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Der "karolingische" Dom zu Hildesheim

Vor kurzem (24.05.2011) ging die Meldung durch die Tagespresse, dass bei Grabungen im Hildesheimer Dom das Fundament der ersten Hildesheimer Kirche aus dem Jahr 815 gefunden wurde.

Eine solche Meldung lässt natürlich aufhorchen, weil solche Entdeckungen auch immer ein Mosaiksteinchen zur Geschichte des frühen Kirchenbaus darstellen – sofern sie zutreffend interpretiert werden.

Karl Bernhard KRUSE, Diözesankonservator, bietet im Internet erste Ergebnisse der Grabung. Dieser Bericht ist offensichtlich auch in der Allgemeinen Hildesheimer Zeitung vom 06.11.2010 und 13.11.2010 veröffentlicht. Seinen Bericht beginnt er euphorisch: „In zwei deutschen Domen wird im Jahr 2010 gegraben, in Magdeburg und in Hildesheim. Während in Magdeburg nach dem ersten Dom gesucht wird und nebenbei kleine, aber spektakuläre Goldfunde gemacht werden, fahnden wir in Hildesheim unter anderem nach der ersten kleinen Kapelle Ludwig d. Frommen und haben nebenbei „nur“ winzige Goldfäden aus längst vergangenen Gewändern Bischof Bertholds (1113-1130) in seinem Grab im Mittelschiff gefunden. Viel wichtiger und spannender als „Gold“ sind jedoch die Befunde, die in den letzten Monaten im wahrsten Sinne des Wortes „ausgegraben“ werden konnten.“ [KRUSE 2010].

Prinzipiell wird man ihm hier Recht geben müssen. Mit Magdeburg irrt er. Die Magdeburger Ausgräber suchen zwar immer noch ihren Gründungsbau, aber nur weil sie nicht wahrhaben wollen, dass sie ihn mit der Nordkirche bereits gefunden haben. Sie klammern sich an Thietmar’s Chronik und suchen die Moritzklosterkirche, die sie nicht finden können, weil sie eine Erfindung des Pseudepigraphen Thietmar ist. Doch zurück zu Hildesheim.

Grundlage für alle frühen Datierungen ist die Fundatio ecclesiae Hildensemensis, eine angeblich um 1080 niedergeschriebene Gründungsgeschichte des Bistums Hildesheim. Für das Jahr 963 ist die Reliquienübertragung des hl. Epiphanius überliefert. Sie erfolgte merkwürdigerweise nicht in den angeblich vorhandenen Dom, sondern in eine extra für die Reliquien errichtete Kapelle. Angeblich war nach der Bistumsgründung im Jahr 815 auf dem Domhügel zunächst nur eine Marienkapelle gebaut worden. Bischof Gunthar soll erst um 825 die erste Kathedralkirche errichtet haben.

 

Bisherige Rekonstruktionen zur Baugeschichte bis zum 12. Jh., wobei ich mich auf die neueren Quellen diesbezüglich beschränke:

1.      Leo SCHÄFER/Friedrich OSWALD [OSWALD, 116ff]

Bau I:  Zwei Rundbauten übereinander, der ältere von 774-76, der jüngere als Kapelle Ludwig des Frommen (BOHLAND) bzw. als Bau unter Bischof Hezilo (ALGERMISSEN) angesprochen, westlich davon eine Rechteckanlage aus derselben Zeit (Annahme der Ausgräber ohne Befundangabe) SCHÄFER/OSWALD folgen eher ALGERMISSEN und sehen in dem älteren Rundbau die Kapelle Ludwig des Frommen.

Bau II:  Kreuzförmige Basilika mit Westwerk (?) und Umgangskrypta (Altfriddom), Umgang im Untergeschoss an die ältere Rotunde angeschlossen. Durchgehendes Querhaus, eingezogenes Chorquadrum mit Apsis, Querhaus mit Apsiden, die außen rechteckig ummantelt waren, Kryptenumgang tonnengewölbt, Zugänge zwischen Chor und Querhausapsiden, erneuerter Zugang über dem nördlichen deutet auf Zweigeschossigkeit der Umgangskrypta hin, Kryptenumgang mit zwei Apsidiolen, Umgang ca. 1 m unter dem Niveau der Kirche, Innenkrypta aus den Quellen erschließbar, jedoch nur Durchgang im Chorscheitel gesichert, Mittelraum im Westbau ca. 1 m unter dem Niveau der Kirche, Zentralwestwerk (BOHLAND für Westchor über Krypta mit Vorhalle zwischen Turmpaar und Emporen über quadratischen Seitenräumen) Datierung: 852-872

Bau IIa: Neubau des Westabschlusses um 1022 bis 1035, Halbrunde große Nische zwischen Treppentürmen, im Scheitel Eingang, Rekonstruktion des Aufgehenden offen    

 

2.      Werner JACOBSON [JACOBSON, 181ff]

zu Bau I:  Deutung als Marienkapelle nicht zweifelsfrei, vielleicht Rundbau nur ein Teil der Gründungsanlage, Achsabweichung gegenüber Bau II spricht für frühere Entstehung, kein Grund für Datierung vor 815

zu Bau II:  Kryptenumgang laut Fundatio zweigeschossig, Umgang bezog im Untergeschoss die ältere Rotunde offenbar als Scheitelkapelle ein

zu Bau IIa:  Trennung von Bau II als separate Bauphase durch doppelte Fundamenttiefe, die massiven, breitgelagerten Turmfundamente und vor allem durch die Pfeilerbasen und Sockel der Westkrypta aus Platte und Schräge, welche sicher erst dem 10. Jh. zugewiesen werden können. Deutung des Baues als Westwerk problematisch, Lage des Vierstützenraumes 1 m unter Langhausniveau spricht für BOHLANDs Deutung als Krypta, darüber ein Westchor zu vermuten, flankiert von Türmen, jetzt erst Schwibbögen in den Seitenschiffen und Arkadengliederung (3 Säulen/Pfeiler/3 Säulen), jetzt erst Schranke im Mittelschiff und ostwärtiges "Kreuz"-Fundament, Datierung: 10. Jh. (am ehesten mit Epiphanius-Translation 962 in Verbindung zu sehen)

Bau IIb:  Westbau mit Türmen und Paradies nach Aufgabe der Westkrypta, Datierung: nach Brand 1013

 

 

Grundriss nach BOHLAND aus [JACOBSON, 182]

 

3.      Karl Bernhard KRUSE [KRUSE 2000] (Nummerierung der Bauten durch Verf.)

Bau I:  Kaiserkapelle Ludwig des Frommen um 815 bestehend aus Langhaus, Chor mit Apsis und Scheitelkapelle

Bau II: Dom des Bischof Gunthar um 820. Lage südöstlich des heutigen Doms. Dreischiffige Basilika mit Westquerhaus und zwei hohen Türmen. (Phantasierekonstruktion ohne Baubefunde! – MM)

Bau III: Altfriddom 852-872. Dreischiffige Basilika mit durchgehenden Querhaus, Ostkrypta mit Außenumgang, Seitengänge in Apsidiolen endend, Umgang führte zur bestehenden Scheitelkapelle (Bau I), Westchor, darunter Krypta, zwei quadratische Westtürme nördlich und südlich des Westchores

Bau IIIa:  Umbau der Westkrypta und Errichtung einer Vorhalle unter Bischof Bernward um 1015

Bau IIIb:  Umbau des Westbaus durch Bischof Godehard. Aufgabe der Krypta für Westeingang, Atrium mit zwei zusätzlichen Türmen. Datierung: 1022-1035

Bau IV:  unvollendeter Neubau unter Bischof Azelin 1046-1054. Dreischiffige gewestete Basilika mit Querhaus, an diesem nach Westen orientierte Querhausapsiden, Krypta unter Chor und Vierung, im Osten noch der Westbau Godehards (gem. Plan 8 auf S. 18)

Bau V: Neubau unter Bischof Hezilo 1055-1061 unter Verwendung der Fundamente und der noch stehenden Reste des Altfrieddoms und des Godehard-Westbaus. Aufgabe des Azelindoms. Grundriss wie Altfrieddom, d. h. dreischiffige Basilika, Ostkrypta unter Hochchor. Erweiterung der Krypta in die Vierung, Kryptaumgang außen als Zugang zur Scheitelkapelle, diese neu errichtet (ab 1078). Jetzt ausgeschiedene Vierung. Verlegung der „Konfessio“ unter den ehemaligen Kreuzaltar (im Langhaus? – MM), Weihe 1061.

Bau Va:  Neubau der Apsis und Errichtung Domkreuzgang durch Bischof Berthold 12. Jh., Hochchor mit neuen inkrustierten Gipsestrich ausgestattet.

 

4.      Karl Bernhard KRUSE [KRUSE 2010]

Bau I:  Kapellenbau im Bereich des Chores und der Vierung. Keine Scheitelkapelle! Im Bereich des Mittelschiffs ehem. Friedhof. Grundrissrekonstruktion der Kapelle wegen der laufenden Grabungen noch nicht möglich. Datierung: um 815

Bau II:  Gunthardom, um 820, südöstlich der Kaiserkapelle. Ostabschluss „wahrscheinlich dreifach gegliedert“. „Der südliche Chorbereich ragt etwas über das Mittelschiff hinaus.“ „Einschiffiges Langhaus“ oder „Mittelschiff mit zwei sehr schmalen Seitenschiffen“

Bau III:  Altfriddom 852-872. Dreischiffige Basilika, „durchlaufendes Querhaus mit zwei Kapellen neben dem eingezogenen Chor mit halbrunder Apsis“, Vierung leicht erhöht, Westabschluss unklar, Umgangskrypta mit zwei Apsidiolen und runder Scheitelkapelle, Das Aussehen der inneren Krypta unbekannt. „Es gab hier jedoch einen Raum, denn der heute wieder vermauerte Zugang genau im Ostscheitelpunkt … gehört in die Zeit der Mitte des 9. Jahrhunderts.“ Scheitelkapelle und Umgangskrypta doppelgeschossig (rekonstruiert aus ergrabenen Fundamenten in der Scheitelkapelle, auf denen KRUSE eine Stützenstellung annimmt)
„Confessio im Mittelschiff vor der Vierungskrypta“. „Dieser Vorgängerbau der Confessio aus der Mitte des 9. Jahrhunderts ragte aus dem Fußboden mit einem unbekannten Aufbau heraus und war von einer Chorschranke geschützt.“

Quadratischer Schacht im Mittelschiff, vermutlich für ein größeres Taufbecken.

Bau IIIa: Unter Bischof Godehard Neubau des Westbau

Bau IV: Nach Brand 1046 Neubau unter Bischof Azelin westlich anschließend an den Westbau des beschädigten Altfriddoms . „Dreischiffige Basilika mit ausgeschiedener Vierung, Querschiff mit zwei Apsidenkapellen und einem Chor mit Apsis über einer großen Krypta“, „Ob die Vierung … auch schon vollständig mit einer Krypta unterbaut war oder nur einen Vorraum zur Chorkrypta hatte“ ist noch unklar.

Bau V:  Aufgabe des Neubaus von Azelin und Wiederaufbau des geschädigten Domes durch Bischof Hezilo unter Verwendung der noch stehenden Reste des Altfriddomes (Querhaus und Chor) und dem Westbau Godehards. „Für das größere Domkapitel hat er die Vierung und den Chor zusammengefasst und darunter die bis heute bestehende einheitlich gewölbte Krypta eingebaut.“ Weihe 1061
Baubeginn der Scheitelkapelle 1079 durch Bischof Hezilo. Die Verbindungsmauern der neuen Scheitelkapelle zur Innenkrypta angeblich ergraben.

 

Aktuelle Grabungsergebnisse (soweit veröffentlicht):

Grabungsergebnisse im Kirchenschiff der profanierten Antoniuskirche südöstlich des Doms (Bistum Hildesheim Nachrichten 04.02.2011 u. a.)
Grabung auf einer Fläche von ca. 150 m², bis 3,50 m tief. Freigelegt wurden Fundamente verschiedener Vorgängerbauten.
Ergraben wurde angeblich Gunthardom aus dem 9. Jh., einst 14 m breit, Fundamente 1,4 bis 2m dick sowie Reste eines karolingischen Kreuzgangs im Norden des Gunthardoms. Der Dom hatte einen geraden Ostabschluss (keine Apsis). Chor zum Kirchenschiff nach Vermutung der Ausgräber mit einem steinernen Triumpfbogen abgeschlossen, worauf entsprechende Fundamentreste schließen lassen.

Grabungsergebnisse im Hildesheimer Dom im Bereich der Krypta (Bistum Hildesheim Nachrichten 27.04.2011 u. a.)
Im Bereich der heutigen Domkrypta wurden Fundamente eines Vorgängerbaus gefunden und zwar „einen innen etwa sechs auf sechs Meter großen Saal mit einer anschließenden Halbkreisapsis. Die Fundamente  für diese kleine Kirche sind ungewöhnlich stark aus großen, gebrochenen Sandsteinen mit einem Mauerkern in Lehmmörtel. Eine verfüllte Grube zeigt in der Ostapsis den Standort des allerersten Altares an, der von einem jüngeren Altarfundament überbaut worden ist.“ [http://www.domsanierung.de/de/pm_krypta]
Im Video auf YouTube „Grabungen in der Krypta des Domes: Auf der Suche nach dem Ursprung des Bistums“ wird der Verlauf der aufgefundenen Fundamente im Grundriss des Altfriedbaus gezeigt. Danach verlaufen diese innen exakt entlang der Chormauern des Altfriedbaus. Der zu diesen Fundamenten gehörende Bau wurde später abgebrochen und neu überbaut. Diese Überbauung wird dem Altfriedbau (852-872) zugesprochen. Die aufgefundenen Fundamente weisen die Ausgräber der Kapelle Ludwig des Frommen zu.
In der Chorkrypta wurden auch die Spannfundamente für die Pfeiler oder Säulen der Kreuzgratgewölbe ergraben. Unter der Vierung gab es noch keine Krypta, sie wurde erst durch Hezilo um 1060 errichtet. Somit „Mitte des neunten Jahrhunderts im Hildesheimer Dom drei Kryptenräume mit vier gewölbetragenden Stützen“.
Nach Dombrand 1046 baute Bischof Hezilo 1079 auf den alten Grundmauern eine neue Rundkapelle und verband sie mit zwei Verbindungsmauern mit der neuen Krypta seines Domes. „Von dieser Kapelle konnten wir nur die Verbindungsmauern ergraben“, erklärt KRUSE.

 

Ausschnitt aus dem Video auf YouTube mit Kennzeichnung der ergrabenen Fundamente

 

Als terminus post quem für die Errichtung eines monumentalen Kirchenbaus sehe ich generell die Erhebung des Katholizismus zur Reichsreligion und die damit verbundene die Begründung der Reichskirche durch Justinian I. (945-983 u. Z.). Das bedeutet, dass kaum vor 950 u. Z. mit einem Kirchenbau begonnen werden konnte - eher deutlich später. Weiterhin ist sicher zu beachten, dass in der Katastrophe um 940 fast sämtliche vorhandene Bauten als auch die Infrastruktur zerstört worden sind. Bis für einen Dombau die erforderliche Infrastruktur (Bauleute, Material, Transport etc.) wieder geschaffen war, dürften einige Jahre/Jahrzehnte ins Land gegangen sein, auch wenn man die Verwendung von vorhandenem Baumaterial aus den zerstörten Bauten (Spolien) berücksichtigt.
Trotzdem kennt die Hildesheimer Bischofsliste Anfang des 11. Jh. schon eine stattliche Anzahl von ehemaligen Amtsträgern im Bischofsamt. Für Hildesheim ist nach WIKIPEDIA eine ungedruckte Bischofsliste in einem Sakramentar von 1014 überliefert, die die ersten 13 Bischöfe (von Gunthar 815?-834? bis Bernward 993-1022) auflistet, jedoch ohne Zählung. "Ohne Zählung" heißt m. E., dass die Episkopate der Bischöfe nicht bekannt sind. Die Fundatio zählt die Bischöfe ebenso nur auf, inklusive einer Ordnungszahl für die Reihenfolge der Amtszeit, jetzt bis zum 16. Bischof Azelin; eine Ergänzung bis zum 20. Bischof Bernhard I. Wohlgemerkt, die Aufzählung der Bischöfe in ihrer Reihenfolge enthält keine Jahreszahlen der Episkopate. Im Text der Fundatio sind nur zwei Jahreszahlen enthalten, das sind die Jahre 1077 und 1079. Diese beziehen sich aber nur auf die Wiederaufbau der Chorscheitelrotunde. Darüber hinaus enthält die Fundatio die Information, dass das Jahr 1079 für Hezilo das 26. Jahr seiner Ordination ist, d. h. dass Hezilo seit 1053 im Amt ist (Nach der offiziellen Bischofsliste ist das Jahr 1054 der Beginn der Amtszeit Hezilos.). Weitere Informationen zu den Episkopaten der Hildesheimer Bischöfe gibt die Fundatio nicht her.
Ich halte beide Quellen, die Fundatio als auch das Sakramentar, nicht für zeitgenössisch, sondern für im 12. Jh. verfasste Quellen, die zum Ziel hatten, die Geschichte des Bistums bis in die Zeit Karls des Großen bzw. seines Sohnes Ludwig den Frommen zurückzuführen. Vermutlich gehören beide Quellen in den Kreis der übrigen im 12. Jh. entstandenen Wibaldschen Fälschungen zur sächsischen Geschichte wie die Sachsenchronik von Widukind oder die Chronik des Thietmar von Merseburg. Die große Anzahl an frühen Bischöfen ist nur dem Anliegen geschuldet, die Zeit bis zu den frühen Karolingern zu füllen. Ich gehe davon aus, dass in der Liste einige Bischöfe hinzugefügt wurden. Ob der angeblich erste Bischof Gunthar mit dem nach ihm benannten Dom real ist, kann ich nicht sagen, wenn ja, dann aber frühestens nach Mitte des 10. Jh. Ich denke, dass die Bischofsliste erst ab Bischof Bernward korrekt ist.
Es erschließt sich mir momentan nicht, wie man auf die Episkopate dieser frühen Bischöfe gekommen ist. Mein Verdacht ist, dass es Quellen gibt, die für die Jahre 774-776 und 852-872 Baumaßnahmen berichten. Übersehen hat man indes, dass die Datierungen in das 8./9. Jh. aber byzantinisch sind und in Wirklichkeit Baumaßnahmen im 12./13. Jh. betreffen. Die "Verarbeitung" solcher Baunachrichten zu karolingischen Baumaßnahmen ist dann natürlich erst erheblich später erfolgt, z. B. im 15./16. Jh., als byzantinische Datierungen schon lange nicht mehr im Gebrauch und vergessen waren.

Für mich stellte sich die Frage, ob bei Loslösung von der „Vorgabe“ der Fundatio auf der Grundlage der vorhandenen Rekonstruktionen inklusive der aktuellen Grabungsergebnisse eine realistischere Rekonstruktion der Baugeschichte möglich sein wird? Ich denke schon.

Der südöstlich des Doms ergrabene Grundriss, der von den Hildesheiner Ausgräbern als Gunthardom  angesprochen wird, dürfte der erste, möglicherweise von vornherein provisorische Dombau in Hildesheim gewesen sein. Der Bau war nach den Grabungsergebnissen ein Saalbau mit einem gerade geschlossenem Chor. Ich datiere diesen Bau in das letzte Viertel des 10. Jh. Er hat offensichtlich nicht allzu lange als Dom gedient. Schon relativ kurze Zeit später - Anfang des 11. Jh. - wurde ein größerer und repräsentativerer Neubau unmittelbar nordwestlich des bestehenden Baus begonnen. Dieser Neubau ist für mich der sogenannte Altfriddom. Eine ähnliche Baufolge kennen wir in Magdeburg, wo der Nordkirche auf dem Domplatz aus dem letzten Drittel des 10. Jh. die Südkirche ab 1004 errichtet wird, und in Mainz, wo der Johanniskirche, deren Baubeginn "kurz nach 975" gewesen sein dürfte, der Willigisbau ab 998 folgt.

Der Grundriss des sogenannten Altfridbaus - insbesondere der Ostabschluss mit der Außenkrypta -  ähnelt auffällig dem Grundriss des Halberstädter Doms. Es liegt nahe – auch wegen der räumlichen Nähe – beide Bauten etwa zeitgleich anzusehen. In meinem Aufsatz zu Halberstadt habe ich eine Rekonstruktion der Baugeschichte des Halberstädter Doms vorgeschlagen, die den nachträglichen Anbau der Außenkrypta an den 992 geweihten Dom in der Zeit um 1000 bis 1020 sieht. Auch für die Errichtung der Hildesheimer Außenkrypta, die hier sicher zur ursprünglichen Baulösung gehörte, dürfte  eine Datierung in die Zeit 1000 bis 1020 in Frage kommen. Ähnliche Kryptenanlagen in Flavigny und St-Philibert-de-Grand-Lieu – die von CLAUSSEN einer Gruppe von spätkarolingischen Umgangskrypten zugeordnet werden - sind von der Kunstgeschichte schon länger dem 11. Jh. zugewiesen worden. Auch die Anlagen von Corvey und Auxerre dürften dem 11. Jh. zuzuschlagen sein. Die erste Scheitelkapelle ist sicher zeitgleich oder kurz nach dem Bau des Kryptenumgangs erbaut worden, womöglich als Gründer- oder Stiftergrablege in der Nähe des Heiligengrabes.

Es gibt m. E. einen weiteren Hinweis auf eine spätere Bauzeit des Altfriedbaus. KRUSE [2000, 12] ordnet dem Altfriedbau die ergrabene Westkrypta zu. JACOBSON [181ff] kreiert aus diesem Grund eine spätere Bauphase (Bau IIa), da Pfeilerbasen und Sockel der Westkrypta aus Platte und Schräge sicher erst dem 10. Jh. zugewiesen werden können. M. E. gilt dieses spätere Datum für den gesamten Bau. Vielleicht noch ein Hinweis: Der von BOHLAND/JACOBSON/KRUSE rekonstruierte Westbau mit Westkrypta, darüber liegendem Chor und seitlichen Türmen gleicht auffallend dem 1004 begonnenen Neubau des Magdeburger Doms (Südkirche).

Die Zuweisung der kürzlich innerhalb des Grundrisses des Altfriedbaus ergrabenen Fundamente als solche eines älteren, ehemals isoliert stehenden Baus sehe ich problematisch. Die Fundamentbreite bis zu zwei Meter spricht für eine beachtliche Mauerstärke, die für einen kleinen Saalbau völlig überdimensioniert erscheint. Verständlich wäre eine solche Mauerdicke bei einer Überbauung durch einen Chor oder für die Aufnahme von horizontalen Lasten bei einer Wölbung, wobei letzteres sicher ausgeschlossen werden kann. Da genauere Angaben zu dem Grabungsbefund nicht vorliegen, kann an dieser Stelle nicht mehr dazu ausgesagt werden. Ich denke, dass diese Fundamente zu dem sogenannten Altfridbau gehören.

Im Ostscheitelpunkt des sogenannten Altfridbaus wurde ein vermauerter Durchgang nachgewiesen. Aufgrund dessen geht KRUSE von einer Innenkrypta unter dem Hochchor aus, deren Gestaltung jedoch offen ist. Die jüngst ergrabenen Spannfundamente lassen ihn an einen Vierstützenraum denken. KRUSE sieht für den Altfridbau insgesamt drei Vierstützenräume die er für einmalig in dieser frühen Zeit hält - die Innenkrypta, die Westkrypta und vermutlich die Scheitelrotunde.
Ob die kleine Innenkrypta wirklich schon zum Ursprungsbau gehörte, ist fraglich. In Halberstadt ging vom Scheitelpunkt des Kryptenumgangs ein stollenartiger Gang nach Westen zu einem Heiligengrab unter dem Hochchor. Unmittelbar westlich der Vierung im Mittelschiff verortet KRUSE einen "Vorgängerbau der Confessio" aus der Bauzeit des Altfriddoms, der bis zur Kriegszerstörung unter dem Kreuzaltar vor dem Lettner vorhanden gewesen sein soll. Lag das Heiligengrab oder die Reliquienkammer vielleicht so weit im Westen? Ging der Stollen vom Apsisscheitel bis dorthin? Oder wurde die Reliquienkammer erst mit dem Bau der Vierungskrypta dort angelegt, was vielleicht eher zutreffen könnte. In diesem Fall hätte sich KRUSE mit der Datierung dieses Einbaus wohl geirrt.
KRUSE ordnet die Innenkrypta (Vierstützenraum) dem Ursprungsbau zu und sieht den Zugang zu dieser über die Außenkrypta, da er aufgrund des vermauerten Durchgangs im Apsisscheitel auf die Innenkrypta schließt. Diese Zugangslösung wäre auf jeden Fall sehr ungewöhnlich. Mir fällt dazu kein Vergleichsobjekt ein.
Nach meiner Auffassung wird die Innenkrypta erst von Bischof Hezilo angelegt. Der Zugang erfolgte sicher vom Kircheninneren. Der ehemalige Durchgang von der Außenkrypta wurde vermauert.
Die Außenkrypta diente danach ausschließlich noch dem Zugang zur Scheitelkapelle. Die Erweiterung der Krypta bis unter die Vierung ordne ich dem Umbau in der 1. Hälfte des 12. Jh. zu. Die Würfelkapitelle mit den Hirsauer Nasen können schwerlich früher datiert werden.

Eine erneuerte Türöffnung über dem nördlichen Eingang zum Kryptenumgang deutet möglicherweise auf eine Doppelgeschossigkeit des außen liegenden Apsisumgangs hin. KRUSE rekonstruiert für die Scheitelkapelle eine Stützenstellung und denkt für diese an eine Zweigeschossigkeit. JACOBSEN entnimmt die Zweigeschossigkeit des Kryptenumgangs aus dem Text der Fundatio, sieht den Zugang zur Scheitelkapelle jedoch nur vom Untergeschoss. Ursprünglich hatte KRUSE aufgrund einer Verdickung des Umgangsfundaments zum Querhaus hin eine Doppelgeschossigkeit nur im Winkel zwischen Querhaus und Chor angenommen. Mit seiner jüngeren Rekonstruktion einer doppelgeschossigen Scheitelkapelle sieht er jetzt die Doppelgeschossigkeit für den gesamten Chorumgang. Da ich für die Scheitelkapelle ein oberes Geschoss ausschließe, kann das Obergeschoss des Kryptenumgangs nur dem Zugang zum Altarraum und vielleicht der Anlage eines gesonderten Raumes (Sakristei) gedient haben. Damit wäre die ursprüngliche Rekonstruktion KRUSEs der Doppelgeschossigkeit nur in den Winkeln zwischen Querhaus und Chor durchaus denkbar. Auch für Halberstadt war ursprünglich eine Doppelgeschossigkeit des Apsisumgangs angenommen worden, wofür letztendlich aber keine wirklichen Belege vorlagen.

Nach dem Brand von 1046 beginnt zunächst Bischof Azelin (1044-1054) mit einem Domneubau. Diesen erbaut er in Verlängerung der Längsachse westlich des bestehenden Baus mit Nutzung des alten Westbaus als künftigen Ostabschluss (Chorflankentürme wie die Neubauten in Magdeburg und Merseburg). Damit konnte der Altbau zunächst weiter genutzt werden.

Merkwürdig mutet die Absicht Azelins an, eine gewestete Kirche errichten zu wollen. Wenn man jedoch in Betracht zieht, dass Mitte des 11. Jh. in Rom die Laterankirche und Alt-St. Peter als gewestete Bauten fertiggestellt bzw. im Bau waren und dass in Fulda auch in der Nachfolge der römischen Bauten ebenfalls ein gewesteter Dombau in Planung ist, erscheint das Ansinnen Azelins vielleicht doch nicht so abwegig.

Bischof Hezilo (1054-1079) ließ die Neubaupläne seines Vorgängers fallen und entschied sich für einen Wiederaufbau des abgebrannten sogenannten Altfridbaus. Möglicherweise waren finanzielle Gründe für diese Entscheidung maßgebend.

Nach KRUSE [2000, 22] hat Hezilo die Innenkrypta in die Vierung erweitert, die Umgangskrypta, die bei der Weihe 1061 noch ohne Dach gewesen sein soll, und die Scheitelkapelle neu errichtet, letztere soll erst 1078 begonnen worden sein und dazu mit alten Steinen. Wie oben bereits angeführt, hat nach meiner Ansicht Hezilo die kleine Innenkrypta eingebaut. Die Erweiterung in die Vierung erfolgt für mich später. Erstaunlich ist schon, dass nach Mitte des 11. Jh. noch ein Neubau der Umgangskrypta erfolgte. In Hildesheim war offensichtlich der Zugang zur Chorscheitelkapelle weiter wichtig, weshalb der Kryptenumgang erneuert wurde.

Die originalen Türgewände und Stucktympana der ehemaligen Zugänge  zum Kryptenumgang sollen heute noch erhalten sein [KRUSE 2000, 10, 12]. KRUSE datiert die Stucktympana um 872 [2000, 11]. Das ist natürlich völlig abwegig. Skulptierte Tympana sind vor 1100 nicht zu finden. Zumindest die Tympana gehören dem Umbau im 12. Jh. an. Der Umbau des 12. Jh. verzichtet auf die Außenkrypta, womit diese Türen zumindest später eine andere Funktion erhalten haben müssen, vielleicht als Eingang in die Krypta des 12. Jh.

Nach KRUSE [2000, 24] ist im 12. Jh. nur die Apsis neu errichtet worden. Nach meiner Auffassung ist der Umbau des 12. Jh. in größerem Umfang erfolgt. Die Kapitelle in der Krypta sind Würfelkapitelle mit Schilden und den sog. „Hirsauer Nasen“. Der Baudekor der sog. Hirsauer Bauschule kommt erst im 12. Jh. in allgemeine Verwendung. Das heißt für mich, dass zumindest die Kapitelle und das Kreuzgratgewölbe der Krypta im 12. Jh. erneuert wurden. Vermutlich wurden auch die Säulenschäfte in diesem Zusammenhang erneuert. Die Säulenbasen sind zwar noch ohne Eckzehen; sprechen damit aber nicht zwingend für eine ältere Bauzeit. Eckzehen kommen ungefähr ab 1130 in allgemeinen Gebrauch. Es ist möglich, dass die Krypta in ihrer heutigen Ausdehnung in der 1. H. 12. Jh. entstand. Bis dahin hat vielleicht der Vierstützenraum bestanden, den KRUSE aufgrund der jüngsten Grabungen rekonstruiert hat.

Der ergrabene Kreuzgang ist natürlich auch nicht karolingisch wie KRUSE behauptet. Kreuzgänge sind erst wesentlich später üblich, im größeren Umfang erst im 12. Jh. Als frühesten Kreuzgang sieht ILLIG Tournus aus dem Jahr 1046 [203f].

 

Rekonstruktionsvorschlag für die Baugeschichte

Bau I: sog. Gunthardom. Saalbau mit gerade geschlossenem Chor. Baubeginn im letzten Viertel des 10. Jh.

Bau II (an anderer Stelle): sog. Altfridbau
Baubeginn um 1000 unter Bernward (993-1022), Fertigstellung um 1020
Dreischiffige Basilika mit Umgangskrypta und Scheitelkapelle, Westchor mit darunter liegender Krypta und seitlichen Türmen

Bau IIa:
Nach Brand 1013 Neubau des Westbaus mit Aufgabe der Westkrypta, jetzt Westeingang mit Paradies und zusätzlichen Westtürmen.

Bau III:
Nach Brand 1046 Neubau einer gewesteten Kirche durch Bischof Azelin westlich in der Achse des Altfriddoms unter Verwendung des Westbaus von Bau IIa

Bau IIb:
Nach dem Tod Bischof Azelins 1054 gibt Bischof Hezilo den von Bischof Azelin begonnenen Neubau auf und baut den brandgeschädigten Dom (Altfridbau) unter Verwendung der verbliebenen Reste und des Westbaus von Bau IIa wieder auf.
Einbau der Innenkrypta. Weihe 1061. Neubau der Scheitelkapelle und des Kryptenumgangs.

Bau IIc:
In der 1. Hälfte des 12. Jh. Abbruch Scheitelkapelle inkl. Kryptenumgang. Neubau Apsis.  Erweiterung der Innenkrypta bis unter die Vierung einschl. Erneuerung der Innenkrypta.

 

Nun stellt sich noch einmal die Frage nach der Bistumsgründung. Dass das Jahr 815 nicht diskussionswürdig ist, ist denke ich klar. Dass bei Bistumsgründung nur eine Marienkapelle errichtet wurde und kein Dom in Angriff genommen wurde, ist kaum nachvollziehbar. Dass die Reliquienübertragung 963 nicht in den Dom erfolgte, ist möglicherweise ein Hinweis darauf, dass es zu dieser Zeit noch keinen Dom gab. Da ich  die Reliquientranslation für das Jahr 963 prinzipiell für zu früh erachte, wäre in Erwägung zu ziehen, ob die Datierung 963 vielleicht byzantinisch ist, was dem Jahr 1381 u. Z. entsprechen würde. 
Mit der von mir favorisierten Bauzeit des sog. Altfriddoms Anfang des 11. Jh. fällt die Hauptbauzeit des Doms in die Zeit des Episkopats von Bernward (993-1022). Vermutlich durch die Veraltung des Doms hat man Bernward der Bauherrenschaft für den Dom beraubt und hat ihm nur Teile der Ausstattung wie die Bronzetüren und die Bernwardsäule zugestanden. Wann der Domneubau geweiht wurde - ob noch durch Bernward oder erst durch Godehard - wissen wir nicht.
                                                              

 

Literaturverzeichnis:

 

Illig, Heribert (2009): Fehlende Kreuzgänge und Benediktiner. Entwicklung von Bautyp und Orden. In: ZEITENSPRÜNGE 21 (1), 194-219

Jacobson, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München, Nachtragsband

Kruse, Karl Bernhard (2000): Der Hildesheimer Dom. Die Baugeschichte vom 9. Bis zum 20. Jahrhundert, Hannover

Kruse, Karl Bernhard (2010): Die Domburg Hildesheim vom 9. Bis zum 11. Jahrhundert. Erste Ergebnisse der Grabung im Hildesheimer Dom. Hildesheimer Allgemeine Zeitung v. 06.11.2010

Oswald, Friedrich / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1966-1971): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München

 

 

 

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 05.03.2016

 

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