripuarier beschränkt war. Das Reich der Salfranken gehörte nach meiner Ansicht nie zum Herrschaftsbereich der Karolinger. Insgesamt waren große Teile Galliens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht unter fränkischer Herrschaft. Das Reich des Syagrius und das westgotische Aquitanien werden erst später durch den Salfranken Chlodwig I. (466 - 511 = 884 - 929 u. Z.) erobert. Das Reich des Syagrius wurde erst 486/487 einverleibt (wie oben bereits angeführt), das Reich der Westgoten bis zu den Pyrenäen erst 507 (= 925 u. Z.), d. h. sogar erst nach Karls Absetzung. Durch die Eroberungen Chlodwigs erlebten die salfränkischen Merowinger einen enormen Aufstieg. Im Jahr 509 (= 927 u. Z.) erobert Chlodwig auch das rheinfränkische Reich, vereinigt die fränkischen Teilreiche und beendet damit die Herrschaft der Karolinger. Die Merowinger regierten bis in das 11. Jh. das Frankenreich.

Nach BEAUFORT kommen entgegen der traditionellen Geschichtsschreibung, die die Merowinger vor den Karolingern einordnet,  im 10. Jh. im Westfrankenreich die Merowinger an die Macht und behalten diese bis ca. Mitte des 11. Jh. inne. Die Karolinger verschwinden in der 1. H. des 10. Jh. für immer.

Merowingerkönige nach BEAUFORT:

  traditionell u. Z.
    Theuderich I. 511 - 533 929 - 951
    Theudebert I. 533 - 547 951 - 965
    Theudebald 547 - 555 965 - 973
    Chlothar I. 511 - 561 929 - 979
    Chilperich I. 561 - 584 979 - 1002
    Chlothar II. 584 - 629 1002 - 1047
    Dagobert I. 629 - 639 1047 - 1057

Nach ARNDT wären Chlothar I. und Chlothar II. zu streichen. Ob diese ersatzlos entfallen, oder durch Herrscher mit anderen Namen zu ersetzen sind, bleibt hier offen. Es gibt dazu keinerlei Hinweise.

 

Die Nachbarn der Franken

Interessant ist ein Blick auf die Karte Mittel- und Westeuropas um 930 u. Z. Die Merowinger herrschten über Austrasien, das ursprüngliche Herrschaftsgebiet der Rhein- und Salfranken, darüber hinaus über Neustrien, das ehemalige Reich des Syagrius, und über das ehemals westgotische Aquitanien. Um 496/497 ( = 914/915 u. Z.) wird das Gebiet der Alemannen (Schwaben) dem fränkischen Reich eingegliedert. Nachbarn sind im Süden Burgund, das 534 (= 952 u. Z.) von den Franken unterworfen wurde, im Osten das Thüringer Königreich, das 531 (= 949 u. Z.) besiegt und teilweise dem Frankenreich einverleibt wurde, und im Norden das Stammesherzogtum Sachsen.
Im Südosten bestand das Stammesherzogtum Bayern, dass 555 (= 973 u. Z.) erwähnt wird. Es soll unter Karl dem Großen dem Frankenreich eingegliedert worden sein, was ich für erfunden erachte. Der Neubeginn des Stammesherzogtums wird ab 907 unter Arnulf I., Herzog von Bayern gesehen. Ich sehe eine kontinuierliche Entwicklung des bayrischen Stammesherzogtums und denke, dass Bayern - wie auch Sachsen - nie zum Frankenreich gehört hat.

Für die ostfränkischen Gebiete waren die Merowinger die weit entfernt im Westfrankenreich (Paris) residierenden Herrscher. Der von den Franken eingesetzte Herzog war von den regionalen Kräften abhängig. Den regionalen Adelsgeschlechtern kam diese Situation vermutlich durchaus gelegen, ergaben sich doch daraus Spielräume für die eigene Herrschaftsausweitung.

 

Zerschlagung des Thüringer Königreichs

Im Jahr 949 (= trad. 531) vernichten die Franken unter der Führung Theuderich I. und Chlothar I. das Thüringer Königreich (nach ARNDT wäre Chlothar I. zu streichen). Eine sächsische Beteiligung an der Vernichtung des Thüringer Königreichs wird z. T. vermutet, jedoch ist der Anteil der Sachsen dabei nicht klar. Von den Franken wird nach der Zerschlagung des Thüringer Königreichs das Thüringer Gebiet nur teilweise besetzt. Aus der traditionellen Geschichte ist bekannt, dass die fränkischen Kontingente nach dem Sieg über die Thüringer wegen einer Erhebung im Frankenreich schnell wieder abgezogen wurden. So wurde das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Thüringer Waldes nur bis zur Saale eingenommen. Zur Sicherung der fränkischen Macht wurde ein Herzog (dux) eingesetzt. Das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Harzes bis zur Elbe schlugen die Sachsen ihrem Herrschaftsgebiet zu. Ob es darüber eine Vereinbarung mit den Sachsen gab oder die Sachsen die Gunst der Stunde nutzten muss hier offen bleiben.

Eine etwas spätere Auseinandersetzung zwischen Franken und Sachsen ist jedoch bei Gregor von Tours zu finden. Im Jahr 555 (= 973 u. Z.) sollen die Sachsen "aufständig" gewesen sein. Daraufhin soll König Chlothar in sächsisches Gebiet eingefallen sein und dieses verwüstet haben. Für 556 wird ein zweiter Sachsenfeldzug geschildert, der jedoch mit einer Niederlage der Franken endete. Widukind erwähnt ohne konkret zu werden einen "Treubruch der Franken". Gab es vielleicht doch ein Bündnis zwischen Franken und Sachsen bei der Vernichtung des Thüringer Königreichs?

Hier einige interessante Datierungen um die Vernichtung des Thüringer Königreichs nach Korrektur der traditionellen Datierungen.

u. Z.

862/882                    Kaiser Marcus Aurelius. Hunnen und Goten bedrängen das Römische Reich (trad. 160-180 = 444-464)

869                            Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (trad. um 451), nach Sidonius Apollinaris (trad. 431-479 = 849-897) mit Beteiligung von Thüringer Kontingenten

923                            Tod König Bisinius – erster gesicherter Herrscher des Thüringerreichs
                                  Söhne: Baderich, Herminafried, Bertachar (trad. 505)

um 936                     Geburt Radegunde (trad. um 518)

944                            Tod Theoderichs (König der Ostgoten), wahrscheinlich Bündnis zwischen Thüringern und Goten (trad. 526)

949                            Vernichtung des Thüringer Königreichs durch die Franken unter der Führung von Theuderich I. (929 – 951 u.Z.) und Chlothar I. (929 – 979 u.Z.) (trad. 531)

952                            Ermordung Herminafrieds in Zülpich, letzter Thüringer König (trad. 534)

958                            Heirat Radegunde mit Chlothar I. (trad. 540)

973/974                    Radegunde gründet in Poitiers ein Frauenkloster (trad. 555/556)

988                            Radegunde erhält von Kaiser Justin II. (983-996 u. Z.) Reliquien des hl. Kreuzes. Das Nonnenkloster erhält den Namen Sainte Croix (trad. 570)

1005                          Tod Radegunde in Poitiers (trad. 587)

kurz nach 1018        Kirche Sainte-Radegonde in Poitiers mit Grab der Radegunde
                                  (trad. kurz nach 600)

um 1028                   Tod Venantius Fortunatus (Bischof von Poitiers und enger
                                  Vertrauter von Radegundis) (trad. 610)

1020                          Tod Kaiser Maurikios in Byzanz (trad. 602 - Ende der justinianischen Dynastie)

1057                          Tod Dagobert I. (639), Sohn von Chlothar II., der letzte wirklich regierende und bedeutende Merowingerherrscher
                                  Im 11. Jh. herrschten im Westfrankenreich:
                                  Austrasien: Theudebert II. 1014-1030 (trad. 596-612)
                                  Neustrien:  Chlothar II. 1002- 1047 (trad. 584-629)
                                  Burgund:    Theuderich II. 1014-1031 (trad. 596-613)
                                  Chlothar II. nach dem Tod von Theudebert II. und Theuderich II. Alleinherrscher. Nach seinem Tod regiert sein Sohn  Dagobert I., gest. 1057 u. Z. (= trad. 639), der letzte wirklich
                                  regierende und bedeutende Merowingerherrscher.

(nach ARNDT wären Chlothar I. und Chlothar II. zu streichen)

 

Ottonen

Die traditionelle Geschichtsschreibung sieht im Osten des Frankenreichs ab 919 den Aufstieg der sächsischen Ottonen unter dem Königtum Heinrich I. und als Höhepunkt die Wiederaufnahme des römischen Kaisertums durch Otto I. Wie ARNDT belegt, ist die tradierte Geschichte der Ottonen wie die der vorangegangenen Karolinger und der folgenden Salier und Staufer in wesentlichen Teilen ein Konstrukt, also frei erfunden, auch wenn einzelne Personen möglicherweise real existierten.

M. E. waren die Sachsen noch im 10. Jh. ein selbständiger Stammesverband, der an der Nordgrenze des Ostfrankenreichs (Austrasien) sein Herrschaftsgebiet hatte. Sachsen  war weder im 10. Jh. noch irgendwann später Teil des Ostfrankenreichs. Ich sehe Heinrich I. als auch seinen Sohn Otto I., den Großen, als reale Personen der Geschichte. Sie waren Herzöge des Stammesherzogtums Sachsen - parallel zur Herrschaft der Merowinger. Leider ist die Nachrichtenlage für die Zeit Heinrich I. sehr dünn. „Die Zeit Heinrichs I. gehört zu den quellenärmsten des gesamten europäischen Mittelalters. Die erst Jahrzehnte nach seinem Tod verfassten ottonischen Geschichtswerke würdigen insbesondere Heinrichs Einung und Befriedung des Reiches nach innen und außen. Lange Zeit galt Heinrich als erster „deutscher“ König im „deutschen Reich“. Erst in der modernen Forschung setzte sich die Auffassung durch, dass das Deutsche Reich nicht durch einen Akt, sondern in einem lange währenden Prozess entstanden ist. Gleichwohl wird Heinrich darin weiterhin eine entscheidende Rolle zugemessen.“ (Wikipedia)

Ein weiteres Indiz aus der traditionellen Geschichte dafür, dass es nie eine sächsische Herrschaft außerhalb Sachsens gab, ist für mich der Hinweis in Wikipedia zu Heinrich I.: "Schwaben und Bayern blieben königsferne Regionen. Die Herzöge hatten Anteil an der Königsmacht und ersetzten dort gleichsam die königliche Präsenz. In den süddeutschen Herzogtümern scheint das karolingische Königsgut mit den herzoglichen Grundlagen verschmolzen zu sein, so dass dem König die materiellen Grundlagen zur Hofhaltung entzogen waren. Der König hatte nach der Huldigung der Herzöge diese Regionen wohl nicht mehr persönlich betreten und nie mehr dort beurkundet. Von 913 bis 952 ist überhaupt keine in Schwaben oder Bayern ausgestellte königliche Urkunde überliefert. ... Unter Heinrichs Sohn Otto wurde der Großteil der Urkunden für bayerische und schwäbische Empfänger in den politischen Zentralräumen ausgestellt. ... Erst um das Jahr 1000 unter Heinrich II. werden alle Teile des Reiches vom König regelmäßig besucht." Weiter zitiert Wikipedia den Historiker Johannes Fried: "„Eine allgemeine Königswahl Heinrichs durch Franken und Sachsen gab es vermutlich nie. […] Er begann als König in Sachsen und schob sein Königtum allmählich in einen nach Konrad I. königsfreien Raum vor.“

Gibt es für die 1. H. des 10. Jh. einigermaßen verlässliche Informationen? Heinrich I., ab 912 Herzog von Sachsen, soll ab 919 König des Ostfrankenreichs (rex francorum orientalis) gewesen sein (Wikipedia). Er soll 919 in Fritzlar zum König erhoben worden sein. Zum König des Ostfrankenreichs ist schlechterdings nicht möglich, allenfalls zum König von Sachsen (?). In Fritzlar? Fritzlar gehörte m. W. nicht zum sächsischen Gebiet. Dass er also in Fritzlar zum König erhoben wurde, erachte ich insgesamt für fragwürdig. Er soll die Königskrone von dem Franken Konrad I. übergeben bekommen haben. Auch das ein sehr zweifelhafter Vorgang.
Im Jahr 921 soll nach der traditionellen Geschichte die Machtteilung zwischen dem Westfrankenreich und dem Ostfrankenreich durch den Vertrag zu Bonn erfolgt sein. In diesem Vertrag soll Karl Simplex auf das Westfrankenreich beschränkt worden sein, während
der Herzog von Sachsen, der Liudolfinger Heinrich I., König des Ostfrankenreichs geworden sein soll. Wie oben bereits erwähnt, soll im Jahr 922 Robert von Franzien durch die fränkischen Großen zum Gegenkönig von Karl Simplex erhoben worden sein. Heinrich I. soll vorsorglich auch mit Robert von Franzien eine gleichlautende Vereinbarung getroffen haben. Da Karl Simplex im Jahr 921 nur über das Reich der Rheinfranken verfügte, gab es eigentlich nicht allzu viel zu teilen. Sollten - trotz größter Zweifel meinerseits - Karl Simplex und Robert von Franzien diese Machtteilungsverträge geschlossen haben, so könnte das vielleicht an der wachsenden Gefahr im Westen des rheinfränkischen Herrschaftsbereichs gelegen haben. Dort hat der Merowinger Chlodwig das Reich des Syagrius gerade besiegt und machte sich an die Eroberung von Aquitanien. In dieser Situation konnten sich Karl und Robert einfach keine Auseinandersetzung mit den Sachsen leisten. Im Endeffekt unterlagen die Rheinfranken den Merowingern, die 927 (trad. 509) das rheinfränkische Reich erobern.
Spätestens mit der Herrschaftsübernahme durch die Merowinger waren die Verträge Heinrichs Makulatur - vorausgesetzt es hat sie überhaupt gegeben. Heinrichs Vertragspartner bei der Teilung des Frankenreichs waren sämtlich verlustig gegangen sein. Die Karolinger spielen in der weiteren Geschichte keine Rolle mehr.

Im Jahr 929 soll Heinrich I. seinen Sohn Otto auf einem Hoftag in Quedlinburg als Nachfolger auf dem Königsthron designiert haben. Gleichzeitig soll er seiner Gemahlin Mathilde umfangreiche Besitztümer in Quedlinburg und Umgebung zugesichert haben. 936 soll er in Erfurt nochmals Otto für die Nachfolge auf dem Königsthron empfohlen haben. Auf dem Rückweg von Erfurt soll er in Memleben einem Schlaganfall erlegen sein. Große Zweifel sind hierzu anzumelden. Quedlinburg, Erfurt als auch Memleben waren zu dieser Zeit noch thüringisch. Sie wurden erst nach 949 sächsisch. Es ist ausgeschlossen, dass Heinrich auf dem Gebiet des Thüringer Königreichs Amtshandlungen vollzog oder gar Besitzungen vergab.

Die Geschichte der 2. Hälfte des 10. Jh. ist ziemlich im Dunkeln. Wenn man die sächsische "Geschichtsschreibung" außen vor lässt, verbleiben kaum noch verlässliche Nachrichten. Die in den Quellen überlieferten Italienzüge Ottos I. im Jahr 951 und 961/962 und die Krönung in Rom zum römisch-deutschen Kaiser sehe ich insgesamt als Konstrukt an. Ottos Kaiserkrönung durch einen römischen Papst kann für mich allein deshalb nicht stattgefunden haben, weil ich die Entstehung des Papsttum als Oberhaupt der weströmischen Kirche frühestens im 11. Jh. sehe.

Einige in den Quellen berichtete Vorgänge der frühen Ottonenzeit sind mit Sicherheit so nicht möglich gewesen. So z. B. der Tod Heinrich I. in der Pfalz Memleben und seine Bestattung in der Stiftskirche in Quedlinburg. Weiterhin die Gründung des Moritzklosters 937 in Magdeburg sowie die Bestattung seiner ersten Gemahlin Editha 946  in der Kirche desselben.
Die ottonische Pfalz in Memleben wurde bisher nicht gefunden. Heinrichs Grab in Quedlinburg wurde trotz intensiver Suche der Archäologen ebenfalls nicht aufgefunden. Das Moritzkloster in Magdeburg konnte trotz umfangreicher Grabungen zwischen 2009 und 2013 nicht gefunden werden.

Unzweifelhaft ist dagegen die Ostexpansion der Sachsen im 10. und den folgenden drei Jahrhunderten. Nach der Zerschlagung des Thüringer Königreichs besetzen die Sachsen nicht nur das ehemals thüringische Gebiet nördlich des Harzes, sondern dringen weit in das westslawische Gebiet vor. Bis ca. 1300 erweitern sie sukzessive ihr Einfluss- und Siedlungsgebiet im Osten bis zur Oder/Neiße-Linie, d. h. bis an die Grenzen des Herzogtums Polen bzw. im Süden des Herzogtums Böhmen. Da die Merowinger die Osterweiterung ihres Gebiets an Saale und Unstrut offensichtlich für beendet betrachteten, ergab sich für die Sachsen die Gelegenheit, das durch die Vernichtung des Thüringer Königreichs entstandene Machtvakuum im Gebiet östlich von Saale und Unstrut für ihre Eroberungsambitionen auszunutzen.
Möglicherweise trafen sie zunächst auf wenig Widerstand, da sich die westslawischen Stämme noch nicht zu wehrhaften Stammesverbänden zusammengeschlossen hatten und damit den sächsischen Eroberern wenig entgegenzusetzen hatten. So ist ein Vordringen innerhalb kürzester Zeit bis tief in das slawische Gebiet z. B. Brandenburg oder auch Meißen nicht ausgeschlossen, wobei die in der traditionellen Geschichtsschreibung vermerkten Jahreszahlen 928/929 sowohl für Brandenburg als auch für Meißen deutlich zu früh sind, da zu dieser Zeit das Thüringer Königreich noch bestand. Ob die Sachsen 968, dem angeblichen Gründungsjahr des Bistum Meißen, überhaupt schon so weit nach Osten vorgedrungen waren, ist schwer zu beurteilen. Die Markgrafschaft Meißen wird erstmals 1046 erwähnt.

Für die Ostexpansion soll Otto I. im Jahr 937 die Sächsische Ostmark gegründet und Gero als Markgraf eingesetzt haben. Wie oben bereits dargelegt, kann diese frühe Datierung einfach nicht stimmen. Terminus post quem ist das Jahr 949 der Zerschlagung des Thüringer Königreichs. 965 soll die Sächsische Ostmark in die Marken Nordmark, Mark Lausitz, Mark Merseburg, Mark Zeitz und Mark Meißen aufgeteilt worden sein. Zur Mark Merseburg und zur Mark Zeitz gibt es bei Wikipedia keine Einträge, nur dass 978 der Wettiner Rikdag Markgraf von Meißen wird und ab 982 auch von Merseburg und Zeitz.
Im Slawenaufstand 983, in dem sich slawische Verbände unter der Führung der Liutizen gegen die sächsischen Eindringlinge erhoben, ging die Nordmark unter. Die weiter südlich gelegenen slawischen Stämme haben sich an dem Aufstand nicht beteiligt, weswegen diese Gebiete von dem Slawenaufstand kaum betroffen waren. 
Bei der Betrachtung der ottonischen/sächsischen Ostexpansion ist natürlich zu beachten, dass wir die Kenntnis allein aus sächsischen Quellen des 12. Jh. haben, die sich als angeblich zeitgenössische Quellen ausgeben (Pseudepigraphen). Diese Quellen erwecken den Anschein, dass das Hauptanliegen die Christianisierung der Westslawen war. Vor diesem Hintergrund sind für mich die frühen Daten der Bistumsgründungen Bestandteil des Konstrukts um die Ottonen. Möglicherweise hat es die gesamte so genannte erste Ostexpansion des 10. Jh. nie gegeben.

Und das Grab Otto I. in Magdeburg? Auch wenn möglicherweise Otto I. in Magdeburg eine Kirche gegründet und Magdeburg zum Erzbistum erhoben hat, so ist das in Magdeburger Dom präsentierte Grab keinesfalls das Ottos des Großen. Ich halte es für höchstwahrscheinlich, dass das Grab im Chor des Magdeburger Doms das Grab des Sachsenherzogs Otto IV. ist (geb. 1175/76, gest. 1218, von 1209-1218 angeblich dt. Kaiser), dessen Vater Heinrich (der Löwe) hieß und Herzog von Sachsen war und dessen Mutter Mathilde hieß und eine englische Königstochter war.
Was für eine merkwürdige Übereinstimmung mit den Eltern Ottos des Großen der Geschichtsbücher. Seine Jugend verbrachte Otto IV. am Hof Heinrich II. in England und Frankreich. Für ihn ist eine enge Verbindung zum Papst überliefert. Sein Grab im Braunschweiger Dom ist nur durch eine moderne Gedenktafel zu Füßen seiner Eltern markiert. Eine richtige Grabstelle gibt es nicht. Er soll den Magdeburger Dombau besonders gefördert haben. Bei seinem Tod 1218 war der noch heute stehende Magdeburger Dom gerade im Bau. Im Zusammenhang mit der Kreation der Ottonenlegende wurde aus dem Grab Kaiser Otto IV. das Grab Kaiser Otto I. Man muss sich aber klar darüber sein, dass Otto IV. ebenfalls Bestandteil der Geschichtskonstruktion der Zeit von 911-1250 ist.

Letztendlich sehe ich die Herrschaft der Merowinger als auch der Ottonen parallel. Die tatsächliche Machtausübung der Ottonen beschränkte sich im Wesentlichen auf ihr sächsisches Herrschaftsgebiet. Die ottonische Reichsgeschichte ist mit Sicherheit ein Konstrukt der späteren sächsischen Chronisten.


 

Kirchenbau im Osten

Otto I. soll im Zuge der so genannten ersten Ostexpansion gemäß einer erhaltenen Urkunde schon im Jahr 948 die Bistümer Havelberg und Brandenburg gegründet haben soll. Beide Bistümer sollen mit der slawischen Erhebung 983 wieder verloren gegangen sein und wurden erst im 12. Jh. wieder besetzt. Da die Vernichtung des Thüringer Königreichs erst 949 erfolgt ist, dürfte die Gründung von Bistümern in Havelberg und insbesondere in Brandenburg, das östlich des Thüringer Reichs tief in slawischem Gebiet lag, ins Reich der Legende gehören. Ich halte die o. a. Urkunde für eine Fälschung. Wie zu erwarten, gibt es weder in Havelberg noch in Brandenburg irgendwelche Baureste des 10. Jh. Die frühesten nachgewiesenen romanischen Bauteile werden Mitte des 12. Jh. datiert. Erst im 12. Jh. - unter dem Askanier Albrecht dem Bären, Herzog von Sachsen - konnten diese Gebiete erfolgreich eingenommen und besiedelt werden.

Auf der Synode zu Ravenna 967 soll Papst Johannes XIII. auf Initiative Ottos I. die Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum sowie die Gründung der Bistümer Merseburg, Zeitz und Meißen unter dem Erzbistum Magdeburg genehmigt haben. Die Gründung der vorgenannten Bistümer soll 968 erfolgt sein. Das Bistum Merseburg soll zunächst von 968 bis 981 bestanden haben und soll 1004 neu gegründet worden sein. Das Bistum Zeitz soll 1029 nach Naumburg verlegt worden sein. Auch bei dieser Darstellung sind Zweifel anzumelden. Die Synode zu Ravenna im Jahr 967 gehört für mich zur konstruierten Ottonengeschichte. Darüber hinaus verneine ich - wie oben bereits erwähnt - die Existenz eines Papstes vor dem 11. Jh.

Trotzdem ist die Errichtung eines Kirchenbaus in Magdeburg in der 2. H. des 10. Jh. belegt. 2003 wurde etwa 40 m nördlich des heutigen Doms die sog. Nordkirche ergraben, die mittels eines aufgefundenen Grabes in das zweite Drittel des 10. Jh. datiert wurde. Ich sehe diesen Kirchenbau als den Vorgängerbau des 1004 erfolgten Domneubaus an. Damit könnte die Nachricht über die Bistumsgründung zumindest für Magdeburg zutreffen. Ob die Bistumsgründungen in Merseburg, Zeitz und Meißen wirklich schon 968 erfolgten, ist nach meiner Ansicht fraglich. Die baulichen Zeugnisse an allen drei Orten verweisen frühestens auf das 11. Jh. Ich sehe die Neugründung 1004 in Merseburg und die Verlegung 1029 nach Naumburg als die eigentlichen Gründungsdaten. Den in Meißen ergrabenen ersten Kirchenbau sehe ich eher im 12. Jh. als im 11. Jh. (siehe Aufsatz zu Meißen). Die Bistumsgründung dürfte zeitnah zum Dombau erfolgt sein; kaum 150 Jahre früher.

Der Kirchenbau in Magdeburg und der ebenfalls im 10. Jh. erfolgte Kirchenbau in Halberstadt (siehe Link zu Halberstadt) belegen jedoch, dass der Aufbau der von Justinian (945-983) begründeten Reichskirche auch im sächsischen Gebiet vorangetrieben wurde. Den gleichen Vorgang wie in Magdeburg können wir in Mainz und in Hildesheim beobachten. In Mainz wird im letzten Viertel des 10. Jh. der so genannte alte Dom errichtet, die heutige Johanniskirche, dem Anfang 11. Jh. östlich des bestehenden Baus ein Domneubau, der Willigisdom, folgt. In Hildesheim haben wir den unmittelbar südöstlich des Doms ergrabenen Gunthardom, der möglicherweise als provisorischer Kirchenbau während der Bauzeit des Altfrieddoms gedient haben könnte. Auch Köln erhält in der 2. H. des 10. Jh. einen Domneubau. In Trier wurde im Grundriss der antiken Südbasilika etwa Mitte des 10. Jh. eine erste Kirche (Saalbau mit Flügelräumen) errichtet. Der um 1000 begonnene Domneubau nutzte die Reste der antiken Nordbasilika.  Die angeblichen Bauphasen des 6. Jh. in Köln und Trier sind der spätantiken (byzantinischen) Datierung im Merowingerreich geschuldet. Sie sind für mich identisch mit den Baumaßnahmen des 10. Jh. Dagegen gibt es bei den sächsischen Bauten keine spätantiken (byzantinischen) Datierungen.

 

Entwicklung nach 1057

Die Merowinger blieben im Frankenreich bis 1057 an der Macht, auch in dessen Ostteil (Austrasien). Erst mit dem Tod von Dagobert I. wird die Herrschaft im Frankenreich vakant. Im Westfrankenreich haben sich die Kapetinger durchsetzen können. Ein besonderes Interesse an der Übernahme der Macht im gesamten Frankenreich entwickelten sie offensichtlich nicht. Wie ARNDT nachweist, ist auch das Westfrankenreich von der Konstruktion der Geschichte betroffen. Analog des konstruierten Zeitraums 911-1250 im Ostfrankenreich ist ein französisches System von 929-1322 nachzuweisen.

Die traditionelle Geschichtsschreibung sieht im Jahr 1057 Heinrich IV. als römisch-deutschen König an der Macht. Wie ich das Kaisertum der Ottonen als Konstrukt ansehe, halte ich das römisch-deutsche Kaisertum des 11.-13. Jh. ebenfalls für ein Phantasieprodukt. Nach meiner Auffassung gab es kein hochmittelalterliches Kaisertum.

Vermutlich gibt es einen realen historischen Kern hinter der Herrschaft Heinrich IV. Möglicherweise sah sich der fränkische Salier Heinrich IV. als Erbe der Merowingerdynastie und beanspruchte die Herrschaft in Austrasien für sich. Nach dem Ende der Merowinger bestanden die sich schon während der Herrschaft der Merowinger herausgebildeten Territorialherrschaften weiter und konnten ihre Herrschaftsbasis ausbauen. Die Schwäche der sehr entfernten zentralen Königsmacht hatte logischerweise ein Erstarken des territorialen Adels zur Folge. Mit dem Wegfall der Königsmacht konnten diese sich ungehemmt entwickeln.  Die von Heinrich IV. bekannten zahlreichen kriegerischen Unternehmungen hatten vielleicht die Durchsetzung seiner offensichtlich nicht unangefochtenen Machtansprüche zum Ziel. Dass die unter der Merowingerherrschaft erstarkten Territorialfürsten ihre einmal erlangte Macht nur unfreiwillig zurückgaben oder teilten, ist nachzuvollziehen. Letztendlich konnte sich Heinrich IV. gegen seine Widersacher durchsetzen – wenn auch unter größten Schwierigkeiten und Zugeständnissen. 

Den Investiturstreit sehe ich vorwiegend als Auseinandersetzung zwischen Heinrich IV. und den kirchlichen Feudalherren in seinem Herrschaftsgebiet Franken, die ihre Macht gefestigt hatten und nicht bereit waren, diese an Heinrich IV. zurückzugeben bzw. mit ihm zu teilen. Das sich Mitte des 11. Jh. - also gerade erst - etablierte Papsttum sah in der Einmischung in die Auseinandersetzung seine Chance, die beanspruchte Vormachtstellung in der Westkirche unter Beweis zu stellen und zu festigen. Die drastischen Details der Auseinandersetzung zwischen Heinrich IV. und Gregor VII., z. B. der Gang nach Canossa, halte ich für frei erfunden und ein Konstrukt des Papsttums. Für das Papsttum bot sich die Gelegenheit, die seit ca. 100 Jahren bestehende fränkische Landeskirche Rom unterzuordnen.
Für Heinrich war die Verfügung über die Bischofsämter ein wichtiges Instrument seiner Herrschaft, auf das er nicht so ohne weiteres verzichten konnte. Kirchliche Territorialfürsten wie der Erzbischof von Mainz schlugen sich auf die Seite des Papstes. Auch sie waren Territorialfürsten, die um ihre einmal erreichte Machtstellung fürchten mussten. Aufgrund der relativen Schwäche der Zentralgewalt im Ostfrankenreich wurde der Investiturstreit mit großer Heftigkeit bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen ausgefochten.

Dass der Investiturstreit im Westfrankenreich nicht so heftig ausfiel, liegt an der relativen Stärke der Zentralgewalt dort. Das Investiturrecht hatte dort bei weitem nicht die Bedeutung wie im östlichen Reichsteil. Das Papsttum musste sich für den Westen etwas anderes einfallen lassen, um auch die westfränkische Kirche unter ihre Ägide zu bekommen. Das tat sie mit der Gründung der Reformorden ab Ende des 11. Jh., die alle im Westfrankenreich ihren Anfang nahmen (Cluniazenser, Zisterzienser, Prämonstratenser). Dieser Schachzug diente dem Papsttum dazu, Stützpunkte Roms im Frankenreich zu errichten und eine romhörige Klerikerschaft heranzuziehen, die bei der Vergabe von kirchlichen Ämtern durch das Papsttum zur Verfügung stand. Die moralische Verkommenheit der fränkischen Landeskirche kam natürlich der Zielstellung des Papsttums bei seiner Agitation für eine Erneuerung der Kirche sehr entgegen. Dass es dem Papsttum ausschließlich um Macht und Einfluss ging, musste nicht thematisiert werden. Nach Beendigung des Investiturstreits durch das Wormser Konkordat 1122 war die Machtstellung des Herzogtums angeknackst. Gewinner dieser Auseinandersetzung waren letztendlich die Territorialfürsten, die auf Kosten der Zentralgewalt ihre Machtstellung erweiterten und festigten.
Übrigens: Nach Wikipedia waren die Salier ein ostfränkisches Adelsgeschlecht. Man weist extra darauf hin, dass die Salier nicht mit den Salfranken des 3. und 4. Jh. zu verwechseln sind. Gemäß der HEINSOHN-These entspricht das 4. Jh. dem 11. Jh. u. Z. Vielleicht waren die Salier doch die Salfranken des 3. und 4. Jh.?

Nach der traditionellen Geschichte folgen den Saliern die Stauffer in der Herrschaft im Ostfrankenreich, ebenfalls ein ostfränkisches Adelsgeschlecht. Nach meiner Auffassung sind die Stauffer das maßgebende Adelsgeschlecht im Stammesherzogtum Schwaben. Das Geschichtskonstrukt hat die herrschenden Adelsgeschlechter in den Stammesherzogtümern nacheinander gesetzt. In Wirklichkeit herrschten die Sachsen, Salier, Staufer und Bayern parallel jeweils in ihren Stammesherzogtümern. Die Sachsenkriege Heinrich IV. 1073-1075 sind m. E. Versuche zur Ausweitung der fränkischen Macht zu Lasten des sächsischen Gebiets. Unter ähnlichem Aspekt sind sicher die Auseinandersetzungen mit dem Sachsenherzogs aus dem Welfengeschlecht, Heinrich des Löwen, zu sehen. Die Unterwerfung unter Friedrich I. ,Barbarossa, im Jahr 1181 auf dem Hoftag von Erfurt erachte ich als Konstrukt und erfunden.

Ich stelle mir eine kontinuierliche Entwicklung der Stammesherzogtümer und anderer Territorialfürsten bis ins 14. Jh. und darüber hinaus vor. Vielleicht gaben sich 1356 mit der Goldenen Bulle eine Anzahl mittelalterlicher Herrscher unter der Führung Karls IV. freiwillig ein Regelwerk zum Umgang miteinander zur Vermeidung von kriegerischen Auseinandersetzungen um die Führungsrolle. Die Goldene Bulle regelte u. a. die Modalitäten der künftigen Königswahl.

 

Bonifatius

Eine Problematik habe ich bisher ausgeklammert, die jedoch insbesondere für Thüringen und für Hessen von größerer Bedeutung ist. Gerade in Thüringen und Hessen berufen sich zahlreiche Kirchen und Klöster auf eine Gründung durch Bonifatius. Bonifatius lebte nach traditioneller Datierung von 672 bis 754. Bonifatius wird erwähnt in der Continuatio Bedae, einer Fortsetzung der Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum von Beda Venerabilis. Nach LASZLO beschreiben die Historia Bedas und die Continuatio den Zeitraum zwischen 911 und 1066,  woraus sich eine Differenz der Datierung Betas zu u. Z. von 297 Jahren ergibt (LASZLO ist eine Anhängerin der Phantomzeitthese ILLIG‘s). Als Verfasser der anonymen Continuatio, die die Historia Bedas bis 766 fortsetzt, identifiziert LASZLO Simeon von Durham, der diese im 12. Jh. geschrieben haben soll. Beda beendete seine Historia 731/734 und stirbt 735, d. h. nach LASZLO 1028/1031 bzw. 1032. LASZLO sieht die tatsächliche Lebenszeit des Bonifatius im letzten Drittel des 10. Jh. bis Mitte des 11. Jh.

Die Historia Bedas erwähnt den angelsächsischen Mönch Winfried (später bekannt als Bonifatius) überhaupt nicht, jedoch dessen angeblichen Zeitgenossen und Landsmann Willibrord, der seit etwa 690 (= 1108 u. Z.) auf dem Kontinent sein soll. Erst in der Continuatio wird der Tod des Bonifatius erwähnt. Eine erste Vita über das Leben des Bonifatius soll Willibald von Mainz im Auftrag von Lul verfasst haben. Die traditionelle Forschung vermutet die Entstehung dieser ersten Vita um 760. Von 1062 bis 1066 soll Othlo von St. Emmeram in Regensburg  die Lebensbeschreibung des Willibald von Mainz auf Bitten der Mönche des Klosters Fulda bearbeitet haben, wobei er seine Vorlage um neues Material erweitert, darunter 29 Briefe des Heiligen. Es sollen etwa hundert (!) Briefe des Bonifatius überliefert sein, von denen jedoch nicht ein Einziger (!) im Original erhalten ist.

Wie oben bereits erwähnt halte ich Bedas Historia für ein Pseudepigraph viel späterer Zeit, möglicherweise erst im 16. Jh. entstanden. Die Continuatio kann höchstens zeitgleich entstanden sein. Möglicherweise ist LASZLO insoweit zuzustimmen, dass beide Schriften, Historia und Continuatio, im 12. Jh. entstanden sind. Früher aber auf keinen Fall.

Den angelsächsischen Missionar des 7./8. Jh., den sog. "Apostel der Deutschen", wie ihn die Geschichtsbücher darstellen, gab es nach meiner Auffassung nie gegeben. Ich gehe von der  Nicht-Historizität des Bonifatius aus. Bonifatius ist eine von der Kirche geschaffene Legende. Die Briefe des Bonifatius als auch seine missionarischen Aktivitäten und natürlich sein Märtyrertod in Friesland sind freie Erfindungen im Zusammenhang mit der Kreation der Bonifatiuslegende, vermutlich des 12. Jh. Eine angelsächsische Mission hat nie stattgefunden.

 

 

 

 

Literatur:

Arndt, Mario (2015): Die wohlstrukturierte Geschichte: Eine Analyse der Geschichte Alteuropas

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 31.07.2016

 

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