Link  der Homepage von Michael Meisegeier, Erfurt        Zurück

 

Magdeburg, Dom St. Mauritius und St. Katharina

Die Ersterwähnung Magdeburgs fällt bekanntlich in das Jahr 805. Keine der Kirchen Magdeburgs jedoch führt seine Geschichte bis in diese Zeit zurück. Die früheste Erwähnung beansprucht das Moritzkloster mit dem Jahr 937 als Gründung Ottos I. entsprechend einer Urkunde Ottos I. für sich. Nach der Tradition soll der Magdeburger Dom aus dem o. a. Moritzkloster hervorgegangen sein. Mit Bezugnahme auf die Merseburger Chronik sieht die traditionelle Forschung einhellig die Domgründung im Jahr 955.

 

Schriftquellen

EHLERS hat die Quellennachrichten zur Bautätigkeit im Dom zusammengestellt. Die frühesten Baunachrichten sind für das Jahr 1004 vermerkt. 1004 erfolgte nach den Nachrichten die Translation von Mauritiusreliquien in den Magdeburger Dom. Offensichtlich handelt es sich um einen Domneubau im        11. Jh., dessen Anlass die Übertragung der Mauritiusreliquien war. Baunachrichten zum Dom des 10. Jh. gibt es anscheinend nicht.

Auch für die traditionelle Forschung ist die Überlieferung in der Merseburger Chronik über die Domgründung keineswegs klar. Dazu BRANDL / JÄGER [56f]: “Thietmars Überlieferung ist problematisch, beinahe gewinnt man den Eindruck einer Verschreibung oder Fehlstelle im Text. Gab doch Otto dem hl. Laurentius ein Gelübde für Merseburg – löste dieses dann aber in Magdeburg mit der Gründung einer Abtei und einem Kirchenneubau ein.“ BRANDL / JÄGER weiter: „Da Thietmar von 987 bis 1002 in Magdeburg gelebt hatte, mit der Überlieferung bestens vertraut war und auch sonst als zuverlässiger Chronist gilt, besteht keine Veranlassung, seine Nachricht grundsätzlich anzuzweifeln, wenn der offenkundige Widerspruch auch erklärungsbedürftig bleibt.“

Eine oft geübte Taktik ist, offenkundige Fehler in den Quellen einfach wegzuwischen, wie das bei EHLERS geschieht [EHLERS, 139]. Theoretisch könnten die mitgeteilten Fakten ja trotzdem zutreffen; ab und an hat sich der Verfasser eben geirrt.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Alle Schriftquellen vor dem 12. Jh. sind als falsch anzusehen.

Im Ergebnis ist damit festzuhalten, dass die Anfänge und die frühe Baugeschichte des Doms von Magdeburg im Dunkeln liegen.

Das Problem setzt sich fort. Für das Jahr 968 wird die Gründung des Erzbistums Magdeburg in den Quellen vermeldet. Im Jahr 968 sollen noch weitere Bistumsgründungen erfolgt sein, so z. B. in Merseburg, in Zeitz als auch in Meißen. Alle diese Nachrichten sind zweifelsfrei konstruiert. Keine dieser Bistumsgründungen reicht in das 10. Jh. zurück. Ein Zeitzer Bistum hat es m. E. sogar nie gegeben (Das Bistum Zeitz soll 1029 nach Naumburg verlegt worden sein).

Während ich die Gründung der älteren Bistümer um 1000 ansetze, d. h. der Bistümer, die sofort nach der Begründung der sächsischen Landeskirche erfolgten wie Hildesheim und Halberstadt, dürfte das Magdeburger Erzbistum ein Stück jünger sein, vermutlich erst in der 2. Hälfte des 11. Jh. Möglicherweise war die Siedlung Magdeburg um 1000 noch nicht so weit entwickelt.

 

Grabungen

Es gibt mehrere größere Grabungskampagnen, die nachfolgend kurz vorgestellt werden.

1926 legte KOCH die noch heute zugängliche Krypta eines Vorgängerbaus unter dem heutigen Dom frei.

Um die Gestalt des ottonischen Westbaus zu erkunden, wurden 1959/1960 und 1965 durch LEOPOLD Grabungen im Dom durchgeführt. Er legte einen dreischiffigen Raum teilweise frei, den er aufgrund der Baunachrichten als Hallenkrypta, errichtet unter Erzbischof Tagino (1004-1012) ansprach. Die von KOCH ergrabene Ostkrypta schrieben LEOPOLD und SCHUBERT Erzbischof Hunfried (1023-1051) zu.

Trotz der Datierung der gefundenen Reste des Vorgängerbaus in das frühe 11. Jh. hielt die Forschung diesen Bau für den 955 errichteten Dom Ottos I. Unterstützt wurde diese Deutung durch das im heutigen Dom noch vorhandene Grab Ottos I. sowie die Verwendung von Spolien des Doms Otto I. im heutigen Dom.

Die Grabungen durch NICKEL von 1959 bis 1968 auf dem Magdeburger Domplatz (ca. 40-50 m nördlich des Doms) legten den Grundriss eines repräsentativen Steinbaus frei, der mehrheitlich als Palast bzw. Pfalz Ottos I. angesprochen wurde.

 

 

Grabungsergebnisse / Domplatz Ostseite / Grabung von Nickel (gelb) und Oktober 2004 (braun). Übernommen aus [KUHN 2005, 19]

 

2001 bis 2003 wurde erneut auf dem Domplatz gegraben. Die Grabungsfläche befand sich unmittelbar östlich der NICKELschen Grabung. Das Ergebnis war aufsehenerregend. Die Grabung ergab, dass der angebliche Palast zweifelsfrei ein repräsentativer Kirchenbau war. Durch die Entdeckung eines Grabes, das zeitlich nach dem Kirchenbau angelegt und das in das 3. Viertel des 10. Jh. datiert wurde, konnte dieser Kirchenbau angeblich eindeutig dem 10. Jh. zugewiesen werden. Dadurch wurde die bereits 1960 geäußerte alternative These bestätigt, dass die damals von NICKEL gefundenen Fundamentzüge kein weltliches Gebäude darstellten, sondern zu einem prachtvollen Kirchenbau gehörten. Natürlich ergab sich die Frage, was für einen Kirchenbau man gefunden hatte? Den Dom Otto I. sah man eigentlich unter dem heutigen Dom. Zur Grabung von 2001-2003 auf dem Domplatz ist inzwischen eine erste Veröffentlichung mit einer Wertung erschienen.

Aufgrund der Ergebnisse der Grabung von 2001-2003 und der neuen Fragestellung entschloss man sich, zur Abklärung der früheren Grabungsergebnisse (KOCH, LEOPOLD) erneut im Dom zu graben. Diese Grabungen begannen 2006 und wurden 2010 beendet. Es gelang, größere Klarheit über den Vorgängerbau des heutigen Doms zu erlangen. Einen weiteren Vorgängerbau, den man eindeutig in das 10. Jh. datieren konnte, fand man nicht. Bisher ist zu diesen Grabungen nur ein Zwischenbericht erschienen.

 

Die Nordkirche

Da wir es offensichtlich mit zwei frühen Kirchenbauten zu tun haben, übernehme ich von KUHN im Folgenden für den auf dem Domplatz ergrabenen Kirchenbau die Bezeichnung Nordkirche, dagegen für den Bau unter dem heutigen Dom die Bezeichnung Südkirche.

Schon die im Vorfeld der neuen Grabungen durchgeführte Aufarbeitung der Altgrabungen NICKELs durch LUDOWICI offenbarte, dass bei den aufgedeckten Bauresten bzw. Bauspuren von mindestens zwei Bauphasen  auszugehen ist. Danach gehört der Großteil der von NICKEL ergrabenen Fundamentzüge einer jüngeren Bauphase an, während ein Teil der im östlichen Bereich entdeckten Fundamente offenbar älter ist [KUHN, 2005]. Die neuen Grabungen von 2001-2003 schlossen östlich unmittelbar an die Altgrabungen NICKELs (1959-1968) an, wodurch neue Erkenntnisse für den Bereich der älteren Bauphase zu erwarten waren. Dem war auch so.

Aufgedeckt wurde ein ca. 41 m breiter, fünfzelliger Westabschluss eines Kirchenbaus (alt: Phase I [KUHN 2005], neu: Phase III [KUHN 2009]).

Die sich westlich anschließende jüngere Bauphase (alt: Phase II [KUHN 2005], neu: Phase IV [KUHN 2009]), die durch die Grabung NICKELs bekannt ist, fluchtet im Wesentlichen mit dieser älteren Phase.

Ich verwende im Folgenden die Bezeichnungen der Bauphasen nach  [KUHN 2009], d. h. Phase III für den älteren Bau, von der Westabschluss ergraben wurde, und Phase IV für die jüngere, sich westlich anschließende Bauphase  (NICKEL-Grabung).

Aufgedeckt wurden vorwiegend Fundamentausbruchgräben. Nach Beendigung der Nutzung wurde der Bau offenbar einschließlich der Fundamente abgetragen. Nach KUHN ist es sicher, dass etwa Anfang des 13. Jahrhunderts der Bau komplett abgebrochen war.

Die Datierung des Baus Phase III erfolgte durch die dendrochronologische Untersuchung von Eichenhölzern aus einem gemauerten Grab, das unmittelbar südlich des ergrabenen Westabschlusses aufgefunden wurde. Diese Untersuchung "ergab eine Datierung des Grabes in die Zeit ab dem 3. Viertel des 10. Jh." [KUHN 2005, 16] KUHN weiter: "Schließlich ist das Grab als gleich alt oder nur wenig jünger als der Steinbau anzusehen." [ebd]

Ich erachte entweder das Ergebnis der Dendrochronologie oder die Interpretation um diese Bestattung für unzutreffend. Nicht ganz auszuschließen ist, dass die Bestattung zu einem noch älteren Vorgängerbau gehörte.

Bei den Grabungen wurden zwei parallele Fundamentzüge nachgewiesen wurden, die älter als die Phase III sein sollen und dieselbe Achse und Orientierung haben wie Phase III und IV. KUHN ordnet diese einer Phase II zu. Ob die Phase II ein Kirchenbau war, ist ungewiss. Die darunter aufgedeckte Phase I dürfte jedoch aufgrund seiner geringen Größe als Vorgängerbau gänzlich ausscheiden.

Der Bau Phase III kann m. E. keinesfalls dem 10. Jh. zugeordnet werden. Ich sehe den Bau frühestens im fortgeschrittenen 11. Jh. Mehr dazu weiter unten.

Doch zunächst zur Gestalt des Kirchenbaus Phase III. Leider konnten die Grabungen nach Osten nicht fortgeführt werden, da sich an dieser Stelle die Staatskanzlei befindet.

KUHN hält sich mit einer Rekonstruktion zurück bzw. macht nur Andeutungen. Dagegen lässt HELTEN seiner Phantasie freien Lauf. Unter Bezug auf St. Maximin in Trier und den Dom in Hildesheim, wo allein gegenständige Apsiden archäologisch nachgewiesen wurden, rekonstruiert er mit Blick auf die besonderen Beziehungen Ottos I. zu Trier, der dortigen spätantiken Doppelkirchenanlage, der Lage der Kapelle St. Gangolf und  aufgrund des beschränkten Platzes in Magdeburg bis zur Elbe einen Zentralbau in Anlehnung an den Trierer Dom. Er geht sogar noch weiter. Da er die Identifikation mit der Laurentiuskirche favorisiert, rekonstruiert er eine Emporenkirche in Anlehnung an San Lorenzo fuori le mura in Rom infolge etwaiger Übereinstimmungen mit Gernrode, für das Magdeburg als Vorbild gedient haben soll. [HELTEN, 74ff] Nach Ansicht der Ausgräber war das Bauwerk 80 m lang, 41 m breit und bis zu 60 m hoch.

Zur Rekonstruktion eines Zentralbaus durch HELTEN denke ich, dass hier der Bogen überspannt wird. Diese Rekonstruktion erachte ich als unzulässige Spekulation. Die ergrabenen Fundamente geben eine solche Rekonstruktion nicht im Ansatz her. HELTENs These von einem Zentralbau gründet sich auf den geringen Abstand zur Hochuferkante der Elbe. Da der Bau angeblich ca. 80 m lang gewesen sein müsste und die Topographie nur 50 m hergibt, sieht er keine andere Alternative. Meines Erachtens ist der Ansatz von 80 m Länge nicht zutreffend. Diese 80 m rühren aus einer Rekonstruktion LUDOWICIs her, die St. Maximin in Trier bzw. die Marienkirche in Memleben als Vorbilder heranzieht. Von St. Maximin stammt vielleicht das Motiv der gegenständigen Apsiden, aber keinesfalls die Grundrissform. St. Maximin ist eine querhauslose Basilika, in Magdeburg haben wir es beim Bau Phase III mit einem Westquerbau zu tun. Irgendwelche Rückschlüsse von Trier auf Magdeburg sind nicht möglich. Memleben verorte ich sowieso erst im 12. Jahrhundert.

Für meine Begriffe ist das ziemlich haarsträubend (Ich bitte um Entschuldigung), was HELTEN da fabriziert.

Wenn man die Altgrabungen durch NICKEL und die jüngsten Grabungen zusammen betrachtet, so ist im Osten der Westabschluss eines Kirchenbaus (Phase III) auszumachen, der nachträglich eine Erweiterung nach Westen erfahren hat (Phase IV).

Der Westabschluss des Kirchenbaus (Phase III) ist nur angerissen. Erkennbar ist ein 5-zelliger Grundriss mit stark eingezogenen gegenständigen Apsiden in der Mittelachse. Die beiden äußeren Raumkompartimente besitzen je eine Westapsis. Der Bereich der ursprünglichen Hauptapsis ist anscheinend durch eine spätere Veränderung gestört. Statt der Hauptapsis sind hier zwei gegenständige Apsiden erkennbar, die von einem Vorbau eingefasst sind. 

Wie sich der Bau nach Osten fortsetzte und damit der Großteil des Grundrisses sind unbekannt, da sich heute hier die Staatskanzlei befindet.

Nach meiner Auffassung war der Bau Phase III eine gewestete Kirche nach römischen Vorbild (Alt-St.Peter). Der ergrabene Teilgrundriss ist das Westquerhaus mit Westapsis. Abweichend von Alt-St. Peter besaß das Querhaus neben der unmittelbar an das Querhaus anschließenden Westapsis noch westliche Nebenapsiden. Zu ergänzen ist der Grundriss mit einem sich östlich anschließenden dreischiffigen Langhaus. Der ursprüngliche Haupteingang dürfte sich in der Ostfassade des Langhauses befunden haben. Der Kirchenbau Phase III war auf jeden Fall ein ost-west-gerichteter Longitudinalbau.

 

 

 Nordkirche, Grundriss, Rekonstruktion Phase III (weinrot)

 

Aus den ergrabenen Resten des Westbaus ist entnehmbar, dass das Breitenverhältnis Mittelschiff zu Seitenschiff gleich 2:1 beträgt. Das legt eine Rekonstruktion entsprechend dem quadratischen Schematismus nahe, der übrigens auch erst ab um 1100 Verbreitung findet. Das ergrabene N-S-Fundament in der Vierung dürfte das Fundament der Chorabschlusswand des erhöhten Chors sein, der weit in die Vierung hineingeragt hat. Ungewöhnlich sind sicher die Nebenchöre mit den Westapsiden, die ganz nach Süden bzw. Norden gerückt sind. Möglicherweise sind sie Vorläufer der Nebenchöre der Reformordenskirchen. Aufgrund der ergrabenen W-O-Fundamente südlich der nördlichen Nebenapsis und nördlich der südlichen Nebenapsis (jeweils in Verlängerung der Seitenschifffundamente) könnte eine bauliche Abtrennung der Nebenchöre rekonstruiert werden. Auch bei den Nebenchören der Reformordenskirchen gab es i. d. R. eine räumliche Verbindung zum Chor, z. B. durch Arkaden.

Der Bau hatte wie die zeitgleichen Reformordenskirchen keine Krypta.

Die gewestete Kirche wurde vermutlich später in einen nach Osten orientierten Bau umgewandelt. In diesem Zusammenhang wurde die Westapsis zu einem Westeingang in der Gestalt gegenständiger Apsiden umgebaut. In diesem Zusammenhang mussten natürlich auch die Ostteile eine Veränderung erfahren, da jetzt ein Sanktuarium im Osten erforderlich war. Leider haben wir dazu keinerlei Informationen. Diese Baumaßnahme dürfte noch vor der Erweiterung einzuordnen sein.

Dieser Magdeburger Bau steht als Kopie von Alt-St.Peter im west- und mitteldeutschen Raum natürlich nicht allein. Kopien  von Alt-St. Peter sind einmal in Fulda (sog. Ratgarbasilika), in Mainz (sog. Willigis-Dom) und in Hildesheim (sog. Azelin-Dom) bekannt. Sie werden traditionell bis auf den Azelin-Dom fälschlich der karolingischen Baukunst zugeschrieben, letzterer der Mitte des 11. Jh.

Der reale Baubeginn in Fulda datiert an das Ende des 11. Jh., die Hauptbauzeit lag in der 1. Hälfte des 12. Jh. [MEISEGEIER, 231f], der Bau in Mainz wurde um 1100 errichtet [ebd., 180ff]. Auch für Hildesheim sehe ich eine Bauzeit ab 1100.

Vielleicht ist für den Hildebold-Dom zu Köln eine ähnliche Baugeschichte zu rekonstruieren, z. B. eine 1. Bauphase mit Westquerhaus und Westapsis, in einer 2. Bauphase der Umbau zur doppelchörigen Anlage (beide Phasen im 12. Jh.). Die spätantiken und frühmittelalterlichen Bauten des Kölner Doms wären dann im 11. Jh. unterzubringen.

Da Alt-St. Peter erst Mitte des 11. Jh. fertiggestellt wurde (siehe [ebd., 33ff]), sind Kopien nach dem Vorbild in Rom auch kaum vor Mitte des 11. Jh. denkbar.

Ich kann deshalb den Baubeginn dieses Magdeburger Baus allein stilistisch frühestens in die 2. Hälfte des 11. Jh. einordnen, sicher nicht gleich nach der Mitte des Jahrhunderts, eher um 1070/80.

In der Übernahme des Grundrisses von Alt-St.Peter sehe ich eine Hinwendung zur römischen Kirche, dem Papsttum. Sowohl für Magdeburg als auch für Mainz (und Köln) hat sich das ausgezahlt. Sie wurden durch den Papst zu Erzbistümern erhoben.

Da Fulda zum Bistum Mainz gehörte, war eine Erhebung zum Erzbistum mit Sicherheit nicht im Sinn von Mainz. Die Honorierung der Loyalität gegenüber Rom sollte trotzdem belohnt werden. 751 soll das Kloster Fulda direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt worden sein. "Diese besondere Verbundenheit Fuldas zu Rom kommt auch heute noch in der großen Petrus-Statue im Fuldaer Dom zum Ausdruck." [Wikipedia] Die Datierung 751 dürfte spätantik/byzantinisch sein, was korrigiert dem Jahr 1169 entspricht.

Auch in Hildesheim war das Ansinnen, Erzdiözese zu werden, nicht erfolgreich. Möglicherweise stand dem das Interesse des

obersten Kirchenherrn der sächsischen Landeskirche, des Herzogs von Sachsen, entgegen. Belohnt wurden die Bemühungen trotzdem, indem die Heiligsprechung des legendären Bischofs Bernward durch Rom gelang.

Letztendlich hatte die Übernahme des Grundrisses von Alt-St.Peter keine weiteren Nachfolger; möglicherweise hatte Rom bereits genügend Einfluss, so dass eine solche Demonstration nicht mehr notwendig war.

Vielleicht ist die Bemerkung von KUHN hierzu ein Stück hilfreich. "In einem Fall konnte in der zweiten Zelle von Norden sogar der Übergang zum aufgehenden Mauerwerk nachgewiesen werden ... . Dieses Stück Mauerwerk ... war nicht ausschließlich aus dem für die Fundamentbereiche typischen orangebraunen Kalksinter errichtet, daneben kamen auch Kalkstein sowie grauer bis brauner Sandstein vor. Auffällig war die Genauigkeit, mit der die Kanten der Steine bearbeitet wurden, welche die beiden Außenseiten der Mauer bildeten. Dazwischen lag grob zubehauenes bzw. unbearbeitetes Steinmaterial, überwiegend Kalksinter. Dieses verwendete man offenbar für die Fundamente und als Füllmaterial zwischen den Mauerschalen. Das Mauerwerk war vermörtelt." [KUHN 2005, 23]

Das zweischalige Mauerwerk ist typisch für das 11./12. Jh. Die exakte Bearbeitung der Außenflächen der Mauerschalen erfolgt jedoch erst ab 1100; z. B. sind die Hirsauer Bauten durch die besonders qualitätvolle Steinbearbeitung bekannt.

Dass der Bau Phase III fertiggestellt war und in Nutzung genommen worden sei, würden nach KUHN  die zahlreichen Ausstattungsfundstücke wie Fußbodenmosaike aus Kalkstein und Marmor, glasierte Fliesen und farbiger Wandputz beweisen. Auch ich denke, dass dieser Bau in Nutzung genommen wurde, wenn auch nicht sehr lange.

Die Anordnung der Fundamente des Baus Phase IV weist diesen eindeutig als Westbau einer Kirche aus. Als isoliertes Gebäude ergibt der Grundriss keinen Sinn, auch wenn die bisherige Forschung bei der Beurteilung des NICKEL-Grundrisses die tollsten Verrenkungen für eine Rekonstruktion eines Pfalzbaus angestellt hat. Auch der Anschluss des Baus Phase IV an den Bau Phase III an dessen Fundamente 1.2 und 1.5 sowie die Aufnahme der Mittelschiffsbreite des Baus Phase III belegen eindeutig eine bauliche Zusammen-gehörigkeit.

Aus der Fundamentanordnung sind m. E. einige Rückschlüsse zum aufgehenden Bau möglich.

Die Erweiterung nach Westen (Phase IV) besteht aus einem offenbar mehrgeschossigen Westquerbau mit Treppentürmen in den Zwickeln zwischen Querhaus und Seitenschiffswand. Spannfundamente weisen auf eine Stützenstellung im gesamten Querbau hin. Im Bereich des Mittelschiffs ragen zwei gegenständige, diesmal nicht eingezogene Apsiden über den Querbau nach Westen.  

Westlich des Querhauses setzen sich die Seitenschiffswände fort. Die dadurch entstehenden Räume neben den gegenständigen Apsiden sind im Westen in Flucht der Außenkante der gegenständigen Apsiden gerade geschlossen. Die Fluchten der Mittelschiffswände und der Seitenschiffswände entsprechen der Zellengliederung der Phase III, ebenso in etwa die Ausladung des Querhauses.

Im Ansatzbereich sind nur die inneren und die darauf folgenden Längsfundamente weitergeführt.

Das ist ein eindeutiger Hinweis auf die Dreischiffigkeit der Erweiterung und natürlich auch auf die Dreischiffigkeit des Baues Phase III.

Interessant ist sicher die Datierung der jüngeren Phase IV. KUHN datiert die Phase IV aufgrund schriftlicher Nachrichten, dass Erzbischof Norbert in unmittelbarer Nähe des Doms ein von Kaiser Otto dem großen errichtetes Gebäude auszubauen begonnen hat, in das 12. Jahrhundert. Durch ein in einem Fundamentausbruchsgraben gefundenes Teilstück einer attischen Basis aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts schlussfolgert KUHN, dass an diesem Bau sogar noch in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts Baumaßnahmen stattfanden,  d. h. dieser Bau müsste mindestens bis zu dieser Zeit genutzt worden sein.

LUDOWICI sieht die Verfüllung der Fundamentausbruch-gräben des Baus Phase IV Anfang des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Domneubau 1209.

BRANDL/JÄGER erachten den Bau Phase IV für den nicht vollendeten Erweiterungsbau durch Erzbischof Norbert im   12. Jh., der aber schon unter Erzbischof Wichmann (1152-1192) wieder abgebrochen wurde.

HELTEN sieht in Phase III und Phase IV sogar zwei aufeinander folgende Bauten.

Da ich den älteren Bau Phase III in die 2. Hälfte des 11. Jh., eher sogar an das Ende des 11. Jh. datiere, bleibt für die Erweiterung nur noch das 12. Jh., zumal dazwischen noch die Änderung der Eingangssituation einzuordnen ist. Ob das Teilstück einer attischen Basis als Beleg für die Bauarbeiten im 12. Jh. dienen kann, ist sicher fraglich.

Auf die Bauherrnschaft von Erzbischof Norbert würde ich auch nicht bestehen.

Wie BRANDL/JÄGER bin ich der Auffassung, dass der Erweiterungsbau nicht fertiggestellt wurde, möglicherweise sogar nur die Fundamente angelegt worden sind.

Wie steht es mit der reichen Ausstattung? "Die entdeckten Fundstücke zeigen sehr deutlich, mit welch hohem Aufwand das Bauwerk ursprünglich ausgestattet worden war" [KUHN, 2004].

U. a. wurden Reste eines Schmuckfußbodens analog den Schmuckfliesen in der Krypta unter dem heutigen Dom gefunden. „ein Vergleich der Neufunde … mit den Steinen in der Krypta unter dem gotischen Dom ergab eine weitestgehende Übereinstimmung. Wie ist dieser Befund zu deuten? Kamen die Steine vom Kirchenbau am Domplatz in die Krypta unter den gotischen Dom?..." [KUHN, 2004].

Es wurde kein Stück der reichen Ausstattung in situ gefunden. Die Ausstattungsstücke sind allein in den Verfüllmassen aufgefunden worden. Stammen die Verfüllmassen aus dem Bau Phase III ?. LUDOWICI nimmt für die Verfüllung der Fundamentgräben des Baus Phase IV an, dass diese mit Abbruchmassen erfolgt ist, die im Zusammenhang mit dem Bau des heutigen Doms 1209 angefallen sind, d. h. mit Abbruchmassen des unmittelbaren Vorgängerbaus des Doms, mit der unter dem Dom ergrabenen Kirche. Dass in dieser Kirche die Schmuckfliesen verbaut waren, ist erwiesen, denn in der freigelegten Krypta sind diese in situ vorhanden.

SCHUBERT bezweifelt die behauptete großartige Innenausstattung der Kirche und die Identifizierung der Kirche mit dem ottonischen Kaiserdom, da dafür die Funde zu dürftig sind [NAWRATH 2006].

Nach LEOPOLD [1983, 78] - unter Bezugnahme auf eine gleich lautende Bemerkung KOCHs - scheint der in der Hunfriedkrypta gefundene Schmuckfußboden "...mit seinem Muster und in seiner Begrenzung nicht zum Raum zu passen. Das könnte für eine Übernahme von einem anderen Bau sprechen." Möglicherweise waren diese Schmuckfliesen doch in der ergrabenen Kirche verbaut und wurden im unmittelbaren Vorgängerbau des Domes (unter dem heutigen Dom) wiederverwendet.

Warum wurde der Kirchenbau (Phase III und IV) nach relativ kurzer Zeit wieder aufgegeben und komplett abgeräumt? Eigentlich muss man konstatieren, dass wir weder Zeitpunkt noch Gründe der Aufgabe dieses Kirchenbaus kennen.

Um diese Frage zu beantworten, ist sicher zuerst zu klären, welchen Kirchenbau wir überhaupt vor uns haben.

Als bei den Grabungen 2001/2003 der Kirchenbau (Phase III) aufgedeckt wurde, war man ratlos. Die Vorgängerbauten des Doms erwartete man unter dem Dom, weitere Bauten waren nicht bekannt.

Für KUHN ist der ergrabene Kirchenbau aufgrund seiner Größe und Ausstattung mit hoher Wahrscheinlichkeit der Dom Ottos I. Dass der gefundene Bau die Moritzkirche ist, schließt er wegen der großen Dimensionen und der reichen Ausstattung aus. Dagegen plädieren BRANDL / JÄGER als auch HELTEN für die Kirche des Nonnenklosters                  St. Laurentius, welches vereinzelt aus den Quellen erschlossen wird. Auch UNTERMANN [186f] schließt sich dieser Meinung an, obwohl er eingangs bemerkt, dass die Bauten des 10. Jahrhunderts in Magdeburg "höchst unklar" sind. Er sieht diesen Bau als Gründung Ottos I., als Grablege, die aber dann so nicht realisiert wurde. Die Identifikation mit der 1207 abgebrochenen Domkirche oder einem Vorgängerbau schließt er weitgehend aus.

SCHMIDT [389ff] sieht wie KUHN in dem ca. 40 m nördlich des gotischen Doms aufgefundenen Bau den Dom Otto I. Sein Hauptanliegen ist jedoch – wie im Titel erwähnt – der Grabort Otto I.

Letztlich bleibt die offene Frage nach der Moritzklosterkirche. „Im Bereich der Südkirche ist kein Moritzkloster nachweisbar, es sei denn, man zieht die spärlich erhaltene Phase A als solches heran, was – wie gesagt – derzeit nicht beweisbar ist. Das heißt nicht, dass es eine solche Kirche nie gegeben hat, aber im archäologischen Befund ist sie nicht nachweisbar.“ [KUHN 2009, 232]

KUHN erwägt noch, die Phase II der Nordkirche für die Moritzklosterkirche anzusprechen. „Für diesen größeren und jüngeren der beiden Vorgängerbauten (Nordkirche Phase II) wäre ebenfalls eine Ansprache als Moritzkloster denkbar, aber angesichts der geringen ergrabenen Reste natürlich derzeit nicht zu beweisen.“ [ebd. 232]

Bevor ich meine These dazu vorstelle, muss die Südkirche abgehandelt werden.

 

Die Südkirche

Zunächst vorab: Ohne neue Grabungsergebnisse legten 2001 SCHUBERT und LEOPOLD [LEOPOLD / SCHUBERT] trotzdem eine neue Rekonstruktion für den ottonischen Dom vor. Nicht nur das. Sie ergänzen sogar aus einem bisher nicht zuzuordnenden, ergrabenen Mauerzug die bislang noch nicht lokalisierte Moritzklosterkirche. Für die Grundriss-rekonstruktion des ottonischen Doms übernehmen sie den Memlebener Grundriss. Die ergrabenen Ostteile weisen sie einer Erweiterung durch Erzbischof Hunfried zu. Für ihre Rekonstruktion gehen sie von der Überlieferung durch Widukind zur Grabstelle der Editha aus und dem bei Thietmar zu findenden Wunsch Ottos, nach seinem Tode neben seiner Gemahlin zu ruhen sowie von der Annahme  des unveränderten Grabortes Ottos I. aus.

Ich denke, mit den Ergebnissen der Grabung von 2006-2010 und der Kenntnis, dass sowohl die Sachsenchronik Widukinds als auch Thietmars Chronik spätere Fälschungen sind, hat sich dieser Beitrag erledigt.

Seit den Grabungen von KOCH 1926 ist bekannt, dass sich unter dem heutigen Dom die Reste eines Vorgängerbaus befinden. Die damals ergrabene Ostkrypta wiesen LEOPOLD und SCHUBERT Erzbischof Hunfried (1023-1051) zu. Von LEOPOLD wurde der Westabschluss dieses (?) Baus ergraben. Er sah eine Westkrypta, die er aufgrund einer entsprechenden Nachricht Erzbischof Tagino (1004-1012) zuschrieb. LEOPOLD erstellte aufgrund dieser  und weiterer punktueller Funde eine Rekonstruktion des ottonischen Doms als doppelchörigen Bau mit einem östlichen Querhaus und einem Westquerbau, einem Atrium im Westen und Chorhals und Chorflankentürmen im Osten, die bis vor kurzem galt.

Die Grabungen von 2006 bis 2010 sollten hier endlich Klarheit über die Gestalt des unter dem heutigen Dom befindlichen Vorgängerbaus und ggf. weiterer Vorgängerbauten, z. B. die Moritzklosterkirche, liefern.

Vorweggenommen, es konnte zwar der Kenntnisstand über den Grundriss verbessert und die genaue Lage der Achse bestimmt werden. Die Gestalt des Westbaus tritt jetzt klarer hervor und das Atrium, das LEOPOLD vermutete, konnte endlich ad acta gelegt werden. Aber ein weiterer Vorgängerbau oder die Moritzklosterkirche wurden nicht gefunden.

SCHENKLUHN [168] versucht sich sehr zurückhaltend an einer Rekonstruktion des vorgotischen Baus:

o    Der Westbau ein etwa quadratischer Turm, flankiert von Treppentürmen, Westeingang, der Vierstützenraum Durchgangshalle

o    Der Ostbau ein Sanktuarium, flankiert von Chorflankentürmen, Krypta

o    Das Langhaus unbekannt

o    Vermutlich Querhaus im Osten

Verwandte Beispiele sieht SCHENKLUHN im Regensburger Dom, St. Pantaleon in Köln, der Stiftskirche in Hersfeld.

Im Wesentlichen kann man SCHENKLUHN sicher zustimmen. Die Beispiele, die er anführt, sind eher problematisch und meiner Auffassung nach alle zu früh datiert.

 

Südkirche, Grundriss, Rekonstruktion Phase C1

 

Das noch unbekannte Langhaus ist mit Sicherheit dreischiffig mit basilikalem Querschnitt zu rekonstruieren.

Auch hier beträgt das Breitenverhältnis Mittelschiff zu Seitenschiff 2:1. Ebenso lässt sich der Grundriss unter Voraussetzung des quadratischen Schematismus relativ problemlos rekonstruieren.

Die Empore über der westlichen Durchgangshalle ragte offensichtlich etwas in das Langhaus. Die Krypta war vermutlich nur über die Chorflankentürme zugänglich (wie ursprünglich auch in Speyer geplant, vor Erweiterung der Krypta).

Das Vorhandensein von Nebenapsiden am Querhaus wie am Dom zu Merseburg ist anzunehmen.

Gegenüber dem Dom zu Merseburg ist der Chor in Magdeburg um ein Joch verlängert. Vermutlich benötigte man als Kirche eines Erzbistums mehr Platz im Chor für das Domkapitel. Das Langhaus hatte wieder wie beim Merseburger Dom eine Länge von drei Jochen.

Ich weiß gar nicht, warum SCHENKLUHN so weit entfernte Beispiele heranzieht. In unmittelbarer Nachbarschaft, nördlich des Doms, steht ein fast gleicher Westbau noch aufrecht, der Westbau des Klosters "Unser Lieben Frauen". Im Unterschied zum Bau  Phase C1 sind dort die Treppentürme rund. Vermutlich kam es als Beispiel für SCHENKLUHN nicht in Frage, da die Liebfrauenkirche scheinbar jünger ist. Der Westbau der Liebfrauenkirche entstand nämlich erst nach 1129 (Übrigens entstand nach meinem Dafürhalten die gesamte Liebfrauenkirche einschließlich der Klostergebäude erst ab dem 2. Drittel des 12. Jh.).

Ein etwas späteres Beispiel befindet sich unweit von Magdeburg in Jerichow.

Einen weiteren Datierungshinweis geben die Chorflankentürme. Entgegen der etablierten Forschung sehe ich Chorflankentürme generell erst ab um 1100. Die traditionell zu frühe Datierung von Speyer II, hat auch zur generell zu frühen Einordnung von Chorflankentürmen geführt. Die Chorflankentürme des Doms zu Speyer gehören in die Zeit um 1100 (siehe [MEISEGEIER, 270]). Die Chorflankentürme z. B. des Erfurter Doms entstehen nach 1154.

SCHENKLUHN verweist als Beispiel für die Chorflankentürme in Magdeburg auf den Merseburger Dom. Aufgrund der gefälschten Schriftquellen ist auch der Merseburger Dom deutlich zu früh eingeordnet. Seine ältesten Bauteile gehören nicht dem 11. Jh. sondern der 1. Hälfte des 12. Jh. an.

Letztlich ist nach meiner These das Bistum Merseburg ein Suffragan des Erzbistums Magdeburg, weshalb der Merseburger Dom nur jünger sein kann.

 

 

Links: Westbau der Kirche des Klosters Unser Lieben Frauen in Magdeburg, nach 1129

Rechts: Westbau der Kirche des ehem. Prämonstratenserstifts in Jerichow, Dat. nach 1178 (Untergeschoss), Fertigstellung nach 1240

 

In Magdeburg datiere ich den vorgotischen Vorgängerbau unter dem Dom in die 1. Hälfte des 12. Jh., vielleicht um die Mitte des 12. Jh.

Ich halte es für durchaus denkbar, dass die Bronzetür in der Sophienkathedrale in Nowgorod  ursprünglich für den Magdeburger Dom angefertigt wurde und dort auch eingebaut war. Die Forschung nimmt aufgrund einer Inschrift, die sie für original hält, an, dass die Tür für die Kathedrale von Płock auf Bestellung des Bischofs von Płock unter Vermittlung des Magdeburger Bischofs Wichmann in Magdeburg zwischen 1152 und 1154 angefertigt wurde. In der Kathedrale von Płock ist heute eine Kopie eingebaut. Wie das Original nach Nowgorod gekommen ist, ist bis heute unklar.

Möglicherweise ist die Inschrift, die Bischof Alexander von Płock benennt, doch eine spätere Zutat, wie viele andere dort nachträglich aufgebrachten Inschriften.

Für mich wäre es kaum nachzuvollziehen, dass Wichmann für seinen, vielleicht sogar noch im Bau befindlichen Dom keine so repräsentative Tür anfertigen ließ und sich statt dessen für einen Bischof in einem Sprengel bemühte, welcher gar nicht zu seiner Erzdiözese gehörte.

Dann ergäbe sich aber die Frage, wie die Tür nach Płock kam. Vielleicht im Zusammenhang mit dem Neubau des Doms in Magdeburg im 13. Jh. Vielleicht wurde die Tür verkauft um Geld für den Neubau in die Kasse zu bekommen.

Da für die Forschung im 12. Jh. keine Baumaßnahmen am Magdeburger Dom aktuell waren, wurde diese Möglichkeit anscheinend bisher nicht in Betracht gezogen.

Im 2009 veröffentlichten Zwischenstand [KUHN 2009, 226] bekennt KUHN:

- “dass es wenig gibt, was sich unter dem Dom gesichert dem 10. Jh. zuweisen lässt“

- “vom archäologischen Befund her kann bisher nicht gesichert von einem Beginn der steinernen Sakralarchitektur ab 937 (Moritzkloster) oder ab 955 (Domneubau) im Bereich der Südkirche ausgegangen werden. Der bisherige Befund der Phase C I ließe sich problemlos mit einem Beginn der Bebauung um die Jahrtausendwende vereinbaren“

- “dass – zumindest bisher - keine zwei unabhängig voneinander errichtete Sakralbauten im Sinne eines Moritzklosters und eines neu konzipierten Domes festzustellen sind“

- “Die im Plan von E. Schubert und G. Leopold sogenannte Moritzklosterkirche gibt es in dieser Form nicht – ebenso wie die Westkrypta. Es ist beim gegenwärtigen Ausgrabungsstand nur eine eindeutige Kirche nachweisbar – mit einer Krypta im Osten“

Da eine Westkrypta verneint wird, versucht man die überlieferte Nachricht zum Kirchenneubau ab 1004 mit der Kryptenweihe 1008 auf die von KOCH ausgegrabene Ostkrypta zu beziehen, und Hunfried nur eine Verlängerung dieser nach Westen zuzuschreiben [FORSTER, 21f], sozusagen eine Veraltung der KOCHschen Krypta.

Trotz der für ihn immer noch unklaren Situation hält KUHN den Bau C1 (Südkirche) für den Neubau Taginos von 1004 [2009, 232].

 

Magdeburg - Speerspitze Roms im Investiturstreit

Wie in den Vorbemerkungen zum Eigenkirchenwesen von mir ausgeführt, war die römische Kirche, d. h. das Papsttum, ab der zweiten Hälfte des 11. Jh. bemüht, die ohne ihre Einflussnahme entstandene Landeskirche zu unterwandern und damit ihrem Einflussbereich zu unterwerfen.

Um dieses strategische Ziel zu erreichen, hatte das Papsttum eine Palette von Maßnahmen eingeleitet, darunter z. B.:

o    Eröffnung einer ideologischen Auseinandersetzung um die Einsetzung von Bischöfen (Investiturstreit)

o    Gründung von Reformorden, die der römischen Kirche direkt unterstellt waren und  in denen zukünftige Priester, die der römischen Kirche hörig waren, ausgebildet wurden

o    Einführung des Ehrentitels "Erzbistum", verliehen vom Papst durch Übersendung des Pallium, mit der Berechtigung der Gründung von nachgeordneten Bistümern

o    Herauslösen von bestehenden Klöstern aus der Hierarchie der Landeskirche durch Unterstellen unter die Aufsicht des Papsttums

o    Gründung von Stützpunkten (Klöster) als Vertreter des Papsttums vor Ort

Als einen solchen Stützpunkt sehe ich die Gründung der Nordkirche.

Die gewählte Bauform der Kirche Phase III nach dem Vorbild von Alt-St.Peter dürfte als Demonstration der Zugehörigkeit zur römischen Kirche gedacht gewesen sein.

Im gleichen Kontext sehe ich die m. E. etwas späteren Kopien von Alt-St.Peter in Fulda, in Hildesheim und Mainz.

Vermutlich war Magdeburg kein Bistum, das zum Erzbistum erhoben wurde. Die Erhebung zum Erzbistum ist anscheinend direkt und gegen den Widerstand der Bistümer Halberstadt und Mainz erfolgt.

Vermutlich war das ganz im Osten, am Rand des sächsischen Herrschaftsgebiet gelegene Gebiet noch kirchen-hierarchisches Niemandsland. Eigentlich hätte eine Kirchengründung in diesem Gebiet dem Halberstädter Bistum unterstanden. Die Kirchenorganisation des Bistums Halberstadt hatte sich vielleicht in diesem Gebiet noch nicht etabliert und die Siedlung Magdeburg war möglicherweise noch relativ unbedeutend. Die Erhebung einer Kirchengründung in Magdeburg zum Erzbistum war sicher ein Affront gegenüber dem Altbistum Halberstadt. Letztlich wurde dieser Akt offensichtlich toleriert, vielleicht auch, weil die Konsequenzen noch nicht überschaubar waren.

Die Frage ist, wann das Erzbistum Magdeburg begründet wurde.

M. E. sind die Voraussetzungen für die Gründung des Erzbistums vor Mitte des 11. Jh. überhaupt nicht gegeben.

Ich denke nicht, dass die Erhebung zum Erzbistum schon vor dem Kirchenbau in Magdeburg erfolgt sein kann. Auch denke ich, dass der Kirchenbau erst eine gewisse Ausstrahlung erzeugt haben muss, bevor einem solchen Ansinnen stattgegeben wurde.

Da ich den Bau Phase III (Nordkirche) in der 2. Hälfte des    11. Jh. sehe, jedoch nicht unmittelbar am Anfang dieses Zeitraums (vielleicht um 1070/80), kommt für die Erhebung zum Erzbistum nur das 12. Jh. infrage.

Vermutlich hatte die Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum auf die Altbistümer zunächst keine Auswirkungen. Jedoch ging die Christianisierung der neu eroberten Gebiete im Zuge der Ostexpansion offensichtlich von Magdeburg aus. So wurden die neuen Bistümer Brandenburg, Havelberg, Merseburg, Naumburg und Meißen sämtlich Suffraganbistümer des Erzbistums Magdeburg.

Der Machtzuwachs von Magdeburg bildete den Anreiz für andere Bistümer, ebenfalls zu Erzbistümern erhoben zu werden, so Mainz und Köln.

Dadurch wurde Mainz berechtigt, ebenfalls Suffraganbistümer zu gründen. Die Gründung der Bistümer Erfurt und Würzburg sehe ich in diesem Zusammenhang.

Die Erhebung des Bistums Mainz zum Erzbistum soll in der Amtzeit von Lullus um 780/82 erfolgt sein. "Als Suffragane erhielt er mindestens die Bistümer Worms, Speyer, Würzburg und Eichstätt. Bis 973 kamen noch die Bistümer Konstanz, Straßburg, Paderborn, Halberstadt, Verden, Hildesheim, Chur, Augsburg, Havelberg und Brandenburg (beide bis 968), Prag und Olmütz hinzu, was Mainz zur größten Kirchenprovinz nördlich der Alpen machte." [Wikipedia]

Zumindest bzgl. Havelberg und Brandenburg liegt Wikipedia falsch. Beide gehörten zum Erzbistum Magdeburg. Ob das Bistum Halberstadt wirklich dem Erzbistum Magdeburg unterstand, erachte ich für fraglich, vielleicht erst in späterer Zeit. Nach Wikipedia musste das Bistum Halberstadt unter Bischof Hildeward (968-996) den östlichen Teil seiner Diözese an das Erzbistum Magdeburg abtreten. Logischerweise sehe ich diese Aktion im Zusammenhang mit der Erzbistumsgründung Magdeburgs im 12. Jh.

Die Suffragangründungen von Magdeburg und Mainz gehören sämtlich in das 12. Jh. Alle angeblich früheren Bistumsgründungen gehören m. E. zum mittelalterlichen Konstrukt.

 

In Magdeburg eine Doppelkirchenanlage?

Unter Einbeziehung der unter dem heutigen Dom ergrabenen frühromanischen Kirche, die nach KUHNs Ansicht im           11. Jh. oder sogar schon im 10. Jh. zeitgleich existierte, sieht er den Nachweis einer Doppelkirchenanlage in Magdeburg erbracht [2005, 40].

Nach KUHN lässt sich jedoch das zeitgleiche Vorhandensein zweier Kirchen "nur bedingt mit der schriftlichen Überlieferung bzw. deren bisheriger Interpretation verbinden, denn hier werden überwiegend das Moritzkloster bzw. die erzbischöfliche Kirche gewürdigt" [KUHN 2005, 39f].

In welchem Verhältnis zueinander standen die beiden Kirchenbauten in Magdeburg?

Ich möchte folgendes Szenario entwickeln:

Wie oben bereits ausgeführt, sehe ich den Baubeginn der Nordkirche (Phase III) in der 2. Hälfte des 11. Jh., etwa um 1070/80. Ende des 11./Anfang des 12. Jh. könnte dieser Bau fertiggestellt und geweiht worden sein.

Über das Patrozinium dieser Kirche lässt sich nur spekulieren. Ich glaube nicht, dass dieser Bau schon das Mauritiuspatrozinium besaß.

M. E. beginnt der Kult um den hl. Mauritius erst im 11. Jh. Erst im 11. Jh. wurde in St-Maurice der doppelchörige Kirchenbau (traditionell karolingisch) errichtet, der im Westen das angebliche, über eine Ringkrypta zugängliche Grab des        hl. Mauritius einschloss.

Ob dieser Bau vielleicht die Kirche des Nonnenklosters        St. Laurentius gewesen ist, darauf gibt es nicht einen Hinweis.

Ein weiterer Vorgängerbau Phase II, vielleicht ein einfacher Saalbau, ist keinesfalls ausgeschlossen, aber für das vorliegende Szenario nicht relevant. Vielleicht gehören die Bestattungen im Bereich des Westquerbaus zu diesem.

Nach der Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum durch das Papsttum, vermutlich in der 1. Hälfte des 12. Jh., hielt man die bestehende Kirche Phase III (Kloster?) für nicht mehr attraktiv genug. Die Kirche musste aufgewertet werden.

Durch die Umwidmung der Klosterkirche in eine Bischofskirche war der vermutlich schon bestehende bestehende Konvent überzählig.

Wurde zu diesem Zweck das Kloster "Unser Lieben Frauen" errichtet? Den Baubeginn sehe ich im 2. Drittel des 12. Jh. Den behaupteten Bau des späten 11. Jh. unter Bischof Werner gab es nach meiner Auffassung nicht.

Anscheinend entschied man sich zunächst für einen Umbau der bestehenden Kirche. Die Westapsis wurde in eine Eingangssituation umgebaut. Vermutlich erfolgten auch im Osten Baumaßnahmen, da durch die Änderung der Orientierung das neue liturgische Zentrum im Osten lag.

Offenbar wurden diese Umbauten als nicht ausreichend eingeschätzt, weshalb man sich für eine Erweiterung nach Westen entschied, die ergrabene Bauphase IV. Diese Erweiterung wurde zwar in den Fundamenten angelegt, kam vermutlich jedoch nicht zur Ausführung.

Man entschied sich noch einmal um zugunsten eines kompletten Neubaus an anderer Stelle, südlich der bestehenden Kirche.

Jetzt errichtete man die Südkirche, den vorgotischen Vorgängerbau des heutigen Dombaus.

Der Baubeginn dürfte noch in der 1. Hälfte des 12. Jh. erfolgt sein, die Fertigstellung sicher noch in der 2. Hälfte des 12. Jh.

Diesem Bau würde ich die kostbare Ausstattung zuordnen. Durch den Einbau von Importmaterial und Spolien beabsichtigte man eine besondere Aufwertung des Baus.

Der Bau hatte vermutlich auch für die römische Kirche, das Papsttum, eine herausragende Bedeutung, sozusagen als Einfallstor in die sächsische Landeskirche, weshalb Rom die Ausstattung unterstützt haben dürfte.

Erst dieser Bau dürfte das Mauritiuspatrozinium erhalten haben. Durch die römische Förderung wäre der Erhalt von Reliquien des hl. Mauritius durchaus plausibel. 

Die alte Nordkirche (Phase III und IV) wurde aufgehoben. Sie diente sicher noch eine Zeit als Baustofflieferant, bevor sie im 13. Jh. komplett abgebrochen wurde. Damit hat der Bau keinesfalls lange Zeit als Ruine gestanden wie die Forschung behauptet.

Wenn das von mir entwickelte Szenario zutrifft, wurden die Kirchenbauten Nordkirche Phase III/IV und Südkirche Phase C1 nie parallel genutzt, womit sich die These einer Doppelkirchenanlage in Magdeburg erledigt.

 

Das Grab Ottos des Großen und der Editha

Im Dom wird uns heute ein merkwürdiges Patchwork-Grabmal als das Ottos I. präsentiert. Zwangsläufig sind große Zweifel an der Echtheit anzumelden.

Im Zusammenhang mit dem Grab Otto I. ist auch das Grab der Editha, der angeblich ersten Ehefrau Otto I. zu betrachten, die nach den Schriftquellen 946 in der Moritzklosterkirche begraben worden sein soll.

Am 22.01.09 ging die Meldung durch die Presse, dass der Sarg der Königin Editha im Magdeburger Dom entdeckt worden sei. Der Bleisarg, der laut späteren Inschrift die sterblichen Überreste der Königin Editha (910-946) enthält, wurde im Editha-Kenotaph gefunden, der damit eigentlich ein Hochgrab war. Bislang war man davon ausgegangen, dass der Kenotaph ohne Grab sei.

Darüber hinaus wurde beim Rückbau des Editha-Hochgrabes in seinem Fundament ein Sandsteinsarkophag entdeckt. Daneben fand man weitere Werksteinteile. KUHN [2012, 22] sieht darin „Reste eines älteren Grabmals, offenbar das der Editha“. Den Sandsteinsarkophag datiert KUHN in das 10. Jh. bis 2. Viertel 13. Jh. „Es darf als wahrscheinlich gelten, dass es sich um einen früheren Sarkophag der Editha handelt“ [2012, 22]. Das Material ist Bernburger Sandstein, der auch beim Maßwerk des 13. Jh. Verwendung fand. „Allerdings ist auch eine Verwendung dieses Sandsteins im Bereich der Vorgängerkirche durch die aktuelle Forschungsgrabung spätestens für das 12. Jh. belegt“ [2012, 22]. KUHN hält den Sarkophag für den originalen Sarkophag von 946.

Um die Identität der Bestattung zu klären, wurde ein beachtlicher Stab von Wissenschaftlern beschäftigt. So wurden die Radiologie, die Anthropologie, die C14-Datierung, die Textilanalyse, die Chemie, die Entomologie, die Botanik und die Mineralogie bemüht. Die Ergebnisse sind im 2012 erschienenen Sonderband 18, Archäologie in Sachsen-Anhalt veröffentlicht.

Am 17.06.2010 wurden mit großer Erleichterung die Ergebnisse der Untersuchung der sterblichen Überreste der Königin Editha verkündet: "Es ist Editha". Die Strontiumisotopenanalyse soll eindeutig belegt haben, dass die bestattete Frau im südenglischen Wessex in der Gegend von Winchester aufgewachsen sei. Die C14-Untersuchung habe zwar ein ca. 200 Jahre älteres Sterbedatum ergeben, aber Editha soll viel Fisch gegessen haben, weshalb das Ergebnis verfälscht ist. Das sei ein bekannter Effekt, argumentieren die Wissenschaftler. (Was für eine "wissenschaftliche" Methode, deren Ergebnisse beliebig interpretierbar sind?) Damit ist die Datierung m. E. völlig offen.

Wie schon in den Vorbemerkungen ausgeführt, sind für mich die Ottonen als Herrscherdynastie erfunden. Sie sind ein Konstrukt frühestens des 12./13. Jh.

Allein aus diesem Grund können diese Bestattungen keinem im  10. Jh. verstorbenen Otto I. bzw. seiner zuvor verstorbenen Gattin zugehören.

EHLERS vermerkt offensichtlich irritiert: „Es bleibt der Hinweis auf das merkwürdige Schweigen der Magdeburger Quellen zu Otto I. und seiner Gemahlin Edgiths Bestattungen im Dom. Kaum eine früh- oder hochmittelalterliche Auskunft ist über den Umgang mit den beiden Gräbern zu finden, wie schon öfters bemerkt wurde. Waren sie den Magdeburgern wirklich so unwichtig?“ [EHLERS, 238]

Auch die in den obigen Abschnitten skizzierte Rekonstruktion der Baugeschichte verbietet die Annahme, dass diese Bestattungen die Ottos I. und Edithas sind.

Mit diesen "Bestattungen" sollte die um die Ottonen gestrickte Geschichte Glaubwürdigkeit erlangen, was bis heute offensichtlich gut funktioniert hat.

Ich halte das im Magdeburger Dom präsentierte Grab Ottos I. für eine bewusste Falschzuschreibung im Rahmen der Schaffung der Ottonenlegende.

Ich möchte nicht ausschließen, dass es eine echte Bestattung eines Otto im Magdeburger Dom gegeben hat. In Frage käme hierfür das Grab des Sachsenherzogs Otto IV. (geb. 1175/76, gest. 1218, von 1209-1218 angeblich dt. Kaiser), dessen Vater Heinrich (der Löwe) hieß und Herzog von Sachsen war und dessen Mutter Mathilde hieß und eine englische Königstochter war. Was für eine merkwürdige Übereinstimmung mit Otto dem Großen der Geschichtsbücher.

Seine Jugend soll Otto IV. am Hof Heinrich II. in England und Frankreich verbracht haben. Für ihn ist eine enge Verbindung zum Papst überliefert. Sein Grab im Braunschweiger Dom ist nur durch eine moderne Gedenktafel zu Füßen seiner Eltern markiert. Eine richtige Grabstelle gibt es nicht. Er soll den Magdeburger Dombau besonders gefördert haben.

Bei seinem Tod 1218 war der noch heute stehende Magdeburger Dom gerade im Bau. Im Zusammenhang mit der Kreation der Ottonenlegende könnte aus dem Grab Otto IV. das Grab Kaiser Otto I. geworden sein.

Die sinnstiftende Erzählung (Narrativ) um die Ottonen war möglicherweise schon im 13. Jh. ausgeformt. Dafür sprechen vielleicht die Putzritzungen am Obergeschoss des Kreuzgang-Ostflügels. Diese werden traditionell um 1240 datiert. Neben Otto dem Großen sind links Adelheid und rechts Editha dargestellt. Die Darstellung Ottos und seiner (angeblich) beiden Ehefrauen wird von 19 Magdeburger Erzbischöfen flankiert. Als letzter ist Erzbischof Burchard (1234/35) dargestellt, weswegen die Bildnisse um 1240 datiert werden. Sie sollen natürlich auch stilistisch gut in diese Zeit passen [SCHUBERT, 205].

Neunzehn Erzbischöfe vor 1240 sind aus meiner Sicht etwas schwierig (aber vielleicht nicht unmöglich!), da das Erzbistum real erst gute einhundert Jahre existierte, was einer durchschnittlichen Episkopatdauer von ca. 6 Jahren entspräche.

Vielleicht sind die Putzritzungen auch jünger. Die zeitliche Einordnung der Bischöfe ist möglicherweise konstruiert. Die Bischöfe sind zwar mit Spruchbändern namentlich benannt, jedoch ohne jegliche Datierung.

Zum Grab der Editha:

War die bestattete weibliche Person vielleicht eine Person aus dem Umfeld Ottos (IV.)?

Vielleicht hat der Erfinder des Narratives um die Ottonen nicht alles frei erfunden, sondern auch reale Personen (des 12. Jh.!) in die Geschichte eingewebt. Analog der Genealogie Ottos, für die anscheinend die zeitgenössischen Welfen Pate standen.

Editha soll nach Wikipedia die Tochter Eduards des Älteren von Wessex und Ælflaedas und Halbschwester König Æthelstans gewesen sein.

Wie ich im Anhang zur Geschichte Mitteldeutschlands ausführe, sehe ich das Bestehen der angelsächsischen Herrschaft in England mindestens bis in das 12. Jh. Die normannische und dänische Herrschaft ist m. E. ein Konstrukt wie die früh- und hochmittelalterliche Kaiserzeit im deutschen Raum. Die Genealogie der Editha ist unzweifelhaft konstruiert. Sie soll ja sogar Enkelin Alfreds des Großen und Nachfahrin des hl. Oswald gewesen sein.

Die Verbindung der Welfen zum angelsächsischen Bereich ist jedoch nachvollziehbar.

Vermutlich ist auch die Biographie Ottos IV. zum guten Teil konstruiert. Seine angeblichen Ehen mit Beatrix von Schwaben (1212) und 1214 mit Maria von Brabant sind vielleicht anzuzweifeln.

War Editha vielleicht eine angelsächsische Adlige des 12. Jh., die im Zuge der Schaffung des Ottonen-Narratives veraltet wurde?

Editha war vielleicht seine verstorbene erste (?) Ehefrau (?) aus seiner Zeit in England.

Nach der traditionellen Geschichte kehrte Otto erst kurz vor Ende des 12. Jh. aus England zurück. Es ist also durchaus möglich, dass er mit seiner Ehefrau nach Sachsen zurückkehrte. Damit dürfte diese um die Jahrhundertwende noch gelebt haben.

Da der Dom 1207, also kaum zehn Jahre nach Ottos Rückkehr aus England, abgebrannt sein soll, müsste sie, falls ihre Bestattung im Vorgängerbau des Doms zutreffen sollte, in diesem Zeitraum verstorben sein.

Die Wissenschaftler, die die Bestattung der Editha akribisch untersucht haben, haben festgestellt, dass diese Person in England aufgewachsen sei.

Möglicherweise war der im Fundamentsockel geborgene Sarg der ursprüngliche Sarg des Edithagrabes des späten 12. bzw. frühen 13. Jh. Der Sarg muss damals nicht unbedingt neu gefertigt worden sein. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ein vorhandener älterer Steinsarg eine Wiederverwendung fand. Die von KUHN [2012, 23] beschriebenen Abarbeitungsspuren könnten auch von einer nachträglichen Anpassung stammen.

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis:

Brandl, Heiko / Jäger, Franz (2005): Überlegungen zur Identifizierung der archäologisch nachgewiesenen, bisher unbekannten Kirche auf dem Magdeburger Domplatz. In: Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 3, Halle (Saale), 55-61

Ehlers, Caspar (2010): Beabsichtigte Lothar III. seine Beisetzung in Magdeburg? Ein Diskussionsbeitrag,. In: Aufgedeckt II. Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 13, S. 235-238

Forster, Christian (2010): Die archäologischen Altgrabungen im Magdeburger Dom. In: Aufgedeckt II. Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 13, S. 9-30

Helten, Leonhard (2005): Der "neue" ottonische Kirchenbau am Magdeburger Domplatz. In: Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 3, Halle (Saale), 63-90

Jacobsen, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München, Nachtragsband, 260-261 und 424-425

Kuhn, Rainer (2004): Fund des Monats 2003. Von den zwei Kirchen auf dem Magdeburger Domhügel. http://www.archlsa.de/funde-der - monate/03.03/index.htm (Stand 19.07.2004)

- (2005): Die ottonische Kirche am Magdeburger Domplatz. Baubefunde und stratigraphische Verhältnisse der Grabungsergebnisse 2001-2003. In: Aufgedeckt. Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 3, Halle (Saale), 9-49

- (2009): Die Kirchen des Domhügels. Überlegungen zu ihrer Identifizierung nach den Grabungen. In: Aufgedeckt II. Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 13, Halle (Saale), 221-234

- (2012): Die Grablege von Königin Editha – Ein Zwischenbericht. In: Königin Editha und ihre Grablegen in Magdeburg. Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 18, Halle (Saale), 9-31

Leopold, Gerhard (1983): Der Dom Ottos I. zu Magdeburg. Überlegungen zu seiner Baugeschichte. In: Architektur des Mittelalters. Funktion und Gestalt. Weimar, 63-83

Leopold, Gerhard / Schubert, Ernst (2001): Magdeburgs ottonischer Dom. In: Otto der Große. Magdeburg und Europa. Band I (Essays). Hrsg. von Matthias Puhle. Mainz, 353-366

Meisegeier, Michael (2017): Der frühchristliche Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers. Versuch einer Neueinordnung mit Hilfe der HEINSOHN-These. BoD Norderstedt

Nawrath, Thomas (2006): Suche nach dem Dom von Kaiser Otto. mz-web.de vom 31.08.06

Schenkluhn, Wolfgang (2009): Zum Westabschluss des vorgotischen Magdeburger Doms. In: Aufgedeckt II. Forschungsgrabungen am Magdeburger Dom 2006-2009. Sonderband 13, Halle (Saale), 161-171

Schmidt, Gerald (2003): Neues vom Magdeburger Domhügel oder Wo wurde Kaiser Otto I. begraben?; In: ZEITENSPRÜNGE 15 (2) 383-395

Schubert, Ernst (1984): Der Magdeburger Dom. Leipzig

Untermann, Matthias (2006): Architektur im frühen Mittelalter. Darmstadt

 

Zurück

 

Letzte Bearbeitung dieser Seite: 20.03.2019

 

Impressum