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Meißen, Dom St. Johannis und St. Donati

Thietmar von Merseburg berichtet, dass Heinrich I. im Winter 929 die Burg Meißen gegründet hat [MRUSECK, 266]. Im weiteren soll 968 Otto I. dann das Bistum Meißen gegründet haben. Auch hier haben wir wieder den Pseudepigraphen Thietmar des 12. Jh. Die von ihm gelieferte Beschreibung der Ereignisse im Zusammenhang mit der Gründung der Burg Meißen sind aus meiner Sicht frei erfunden. In seinem 12. Jh. besteht freilich der Meißener Dom bereits.

Wie im Abschnitt zum Magdeburger Dom bereits angerissen, halte ich die Gründung des Bistums Meißen im Jahr 968 wie auch die angebliche zeitgleiche Gründung der Bistümer Merseburg und Zeitz für zumindest fraglich. Ich ordne diese Gründungslegenden dem im   12. Jh. geschaffenen Konstrukt der Ottonengeschichte zu.

Gerade für Meißen erscheint dieses frühe Gründungsdatum problematisch. Der früheste archäologisch nachgewiesene Kirchenbau stammt aus dem Anfang des 12. Jh. (siehe unten). Die traditionelle Geschichte sieht zuvor nur einen Kapellenbau als Bischofskirche. Hat der Bischof von Meißen fast 150 Jahre auf einen repräsentativen Kirchenbau verzichtet? Im Vergleich zu anderen Bischofskirchen wie Magdeburg oder Halberstadt oder auch Mainz wartete man keine 30 Jahre mit einem Neubau, wobei dort die ersten Kirchenbauten schon recht stattlich waren, auf keinen Fall nur eine Kapelle.

MRUSECK [267] vermerkt weiterhin: "Über die Frühzeit des Bistums wissen wir wenig." Grundbesitzschenkungen sollen erst seit 995 erfolgt sein [MRUSECK, 267]. "Die erste Kathedralkirche dürfte, ähnlich wie in Merseburg und auch Zeitz, zunächst die ältere Burgkirche aus der Zeit Heinrich I. benutzt worden sein, deren Reste unter dem Chor des heutigen Domes nachgewiesen sind." [MRUSECK, 267] Wie aus nachstehenden Grundriss [MRUSECK, 368] ersichtlich, sind die vermeintlichen Reste des vorromanischen Doms örtlich auf die Innenseite von Apsis und Chor des sog. frühromanischen Doms beschränkt. Ich halte diese Interpretation der Grabungsergebnisse für eine Fehlinterpretation, allein aus dem Grund, weil man unbedingt vorromanische Reste finden wollte.

 


 

Interessant sind die Ausführungen von GURLITT zu den "ottonischen" Resten. "Die Grabungen ... deckten im Chor des heutigen Domes die Grundmauern eines Baues von 5 m lichter Weite und bis zu 11 m nachweisbarer Länge auf, der gegen Osten mit einer halbkreisförmigen Apsis geschlossen war. Die Wandstärke der Ummauerung betrug 1,45 m. Das Mauerwerk bestand aus einer Verblendung mit Sandstein und hinter diesem aus Gußwerk, also einer Technik, die bis ins späte Mittelalter vielfach nachweisbar ist. ... Dombaumeister Hartung hält den untersten Raum für den Ottonischen Bau und spricht ihn seiner bescheidenen Abmessungen wegen als Kapelle an. ... Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein so bescheidener Raum bis zum Bau des romanischen Domes für das Bistum ausgereicht habe, ... Es ist daher viel näherliegend, in jenem Raum die Krypta (Fig. 3) des romanischen Domes zu sehen, über der ein Hoher Chor gelegen haben dürfte." [GURLITT, 1-3]

Von 1006 bis 1073 soll der frühromanische Vorgängerbau des bestehenden Doms errichtet worden sein. MRUSECK dazu: "In dieser Zeit muss auf dem Meißner Burgberg die frühromanische Bischofskirche entstanden sein. Dies geschah wohl auf Anordnung Heinrich II." [MRUSECK, 267] Beide Aussagen klingen ziemlich vage. Offensichtlich gibt es keine Baunachrichten über den Domneubau.

Schon LEHMANN bezweifelt die Datierung in das 11. Jh. Er ist der Meinung, dass dieser Bau in den Anfang des 12. Jh. gehört [MRUSECK, Fußnote 136, 401]. LEHMANN schreibt: "Von der historischen Wahrscheinlichkeit her gesehen, kommt als Bauherr - mindestens für einen tatkräftigen Beginn des neuen Dombaues - am ehesten Bischof Godebold (1119/40) in Frage." [MRUSECK Fußnote 136, 401]

OSWALD hält die Entstehung eines Kirchenneubaus zwischen 1006 und 1073 für "eine unhaltbare moderne Konstruktion" [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 202]. Nach ihm die ergrabenen Reste einer dreischiffigen Basilika vielleicht von der Wiederherstellung durch Bischof Benno dem Heiligen (1066-1106). Die Mauerzüge eines langgestreckten Raumes mit apsidialen Ostschluss - vielleicht Umfassungsmauern einer Krypta -  sieht er im 10. Jh. [ebd., 202]. JACOBSEN bestätigt die Spätdatierung der Vorgängerbasilika durch OSWALD, jedoch hält er das ergrabene Apsidenmauerwerk nicht für einen älteren Bau, sondern sieht dessen Zugehörigkeit zur ergrabenen Basilika. Wie GURLITT sieht er darin die romanische Krypta des Vorgängerbaus. [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 271]

Bis zur Übernahme der Markgrafschaft Meißen durch die Wettiner im Jahr 1089 war das Gebiet um Meißen andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen und wechselnder Herrschaft ausgesetzt. In dieser Zeit dürften die erforderlichen Randbedingungen für die Errichtung eines großen Kirchenbaus, wie stabile Herrschaft und Fananzierung, eine über Jahrzehnte funktionierende Bauhütte und eine intakte Infrastruktur, nicht gegeben sein. Solche politischen Verhältnisse dürften erst mit der Übernahme der Markgrafschaft durch die Wettiner ab Ende des 11. Jh. vorgelegen haben.

Die ergrabenen Grundmauern lassen auf eine dreischiffige Basilika im gebundenen System mit Ostquerarm, quadratischem Chor mit eingezogener Hauptapsis und Querhausapsiden, Westquerriegel oder Doppelturmfassade mit Westempore schließen. GURLITT rekonstruiert über den östlichen Seitenschiffsjochen Türme. Da er den Haupteingang auf der Südseite sieht, rekonstruiert er den Westbau ohne Westzugang und vermutet sogar einen Westchor. Das ist jedoch keinesfalls zwingend, z. B. verfügt der Freiberger Dom trotz prachtvollem Portal auf der Südseite über einen Westeingang.

Bis auf die Türme im Osten, die ich ebenfalls nicht für erwiesen halte, gleicht der Grundriss dem Grundriss zahlreicher Kirchen der 2. Hälfte des 12. Jh. (Hecklingen, Freiberg, Frose, Freyburg, Wechselburg). Die Verwendung des gebundenen Systems passt auch wesentlich besser in das 12. Jh. als ein Jahrhundert früher.

Ich sehe den Dombau in Meißen nicht vor dem 12. Jh., möglicherweise sogar erst im fortgeschrittenen 12. Jh.

 

 

 

ergrabener Grundriss, aus  [GURLITT, 5]

 

 

Rekonstruktion des Grundrisses, aus  [GURLITT, 7]

 

 

Literaturverzeichnis:

Gurlitt, Coenelius (1919): Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler in Sachsen. Heft 40 Meißen (Burgberg). Dresden

Jacobsen, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. Nachtragsband, München, 271

Mrusek, Hans-Joachim (1976): Drei sächsische Kathedralen. Merseburg - Naumburg - Meißen. Dresden

Oswald, Friedrich / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1990): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen, München (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1966-1971), 202

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 20.10.2016

 

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