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Die Erschaffung der karolingischen und ottonischen Baukunst

 

Saint-Philbert-de-Grand-Lieu, Mittelschiff und Krypta

Füssen, St. Mang, Krypta

Flavigny, Krypta

 

Es gibt unzählige Publikationen zur karolingischen Kunst und zu Karl dem Großen als prominentesten Vertreter der Karolingerzeit, z. T. prächtig ausgestattet und reich bebildert. Neben seinen vielen anderen Vorzügen sind Karl der Große und seine Nachfolger auf dem Thron als großzügige Bauherrn in die Geschichte eingegangen. Nach ILLIG [1996, 205] nennt die Statistik 544 Großbauten für die Zeit Karl des Großen und seiner beiden Nachfolger Ludwig I. und Lothar I., also von trad. 768-855, davon 27 Kathedralen, 100 Königspfalzen und 417 Klöster. ILLIG [1996, 208] zitiert BRAUNFELS: "Von allen diesen Bauten hat man nur 215 archäologisch untersucht, nur von einem Bruchteil von diesen sind Reste erhalten. Die Werke, die ganz oder doch in wesentlichen Teilen noch stehen, lassen sich fast an den zehn Fingern aufzählen".

Die ottonische Kunst und Architektur kommt nicht ganz so spektakulär daher. Die Kunst der Ottonen ist erst seit etwa Mitte des vergangenen Jahrhunderts durch die Veröffentlichung von JANTZEN "Ottonische Kunst" eine eigene Kunstepoche. JANTZENs Sichtweise hat sich zumindest auf dem Gebiet der Baukunst nicht so richtig durchgesetzt. Die Ottonen herrschten traditionell von 919 bis 1024. Keines der von JANTZEN betrachteten Kirchenbauten reicht wirklich vor die Jahrhundertmitte des 10. Jh. zurück. Das für die frühen Ottonen angeführte Quedlinburg ist eine falsche Rekonstruktion [MEISEGEIER, 11ff]. Auch Quedlinburg beginnt frühestens Ende des 10. Jh. Dazu kommt die traditionelle Fehldatierung von Kirchenbauten wie z. B. Gernrode, das mit dem Baubeginn 961 deutlich zu früh datiert ist [MEISEGEIER, 52ff].

Der so genannte ottonische Kirchenbau beginnt auch bei JANTZEN so richtig erst ab der Jahrtausendwende und verschmilzt nahtlos mit dem frühromanischen Kirchenbau. Eine stilistische Abgrenzung zur frühen Romanik ist eigentlich nicht möglich, was übrigens auch für die karolingische Kunst und Architektur zutrifft.

Schon für GRODECKI "Universum der Kunst. Die Zeit der Ottonen und Salier" gehört die Architektur der Ottonen und Salier zusammen. Obwohl er die Ottonen und Salier im Titel verwendet, greift er inkonsequenterweise auch auf Bauwerke außerhalb des Reiches der Ottonen und Salier, z. B. in Italien, Spanien und im westlichen Frankreich zurück.

UNTERMANN erwähnt den Begriff "ottonische Kunst bzw. Architektur" gar nicht. Bei den sächsischen Bauten des 10. Jh. spricht er nur von ottonischen Kirchen.

 

Wer waren die Karolinger?

Eine große Schar von Wissenschaftlern hat sich mit den Karolingern und ihrer Geschichte befasst. Ihre Arbeiten füllen sicher ganze Bibliotheken. Werden dadurch die Karolinger fassbarer?

ARNDT schreibt in seinem bemerkenswerten Buch "Die wohlkonstruierte Geschichte" von der "Fiktionalität eines wesentlichen Teils der Pippiniden- und Karolinger-Geschichten" [100]. Er sieht die Merowinger und die Karolinger "nach derselben Schablone gestrickt" und betitelt seinen Abschnitt zur Karolingerzeit mit der Frage: "Sind die Karolinger nur ein Double der Merowinger?" [98]. Während die Herrscherliste der Merowinger zwar offensichtliche Manipulationen aufweist, jedoch zumindest bis 584 evtl. noch einschließlich Dagobert I. (605-639) einen realen Kern erkennen lässt, scheinen die Herrscherlisten der Karolinger und der ihnen folgenden Ottonen, Salier und Staufer im Wesentlichen frei konstruiert zu sein. ARNDT sieht von 768 bis 1493 ein geschlossenes System, das während der Herrschaft Karl V. (1520-1556) "entworfen wurde, oder zumindest in wesentlichen Teilen erweitert wurde" [71f].

ILLIG kommt bei der Ausarbeitung seiner so genannten Phantomzeitthese letztendlich zu dem Schluss, dass es Karl den Großen und seine Zeit nie gegeben hat. Bis heute vertritt ILLIG seine These, die die Zeit von 614 bis 911 als Phantomzeit ansieht und ersatzlos streicht. Reale Bauten, die traditionell dieser Zeit zugeordnet werden, datiert er entweder vor 614 bzw. nach 911. ILLIG streicht die Karolinger vor 911 komplett und belässt nur die westfränkischen Karolinger von 911 bis 987 in der Geschichte.

Die Spätantike und auch die Ottonenzeit bleibt bei ihm dagegen unberührt in der Chronologie.

HEINSOHN sieht die überlieferte Geschichte der Karolinger wie auch die der Ottonen weitestgehend für real an und ordnet sie dem Datierungsstrang "Norden und Nordosten" zu, der unserer heutigen Zeitrechnung entspricht. Die das frühmittelalterliche 7. und 8. Jh. bevölkernden Karolinger werden damit für ihn Zeitgenossen der römischen Antike. Die überlieferte Karolingergeschichte einschließlich Karl den Großen sieht er als "plausibel" an. Dass wir die karolingischen Bauten noch nicht gefunden haben, soll seiner Meinung daran liegen, dass bisher nicht in der Antike gesucht wurde.

BEAUFORT formuliert in seinem Aufsatz "Wer waren die Karolinger?" (2014): "Aus Sicht der Heinsohnthese ist anzunehmen, dass die rheinfränkischen Herrscher als Karolinger zu identifizieren sind."

Ihre Herkunft sieht er in Herstal/Jupille nördöstlich von Lüttich gelegen. Jupille, heute ein Ortsteil von Herstal, ist der Legende nach der Geburtsort von Pippin dem Kurzen und Karl dem Großen.

BEAUFORT kommt zu dem Resultat: "Die Karolinger waren also ein mit den Merowingern verwandtes oder ihnen anfangs untergebenes oder anderweitig verbundenes Adelsgeschlecht, das im 2. Jahrhundert (von Rom aus gesehen, nach Abzug der Leerzeit realiter im 9. Jahrhundert u. Z.) zur Herrschaft über mehrere Frankenstämme gelangte. Während sich die Salfranken unter den Merowingern, nach Süden marschierend, nach und nach das gesamte Westfrankenreich unterwarfen, eroberten die Rheinfranken unter den Karolingern die östlich gelegenen unmittelbar links- und rechtsrheinischen Gebiete. Immer weiter nach Süden drängend, erreichten sie Norditalien und besiegten dort die Langobarden. So beherrschten die Karolinger am Ende ein eindrucksvolles Reich und konnten sich mit Recht als Imperator Augustus bezeichnen – was die byzanztreuen Merowinger nie getan haben."

Wie BEAUFORT sieht der Autor in den Karolingern ein rheinfränkisches Adelsgeschlecht. Unter der Herrschaft der Karolinger gründeten die Rheinfranken ihr Reich am Mittelrhein. Ob sie mit den Merowingern (Salfranken) verwandt oder diesen untergeben oder anderweitig verbunden waren, würde der Autor lieber offen lassen. Vielleicht waren die Salfranken und die Rheinfranken auch getrennte fränkische Stämme. Dass die Rheinfranken unter den Karolingern die Langobarden in Norditalien besiegten und "am Ende ein eindrucksvolles Reich" beherrschten, wie BEAUFORT meint, sieht der Autor nicht. Die zeitliche Abfolge spricht nach Meinung des Autors dagegen.

Die Rheinfranken tauchen erstmals 388/89 (= 104/05) kriegerisch im Raum Köln auf, verständigen sich aber zunächst mit Kaiser Valentinian II. (375-392 = 91-108).

435 (= 151) erobern sie Trier, 459 (= 175) Köln, das Sitz des rheinfränkischen Königs wurde.

Schon fünfzig Jahre später, im Jahr 509 (= 225), erobert der Salfranke/Merowinger Chlodwig  (466-511 = 182-227) auch das rheinfränkische Reich, vereinigt die fränkischen Teilreiche und beendet damit die Herrschaft der Karolinger. Das ursprüngliche Herrschaftsgebiet der Sal- und Rheinfranken wurde das merowingische Teilreich Austrasien.

Kurz zuvor hatte Chlodwig schon das Reich des Syagrius (486/87 = 202/03), das spätere Neustrien, und das westgotische Aquitanien (507 = 223) seinem Reich eingegliedert.

Dass in diesen fünfzig Jahren von der Eroberung Kölns bis zu ihrer Vernichtung durch Chlodwig die Rheinfranken ihr Reich nach Süden bis nach Norditalien ausgedehnt haben sollen, ist eher ausgeschlossen.

So wird um 496/497 (= 212/213) das unmittelbar südlich gelegene Gebiet der Alemannen (Schwaben) von Chlodwig erobert, eventuell sogar mit Unterstützung der Rheinfranken (nach Wikipedia unter Beteiligung von Sigibert von Köln).

Im Jahr 534 (= 952 u. Z.), schon nach der Katastrophe von 238 = 522 = um 940, wird das weiter südlich gelegene Burgund von den Söhnen Chlodwigs, Childebert I.  und Chlothar I., unterworfen. Das im Osten gelegene Thüringer Königreich wird  531 (= 949 u. Z.) besiegt und teilweise dem Merowingerreich einverleibt. Zu dieser Zeit existierte das Reich der Rheinfranken bereits nicht mehr.

Im Südosten bestand das Stammesherzogtum Bayern, dass 555 (= 973 u. Z.) erwähnt wird. Seine Eingliederung unter Karl dem Großen in das Frankenreich ist konstruiert. Nach Ansicht des Autors haben weder das Stammesherzogtum Bayern noch das der Sachsen je zum Frankenreich gehört.

Die traditionellen Datierungen um die Franken sind sämtlich spätantik und bedürfen der Korrektur in die antike Datierung (für Datierungen vor der Katastrophe von 522) bzw. in die frühmittelalterliche Datierung nach u. Z. (für Datierungen nach der Katastrophe von 522).

Traditionell fallen die Langobarden in Norditalien im Jahr 568 ein und gründen danach ihr Lagobardenreich, das sicher nicht allzu lange Bestand hatte. Das spätantike, nachkatastrophische Jahr 568 entspricht dem Jahr 986 u. Z. Das Reich der Rheinfranken gab es zu dieser Zeit längst nicht mehr.

Die Eroberung des Langobardenreichs durch die Karolinger gehört wie auch die von ILLIG gesehenen westfränkischen Karolinger zwischen 911 und 987 zum Konstrukt der Karolinger.

Und die karolingischen Herrscher? Namhafte karolingische Herrscher waren Pippin, Carolus, Ludovicus und Lotharius. Von ihnen gibt es Münzprägungen [BEAUFORT], womit Herrscherpersönlichkeiten - nicht unbedingt Könige - mit diesen Namen durchaus real sein dürften. Die etablierte Geschichte kennt jeweils mehrere Herrscher mit Namen Pippin, Karl, Ludwig und Lothar. Es ist davon auszugehen, dass die karolingische Herrscherliste zumindest deutlich gestreckt wurde.

Gemäß der Tradition ist Karl der Große (Carolus Magnus) der bedeutendste Herrscher der Karolingerdynastie. Er soll von 768-814 König des Fränkischen Reichs gewesen sein. Folgen wir HEINSOHN, so entsprechen seine frühmittelalterlichen Herrscherdaten den antiken Jahren 66-112. Zu dieser Zeit tauchen die Rheinfranken zum ersten Mal im Raum Köln auf (siehe oben). Die Herrschaft über ein großes und prächtiges Karolinger-Reich ist um die Wende des 1./2. Jh. einfach nicht möglich. Zu dieser Zeit war das Gebiet noch fest in römischer Hand und ein reichsweiter, großer Karl undenkbar.

2001 veröffentlicht HEINSOHN seinen Aufsatz "Karl der Einfältige (898/911-923)", in dem er die These aufstellt, dass eigentlich Carolus Simplex dieser große Karl war, der bis heute zum Überkaiser aufgebauscht wurde.

Der Karolinger Karl Simplex (Karl III., der Einfältige) soll seit 893/898 alleiniger König des Frankenreichs (wohl eher nur des rheinfränkischen Reichs) gewesen sein. Ab 911 tituliert er als Imperator.

Heute ist HEINSOHN davon wieder abgerückt - leider.

Für den Autor hat diese These HEINSOHNs durchaus Plausibilität, wenn auch das überlieferte Ende von Karl Simplex eher dem karolingischen Konstrukt zuzurechnen ist.

Nach Wikipedia soll 922 Robert von Franzien durch die fränkischen Großen zum Gegenkönig erhoben worden sein. Robert von Franzien wird jedoch 923 in einer Schlacht gegen Karl getötet. Trotzdem verliert Karl die Schlacht und Rudolf von Burgund wird 923 zum König des Westfrankenreichs erhoben. Karl wird eingesperrt und stirbt 929 in Péronne.

Wenn man die kurze Zeitspanne von der römischen Aufgabe Kölns im Jahr 459 bis zur Krönung Karl Simplex 475/480 betrachtet, bleibt kaum Platz für einen weiteren großen Karl.

Die semifiktive Gestalt "Karl der Große" dürfte der Erinnerung an Karl den Einfältigen entspringen. Mit der Schaffung der Chronologie und der Einbindung dieser überhöhten Herrscherpersönlichkeiten in die überregionale Geschichtskonstruktion wurden die Karolinger - wie sie uns heute erscheinen - geschaffen. Einen ähnlichen Vorgang dürften wir für die Ottonen mit Otto dem Großen vor uns haben.

Der Autor hält den Großteil der überlieferten Geschichte der Karolinger einschließlich ihres prominentesten Vertreters Karl den Großen als auch die der nachfolgenden Ottonen, Salier und Staufer, im Prinzip die ganze Geschichte des Mittelalters für weitestgehend konstruiert.

Darunter fällt auch die irische und die angelsächsische Mission, die es nach Auffassung des Autors so nie gegeben hat.

Eigenständige größere karolingische Bauten, wie sie HEINSOHN glaubt zu finden, dürfte es kaum gegeben haben.

Die Durchführung von größeren Bauvorhaben, welche den Bauherrn und i. d. R. mehrere Ausführende, das sind Planer, Bauleute und Künstler, über einen längeren Zeitraum, d. h. häufig über Jahrzehnte verbindet, erfordert aufgrund der allgemeinen Komplexität des Bauprozesses heute wie damals geeignete Rahmenbedingungen. Dazu gehören eine notwendige längere politisch und wirtschaftlich stabile Phase, die ständige Verfügbarkeit der entsprechenden Ressourcen wie Finanzen, Baumaterial, Handwerker, etc. . WARD-PERKINS [155] dazu: "Architekten, Baumeister, Marmor-Steinmetzen und Mosaizisten, [...], alle brauchen Wirtschaftssysteme mit einem gewissen Grad an Komplexität". Dazu ist darüber hinaus zu bedenken, dass die Antike noch keine Kreditsysteme kannte, die dem Staat über Engpässe hinweghalfen [WARD-PRKINS, 50].

Dieses für das Bauen förderliche Umfeld sieht der Autor in dieser Zeit nicht, schon aufgrund der relativ kurzen Zeitspanne zwischen der Eroberung Kölns und dem Ende des Reichs der Rheinfranken durch Chlodwig.

Darüber hinaus ist zu beachten, dass in diese Zeit das Ende des Weströmischen Reichs (trad. 476 = 192) fällt, womit allerspätesten zu diesem Zeitpunkt auch das römische Wirtschaftsgefüge zusammengebrochen sein dürfte.

Vermutlich nutzten die Karolinger weitgehend bestehende, intakte Römerbauten. In den eroberten Städten fanden sie diese in großer Zahl vor. Ob jedoch ein König Karl die römische Thermenanlage im unweit von Köln gelegenen Aachen nutzte, ist reine, wenig nützliche Spekulation.

Generell ist zu bemerken, dass die germanischen Völker, die in das Römische Reich einfielen, dieses nicht primär zerstören wollten. Sie wollten nur an den Annehmlichkeiten der römischen Kultur teilhaben. Dass sie durch ihr Handeln den "Organismus Rom" letztendlich doch zerstörten, könnte man als eine Art Kollateralschaden bezeichnen.

Die Katastrophe im Jahr 238 (= um 940 u. Z.) hat die römische Kultur und die Spuren der Karolinger dann endgültig gelöscht.

 

Wie entstand die karolingische Geschichte?

Vor dem 11./12. Jh. gab es nach Ansicht des Autors im "Norden und Nordosten", d. h. in unserem mitteleuropäischen Raum, keine schriftliche Überlieferung von Geschichte. Geschichtsschreibung war ursprünglich eine antike/spätantike Tradition. Diese war in den nicht von den Römern besetzten Gebieten einfach nicht vorhanden. Geschichte existierte nur in der Form der mündlichen Überlieferung. Der damalige Entwicklungsstand der Gesellschaft in den nicht römischen Gebieten, z. B. im "Norden und Nordosten", erforderte noch keine Schriftform für Eigentum, Wirtschaftsbeziehungen etc. Erst im 11./12. Jh. änderten sich die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen derart, dass die Schriftform zunehmend notwendig wurde.

Es gab jedoch mit Sicherheit eine partielle Erinnerung an frühere Ereignisse oder markante Herrscherpersönlichkeiten.

Mit Hilfe dieser "unscharfen" Überlieferung und einer gehörigen Portion Phantasie wurde diese Lücke geschlossen.

So wurde etwa ab dem 12. Jh. dem "Mangel" der fehlenden Geschichtsschreibung abgeholfen. Mit Pseudepigraphen wie Alkuin, Einhard als angeblicher Nachfolger als Leiter der Hofschule Karls des Großen mit seiner Vita Karoli Magni, Widukind, Thietmar etc. wird Geschichtsschreibung "nachgeholt". In diesem Zusammenhang wurde gleichzeitig die ca. 418 Jahre dauernde Phantomzeit zwischen den Merowingern und der damaligen Gegenwart mitgefüllt.

Die in den angeblich "zeitgenössischen Geschichtswerken" vermittelte Ereignisgeschichte war weitestgehend frei erfunden, wobei vermutlich frühere reale Personen aus der mündlichen Überlieferung übernommen und für die "neue Geschichte" ausgeschmückt worden sind.

Mit der Schaffung der Chronologie im 16. Jh. wurde die erfundene "Geschichte" fest in die Chronologie integriert. Sie ist bis heute Gegenstand ernsthafter Forschung der Historiker.

Ein kleines, doch interessantes Detail liefert ARNDT. Die Merowinger hatten in Paris ihre feste Residenz. Ab Karl den Großen hatten die Könige keine Residenz mehr und liebten offensichtlich das Reisen. Erst Ludwig IV., der ab 1314 König war, hat wieder eine solche, nämlich München. Nach ihm haben alle Kaiser und Könige wieder einen festen Sitz, z. B. Karl IV. (ab 1346 König) mit Sitz in Prag. [ARNDT, 91] Aus Sicht des Autors ist dieses "Reisekönigtum" ein Indiz dafür, dass dieser ganze Komplex einschließlich der beteiligten Herrscher konstruiert ist. Das so genannte "Reisekönigtum" gab es aus Sicht des Autors nie.

Ein ersatzloses Streichen dieses erfundenen Mittelalters geht natürlich nicht. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass die tatsächliche Geschichte anders verlaufen ist, als es uns die etablierte Wissenschaft vermitteln möchte. Der Autor geht davon aus, dass die lokale Geschichte etwa ab dem      11./12. Jh. mit der Zunahme von Schriftzeugnissen im gesellschaftlichen Leben lokal z. T. richtig überliefert ist, dass jedoch über die lokale Geschichte vermutlich im 16. Jh., vielleicht auch schon früher, die konstruierte überregionale Geschichtsdarstellung gestülpt wurde. Die nachfolgenden Historiker haben dann die lokalen Ereignisse mit der "Reichsgeschichte" so eng verwoben, dass der Ausgangspunkt kaum noch erkennbar ist.

Wie die Karolingerverehrung ihren Ausgang vom ehemaligen Herrschaftsgebiet der Rheinfranken mit dem Zentrum Aachen als angeblicher Residenz Karl des Großen nahm, so nahm die Ottonengeschichte ihren Ausgang vom sächsischem Gebiet. Ein realer Herzog/König Heinrich und/bzw. Otto sind dort durchaus als Ausgang einer solchen Erinnerung denkbar. Der Autor sieht die Liudolfinger jedoch als rein lokale, also sächsische Herrscher, die erst später zu Personen der konstruierten Reichsgeschichte wurden.

Die Herausstellung solcher "historischer" Persönlichkeiten war für die betreffenden regionalen Herrschaftsgebilde in hohem Maße identifikationsstiftend. Die Errichtung des Aachener Oktogons sieht der Autor in diesem Kontext. Dazu mehr weiter unten.

ARNDT untersucht das Aufkommen des Namens "Karl" unter den europäischen Herrschernamen. Er geht davon aus, dass Karl der Große die Namensgebung beeinflusst haben muss. Ihn wundert das späte Aufkommen des Namens nach den Karolingern. Nach ARNDT taucht der Name Karl nach den Karolingern erstmals wieder im 13. Jh. bei Karl I. von Anjou (1226-1285, König von Sizilien) aus der französischen Kapetinger-Dynastie auf [20], danach erst wieder im 14. Jh. mit Karl IV. (geb. 1316) [27].

Zu dieser Zeit dürfte sich die Karolingerlegende etabliert haben. Die Anfänge könnten aber durchaus im 12. bzw. frühen 13. Jh. liegen. Karl der Große soll 1165 vom Gegenpapst Paschalis III. heiliggesprochen worden sein. Ob diese Heiligsprechung wirklich stattgefunden hat, ist stark zu bezweifeln, aber hier nicht relevant. Ab dieser Zeit dürfte die Karolingerlegende entstanden sein.

Zwangsläufig müssen sowohl Karl der Große als auch Otto der Große fleißige Kirchengründer gewesen sein. Ihnen wurde die Gründung von zahlreichen Kirchen angedichtet. Die Bezugnahme auf eine Gründung weit in der Vergangenheit kam sicher den Kirchen und Klöstern sehr entgegen, da hohes Alter auch eine hohe Reputation als auch Rechtfertigung mit sich brachte. Wirkliche Baugeschichte war damals völlig uninteressant. Erst das 19./20. Jh. beschäftigte sich ernsthaft mit der Geschichte der Kirchenbauten. Zu dieser Zeit war die Chronologie bereits sakrosankt. Mit ihr wurde sowohl die Karolingergeschichte als auch die Geschichte der Ottonen etc. konkret. Die Baugeschichtler kamen nicht umhin, der erfundenen Karolinger- und Ottonenzeit Bauwerke und Bauphasen zuzuordnen.

Die von den späteren Bauforschern gefundenen karolingischen Datierungen sind i. d. R. keine in den Quellen zu findenden konkreten Daten zu Weihen oder sonstigen Ereignissen, es sei denn, diese Quellen wurden erst später geschaffen, wie z. B. die Nachricht zur Weihe der so genannten Pfalzkapelle in Aachen, die von Papst Leo III. erfolgt sein soll.

Solche konkreten Nachrichten sind in der Überlieferung erst ab dem 11. Jh. vermehrt zu finden. Gründung und Bau sowie Umbauten wurden in aller Regel Herrscherzeiten zugeordnet, die der Chronologie entstammten. Manchmal erfolgten die Datierungen aufgrund des historischen Kontexts, der - wie oben bereits dargelegt - konstruiert ist. Wirklich jahrgenaue Datierungen gibt es kaum, was die Unsicherheit schon bei der traditionellen Datierung belegt.

Zum Teil gibt es Kirchenbauten, deren Gründungsbau in der Merowingerzeit liegt, womit Umbauten oder Ersatzneubauten in der Karolingerzeit "plausibel" erscheinen.

Kirchenbauten entstehen erst nach der in Ostrom von Justinian I. erfolgten Erhebung des Katholizismus zur Reichsreligion und der Begründung der Reichskirche um die Mitte des 10. Jh. Aufgrund der engen Beziehungen der Merowinger zu Ostrom folgten die Merowingerherrscher dem Beispiel im Wesentlichen ohne Verzug.

Erste z. T. bescheidene Kirchenbauten entstehen noch im   10. Jh. Sämtliche traditionell vor diesem Zeitpunkt datierte Kirchenbauten - das sind alle traditionell karolingisch datierten Bauten - sind zwingend danach einzuordnen. Dazu kommt hinzu, dass auch einige traditionell dem 10. Jh. zugeordnete Bauten zu früh eingeordnet sind, so z. B. - wie oben bereits erwähnt - der ottonische Vorzeigebau St. Cyriakus in Gernrode.

Die Geschichte der Karolinger, Ottonen, Salier und Staufer ist konstruiert; folgerichtig kann es weder eine karolingische Kunst, noch eine ottonische Kunst, noch eine Kunst der Salier und Staufer geben.

Insgesamt gibt es die romanische Kunst, die sich sicher noch in Früh-, Hoch- und Spätromanik unterscheiden lässt.

Eine in der Literatur wiederholt strapazierte karolingische Renaissance, d. h. das Wiederaufleben der Antike im 8./9. Jh., und eine ottonische Renaissance, das Wiederaufleben der karolingischen Kunst im 10./Anfang des 11.Jh., gab es nie.

Die so genannten karolingischen und ottonischen Kirchenbauten gehören eindeutig zur Phase der Frühromanik, deren erste Anfänge in der 2. Hälfte des 10. Jh. liegen.

 

Ausgewählte, angeblich karolingische Kirchenbauten

Einige wenige prominente, angeblich karolingische Bauten sollen nachfolgend etwas näher betrachtet werden:

 Aachen, sog. karolingisches Oktogon

Aachen soll ab 794 ständige Residenz Karls des Großen gewesen sein. "Die ersten Baumaßnahmen Karls sind allerdings weder konkret zu benennen noch zu datieren. Möglicherweise erfolgten Neu- und Umbauten bereits vor der Reichsversammlung 798." [IMHOF/WINTERER, 126]

Das karolingische Oktogon, ehemals fälschlich als Pfalzkapelle bezeichnet, soll von 796 bis 804 errichtet worden sein. Ein Brief Alkuins von 798 erwähnt Säulen im Inneren.

 

Aachen, sog. Pfalzkapelle, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 15]

 

Die bedeutenden Aachener Reliquien sollen 799 überführt worden sein. Sie werden seit 1238 und 1349 regelmäßig der Öffentlichkeit präsentiert.

Die legendäre Weihe durch Papst Leo III. soll 804/805 stattgefunden haben. Diese Information entstammt einer Quelle des 12. Jh.

Die traditionellen Baudaten sind sämtlich konstruiert und liefern nichts zur tatsächlichen Baugeschichte. Außer vielleicht das Jahr 799 für die Reliquienüberführung. Das könnte byzantinisch sein und würde korrigiert dem Jahr 1217 entsprechen, das natürlich zu der Präsentation der Reliquien ab 1238 passen würde.

Als Vorbild für die Aachener Oktogon gilt traditionell San Vitale in Ravenna. Die Errichtung von San Vitale sieht der Autor in byzantinischer Zeit nach Beseitigung der Herrschaft der Ostgoten über die Stadt Ravenna, also frühestens ab 540     (= 958), wobei diese Datierung den frühesten Baubeginn markiert. Der frühestmögliche Baubeginn in Aachen ist damit sicher deutlich später anzusetzen. Das 10. Jh. dürfte damit auszuschließen sein.

Um die Errichtung des Aachener Oktogons ist im Kreis der Chronologiekritiker eine sehr kontroverse Diskussion geführt worden bzw. wird noch geführt. HEINSOHN sieht in dem Bau einen antiken, vorkatastrophischen Bau. ILLIG sieht dagegen die Errichtung nicht vor 1100 bzw. sogar nicht vor 1140.

Die Königshalle wurde nach Aussage der Aachener Stadtkonservatorin Monika Krücken in eine spätrömische Wehranlage (Spitzgraben/Mauer) gebaut. Diese Vorgehensweise ist mit ziemlicher Sicherheit erst nach dem Abzug der Römer denkbar. Dieser erfolgte etwa im letzten Drittel des 2. Jh. im Zuge der Mark-Aurel-Krise.

Weiterhin verweist sie auf die Nutzung von vorhandenen Werkstein (Spolien) für die angeblich karolingischen Bauten, z. B. für die Marienkirche und für die Königshalle (Aula Regia) [MONUMENTE April/2014].

Das spricht eindeutig für eine nachkatastrophische Errichtung der Bauten, d. h. eine Errichtung nach 940. Somit kommt für die Errichtung des so genannten Pfalzkomplexes nur die Zeit zwischen Mitte des 10. Jh. und 1165/1170 (der Stiftung des Barbarossaleuchters) infrage.

Vielleicht kommt man dem Aachener Baukomplex, das sind das Oktogon, die so genannte Königshalle (das heutige Rathaus), der Verbindungsgang mit dem Mittelbau und die so genannten Annexbauten, näher, wenn man dessen Bauherrnschaft und Funktion in die Betrachtung einbezieht.

Für HEINSOHN ist klar, dass dieser Komplex die Pfalz von Karl dem Großen war. Damit geht er diesbezüglich konform mit der traditionellen Forschung. Abweichend sieht er Karl den Großen jedoch in antiker Zeit, d. h. im 2. Jh.

Wie oben bereits erwähnt, erfolgte die Errichtung von Marienkirche und Königshalle auf jeden Fall nach der Katastrophe, also keinesfalls in der Antike.

ILLIG lässt in seiner Publikation ""Aachen ohne Karl den Großen" die Bauherrnschaft und die Funktion für das Ensemble Königshalle/Marienkirche völlig außen vor.

Wer könnte diesen Komplex errichtet haben und warum?

Aus der Geschichte Aachens ist bekannt, das sich Friedrich I. Barbarossa sehr um Aachen, Karl den Großen und das Oktogon bemüht hat. So hat er Karl den Großen 1165 heilig sprechen lassen, 1166 hat er Aachen das Stadtrecht sowie Markt- und Münzrecht verschafft. 1165/1170 stiftete er den Radleuchter im Oktogon. Ab 1171 lässt er den ersten Stadtmauerring errichten.

Diese Handlungen für Aachen kann er eigentlich nur in seiner Funktion als Grundherr getätigt haben, auch wenn diese Beziehung zu Aachen heute nicht mehr deutlich wird. Sie wurde vermutlich von dem Konstrukt des Kaisertums Barbarossas überdeckt.

Nach Wikipedia soll Aachen damals auch Reichsstadt geworden sein, was jedoch zu verneinen ist. Nach Wikipedia: "Als Freie und Reichsstädte wurden seit dem 15. Jahrhundert jene weitgehend autonomen Stadtgemeinden des Heiligen Römischen Reiches bezeichnet, die im Städtekollegium des Reichstags vertreten waren." Die Kategorie "Reichsstadt" gehört also in das Spätmittelalter und hat mit Barbarossa nicht zu tun. Eine "Reichsstadt" setzt die Existenz des Reichs voraus, das jedoch im Früh- und Hochmittelalter als Konstrukt anzusehen ist.

Trotz der zahlreichen Aktivitäten Barbarossas für Aachen ist nicht er der Bauherr des hier betrachteten Baukomplexes.

Nach Auffassung des Autors wurden die so genannte Königshalle, das Oktogon, der Verbindungsgang und die Annexbauten von Aachens aufstrebender Bürgerschaft errichtet, wobei Friedrich I. Barbarossa als Grundherr seiner Stadt tatkräftige Unterstützung zuteilwerden ließ - sicher nicht ganz uneigennützig.

Die so genannte Königshalle war der Vorläufer des späteren Rathauses. Da der Ort Aachen damals noch unbefestigt war - die erste Stadtmauer wird erst ab 1171 errichtet -, wurde dieses "Rathaus" als Wehrbau errichtet. Die "Apsiden" im Norden und Süden dienten der besseren Verteidigung der Langseiten des Gebäudes. Auf der östlichen Schmalseite übernahm der Granusturm diese Funktion. Eine Grabung am Marienturm des Rathauses hat ergeben, "dass hier aufgehendes karolingisches Mauerwerk vorhanden ist, welches ehemals oberirdisch eine Art Sockelgeschoss der Königshalle bildete. In frühmittelalterlicher Zeit gab es hier ein deutlich tieferes Laufniveau als bisher angenommen, welches sich auf ca. 2,50 Meter unter dem heutigen Marktpflaster bemisst." [MONUMENTE April/2014]

Die Erhöhung des Laufniveaus auf das heutige erfolgte erst in spätmittelalterlicher Zeit im Zusammenhang mit dem Bau des Rathauses 1349. Der Aufriss dieses ersten Baus ist unbekannt. Die allgemein übliche Rekonstruktion als Basilika ist eine völlig freie Annahme ohne jeglichen Beleg.

Der Vorschlag zur Bauherrnschaft des Aachener Bürgertums ist sicher etwas gewöhnungsbedürftig. Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass ein solcher Bau aus dem 11. Jh. nirgendwo sonst erhalten ist. Wir wissen also so gut wie nichts über derartige Bauten.

Parallel mit dem "Rathaus" wurde das Oktogon erbaut. Dieser Bau sollte zum einen die repräsentative Eigenkirche der reichen Aachener Bürgerschaft darstellen, zum anderen wollte man einen Memorialbau für Karl den Großen errichten. Vermutlich hatte sich die Legende um Karl den Großen damals bereits ein Stück weit etabliert. Der Bau sollte an einen realen, vorkatastrophischen großen König Karl (Karl Simplex, König der Rheinfranken) erinnern und damit an eine vergangene vermeintlich große Zeit Aachens.

Aus dem Motiv, einen Memorialbau für einen vergangenen Kaiser Karl zu errichten, griff man für die Wahl des Bautyps auf San Vitale in Ravenna zurück, den Memorialbau für Kaiser Justinian I.

Zwischen dem "Rathaus" und dem Oktogon gab es einen Verbindungsgang (Nach den Untersuchungen der Archäologen wurde der Mittelbau später errichtet.). Solche Verbindungsgänge sind uns u. a. aus Mainz bekannt, dort zwischen der Johanniskirche und dem Dom, und aus Augsburg, dort zwischen der Kirche St. Johann und dem Dom. Beide Dombauten und damit die Verbindungsbauten datieren in das 11. Jh.

Da sich das Städtebürgertum erst im Verlauf des 11. Jh. emanzipiert, ist die Errichtung eines solchen Komplexes nicht am Beginn des 11. Jh. anzunehmen, vielmehr frühestens ab der zweiten Hälfte des 11. Jh. bzw. auch erst in der 1. Hälfte des 12. Jh. Damit ist der Autor mit seiner Datierung nahe bzw. konform mit der von ILLIG vorgeschlagenen Datierung für das Oktogon. Das bewusste Wiederaufgreifen antiker Baudetails ist in der romanischen Baukunst ab der 2. Hälfte des 11. Jh. bekannt.

Natürlich ist Otto I. nicht im Oktogon gekrönt worden. Die Königskrönungen insgesamt hat es in Aachen nie gegeben. Sie sind wie die gesamte Reichsgeschichte bis ins 16. Jh. ein Konstrukt.

In scheinbarem Widerspruch zu der vorgeschlagenen späten Bauzeit steht, dass der Westchor des Essener Münsters, traditionell ein Bau um die Mitte des 11. Jh., eine Nachbildung des Aachener Oktogons sein soll. Der Westchor wird den Baumaßnahmen unter Äbtissin Theophanu (1039-1058) zugeschrieben.

Diesbezüglich gibt es jedoch eine Unklarheit. "Trotz der umfangreichen Baumaßnahmen aber ist nur das Weihedatum der Krypta mit dem 9. September 1051 durch eine Schrifttafel an einem Westpfeiler der Krypta-Ostwand festgehalten." [SÖLTER, 9]

Eines dürfte klar sein, die traditionelle Geschichte des Stifts vor Mitte des 12. Jh. und damit auch die frühe Baugeschichte  der Damenstiftskirche ist konstruiert. Die karolingische und ottonische Baugeschichte des Essener Münsters ist ausschließlich den gefälschten Quellen zu "verdanken".

Der erste Kirchenbau wurde vermutlich kurz vor Mitte des      11. Jh. mit den Ostteilen begonnen, wozu die Weihe von 1051 passen könnte. Die Außenkrypta wurde nachträglich an den bereits stehenden Chor angebaut.

Der Westbau dürfte um um 1080/1100 errichtet worden sein. Er entsprach mit seinem etwa quadratischen, mehrgeschossigen turmartigen (?) Hauptraum, begleitet von zwei Treppentürmen, einer zwischen 1000 und 1100 typischen Westbaulösung.

Eine weitere Bautätigkeit wird um 1140-50 erschlossen [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 73]. Dieser Bautätigkeit dürfte der grundlegende Umbau des Westbaus zuzuordnen sein. Erst jetzt erhielt der Westbau die Innengestaltung in Anlehnung an das Aachener Oktogon. Damit ist die Ausführung in Aachen etwa zeitgleich mit der in Essen, auch wenn das Motiv für die Kopie das Aachener Oktogon im Essener Münster dabei unklar bleibt.

OSWALD zum Westbau: "Der Westbau Ib (gemeint ist der Westbau von um 1080/1100 - MM) dürfte eher als eine - nicht fertiggestellte - unmittelbare Vorstufe des bestehenden, in der Zeit der Äbtissin Theophanu errichteten Westchores anzusehen sein." [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 75]

Der Autor sieht dagegen eher eine spätere, gesonderte Baumaßnahme. Nur weil OSWALD an der Bauherrnschaft von Äbtissin Theophanu, der angeblichen Enkelin Kaiser Otto II.,  für den Westchor festhalten will, muss er eine "Vorstufe" kreieren.

Es gibt noch einen Bau, der als Nachfolgebau der Aachener Marienkirche gilt. Das ist die Abteikirche Ottmarsheim im Elsass. Traditionell wird ihre Bauzeit von 1020-1030 gesehen. Im Jahr 1030 soll Rudolf von Altenburg in Ottmarsheim das Benediktinerinnenkloster gestiftet haben. Die Weihe soll 1049 erfolgt sein.

Bei Grabungen im Inneren in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden ältere Gräber gefunden, die man einem Vorgängerbau zuordnet. "Anfang des 13. Jh. wurde die westliche Vorhalle zum Turm aufgestockt und Teile der Außenwände restauriert." [Wikipedia]

Denkbar ist, dass die traditionellen Daten von Stiftung und Weihe zu einem Vorgängerbau gehören und der bestehende Bau Ende 12./Anfang 13. Jh. nach dem Vorbild des Aachener Oktogons errichtet wurde.

Die karolingische Datierung des Aachener Oktogons in die    1. Hälfte des 8. Jh. ist vermutlich allein von der Chronologie der Karolinger abgeleitet. Wegen der sehr urtümlichen Bauform wurde der Bau in die frühe Karolingerzeit eingeordnet. Aufgrund der konstruierten Geschichte der Karolinger ist diese Datierung gegenstandslos.

 

Corvey, St. Stephanus und St. Vitus

815 soll eine Cella gegründet worden sein. 822 erfolgte Verlegung der Benediktinerabtei nach Höxter. 823 und 836 Translationen der Reliquien des hl. Stephanus und des hl. Vitus in die Kirche.

844 Weihe des Langhauses. Der Chor ursprünglich quadratisch in Breite des Mittelschiffs, Stollenkrypta und kleine Außenkrypta. Unter Abt Adalgar (856-876) Erweiterung um einen langen Mönchschor mit Apsis und Chorumgangskrypta. 873-885 Errichtung des Westwerks, das zwischen 1146-1195 seine heutige Gestalt erhielt.

Das Langhaus und der Chor wurde im 17. Jh. durch einen Neubau ersetzt. Das sog. Westwerk gilt heute als das Vorzeigeobjekt für die karolingische Baukunst. Die Datierungen in das 9. Jh. sind der konstruierten Chronologie der Karolinger entlehnt und entbehren damit jeder Realität.

 

Corvey, St. Stephanus und St. Vitus, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 82]

 

Der Gründungsbau der Klosterkirche wird um die Jahrtausendwende zu datieren sein. Darauf weisen die Stollenkrypta und die Außenkrypta hin. Der Umbau mit Mönchschor könnte damit noch dem frühen 11. Jh. angehören. Wie KLABES nachgewiesen hat, ist das sog. Westwerk im Kern ein ursprünglich römischer Bau, der im Zuge des Kirchenbaus als Westabschluss verwendet und umgebaut wurde.

 

 

Fulda, Dom

Die Gründung soll 744 durch den Mönch Sturmius im Auftrag des Bonifatius erfolgt sein. Ein Privileg von Papst Zacharias 751 unterstellt das Kloster Rom. Im Jahr 791 Baubeginn eines monumentalen Neubaus, der sog. Ratgarbasilika, unter Abt Baugulf (779-802), vollendet 819 unter Abt Eigil (818-822).

Der Neubau war eine doppelchörige Basilika mit Westquerhaus und zwei Krypten; in der Grundrissform eine deutliche Anleihe von Alt-St. Peter in Rom. Die Weihe angeblich 819 durch den Erzbischof von Mainz.

 

Fulda, Dom, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 132]

 

819 sollen die Gebeine des Bonifatius in den Westchor transferiert worden sein. Zwischen 968 und 973 soll das Atrium vergrößert worden sein. Zwischen 1120 und 1157 wurden die Osttürme angeblich neu errichtet. Die Datierungen des 8. und 9. Jh. sind der konstruierten Karolingerchronologie erwachsen und liefern für den realen Bau keinen Hinweis. Die Gründung durch Sturmius ist reine Legende.

Den Baubeginn der Ratgarbasilika könnte noch im 11. Jh. erfolgt sein. Die Errichtung von Alt-St. Peter datiert der Autor in die 2. Hälfte des 11. Jh. (siehe Frühchristlichen Kirchenbau).

Wegen der nicht zu übersehenden Abhängigkeit zu Alt-St. Peter kann der Fuldaer Dom auf keinen Fall vorher, frühestens etwa zeitgleich errichtet worden sein. Der Dombau in Fulda gehört in die 1. Hälfte des 12. Jh. Der vermeintliche Neubau der Osttürme ist zugehörig zur ersten Errichtung der Kirche.

Zu Bonifatius: Den angelsächsischen Missionar des 7./8. Jh., den sog. "Apostel der Deutschen", wie ihn die Geschichtsbücher darstellen, hat es nie gegeben. Der Autor geht von der  Nicht-Historizität des Bonifatius aus. Bonifatius ist eine von der Kirche geschaffene Legende. Die Briefe des Bonifatius als auch seine missionarischen Aktivitäten und natürlich sein Märtyrertod in Friesland sind freie Erfindungen im Zusammenhang mit der Kreation der Bonifatiuslegende, vermutlich des 12. Jh. Eine angelsächsische Mission hat nie stattgefunden. Papst Zacharias gehört nach ARNDT [197] zu dem Abschnitt der Jahre 685-752 des Liber Pontificalis, der den Abschnitt der Jahre 523-607 kopiert, d. h. die Päpste dieses Abschnittes sind konstruiert und nicht real.

Vielleicht sind die Datierungen 968 und 973 angeblich für das Atrium die Datierung eines ersten Baus - eines Vorgängerbaus der Ratgarbasilika. JACOBSEN rekonstruiert vor der Ratgarbasilika einen dreischiffigen Bau mit Ostapsis [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 132].

 

Fulda, St. Michael

Der Bau soll zwischen 819 und 822 als Begräbniskirche des Fuldaer Klosters errichtet worden sein. Die angeblich um 820 entstandene Vita Eigils von dem Mönch Candidus macht Angaben zu den Domkrypten und beschreibt St. Michael.

Im 10. Jh. soll die Kirche bis auf die Krypta zerstört worden sein und kurz danach wieder in den alten Formen neu gebaut worden sein.

Turm und Langhaus sollen im 11. Jh. angefügt worden sein. Der Umgang war ursprünglich sicher nur eingeschossig. 1315 vermutlich Erhöhung des Westturms und des Langhauses mit Einbau des Holztonnengewölbes. Die Zwischendecke im Langhaus wurde bei der Restaurierung im 20. Jh. eingezogen.

 

Fulda, St. Michael, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 87]

 

Für das Jahr 1092 ist die Weihe von fünf Altären überliefert. Wikipedia: "Spätestens 1093 wurde eine Nachbildung des Heiligen Grabes mit drei Altären im Obergeschoss eingerichtet, die aber nicht mehr erhalten ist."

Die Rotunde ist eine Nachbildung der Grabrotunde der Grabeskirche in Jerusalem aus frühen 11. Jh. (siehe oben) und kann demgemäß nicht vorher entstanden sein.

Die Datierungen des 9. Jh. sind wieder der konstruierten Karolingerchronologie zu verdanken. Vermutlich hängt die Datierung von St. Michael eng mit der Datierung des Fuldaer Doms zusammen.

Die Nachrichten über die Weihe von fünf Altären und über das Vorhandensein einer Nachbildung des Hl. Grabes geben den Hinweis auf die tatsächliche Baufertigstellung 1092/1093.

Die Substruktionen unter St. Michael, die heute irrtümlich als karolingische Krypta angesehen werden, sind natürlich im Zusammenhang mit der Errichtung des Baus angelegt worden. Die beiden Kreisringfundamente mussten vermutlich wegen der Geländesituation so tief geführt werden. Eine Verfüllung schenkte man sich. Lieber hat man den entstandenen Hohlraum mit Gewölben überdeckt, wobei der Zentralraum dafür einer Mittelstütze bedurfte. Ob eine kultische Funktion des "Kellers" ursprünglich beabsichtigt war, ist schwer zu beurteilen. Der Zugang erfolgte anfangs ausschließlich von außen, was z. B. gegen eine Kultfunktion spricht. Erst mit der Überbauung durch den südlichen Kreuzarm kam der Zugang in das Kircheninnere.

Der Turm und das Langhaus sind vermutlich zeitgleich oder nur wenig später als die Rotunde errichtet worden. Die Kreuzarme im Süden und im Norden an die Rotunde sind nachträglich angefügt worden.

Wann die Rotunde für die Zweigeschossigkeit erhöht wurde, scheint nicht ganz klar zu sein. Der Treppenturm an der Ecke zwischen Rotunde und Südbau soll von einem Umbau der Barockzeit stammen. Möglicherweise sind die zweigeschossigen Anbauten im Süden und Norden sowie die Erhöhung der Rotunde für die Umgangsempore auf einen solchen Umbau in der Barockzeit zurückzuführen. Ihr frühromanisches Aussehen haben sie dann mit der Restaurierung des 20. Jh. erhalten.

 

Köln, Dom St. Petrus

Erste Nennung eines Kölner Bischofs, Maternus, für das Jahr 313. Erste Erwähnung der ecclesia Colonense domni Petri in einer Urkunde König Sigeberts III. (632-56). Unter Bischof Hildebold (794-819) Wiedererhebung zur Metropolitankirche [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 139].

Wikipedia sieht über den Resten römischer Wohnhäuser aus dem 1.-4. Jh. einen 30-40 m langen "Apsidenbau" aus dem 4./5. Jh. Darüber "eine ähnlich dimensionierte Architektur" aus dem 5./frühen 6. Jh. mit fränkischen Gräbern um 530.

In der 2. Hälfte des 6. Jh. eine "neue Kirche" mit schlüssellochförmiger Kanzel (Ambo), die bis zur Größe des ihr nachfolgenden Hildebold-Doms erweitert wurde. Als letzten Vorgängerbau vor dem heutigen Dom der Alte Dom oder Hildebold-Dom mit zwei Querhäusern und Apsiden im Osten und Westen.

JACOBSEN sieht verschiedene Bauphasen [JACOBSEN/ SCHAEFER/SENNHAUSER 212ff].

Den ersten Kathedralbau von unbekanntem Typus datiert er in das frühe 4. Jh. Ergraben wurde ein fast quadratisches Geviert von 26,30 x 23 m, das von Mauern umschlossen war. Die Außenwände wurden teilweise als römische Insula-Außenwände identifiziert. Im Ostteil "eine ca. 40 m weit nach Osten streichende Estrichfläche. An der Südflanke bestand vorerst weiterhin der römische Tempel ... Weit im Osten ... spärliche Reste eines Hypokaustenraums ..." und noch weiter östlich ein Saal mit einem Wasserbecken ergraben. Bei der Deutung sind sich die Experten uneins. Einmal der Kathedralbau im Westen und das Atrium im Osten, einmal das Atrium im Westen und der Kathedralbau im Osten. Josef Engemann hält die gesamten Funde für eine ehemalige Profanbebauung.

Um 400 soll es einen ersten Umbau gegeben haben. Die östliche Anlage (Atrium?, Kathedrale?) wurde nach Süden erweitert; der römische Tempel zuvor abgebrochen. In diesem Zusammenhang Umbau des Saalbaus mit Wasserbecken in ein Baptisterium.

Dem folgt eine Saalkirche mit Apsis, nach Beigaben zu einem Knabengrab dendrochronologisch datiert in 537±10. Aufgrund der geringen Abmessungen (6,50 x 4,20 m) und der flachen Gründung hält JACOBSEN diesen Bau für eine "Notkirche inmitten des verfallenen Domgeländes" Er geht von einer zumindest teilweiser Zerstörung des ersten Baus aus. Dieser Saalbau nach kurzer Zeit wieder abgebrochen.

Um die Mitte des 6. Jh. soll die Kathedrale mit Solea wiederhergestellt worden sein. Die im Scheitel des gotischen Chorumgangs entdeckte "Priesterbank" soll zu diesem Bau gehören.

Ein Einbau einer Schola cantorum (?) soll bald nach 751 erfolgt sein.

Datiert auf 790-800 wird eine Erweiterung zur doppelchörigen Anlage, eine sehr gestreckte dreischiffige Basilika mit Westquerhaus, Westapsis und Ringparadies. Der Ostabschluss ist unbekannt, wohl im Bereich der o. a. "Priesterbank" zu suchen.

Neubau 870 durch Bischof Willibert (870-889) geweiht; eine dreischiffige Anlage mit je einem Querhaus und drei Apsiden im Osten und Westen. In der Ostapsis Ringkrypta. Dieses der Vorgängerbau des gotischen Doms.

Später Umbau zu einem fünfschiffigen Langhaus unter Erzbischof Bruno (953-965).

 

Köln, Dom, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/ SENNHAUSER, 212]

 

Die Datierung eines Kathedralbaus in das 4. Jh. ist vermutlich der ersten Nennung eines Kölner Bischofs für das Jahr 313 geschuldet. Die Grabungsergebnisse unvoreingenommen betrachtet, lassen kaum an einen Kirchenbau denken. Der Autor sieht in den aufgedeckten Resten eine ehemalige Profanbebauung bzw. im Bereich des Tempels zu diesem gehörig.

Trotzdem ist die Nennung eines Kölner Bischofs im Jahr 313 nicht unmöglich. Die Datierung könnte byzantinisch sein und würde damit dem 1. Jh. entsprechen. Es ist davon auszugehen, dass schon im römischen Köln eine christliche Gemeinde bestand, die jedoch noch keinen Kirchenbau voraussetzt. Ein Kathedralbau im 1. Jh. ist ausgeschlossen. Von einem solchen ist bei seiner Nennung auch nicht die Rede.

Die Urkunde König Sigiberts III. ist mit Sicherheit eine Fälschung aus späterer Zeit. Sigibert III. selbst dürfte eine konstruierte Herrscherpersönlichkeit sein.

Auch die Nachricht zu Bischof Hildebold ist zweifelsfrei eine spätere Fälschung.

Die winzige Saalkirche kann mit Sicherheit nicht als Ersatz bzw. Notkirche für die zerstörte Kathedrale herhalten. Die Datierung der ersten Saalkirche um 537 - auch wenn der Autor die dendrochronologische Datierung wegen der falschen Chronologie für problematisch erachtet - ist byzantinisch und entspricht dem Jahr 955.

Die kleine Saalkirche ist vermutlich ein erster Kirchenbau nach der Katastrophe um 940. Die Zerstörung der vorherigen römischen, mit Sicherheit profanen Bebauung als auch des Tempels ist der Katastrophe geschuldet. Es gibt archäologisch außer der Ost-West-Ausrichtung, die schon die römische Stadtanlage hatte, keinen einzigen Hinweis auf einen christlichen Bau. Die Deutung als Kirchenbau ist allein den gefälschten Quellen geschuldet.

Die baulichen Aktivitäten um die Mitte des 6. Jh., korrigiert in der 2. H. des 10. Jh., dienten natürlich nicht der Wiederherstellung der Kathedrale.  Nein, In den Resten der zerstörten Gebäude wurde unter Wiederverwendung der noch vorhandenen baulichen Strukturen der ursprünglichen Bebauung eine erste Bischofskirche errichtet. Dieser Bau wurde dann zu einer doppelchörigen Anlage umgebaut. Dieser erste ziemlich provisorische Kirchenbau dürfte der unter Erzbischof Bruno (953-965) errichtete Dom gewesen sein. Diesem Bau dürften auch die Solea und die Schola cantorum und die Priesterbank zugehörig sein.

Der letzte vorgotische Bau, der Alte Dom bzw. Hildebold-Dom, war ein großzügiger Neubau, errichtet - nach Auffassung des Autors - erst nach der Jahrtausendwende. Dieser Bau war eine dreischiffige Anlage mit zwei Querhäusern und je drei Apsiden im Osten und Westen, die später zu einer fünfschiffigen Anlage umgebaut worden ist. Dieser Bau hatte im Osten eine Ringkrypta mit einem Heiligengrab, im Westen vermutlich eine kleine Hallenkrypta. Auffällig auch der quadratische Schematismus, der natürlich im 11. Jh. nicht mehr überrascht. Der Grundriss erinnert bis auf den Westchor und die Treppentürme an den Giebelseiten der Querhäuser dort sehr an St. Michael in Hildesheim, ein Bau des frühen   11. Jh. Dort ist wegen der breiten Seitenschiffe das gebundene System noch nicht konsequent verwirklicht, was aufgrund der etwas früheren Entstehung vielleicht erklärlich ist.

Es verwundert natürlich nicht, dass es auch beim Dombau in Köln nichts Karolingisches übrig bleibt. Merowingisches dagegen schon. Die Merowinger herrschten in Austrasien immerhin bis um die Mitte des      11. Jh.

 

Lorsch, Benediktinerabtei St. Petrus, Paulus und Nazarius

Das Kloster soll kurz vor 764 gegründet worden sein. Von 767-774 sei die Verlegung an die heutige Stelle erfolgt. Seit 772 Reichskloster. Die erste Kirche soll eine querhauslose Basilika gewesen sein, die wenig später im Westen einen Emporeneinbau und Treppentürmchen erhielt. Nach einem Brand 1090 soll der Westbau zu einer Doppelturmfassade verändert worden sein.

Die Kirche soll die Grablege des ersten ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen (gest. 876) und seiner Dynastie gewesen sein, wofür 876-882 eine Gruftkapelle errichtet wurde. In dieser ist eine Altarweihe im Jahr 1052 bezeugt.

1555 erfolgte die Aufhebung des Klosters, ab 1621 der Abbruch. Heute nur geringe Reste der Klosterkirche erhalten. Einzig komplett erhaltenes Bauwerk die sog. Torhalle oder auch Königshalle.

Über die Bauzeit ist man sich ziemlich uneins. Traditionell wird sie zwischen 774 und um 950 datiert. JACOBSEN sieht ihre Errichtung ab 876, UNTERMANN in der Zeit Ludwigs des Frommen (814-840).

Die Datierungen des 8. Jh. sind dem Konstrukt der Karolingerzeit zugehörig und für die Rekonstruktion der Baugeschichte einfach unbrauchbar.

Den Gründungsbau sieht der Autor im 11. Jh. Die Altarweihe von 1052 könnte darauf hinweisen, ebenso der Brand 1090.

 

Lorsch, St. Petrus, St. Paulus und St. Nazarius, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 180]

 

Die Königshalle wird kaum früher errichtet worden sein, eher am Ende der Baumaßnahmen. Nimmt man die Datierung der Königshalle 774 als byzantinisch an, ergibt sich das Jahr 1192.

 

Sankt Gallen, Benediktinerkloster

Angeblich 719 am Grab des hl. Gallus (gest. um 650) von Otmar (gest. 759) gegründet. Neubau von 830-837 durch Abt Gozbert (816-837), eine große dreischiffige Basilika mit Rechteckchor und Winkelgangkrypta mit zentral gelegenem Vierstützenraum östlich des Gallusgrabes.

Die Datierungen in das 8./9. Jh. gehören zum karolingischen Konstrukt.

 

St. Gallen, Stiftskirche, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 362]

 

Die Winkelgangkrypta und der Vierstützenraum können bei der Datierung helfen. Der Vierstützenraum in St. Georg, Reichenau-Oberzell, und der Vierstützenraum des Konstanzer Münsters sind um 1000 bzw. Anfang des 11. Jh. datiert. Dahin gehört auch die Sankt Gallener Klosterkirche mit der Winkelgangkrypta.

 

Seligenstadt, Einhardsbasilika

Angeblich von Einhard um 828 eine erste Kirche errichtet, ein Saalbau mit Apsis und Westwerk. Um 830 Errichtung der heutigen Basilika mit Ringkrypta, z. T. mit Baumaterial aus dem verfallenen Römerkastell. Fertigstellung vor 854, wahrscheinlich 840. Der romanische Westbau (um 1050) im 19. Jh. durch die heutige Doppelturmfassade ersetzt. Die Sakristei wird in das 11. Jh. datiert. Vierungsturm und Chor wurden im 13. Jh. errichtet bzw. umgebaut. Dabei wurde die Ringkrypta aufgegeben.

Die karolingischen Datierungen sind wieder konstruiert.

 

Seligenstadt, Einhardsbasilika, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 310]

 

Der Gründungsbau mit der Ringkrypta dürfte Ende 10./Anfang 11. Jh. anzusetzen sein. Die Verwendung von Spolien aus dem Römerkastell weisen auf eine nachkatastrophische Errichtung, d. h. nach Mitte des 10. Jh.

Der im 19. Jh. ersetzte Westbau und die noch heute bestehende Sakristei gehören zu diesem Gründungsbau.

 

Steinbach bei Michelstadt, Einhardsbasilika

Angeblich von Einhard (um 770-840) gegründet. Um 822/824 bis 827 soll die dreischiffige Pfeilerbasilika mit dreiapsidialem Ostschluss und Winkelgangkrypta sowie dreiteiligem Westbau errichtet worden sein.

Umbauten und Erweiterungen erfolgten im 12. Jh. Am Anfang des 13. Jh. erfolgte Umwandlung in ein Benediktinerinnenkloster. "Über die Bautätigkeit der Nonnen ist kaum etwas bekannt." [LUDWIG, 24] Im 16. Jh. wurde das Kloster aufgehoben.

 

Steinbach, Einhardsbasilika, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 321]

 

Die karolingischen Datierungen helfen wieder nicht weiter, da konstruiert.

Aufgrund der Gestalt des Baus selbst und der Winkelgangkrypta erachtet der Autor eine Datierung des Baus Ende 10./Anfang 11. Jh. für wahrscheinlich.

"Im Jahre 1073 schickte das Kloster Lorsch einige Mönche nach Michelstadt, die im jetzigen Stadtteil Steinbach eine Propstei gründeten;..." [LUDWIG, 24] Möglicherweise markiert die Besetzung mit Mönchen aus Lorsch die Fertigstellung des Baus.

 

Zadar, Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit (später St. Donatus)

 

Traditionell wird die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit (seit dem 15. Jh. St. Donatus) in den Beginn des 9. Jh. datiert. Erstmals erwähnt wird sie um das Jahr 950 im "De Administrando Imperio" des byzantinischen Kaisers Konstantin Porphyrogennetos.

UNTERMANN sieht ihre Errichtung durch Bischof Donatus um 800 neben seiner Kathedrale. Bischof Donatus soll zusammen mit Herzog Paulus als Vertreter Dalmatiens 805 an den Hof Karls des Großen gereist sein. Die Forschung vermutet eine Anregung durch die Aachener Marienkirche. [92]

 

Grafik entnommen aus: http://www.arheologija.hr/wp-content/uploads/2016/08/sv-donat-400x250.jpg

 

Wie oben dargestellt, entfällt das Konstrukt der karolingischen Geschichte für die tatsächliche Baugeschichte.

Zum anderen kann der Aachener Bau eine Datierung um 800 nicht stützen, da er selbst erst im 11./12. Jh. errichtet wurde.

Das angebliche Schriftstück des Kaisers Konstantin Porphyrgennetos ist zweifelsfrei eine Fälschung aus späterer Zeit, ein Pseudepigraph. Die byzantinische Geschichte weist in der Zeit zwischen etwa 610 - etwa 1056 eine Phantomzeit auf, die sich aus der im 11. Jh. erfolgten Änderung der Zeitrechnung ergibt. Das Vordrehen der Uhr um mehr als vierhundert Jahre hat eine Lücke geschaffen, die später durch "Geschichte" gefüllt wurde. Die Kaiser dieser Zeit gehören dieser "Füllung" an, so auch Konstantin Porphyrgennetos.

Der Grundriss des gewaltigen Rundbaus kann die Verwandtschaft mit San Vitale in Ravenna nicht verleugnen, auch wenn das Erscheinungsbild in Zadar aufgrund verschiedener Eigenheiten wie eine größere Höhenerstreckung, drei Apsiden statt Apsis und Pastophorien, Rundbau statt Oktogon, schmucklose Pfeiler im Inneren bis auf zwei Säulen vor der Hauptapsis und eine fast geschlossene Außenfassade mit durch Rundbögen verbundene Lisenen weit weniger spätantik, sondern mehr romanisch ist.

Da San Vitale vom Autor in die zweite Hälfte des 10. Jh. datiert wurde (siehe oben), kann die Errichtung des Baus in Zadar erst danach erfolgt sein. Nach Auffassung des Autors ist dieser Kirchenbau in der ersten Hälfte des 11. Jh. erbaut worden.

Der Rundbau wurde noch unter der Bauherrnschaft Ostroms errichtet und gehört damit noch der 1. Phase des Kirchenbaus an. Mit der Errichtung in der ersten Hälfte des 11. Jh. ist es einer der späten Bauten dieser Phase.

Ab der zweiten Hälfte des 11. Jh. entstehen ausnahmslos basilikale Kirchenbauten, z. B. die Kathedrale St. Anastasia,  St. Marien und St. Chrysogonus. Der angebliche frühchristliche Vorgängerbau des im 13. Jh. errichteten Kathedralbaus  ist sicher der Gründungsbau aus dem Ende des 11./Anfang des 12. Jh., zu dem vermutlich auch die unter dem Chor erhaltene Krypta gehört. Die Weihe der Klosterkirche St. Marien ist für das Jahr 1091 überliefert. Die Gründung des Klosters soll 1066 erfolgt sein. St. Chrysogonus ist ein Bau des 12. Jh.

Auch die frühmittelalterlich anmutende, unter Verwendung von römischen Spolien errichtete Kirche St. Laurentius ist sicher ein Bau des 11. Jh., wobei vor Ort die ursprüngliche Gestalt des Kirchenbaus nicht sicher erkennbar ist.

Die Taufkapelle am Südseitenschiff der Kathedrale, ein ziemlich kleiner Sechsblattbau angeblich aus dem 4. Jh. (nach Zerstörung im 2. Weltkrieg komplett rekonstruiert) dürfte noch zu der vorherigen episkopalen Bebauung des 11. Jh. gehören. Der stratigraphisch darunter entdeckte sog. "altchristliche Kreuztempel" sowie das römische Mosaik in der Sakristei sind sicher der vorhergehenden, in der Katastrophe zerstörten römischen Bebauung zuzuordnen. Eine weitere angeblich frühmittelalterliche Kirche Zadars soll die kleine Kirche der hl. Maria "de Pusterla" gewesen sein, von der nur die Umfassungsmauern erhalten sind. Sie wird traditionell in das 9. Jh. datiert. Mit ihrem Kleeblattchor ist sie sicher ein Bau erst des 12./13. Jh., inspiriert durch den Dreikonchenchor der Geburtskirche, vermittelt durch die Kreuzfahrer.

 

Weitere angeblich karolingische Kirchenbauten

Büraberg, St. Brigida

Nach der Tradition im späten 7. Jh. errichtete kleine Saalkirche mit eingezogenem Rechteckchor. Büraberg soll für wenige Jahre ein 742 von Bonifatius gegründeter Bischofssitz gewesen sein, gleichzeitig mit den Bistumsgründungen in Erfurt und Würzburg. Das byzantinische späte 7. Jh. entspricht dem frühen 12. Jh. Auch Bonifatius gehört für mich in das 12. Jh. Das auf die iro-schottische Mission hinweisende Patrozinium ist im 12. Jh. kein Novum. Es gibt nichts Frühmittelalterliches in Büraberg.

Büraberg, St. Brigida, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 46]

 

Chur, St. Stefan

Der Ursprung soll ein Mausoleum gewesen sein, das um 440 entstanden sein soll, wahrscheinlich eine Grablege der Bischöfe. Es ist "die größte erhaltene spätrömisch-christliche Grabkammer nördlich der Alpen" [IMHOF/WINTERER, 138]. Die Kirche soll dann um 500 über dem Mausoleum errichtet worden sein.

Chur, St. Stephan, [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 53]

Das Mausoleum ist sicher noch in der Antike errichtet worden. Dazu passt die Datierung "um 440", sofern diese byzantinisch ist und korrigiert dem antiken Jahr 156 entspricht. Die Grabkammer könnte damit ein Grabbau aus dem 2. Jh. gewesen sein.

Die Überbauung mit der Kirche sehe ich dagegen auf jeden Fall als nachkatastrophisch an, da der Kirchenbau mit Sicherheit nicht in eine ungestörte, in Nutzung befindliche Nekropole hineingesetzt wurde. Die Datierung "um 500" weist darauf hin, dass dieser keine konkrete Baunachricht zugrunde liegt. Sie kann kaum zutreffen, da "um 500" als byzantinische Datierung Anfang des 3. Jh. entspräche und damit noch vor der Katastrophe wäre. Ich sehe den Kirchenbau frühestens im letzten Viertel des 10. Jh., byzantinisch datiert also um 560, was nicht so weit weg ist von der traditionellen Annahme.
 

Chur, St. Luzi

In der 1. Hälfte des 8. Jh. an der Stelle eines Mausoleums - der sog. Andreasmemorie für die ältesten Bischöfe - aus der Zeit um 400 erbaut. Ein Fragment einer Grabinschrift des Churer Bischofs Valentian (gest. 548) wurde in diesem Bereich gefunden. Die Kirche war ursprünglich ein Dreiapsidensaal mit erhöhtem Chor, darunter eine erhaltene karolingische Gangkrypta, eine Kombination aus Winkelgang- und Ringkrypta. Die Kirche wurde offensichtlich - wie St. Stefan auch - in einer antiken Nekropole errichtet.

Chur, St. Luzi, [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 51]

Auch hier wieder eine antike Nekropole. Die Datierung "um 400" dürfte wieder byzantinisch sein und entspräche damit Anfang des 2. Jh. Auch hier kann der Kirchenbau erst nach der Katastrophe, die die Nekropole zerstört hat, errichtet worden sein. Vielleicht deutet die Grabinschrift (byzantinisch 548 = 966) auf diesen Kirchenbau hin. Möglicherweise ist der Kirchenbau auch etwas jünger, z. B. um die Jahrtausendwende.

Die karolingische Datierung 1. Hälfte 8. Jh. ist vermutlich allein von der Chronologie der Karolinger abgeleitet. Wegen der sehr urtümlichen Bauform wurde der Bau in die frühe Karolingerzeit eingeordnet. Aufgrund der konstruierten Geschichte der Karolinger ist diese Datierung gegenstandslos.
 

Cividale, Tempietto Longobardo

Kleines Oratorium des 830 erstmals genannten Nonnenklosters. Neuerdings Datierung in die Mitte des 8. Jh. bevorzugt.

St-Denis, Grundriss aus [UNTERMANN, 86]

Beide Datierungen könnten byzantinisch sein und würden damit auf die 2. Hälfte des 12. Jh. verweisen. Die Datierung in das 12. Jh. ist aufgrund der entwickelten Plastik auf jeden Fall glaubhafter, als der traditionelle Ansatz, den ich für unhaltbar ansehe.
 

Disentis, St. Martin

Das bedeutendste Kloster Graubündens und das älteste Benediktinerkloster der Schweiz. Um 700 Gründung des ältesten der drei nebeneinander gelegenen frühmittelalterlichen Sakralbauten, St. Maria, St. Peter und St. Martin. "Nach dem Sarazeneneinfall um 940 wurden die zerstörten Kirchen wiederhergestellt bzw. verändert wieder aufgebaut." [IMHOF/WINTERER, 148]

Disentis, St. Martin, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 61]

Das Jahr "um 940" deckt sich mit der Katastrophe. Der Sarazeneneinfall hat vermutlich nie stattgefunden. Die frühkarolingische Datierung ist wieder der konstruierten Chronologie der Karolinger geschuldet und gibt keinen Hinweis auf die wirkliche Bauzeit. Der älteste Bau dürfte noch in das 10. Jh. zu datieren sein.
 

Frankfurt am Main, Dom

Der heutige Dom hatte mehrere Vorgängerbauten an gleicher Stelle. Der früheste Bau soll um 680 errichtet worden sein, um 760/790 ein zweiter, der um 820 eine Erweiterung erfuhr. Der dritte Bau, eine dreischiffige Kirche mit Apsis und Querhaus wurde angeblich 852 als Salvatorkirche geweiht. Dieser Bau erhielt um 1000 eine Doppelturmfassade. Der jüngste Vorgängerbau wurde um 1240 errichtet. Die heutige Kirche ist ein Bau ab 1315.

Frankfurt, Dom, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 79]

Die Datierung "um 680" ist byzantinisch und entspricht um 1098. Die Datierungen 760/790, 820 und 852 sind möglicherweise aus der Bauabfolge zwischen den Datierungen 680 und 1000 rekonstruiert.

Die Errichtung des Gründungsbaus des Doms um 1100 ist durchaus glaubhaft. Die Errichtung einer Doppelturmfassade um 1000 ist deutlich zu früh. Im 12. Jh. ist sie eindeutig besser aufgehoben.
 

Höchst, St. Justinus

Der Bau soll kurz nach 834 errichtet worden sein, "wenngleich die Form der Kapitelle auch zu Überlegungen geführt hat, die Kirche in das frühe 11. Jahrhundert zu datieren" [IMHOF/WINTERER, 150]. Für das Jahr 834 wird eine Reliquientranslation überliefert, die den Grund für den Kirchenbau darstellte.

Höchst, St. Justinus, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 124]

Das Jahr 834 ist als Baudatum unbrauchbar. Der Kirchenbau ist unzweifelhaft dem frühen 11. Jh. zuzuordnen. Möglicherweise ist die Reliquientranslation mit dem Jahr 834 richtig, aber eben byzantinisch datiert. Korrigiert erhält man das Jahr 1252. Vermutlich wurde das Baudatum dann von dieser Datierung hergeleitet. (Ein ähnlicher Vorgang liegt nach Auffassung des Autors bei der Severikirche in Erfurt vor. Dort erfolgte die Reliquientranslation im Jahr 836 = 1254, worauf um 1275 ein Kirchenneubau begonnen wurde.)
 

Germigny-des-Prés, Oratorium des Theodulf von Orléans

Theodulf von Orléans soll ab 798 Abt von Fleury (Saint-Benoît-sur-Loire) und Bischof von Orléans gewesen sein. Von 803-806 soll er das Oratorium für seine private Villa errichtet haben. Die Weihe fand angeblich 806 statt. Das Oratorium soll eines der ältesten erhaltenen Kirchenbauten Frankreichs sein. Von dem Bau 806 soll das Apsismosaik erhalten sein - das einzig erhaltene karolingische Mosaik nördlich der Alpen. Im 15. Jh. wurde der Zentralbau durch ein Langhaus erweitert. Im 19. Jh. erfolgte eine komplette Restaurierung. Die Bausubstanz ist stark erneuert.

Germigny-des-Prés, Oratorium des Theodulf von Orléans, Grundriss aus [REBEYRAT/PERRONNET/GAUTHIER, 6]

Die Datierungen des ausgehenden 8. und beginnenden 9. Jh. sind byzantinisch. Sie entsprechen dem 1. Viertel des 13. Jh. Das ist auch die Bauzeit des kleinen Baus.

Die Kirche der Benediktinerabtei von Saint-Benoît-sur-Loire wurde um 1020 mit dem Portalturm begonnen, 1067-1108 wurden die Krypta, die beiden Chöre und das Querschiff errichtet. Das Langhaus entstand ab 1150. Die Kirche wurde 1218 geweiht. Ein merowingisches Kloster Fleury gab es nie. Dessen vermeintlich merowingische Datierung 630 bis 650 ist byzantinisch und entspricht 1048-1068 und bezieht sich auf den Bau des 11. Jh. Damit wurden der Bau der Klosterkirche als auch des Oratorium etwa gleichzeitig fertiggestellt, was auch nachvollziehbar ist.
 

Konstanz, Münster

Angeblich vom 6. Jh. bis 19. Jh. Bischofskirche. Für die 1. Hälfte des 9. Jh. wird ein karolingischer Neubau angenommen, von dem die Längsstollen der Krypta erhalten sein sollen. Im ausgehenden 10. Jh. Erweiterung der Krypta durch den Vierstützenraum und Erneuerung der Ostteile einschließlich Querhaus. Nach Einsturz des karolingisch-frühottonischen Baus 1052 Neubau.

Konstanz, Münster, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 230]

Die Datierung in das 6. Jh. ist byzantinisch und entspricht dem 10. Jh., womit der karolingische Bau entfällt. Der Gründungsbau ist zweifellos Ende des 10. Jh./Anfang des 11. Jh. errichtet worden. Ob 1052 der Bau wirklich eingestürzt ist oder nur eine Planänderung erfolgte, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. ROSNER [229] datiert den Vierstützenraum der Krypta in den Anfang des 11. Jh.
 

Mals, St. Benedikt

Kleiner einschiffiger Kirchenbau, angeblich 2. Hälfte des 8. Jh. mit Wandmalereien und Stuckdekorationen aus der Bauzeit. Im 12. Jh. soll der alte Bau ummantelt und der Bau mit einem Turm ergänzt worden sein. Ursprünglich durch eine Chorschranke in einen Altar- und einen Laienraum getrennt. Die Ostwand durch drei schmale, hohe Nischen im Mauerquerschnitt - die mittlere höher und breiter als die seitlichen - gestaltet.

Mals, St. Benedikt, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 198]

Der Datierung liegt keine Baunachricht zugrunde. Sie wurde aufgrund der Malereien "gefunden". Alle Vergleichsbeispiele (Cividale, Müstair, Disentis, Germigny-des-Prés und Brescia) sind traditionell viel zu früh datiert.

Der Ursprungsbau mitsamt den Malereien dürfte im 11. Jh. errichtet worden sein (vgl. Naturns). Durch die drei Nischen ergibt sich ein in der Gegend häufiger anzutreffender Dreiapsidensaal.
 

Müstair, St. Johann

Nach der Legende eine Gründung Karls des Großen. Die Kirche soll 775/776 errichtet worden sein (nach dendrochronologischer Untersuchung verkohlter Hölzer aus den Giebelfronten der Kirche). In einer spätgotischen Inschrift ist Karl der Große als Gründer benannt. Das ursprüngliche Benediktiner-Mönchskloster wurde um 1150-1170 zu einem Frauenkonvent umgewandelt. In diesem Zusammenhang sollen die karolingischen Malereien mit romanischen Malereien übermalt worden sein. 1498-1492 Umbau des ursprünglichen Dreiapsidensaals zur dreischiffigen gotischen Hallenkirche. Der Glockenturm wurde um 1500 hinzugefügt. Die in unmittelbarer Nachbarschaft befindliche Heiligkreuzkapelle soll um 788 erbaut worden sein.

Müstair, St. Johann, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 295]

Die Datierung in das 8. Jh. ist keine überlieferte Baunachricht, sondern wurde aus dem vermeintlich karolingischen Kontext erschlossen. Die dendrochronoligische Datierung würde ich unbedingt anzweifeln. Wenn man diese beiseite lässt, gibt es außer der spätgotischen Inschrift und der Legende nichts Karolingisches. Übrigens ist die spätgotische inschriftliche Bezugnahme auf Karl den Großen als Gründer meiner Ansicht nach der früheste materielle Beleg für die Karlslegende. Die Inschrift wurde etwa um 1500 angebracht. Die an einem spätgotischen Pfeiler aufgestellte Freiskulptur soll Karl den Großen darstellen und frühromanisch sein. Beide Interpretationen sind m. E. zweifelhaft.

Nach meiner Auffassung wurde der Gründungsbau im 11. Jh. errichtet, wohin auch die angeblich karolingischen Malereien gehören. Nach der Mitte des 12. Jh. erfolgte die Umwandlung des Mönchsklosters in ein Nonnenkloster. Die Heiligkreuzkapelle war vermutlich die Friedhofskirche des Klosters. Sie dürfte kaum älter sein als die Klosterkirche. Die Datierung "um 788" könnte byzantinisch sein und  würde  damit  auf das  beginnende 13. Jh. verweisen. Eine durchaus glaubhafte Datierung für den Trikonchos.
 

Naturns, St. Prokulus

Vorgängerbau soll ein spätantikes Haus sein, das kurz nach 600 abbrannte. In der Ruine sollen Bestattungen vorgenommen worden sein. Aufgrund der Bestattungen wird der bestehende kleine Kirchenbau um 650 datiert. Umbau zu einer Saalkirche im 10./11 Jh. Um 1350 Erhöhung des Schiffs. Die erhaltenen Wandmalereien der unteren Wandzone sollen aus dem 7./8. Jh. stammen.

Die frühe Datierung des Kirchenbaus dürfte byzantinisch sein, was korrigiert der nach Mitte des 11. Jh. entspricht. Der Umbau des 10./11. Jh. ist der Neubau des 11. Jh. Aus dieser Zeit stammen auch die Wandmalereien.
 

Paderborn, Dom

Erster Bau eine Pfalzkirche mit Rechteckchor und Nebenchören nördlich des heutigen Doms. Weihe angeblich 777. Schon 778 zerstört. In der unmittelbaren Umgebung 300 Bestattungen aus der Zeit 777 und 794/799. Nach wiederholter Zerstörung Errichtung der Bischofskirche mit vermutlich dreiapsidialem Chorabschluss. Papst Leo III. soll 799 Altar des hl. Stephanus geweiht haben. Unter Bischof Badurad (gest. 862) Erweiterung des Doms um ein Westquerhaus und eine Ringkrypta für die Reliquien des hl. Liborius. Im 10. Jh. unter Bischof Rethar (gest. 1009) deutliche Umgestaltung (Ostchor mit Krypta, Westwerk). Zerstörung des karolingischen Baus bei Brand im Jahr 1000 und sofortiger Wiederaufbau durch Bischof Rethar. Bischof Meinwerk (gest. 1036) ließ den angefangenen Wiederaufbau Rethars niederlegen und einen neuen Dom errichten, eine dreischiffige Basilika mit Querhaus im Osten und ottonischen Westwerk mit Treppentürmen, wobei er die Krypta vom Bau Rethars übernahm. Weihe dieses Baus 1015. 1058 beim Stadtbrand zerstört. Größerer doppelchöriger Neubau unter Bischof Imad mit Querhäusern im Osten und Westen. Weihe dieses Baus 1068. Um 1100 Umgestaltung der Krypta und Verbreiterung des Ostchors. Brand 1133, wobei Dach und Decke zerstört wurden. Danach Einwölbung und Weihe 1144/1145. Der heutige Dom im Wesentlichen aus dem 13. Jh.

Paderborn, Dom, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 323]

Die Datierungen des 8. und 9. Jh. entstammen dem karolingischen Konstrukt. Der Gründungsbau vielleicht Ende des 10. Jh. begonnen. Die Baumaßnahmen unter Bischof Rethar und insbesondere Meinwerk und die Weihe 1015 dürften zu diesem gehören. Der Stadtbrand 1058 kann nicht so immense Schäden angerichtet haben, da der Bau schon 1068 wieder geweiht wurde. Im 12. Jh. fanden weitere Umbauten statt bis im 13. Jh. der heutige Bau entstand. Die karolingischen Bauphasen hat es nie gegeben.
 

Petersberg bei Fulda, St. Peter

Angeblich schon unter dem Fuldaer Abt Sturmius (744-779) begonnen, unter Abt Baugulf (779-802) vollendet. 836 sollen die Gebeine der hl. Lioba (gest. 782) in die Krypta überführt worden sein. Krypta, Querhaus mit Vierung, Turm und Langhausuntergeschoss sollen noch aus der Zeit um 836 erhalten sein. Erweiterung der Krypta um 1153, das Turmobergeschoss um 1170. Das Langhaus wurde um 1479 errichtet.

Petersberg, St. Peter, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 257]

Die Datierungen des 8. Jh. sind der Chronologiekonstruktion um die Karolinger geschuldet. Der Gründungsbau dürfte vielleicht noch in das 11. Jh. zu datieren sein.

Die Datierungen der Reliquientranslation 836 wie das Sterbedatum der hl. Lioba 782 könnten dagegen byzantinisch datiert sein. Die Überführung der Reliquien wäre somit in die Mitte des 13. Jh. zu datieren. Lioba soll eine Verwandte des Bonifatius gewesen sein. Das Wirken des Bonifatius datiere ich - wie oben bereits erwähnt - in die erste Hälfte des 12. Jh.
 

Regensburg, St. Emmeram

Die Benediktinerabtei soll um 700, nach Wikipedia um 739 gegründet worden sein. Der Ursprungsbau soll eine Georgskirche über einer frühchristlichen Gräberstätte gewesen sein, ein Apsidensaal, in der der hl. Emmeram nach der Überlieferung um 685 bestattet wurde. Von 783-791 soll über dem Ursprungsbau eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit Ringkrypta, die außen um die Apsis geführt war, errichtet worden sein. 972 wurde St. Emmeram Reichskloster, dessen erster Abt Ramwold. Der heutige Bau ist frühromanisch, das Doppelnischenportal entstand um 1060.

Regensburg, St. Emmeram, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 275]

Die Datierungen des 7./8. Jh. sind konstruiert und haben mit der tatsächlichen Baugeschichte nichts zu tun. Die Grabeskirche St. Georg ist sicher reine Legende, um das Grab des hl. Emmeram an dieser Stelle vor dem Kirchenbau zu erklären. Der Ursprungsbau m. E. Ende des 10./Anfang des 11. Jh. entstanden. Vermutlich markiert die Erhebung des Benediktinerklosters zum Reichskloster 972 die Gründung. Danach wurde der Bau errichtet und nach der Mitte des 11. Jh. fertiggestellt.
 

Reichenau-Mittelzell, Münster St. Maria und Markus

Angeblich Gründung 724 durch Pirmin mit Errichtung einer Holzkirche. Bereits wenig später Errichtung eines Saalbaus mit eingezogenem Rechteckchor. Mitte des 8. Jh. soll dieser Bau erweitert worden sein. Errichtung einer kreuzförmigen, dreischiffigen Basilika, Chor mit zwei Apsiden, unter Abt Heito I. (806-822/23-36), vielleicht schon unter Abt Waldo (786-806) begonnen. 816 Weihe dieses Baus. Um 825 Erweiterung um ein dreiteiliges Westwerk. Dieses unter Abt Heito III. (888-913) ersetzt durch ein Westquerhaus, Vorhalle und Flankentürme. Unter Abt Witigowo (985-997) Abbruch des Westquerhauses und Verlängerung des Langhauses. Unter Abt Berno (1008-1048) Umbau zur heutigen Gestalt, dieser Bau 1048 geweiht. 830 erfolgte die Translation der angeblichen Markus-Reliquien, eigentlich der des hl. Valens. Die Markusverehrung gewinnt jedoch erst seit der Jahrtausendwende an Bedeutung. Nach einer Grabplatte im Chor soll Karl III., der Dicke, gest. 888 im Münster begraben sein. 925 Translation der Heilig-Blut-Reliquien. Für diese soll 940/950 die Heilig-Kreuz-Rotunde nach dem Vorbild der Grabeskirche errichtet worden sein.

Reichenau-Mittelzell, St. Maria und Markus, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 279]

Die karolingischen Datierungen sind zwischen der angeblichen Gründung 724 und dem Bau des 11. Jh. konstruiert. Für die Holzkirche gibt es anscheinend keinen archäologischen Befund, sonst wäre diese im Katalog der vorromanischen Kirchenbauten erwähnt. Der Saalbau dürfte der erste Kirchenbau gewesen sein. Seine Errichtung sehe ich in der 2. H. des 10. Jh. Die kreuzförmige. dreischiffige Basilika möglicherweise noch vor der Jahrtausendwende, der Westbau nach dieser. Die weiteren Umbauten im 11. Jh. bis zur Weihe 1048.

Die Reliquienübertragung der angeblichen Markusreliquien kommt 830 viel zu früh. Der angebliche Umbau der Konventsgebäude im 10./11. Jh. dürfte ebenfalls zur Klostergründung gehören. Die Heilig-Kreuz-Rotunde gehört für mich zum Bau des 11. Jh., vielleicht auch erst im 12. Jh. ergänzt.
 

Reichenau-Niederzell, Stiftskirche St. Peter und Paul

Angeblich Stiftung durch Bischof Egino von Verona (um 720-802), Saalkirche mit stark eingezogener Apsis, Weihe 799. Im 10. Jh. soll die Ostapsis durch einen größeren Neubau ersetzt worden sein. Unter Abt Ekkehard II. von Nellenburg (1078-1088) Neubau.

Reichenau-Niederzell, St. Peter und Paul, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 343]

Die Datierung in das ausgehende 8. Jh. ist konstruiert. Es gab mit Sicherheit keinen karolingischen Vorgängerbau. Evtl. die Saalkirche als Vorgängerbau Ende 10./Anfang 11. Jh.
 

Reichenau-Oberzell, St. Georg

Angeblich unter Abt Heito III. (888-913) erbaut. Nach Wikipedia wurde die Westapsis um 1000 errichtet, aus dieser Zeit auch die Wandmalereien im Langhaus. Anfang des 11. Jh. wurde die Vorhalle mit der darüberliegenden Michaelskapelle angefügt. Der karolingische Bau wieder der konstuierten Datierung geschuldet. Der Bau einschließlich Krypta um 1000/Anfang 11. Jh. entstanden. Aus dieser Zeit auch die Wandmalereien.

Reichenau-Oberzell, St. Georg, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 344]

 

Steinbach bei Michelstadt, Einhardsbasilika

Angeblich von Einhard (um 770-840) gegründet. Um 822/824 bis 827 soll die dreischiffige Pfeilerbasilika mit dreiapsidialem Ostschluss und Winkelgangkrypta sowie dreiteiligem Westbau errichtet worden sein. Umbauten und Erweiterungen erfolgten im 12. Jh. Am Anfang des 13. Jh. Umwandlung in ein Benediktinerinnenkloster. "Über die Bautätigkeit der Nonnen ist kaum etwas bekannt." [LUDWIG, 24] Im 16. Jh. wurde das Kloster aufgehoben.

Steinbach, Einhardsbasilika, Grundriss aus [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 321]

Die karolingischen Datierungen helfen nicht weiter, da konstruiert. Aufgrund der Gestalt des Baus selbst und der Winkelgangkrypta erachte ich eine Datierung des Baus Ende 10./Anfang 11. Jh. für wahrscheinlich. "Im Jahre 1073 schickte das Kloster Lorsch einige Mönche nach Michelstadt, die im jetzigen Stadtteil Steinbach eine Propstei gründeten;..." [LUDWIG, 24] Möglicherweise markiert die Besetzung mit Mönchen aus Lorsch die Fertigstellung des Baus.
 

Werden an der Ruhr, St. Liudger

Die Gründung durch Liudger angeblich 799. Die erste Klosterkirche, eine dreischiffige Basilika ohne Querhaus, soll 808 noch von Liudger geweiht worden sein. Angeblich unter Abt Altfrid (gest. 849) Neubau mit Ringkrypta, vollendet 875. Die heutige Außenkrypta 1059 geweiht. Auch hier liefern die karolingischen Datierungen keinen Beitrag zur Datierung des Gründungsbaus. Dieser m. E. Ende 10./Anfang 11. Jh. errichtet.

Werden, St. Liudger, Grundriss aus [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 453]

 

Verschiedene Kirchenbauten, die für die karolingische Epoche stehen, habe ich bereits in meinem Aufsatz: "Frühchristlicher Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers" behandelt, so z. B. Auxerre. St-Germain, St. Denis, Flavigny, St-Pierre, St-Philibert-de-Grandlieu, Soissons, St. Medard:  Für diese Bauten liegen neben den karolingischen Datierungen auch frühere Datierungen vor, weshalb diese in o. a. Aufsatz enthalten sind. Da sie aber als für die Karolingerzeit wichtige Bauten gelten, habe ich sie in vorliegendem Aufsatz noch einmal aufgenommen:

Auxerre. St-Germain: Die erste Kirche soll sogar auf Geheiß von Chlotilde (493-545), der Gattin Chlodwigs, erbaut worden sein. Ein skulptiertes Christogramm soll bis auf Chlotilde zurückreichen. Die erhaltene Krypta sei dann zwischen 841 und 856 errichtet worden.

Nach Wikipedia wurde eine Basilika Anfang des 6. Jh. erbaut. Um 841 erfolgte ein Neubau, dessen Krypta 857 fertiggestellt worden ist. 860 wurden die Gebeine des Germanus (gest. 448) in den Neubau überführt. 865 soll die Kirche fertiggestellt worden sein. In der 2. Hälfte des 12. Jh. fanden umfangreiche Renovierungsarbeiten statt. Ab 1277 erfolgte der gotische Neubau.

Auxerre, St-Germain, Grundriss aus [HUBERT/PORCHER/VOLBACH, 305]

Chlotildes Lebendaten sind byzantinisch und entsprechen 911-963. Der erste Kirchenbau könnte damit durchaus nach der Mitte des 10. Jh. errichtet worden sein.

Die Krypta von St-Germain in Auxerre ist so ziemlich die letzte der sogenannten spätkarolingischen Umgangskrypten, die heute noch dem 9. Jh. widerspruchslos zugeordnet wird. Möglicherweise traut sich kein Forscher an dieses "Nationalheiligtum Frankreichs" heran. Die verwanden Bauten wie St-Philbert-de-Grand-Lieu, Flavigny, Halberstadt, Soissons sind längst im 11. Jh. angekommen. Dahin gehört zweifelsfrei auch St-Germain in Auxerre.

St-Denis. Angeblich im 4. Jh., wohl nach dem Toleranzedikt 313, Errichtung eines Mausoleums über dem Grab des hl. Dionysius (gest. um 250) und Entwicklung eines Gräberfeldes. Um 475 Errichtung einer größeren Kirche über dem Grab, die im 6. Jh. verlängert wurde. Um 625 Klostergründung, Errichtung einer dreischiffigen Kirche unter König Dagobert I. (628-639). Kirche wurde zur Grablege der Merowinger. Dagobert I. ließ sich in der Kirche als erster bestatten. 750 wird Fulrad Abt von St-Denis. Unter Fulrad nach 768 dreischiffige Säulenbasilika mit durchgehendem Querhaus, Apsis und Ringkrypta außen um die Apsis herumgeführt. Dieser Bau unter Verwendung von frühchristlichen Kapitellen als Spolien. Eine Beschreibung dieses Baus in der Handschrift von Bischof Perpetuus von 798/799 für das Kloster Reichenau. 1137 unter Abt Suger (1122-1151)  Beginn des Umbaus des Westbaus, im 12. und 13. Jh. weitere Umbauten. Bestattungen: 570/575 Königin Arnegunde (gest. um 565/570, Gattin von Chlothar I. und Mutter von Chilperich I.), 768 Pippin, Karl der Kahle 877.

St-Denis, Grundriss aus [UNTERMANN, 108]

 

Das Mausoleum und das Gräberfeld möglicherweise noch antik (?). Die Datierung "um 475" dürfte weströmisch antik sein und entspricht korrigiert um 1177; sie könnte demzufolge möglicherweise eine Baunachricht zum Bau des 12./13. Jh. sein. Die Nachricht über eine Verlängerung im byzantinischen 6. Jh. ist vermutlich der Hinweis auf den tatsächlichen Gründungsbau aus dem 10. Jh., eine dreischiffige Säulenbasilika mit durchgehendem Querhaus und Apsis mit Ringkrypta. Bei diesem Bau Spolienverwendung aus in der Katastrophe zerstörten antiken Bauten plausibel. In diesem Bau dürfte Königin Arnegunde 988/993 u. Z. und später Dagobert I. bestattet worden sein.

Die Datierung der Klostergründung "um 625" ist byzantinisch und weist auf das Jahr 1043.  Zu dieser Zeit könnte dieser erste Kirchenbau fertiggestellt worden sein. Abt Fulrad ist byzantinisch datiert und war Abt von 1168-1202. Er gehört damit deutlich hinter Abt Suger, unter dem der heutige Bau begonnen wurde. Die Handschrift von Bischof Perpetuus ist erst 1216/1217 entstanden und beschreibt den Neubau unter Suger.

Eine bereinigte Bauchronologie legt ILLIG vor. Dort nennt er einen "Merowingischen Kirchenbau vor 565, vielleicht schon im 5. Jahrhundert (Apsis vor 614 erneuert)" [ILLIG (1996), 364] Auch ILLIG erkennt die unterschiedlichen Datierungen nicht. Die byzantinische Datierung 565 entspricht 983, die Erneuerung der Apsis vor 1032.

Flavigny, St-Pierre: Die Benediktinerabtei soll 719 gegründet worden sein. Die wieder ausgegrabene komplexe Kryptenanlage wird allgemein in die 1. Hälfte des 9. Jh. datiert. Die Chorscheitelrotunde - ein sechseckiger Zentralbau - ordnet HEITZ dem 11. Jh. zu. Dieser würde jedoch auf einer kreisrunden Sohle aus dem 9. Jh. stehen. [HEITZ, 225] JACOBSON [(1982), 552] hält die noch bestehenden Bauteile für komplett im 11. Jh. entstanden. Den ornamentierten Pfeiler sieht er in Zweitverwendung. Das byzantinische Gründungsdatum verweist auf das Jahr 1137.

Flavigny, Krypta, Grundriss aus [HUBERT/PORCHER/VOLBACH, 305]

St-Philbert-de-Grand-Lieu. Angeblich 677 gegründet, die Abteikirche vor 819 errichtet, Wiederbesiedlung nach den Normannenstürmen um 1000. "Während die Ostteile, nämlich Querhaus, Chorquadrat, Apsis und Umgangskrypta, in gemeinsamer Aufmauerung einem ersten, wenn auch in den oberen Teilen später erneuerten Bauabschnitt zugewiesen werden müssen, dessen Errichtungszeit im frühen 11. oder allenfalls ausgehenden 10. Jahrhundert durch die ottonisch-frühromanischen Kämpferprofile in der Vierung und im östlichen Kryptaumgang festgelegt ist, gehören die heutigen Mittelschiffspfeiler mit ihrem entwickelten Formenapparat des mittleren oder späteren 11. Jahrhunderts offenbar einem beabsichtigten und auch begonnenen, dann aber mit Fertigstellung der Langhausarkatur wieder aufgegebenen Neubau an." [JACOBSON (1992), 291]

St-Philbert-de-Grand-Lieu, Grundriss aus [MESNIER/BAUD/PAPIN, 30]

Die Datierung 677 könnte byzantinisch sein und würde korrigiert dem Jahr 1095 entsprechen. Die karolingische Datierung ist der vermeintlich frühen Gründung in der 2. H. des 7. Jh. geschuldet. Die Normannenstürme hat es aus meiner Sicht nie gegeben. Sie sollen nur die Gründung und Errichtung der Abtei im 11. Jh. begründen. Die sog. "Wiederbesiedlung" ist die eigentliche Gründung.

Soissons, St. Medard: Die noch bestehende Krypta soll von dem 817-841 errichteten Kirchenbau stammen. Die Gründung der Kirche soll sogar schon 557 erfolgt sein. Die Krypta ist erstmals 1079 bezeugt. JACOBSON verweist die Krypta in die 1. Hälfte des 11. Jh. [JACOBSON (1982), 551]

Soissons, St-Medard, Krypta, Grundriss aus [HUBERT/PORCHER/VOLBACH, 307]

Das Gründungsjahr 557 ist byzantinisch datiert und entspricht dem Jahr 975, womit die Datierung der Krypta durch JACOBSEN in die 1. Hälfte des 11. Jh. einigermaßen korreliert.

Da der Kirchenbau zwischen der Gründung 557 und der erstmaligen Bezeugung der Krypta erfolgt sein muss, wurde die karolingische Datierung 817-841 "gefunden".

 

In der einschlägigen Literatur zur Architektur der Karolinger tauchen noch weitere Bauten auf, wie z. B. Centula, St-Quentin, Brescia, Beauvais und Dijon. Während Centula nur in den Schriftquellen existiert, in St-Riquier jedoch keinerlei zugehörige Baureste zu finden sind, ordne ich die anderen genannten Bauten ausnahmslos dem 11. Jh. zu.

 

Ottonische Kirchenbauten

 

Die ottonische Kunst wurde sozusagen als Bindeglied zwischen der vermeintlichen karolingischen Kunst und der Frühromanik kreiert.

Drei exemplarische Bauten aus dem sächsischen Raum:

 

Gernrode, Damenstiftskirche St. Cyriakus            siehe Aufsatz Frühe Kirchenbauten in Mitteldeutschland

 

Memleben, St. Maria                                          siehe Aufsatz Frühe Kirchenbauten in Mitteldeutschland

 

Hildesheim, St. Michael

Als Höhepunkt ottonischer Kirchenbaukunst gilt St. Michael in Hildesheim.

Die traditionelle Baugeschichte sieht den Baubeginn unter Bischof Bernward (993-1022). Die Grundsteinlegung soll 1010 erfolgt sein. Schon 1015 soll die Krypta, im Todesjahr Bernwards 1022 dann die Kirche geweiht worden sein. Bernward soll in der Krypta bestattet worden sein.

Vor 1186, nach einem Brand, erfolgte ein erster Umbau der Klosterkirche, anlässlich dessen die Langhaussäulen ausgewechselt und die Stuckdekoration mit den Seligpreisungen angebracht worden sind.

Gemäß einer Weiheurkunde wurden 1186 alle wichtigen Altäre konsekriert, "neben dem Hochaltar im Westchor der Kreuzaltar am Ostende des Langhauses sowie der Johannes dem Täufer geweihte im Ostchor" [LUTZ, 43].

1192 wird Bischof Bernward heiliggesprochen. Danach Umbau des Westchores, Erweiterung der Krypta und neue Chorschranken mit Stuckreliefs. Um 1225/30 wurde die bemalte Flachdecke im Langhaus eingebracht.

Hildesheim, St. Michael. Grundriss aus [JANTZEN, 17]

 

St. Michael soll die erste nachweisbare ausgeschiedene Vierung der Baugeschichte besitzen [LUTZ, 22]. Diese Aussage würde, vorausgesetzt die traditionellen Datierungen beider Bauten wären korrekt, der Rekonstruktion der ausgeschiedenen Vierung in Gernrode widersprechen (siehe Gernrode, St. Cyriakus).

Auch soll hier zum ersten Mal der niedersächsische Stützenwechsel nachweisbar sein. [LUTZ, 24]

Als weitere neue Motive nennt SCHOLKE das Würfelkapitell in einem Hauptraum und Ecksporen an den Säulenbasen [200].

Spätestens an dieser Stelle sollte man stutzig werden. So viele Innovationen an einem Bau? Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen.

Dieses Phänomen ergibt sich folgerichtig durch den deutlich zu früh angesetzten Baubeginn von St. Michael. Bei einer späteren Einordnung des Baus sind die o. a. Innovationen alle keine mehr. Da das gebundene System in St. Michael noch nicht konsequent ausgebildet, d. h. die Seitenschiffe sind noch breiter als die halbe Mittelschiffsbreite, die Querhausarme  und das sehr kurze Ostchorjoch entsprechen noch nicht den Langhausquadraten, dürfte der Baubeginn etwa um 1100 anzusetzen sein.

Um diese Zeit beginnen sich das gebundene System und die ausgeschiedene Vierung in der Architektur des Kirchenbaus durchzusetzen. Bei einer Korrektur der Baudaten entfällt auch das erstmalige Vorkommen des niedersächsischen Stützenwechsels. Ab ca. 1130 sind Ecksporne/Eckzehen an den Säulenbasen fast die Regel. Würfelkapitelle sind ab 1100 ebenfalls zunehmend anzutreffen, so in dem um 1100 begonnenen und 1129 geweihten Langhaus der Stiftskirche in Quedlinburg (siehe [MEISEGEIER, 11-40]).

Besonders beeindruckt in der Michaeliskirche die Klarheit der Architektur und die Zurückhaltung im Bauschmuck an den frühesten Baugliedern. Diesen Purismus der Architektur und der Schmuckformen und die fast klassischen Proportionen des Baus finden wir ebenso bei den etwa gleichzeitigen Reformordenbauten.

Dass ein Brand den Austausch der Langhaussäulen auslöste, ist zumindest in Frage zu stellen. Eher ist mit dem Baufortschritt eine geänderte Baugesinnung nach der Mitte des 12. Jh. anzunehmen, die nach einer reicheren Ausschmückung verlangte.

Nach Meinung des Autors wurde der Bau gleichzeitig im Osten und Westen begonnen, d. h. Ost- und Westquerhaus einschließlich Ostchor mit Apsis sowie dem unbekannten Westabschluss. Diese Bauteile sind etwa gleichzeitig. Das Mittelschiff wurde danach von Osten beginnend dazwischengebaut, womit das Mittelschiff zwangsläufig der spätere Bauteil war. Die beiden östlichen Arkadensäulen der Nordseite entstammen noch der ursprünglichen, asketischeren Gesinnung.

Der Autor sieht 1186 die Weihe des Gesamtbaus.

Die Errichtung des Westchors und der Krypta gehören sicher in den Kontext der Vorbereitung der Heiligsprechung von Bischof Bernward, die 1192 erfolgte.

Wie der ursprünglich vorgesehene Westabschluss erfolgen sollte ist unbekannt. Entgegen der Meinung der Forschung war der Bau mit Sicherheit geostet, d. h. der Hauptchor lag im Osten. Die Errichtung des Westchors, auch wenn dieser größer dimensioniert ist, ändert nichts an der Ostung des Hauptaltars. LUTZ erwähnt, dass der Kreuzaltar am Ostende des Langhauses stand, was auf die Ostung klar hinweist.

Vermutlich war der in der Weihenachricht erwähnte und Johannes dem Täufer geweihte Altar im Ostchor nicht der Hauptaltar. Möglicherweise war in der Weihenachricht ein weiterer Altar im Osten gemeint, z. B. in einer Nebenapsis. Der Hauptaltar müsste eigentlich ein St.-Michael-Altar sein. Schließlich ist der Bau eine Michaeliskirche. Dass der Michael-Altar im Westchor stand, ist eher unwahrscheinlich.

Ob ursprünglich überhaupt ein Westchor vorgesehen war, der Bau also von vorn herein doppelchörig konzipiert war, ist sehr zweifelhaft. Klosterkirchen waren in aller Regel nicht doppelchörig. Eher ist mit einer Eingangssituation im Westen zu rechnen.

Erst mit der Errichtung der Bernwardkrypta und dem darüber angeordneten Westchor wurde der Bau doppelchörig. Da der Westchor der Verehrung von St. Bernward diente, wird der Altar des Westchors ihm geweiht gewesen sein.

Die Planänderung dürfte um 1160 erfolgt sein. Womöglich markiert diese der in den Quellen erwähnte Brand von 1162.

Übrigens entspricht das spätere Westchorjoch genau einem Mittelschiffquadrat. Zu dieser Zeit hatte sich im romanischen Kirchenbau allgemein das gebundene System durchgesetzt.

Da die Bernwardkrypta auf demselben Niveau wie das Langhaus errichtet wurde, also dem gegenüber nicht eingetieft war, sollte vermutlich der Bau ursprünglich gar keine Krypta erhalten, wie die zeitgleichen Reformordenbauten i. d. R. auch keine Krypta hatten

Erst mit der Entscheidung, eine Pilgerstätte für Bischof Bernward zu errichten, entschied man sich für den erweiterten Westbau mit Westchor und -krypta. (Möglicherweise hatte man das Problem, dass von den Heiligen St. Michael und St. Johannes keine Reliquien "zum Anfassen" verfügbar waren, weshalb man einen regionalen Heiligen benötigte.)

Die Krypta erinnert mit ihrem äußeren Umgang an die Umgangschöre, besonders beliebt bei Pilgerkirchen. Die Krypta war ursprünglich durch eine Öffnung hinter dem Marienaltar mit dem Kirchenraum verbunden [LUTZ, 19]. Möglicherweise eine Reminiszenz an die frühere Fenestella einer Confessio-Anlage.

Das Ansinnen, eine viel besuchte Pilgerstätte mit dem Grab des Bischofs Bernward zu schaffen, ist offensichtlich. Für das reine Andenken hätte eine kleine Gruft sicher genügt.

Die halbrunden Nischen im Kryptaumgang erinnern an den Kapellenkranz spätromanischer Umgangschöre.

Der Rundbogenfries an Westchor und -apsis sowie der Bauschmuck der Apsisfenster weisen sogar in die späte Romanik.

Relativ kurz nach der Weihe der Klosterkirche erwies sich offensichtlich die Fläche des Westchors als zu klein. Man erweiterte die Westchorfläche, indem man eine Art Empore in der Vierung des Westquerhauses errichtete.

Die Forschung spricht dabei von einer Erweiterung der Krypta, was der Autor jedoch anzweifelt. Der bisherige Westabschluss der Krypta mit den drei Halbrundnischen, in deren mittlerer noch heute der Marienaltar steht, blieb anscheinend bestehen. Der Unterbau der Empore war zum Querhaus nach Süden und nach Norden geöffnet. Als Ostabschluss wird von der Forschung ein Lettner rekonstruiert. Da der unter der Empore entstandene Raum keinen Abschluss nach den Seiten und keine Verbindung zum Chor hatte, macht ein Lettner auf der Ostseite eigentlich keinen Sinn. Man verweist hierbei auf den Naumburger Dom. Dort haben wir es aber mit einer echten Erweiterung der Krypta zu tun. Der Zugang zur Krypta erfolgte nach der Erweiterung durch diese. Durchgänge verbanden die ältere Krypta mit der jüngeren Erweiterung.

Eher ist als Ostabschluss des Westchores ebenfalls eine Chorschranke oberhalb der Stützenebene, möglicherweise mit einer Art Ambo, zu rekonstruieren.

Die Außenseiten der Chorschranken waren nach Norden und Süden mit qualitätvollen Stuckreliefs (ähnlich der Liebfrauenkirche in Halberstadt) geschmückt, wovon die Nordseite erhalten ist. Diese Baumaßnahmen und die Stuckreliefs werden nach 1192 datiert.

Der Sarkophag Bernwards, zumindest der skulptierte Deckel  und die Inschrift auf dem Sarkophagrand entstammen mit Sicherheit erst dem ausgehenden 12. Jh., auch wenn in der Vita Thangmars behauptet wird, dass noch Bischof Bernward den Bildschmuck entworfen haben soll. "Die Verwendung eines Grabsteins mit plastischem Bildprogramm ist für diese Zeit ähnlich außergewöhnlich wie das gesamte Programm." [LUTZ, 21] Unverständlicherweise trotzdem kein Zweifel an der zu frühen Datierung.

Überrascht ist LUTZ über das Vorhandensein einer zusätzlichen Grabplatte, die von der Kunsthistorik in das      12. Jh. datiert wird [LUTZ, 21]. Denkbar ist, dass diese Platte im Westchor über dem Grab in der Krypta angeordnet war, und dort die Stelle des Bernward-Grabes markierte. Mit der Erhebung der Gebeine in den Westchor, ein Vorgang der allgemein in den Kirchen im 13. Jh. erfolgte, wurde die Grabplatte als Objekt der Verehrung nicht mehr benötigt.

Ein Teil der Forschung geht davon aus, dass die Bronzetür, die heute im Dom zu bewundern ist, ursprünglich zu             St. Michael gehörte. Dort soll sie entweder im Südseitenschiff oder aber im Westzugang zum Kryptenumgang ihren ursprünglichen Standort gehabt haben (Wikipedia). LUTZ verweist darauf, "dass das Programm der Tür eine besondere Betonung der Muttergottes aufweist" und darum besser zum Dom passt, dessen Patronin Maria ist [34]. Anzumerken ist dabei, dass die Krypta von St. Michael ebenfalls Maria geweiht war.

Nach Auffassung des Autors sind die Bronzetüren in Hildesheim, aber auch die in Augsburg (trad. 995/1006), traditionell viel zu früh datiert.

Die Bronzetür und die heute in der Michaeliskirche aufgestellte Christussäule gehören beide in das 12. Jh. Die puristische Ausgestaltung des Gründungsbaus von St. Michael lässt die Gleichzeitigkeit des Baus und der Bronzekunstwerke einfach nicht zu. Bei der Einbauvariante "Kryptenumgang" würde die Zeitstellung dagegen passgenau sein.

Die Bronzetüren in Hildesheim als auch in Augsburg sind mit Sicherheit etwa zeitgleich mit den Bronzetüren in Gnesen (1160/80), San Zeno in Verona (1175), Dom zu Pisa (1180) und Nowgorod (nach 1152/54).

Auch die Werke der ottonischen Kleinkunst, wie in Hildesheim das so genannte silberne Bernwardkreuz und die silbernen Bernwardleuchter sind alle zu früh datiert. Sie gehören trotz der Inschriften auf dem Kreuz und den Leuchtern in das späte 12. Jh. Vermutlich wollte man bei der Heiligsprechung Bernwards auch einige "originale" Artefakte vorweisen können.

Wie kam es zu der Fehldatierung und der damit falschen Rekonstruktion der Baugeschichte?

Die Zuschreibung zu Bischof Bernward wird aus der Lebensbeschreibung seines Lehrers Thangmar entnommen.

Wikipedia: "Die Vita Bernwardi episcopi Hildesheimensis ist die Lebensbeschreibung des Bischofs Bernward von Hildesheim († 20. November 1022).

Als Autor nennt sich der Scholaster an der Hildesheimer Domschule Thangmar (* 940/950, † 25. Mai vor 1007). Zumindest für Teile des Textes ist dessen Urheberschaft gesichert, andere Teile wurden möglicherweise später hinzugefügt.

Die Vita Bernwardi ist eine der wesentlichen Quellen für die Geschichte der letzten Jahre der Liudolfinger. Als solche, aber auch in textgeschichtlicher Hinsicht findet sie ihre Fortsetzung in Wolfheres Lebensbeschreibungen von Bernwards Nachfolger Godehard."

"Allerdings liegt uns dieser Text in einer Überarbeitung des späten 12. Jahrhunderts vor, als man im Hinblick auf die Heiligsprechung die Vorlage des frühen 11. Jahrhunderts entsprechend umarbeitete und ergänzte." [LUTZ, 6]

Die Lösung des Rätsels liegt auf der Hand: Die Vita Bernwardi wurde im späten 12. Jh. erst geschaffen. Wir haben es hier wieder mit einem Pseudepigraph zu tun. Die Forschung ist auch hier einer Fälschung aus dem 12. Jh. auf den Leim gegangen.

Wie die Geschichte insgesamt so wurde auch die Geschichte der Bistümer und Kirchenbauten im 12./13. Jh. erst geschaffen. Das heißt, dass auch die Geschichte der einzelnen Bistümer mit den dort enthaltenen Informationen zur Baugeschichte der Kirchenbauten konstruiert ist. Der Glaube, über genaue Kenntnisse zur Bistums- und Baugeschichte der Kirchenbauten zu verfügen, ist ein Irrglaube. Das betrifft alle Bauten vor dem 12. Jh., möglicherweise bis zur Mitte des    12. Jh. Erst danach wird die überlieferte Baugeschichte glaubwürdiger.

Was ist mit den Inschriften und den Baunachrichten in den Quellen, wonach der Bauprozess "vergleichsweise gut dokumentiert" sein soll? [LUTZ, 10]

Ein 1908 gefundener so genannter Grundstein trägt die Jahreszahl 1010. Die Forschung geht überwiegend davon aus, dass damit der Beginn des Hochbaus markiert ist [LUTZ, 7]. Der "Grundstein" ist mit Sicherheit nicht zeitgenössisch, sondern eine spätere Zutat. Eine explizite Jahreszahl in der Zeitrechnung "nach u. Z." kurz nach der Jahrtausendwende ist einfach nicht möglich. Die Zeitrechnung nach u. Z. wird erst später geschaffen. Diese "Jahreszahl" auf dem Stein ist eine spätere Rückrechnung.

Die Baunachrichten in den Quellen sind, soweit sie keine Fälschungen bzw. spätere Zutaten sind, tatsächlich Baunachrichten des Dombaus in Hildesheim. Um 1000 beginnt der Domneubau in Hildesheim (sog. Altfriedbau), etwa zeitgleich mit den Dombauten in Magdeburg, Merseburg, Halberstadt und Naumburg. Nach mehreren Bauphasen/Planänderungen wird der Bau 1061 geweiht. Die karolingische Datierung des Altfrieddoms durch die Forschung ist definitiv falsch.

Vermutlich sind auch die überlieferten Weihen von 1015, 1022, 1026 und 1033, sofern nicht aus späteren Quellen stammen, Weihen des Dombaus in Hildesheim.

Es gilt festzuhalten: Die Michaeliskirche ist nicht die Klosterkirche Bernwards. Sie ist ein hochromanischer Bau des 12. Jh. und entfällt damit als ottonischer Musterbau.

Sofern die traditionelle Datierung von Bischof Bernward zutrifft, ist sein Bau der Dombau des 11. Jh., was auf jeden Fall eher nachzuvollziehen ist.

 

 

 

 

Literaturverzeichnis:

Arndt, Mario (2015): Die wohlstrukturierte Geschichte: Eine Analyse der Geschichte Alteuropas. BoD

Rebeyrat, Gaston/Perronnet, Gilberte/Gauthier, Michel (1993): Germigny des Prés. Editions et Impressions COMBIER

Hubert, Jean/Porcher, Jean/Volbach, W. Fritz (1969): Universum der Kunst. Die Kunst der Karolinger. Von Karl dem Großen bis zum Ausgang des 9. Jahrhunderts. Verlag C.H. Beck, München

Illig, Heribert (1996): Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der Geschichte. ECON, 10. Auflage 2001

Imhof, Michael / Winterer, Christoph (2013): Karl der Große. Leben und Wirkung, Kunst und Architektur. Michael Imhof Verlag Petersberg

Jacobsen, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. Nachtragsband, München

Klabes, Heribert (1997): Corvey. Eine karolingische Klostergründung an der Weser auf den Mauern einer römischen Civitas.

Mesnier, Nicole/Baud, Odile/Papin, André (1994): Abbatiale IXe Siècle Saint-Philbert-de-Grand-Lieu. Éditions Ouest-France, Rennes

Oswald, Friedrich / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1990): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen, München

Sölter, Walter (1984): Der Essener Dom. Rheinische Kunststätten Heft 265. 2. Auflage

Untermann, Matthias (2006): Architektur im frühen Mittelalter. WBG Darmstadt

-    (2014):    Forschungen zur Aachener Königspfalz. Interview mit der Stadtkonservatorin Monika Krücken. In: MONUMENTE. Magazin für Denkmalkultur in Deutschland. April 2014

 

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 15.05.2018

 

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