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Memleben, St. Maria

Alle bisherigen Rekonstruktionen basieren auf der konstruierten Geschichte des ottonischen Herrscherhauses, so dass eine grundlegende Neubetrachtung zwingend notwendig ist.

Memleben ist sogar im Hersfelder Zehntverzeichnis mitsamt seiner Burgenliste (8. Jh.) aufgeführt, womit die Geschichte Memlebens angeblich bis in die Karolingerzeit reicht. Um es vorwegzunehmen: Archäologisch kann Memleben nichts Karolingisches vorweisen [SCHMIDT, 313f]. Mehr noch: Auch die ottonische Pfalz und die ottonische Kirche (um 950), der Vorgängerbau der ergrabenen Marienkirche, in der Otto I. nach seinem Tod aufgebahrt gewesen sein soll, sind bisher nicht gefunden worden.

Wie für Quedlinburg sind wieder Widukind und Thietmar die Lieferanten für die Falschinformationen. So berichtet Widukind von Corvey, dass Heinrich I. in Memleben starb und in Quedlinburg beigesetzt wurde. Thietmars Chronik enthält die Nachricht, dass auch Otto I. in Memleben starb und in der von ihm gegründeten Marienkirche aufgebahrt wurde, ehe er in Magdeburg endgültig sein Grab erhielt.

Glaubte man blind den "Quellen", könnte man auf ein Baudatum "um 950" zu schließen.

Die in geringen Teilen noch existierende bzw. ergrabene Marienkirche soll nach LEOPOLD [1983, 171f] eine ungewöhnlich große, streng symmetrische, doppelchörige Basilika mit zwei Querhäusern im quadratischen Schematismus sowie mit ausgeschiedener Vierung gewesen sein. Erst mit St. Michael in Hildesheim (um 1015) ist ein vergleichbarer Bau bekannt.

JACOBSEN [JACOBSEN / SCHAEFER / SENNHAUSER, 273] zweifelt an einer sehr frühen Datierung: "Jedoch deuten Form und Größe der Kirche sowie ihre Krypta weniger auf eine Pfalzkapelle als vielmehr auf eine monastische Anlage. Damit vielleicht doch erst in der kurzen Prosperitätsphase der jungen kaiserlichen Abtei zwischen ca. 980 und 1015 errichtet?"

Für SCHUBERT [38f] und UNTERMANN [181] ist die Memlebener Kirche die Grabkirche Otto II. (973-983), der 983 unerwartet in Rom stirbt und in der Vorhalle der Peterskirche beigesetzt wurde. Mit dem Tod Otto II. ist das Schicksal der Marienkirche besiegelt. Der Bau wird nicht weitergeführt. Ob Otto II. darüber hinaus das 981 vorübergehend aufgehobene Bistum Merseburg nach Memleben holen wollte, bleibt Spekulation. Wenn SCHUBERT Recht hat, so wäre bereits um 980 eine überaus zukunftweisende Kirche in Memleben entstanden, dann wäre die Hildesheimer Michaelskirche - bisher als architektonischer Höhepunkt ottonischer Architektur gefeiert - ein 35 Jahre späterer Nachfolgebau der Memlebener Kirche. UNTERMANN [181] verweist bei der Grundrisslösung auf den Kölner Dom und sieht für Hildesheim ein Wiederaufgreifen durch Bischof Bernward, wobei nicht klar sei, ob die Memlebener Kirche schon so modern war wie St. Michael. Ihm erscheint jedoch ungewöhnlich der Verzicht auf einen monumentalen, vielräumigen Westbau, wie er angeblich "seit spätkarolingischer Zeit zu großen Kloster-, Stifts- und Damenstiftskirchen gehörte" [181].

Auch SCHMITT [281f] hält es für möglich, dass der Bau als Grablege für das Stifterpaar Otto II. und seine Frau Theophanu vorgesehen war. Ihn verwundert die Eile beim Bau sowie der Verzicht auf die Ausführung der beiden Krypten. Zur Datierung vermerkt SCHMITT: "Eine Einordnung ins 10. Jahrhundert ist aber bisher niemals bestritten worden."

Für die Zeit um 980 und erst recht noch früher halte ich einen solchen Bau – auch im Vergleich mit den bescheidenen Anfängen in Quedlinburg und auch in Halberstadt – für unmöglich

Ein Zeitansatz könnte wegen der ähnlichen Grundrisslösung die Michaelskirche in Hildesheim bieten, die um 1015 durch Bischof Bernward errichtet wurde. Die Memlebener Anlage, dürfte frühestens zeitgleich oder später erbaut worden sein.

Welchem Umstand verdankt eigentlich ein Ort wie Memleben – dessen „hochberühmte“ ottonische Pfalz bis heute nicht aufgefunden werden konnte – als Sterbeort des ersten deutschen Königs und des ersten deutschen Kaisers in die Geschichte einzugehen? Wem nützte ein solches Konstrukt? Wenn man davon ausgeht, dass Memleben als Sterbeort eine freie Erfindung Wibalds ist, ist der Nutznießer dieses Konstrukts in Wibalds Zeit zu suchen. Seit Heinrich II. soll sich Memleben im Besitz der Hersferder Abtei befunden haben. Nur sie konnte von einer solchen ruhmvollen Vergangenheit profitieren. Für mich wären zwei Motive denkbar:

a) Die schriftliche Legimitation der umfangreichen Besitztümer der Hersfelder Abtei um und einschließlich Memleben. Ich denke, dass dieses Motiv nicht zutrifft, da die Erwähnung in einer Chronik hierfür ungeeignet ist. Für diesen Zweck hätte man besser eine Urkunde erstellt. Zum anderen liefert dieses Motiv keine Lösung für die vermeintliche ottonische Kirche.

b) Das Hersfelder Kloster beabsichtigt in der 1. Hälfte oder Mitte des 12. Jh. die Errichtung einer Probstei auf seinen Gütern in Memleben. Für die Probsteikirche wird eine klangvolle Vergangenheit gewünscht. Wibald wird durch das Kloster Hersfeld beauftragt, eine solche zu schaffen. Da die Ottonen sein Lieblingsmotiv darstellen, kreiert er Memleben zum Sterbeort von Heinrich I. und Otto I.

Im 12. Jh. wurde auch mit dem Bau begonnen. Ich denke, dass die heute noch sichtbaren und ergrabenen Reste des „ottonischen“ Baus der angefangene Bau des 12. Jh. ist.

Möglicherweise wurde in Anlehnung an die große „ottonische Vergangenheit“ bewusst eine Grundrissform gewählt, die an die großen ottonischen Kirchen erinnerte, die aber an sich in der 1. Hälfte des 12. Jh. bereits nicht mehr zeitgemäß war. Auch in der Größe der Kirche hatte man sich wohl etwas vertan.

Für einen Bau des 12. Jh. sind die ausgeschiedene Vierung und der quadratische Schematismus kein Novum sondern die Regel. Die Lisenengliederung außen und Wandvorlagen innen der Westapsis [JACOBSON / SCHAEFER / SENNHAUSER, 273] sind im 12. Jh. auch besser aufgehoben als im 10. Jh. Die damalige Errichtung einer doppelchörigen Anlage liegt fast auf der Hand. Der Westchor war mit Sicherheit für die Verehrung des angeblichen Stifters Otto I. (und seines Vaters?) vorgesehen. Die Hildesheimer Kirche St. Michael dürfte als Vorlage gedient haben. Die Anlage eines zusätzlichen Westchors neben dem Hauptchor im Osten ist im 12. Jh. durchaus nicht außergewöhnlich. Denken wir an Gernrode, wo im 12. Jh. der Westbau zu einem Westchor mit Apsis und Krypta umgebaut wurde. Der Naumburger Dom erhält noch im 13. Jh. einen Westchor zum Stiftergedenken.

Nach LEOPOLD wurde die Westkrypta nie fertig gestellt [LEOPOLD 1976, 10ff].

Ich bin der Ansicht, dass der gesamte Bau eingestellt und nicht mehr fortgeführt wurde. Man hatte sich offensichtlich dramatisch übernommen. Möglicherweise angesteckt durch das ziemlich dicke Auftragen Wibalds bei der Erschaffung der Klostergeschichte.

Nach SCHMITT bezeugen die vorhandenen Baureste (Putz und Aussparung für den hölzernen Fensterrahmen), dass die Kirche in einem nutzungsfähigen Zustand gebracht worden sei [281]. Diese Ausbaureste könnten aber auch aus einer späteren Nachnutzung der Ruine herrühren. Die Fläche wird sicher nicht ungenutzt geblieben sein.

Nach LEOPOLD war der bestehende Bau „für den neuen, dem Kloster Hersfeld unterstellten Mönchskonvent viel zu groß“ und man errichtete „in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine den tatsächlichen Bedürfnissen entsprechende kleinere Kirche“ [1976, 12]. Der dem Kloster Hersfeld unterstellte Mönchskonvent war der erste in Memleben angesiedelte Mönchskonvent und in diesem Sinne natürlich neu.

Anfang des 13. Jh. wurde dann eine Probsteikirche in wesentlich bescheideneren Proportionen erbaut.

Mit einem solchen Ansatz beantwortet sich auch die Frage nach einem Vorgängerbau eindeutig. Es gab keinen! Bei den Grabungen durch LEOPOLD wurde auch nichts dergleichen gefunden.

 

aus [LEOPOLD 1983a, 171]

 

Literaturverzeichnis:

Jacobsen, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. München, Nachtragsband, 273

Leopold, Gerhard (1976): Das Kloster Memleben. Das christliche Denkmal Heft 96, Berlin

- (1983): Archäologische Forschungen an mittelalterlichen Bauten. In: Denkmale in Sachsen-Anhalt. Weimar, 163-189

Schmidt, Gerald (2002): Karolingische Spuren auf der „Straße der Romanik“. In: ZEITENSPRÜNGE 14 (2) 309-324

Schmitt, Reinhard (2006): Memleben. In: Die Ottonen. Kunst-Architektur-Geschichte. Hrsg. von Laus Gereon Beuckers, Johannes Cramer und Michael Imhof. Petersberg, 279-282

Schubert, Ernst (1989): Magdeburg statt Memleben? In: Baukunst und Bildkunst im Spiegel internationaler Forschung, 35-40

Untermann, Matthias (2006): Architektur im frühen Mittelalter. Darmstadt

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 18.09.2016

 

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