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Ohrdruf, St. Peter

Völlig unscheinbar und unaufgeregt wird im Jahrbuch des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins von 2014 ein Artikel veröffentlicht, der in Ohrdruf "die älteste Steinkirche Thüringens" verortet. Im Rahmen von baubegleitenden archäologischen Untersuchungen im Schloss Ehrenstein in Ohrdruf, die zwischen 2007 und 2012 vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie durchgeführt worden sind, glaubt man, die frühe Baugeschichte der ehemaligen Peterskirche in Ohrdruf abgeklärt zu haben.

Schriftliche Überlieferung

Nach den Quellen soll bereits Bonifatius im Jahr 725/26 ein Kloster St. Michael gegründet haben. Von diesem Kloster sind offensichtlich keine Spuren zu finden. Darüber hinaus muss festgestellt werden: "Eine frühmittelalterliche Siedlung ... ist im archäologischen Kontext nicht nachweisbar" [HOPF/MÜLLER, 43]. Es "liegen lediglich Funde und Befunde zu einer Siedlungstätigkeit von der Latène- bis zur Römischen Kaiserzeit vor (1. Jh. vor bis 3. Jh. nach Chr.). ... Für die Zeit vom ausgehenden 3. Jh. bis in das 8. Jh. sind für Ohrdruf keine Funde oder Befunde nachweisbar." [ebd., 43].

Im 8. Jh., genauer im Jahr 777 soll durch Lul eine weitere Kirche in Ohrdruf gegründet worden sein, die Kirche St. Peter.

Die Quellen berichten für das Jahr 1184 von einem Brand, bei dem offensichtlich die Ausstattung schweren Schaden erlitten hat. Die Kirche wurde neu aufgebaut [Ebenda, 48]. Also hat bei dem Brand offensichtlich nicht nur die Ausstattung, sondern auch der Bau selbst erheblichen Schaden genommen. Beim Neubau wurde das Langhaus um 17 m verlängert und in eine dreischiffige Basilika umgewandelt [ebd., 48].

Die letzten Umbauten sollen um 1300 erfolgt sein, wobei der Chor einen 3/8-Abschluss erhielt und im Westen ein quadratischer Westturm errichtet wurde.

Der Kirchenbau nach den Grabungen und die Einordnung durch HOPF

Nach HOPF/MÜLLER wurde die Kirche des 8. Jh. im Bereich des Nordflügels des Schlosses Ehrenstein ergraben. "Der archäologische Befund zeigt, dass hier unmittelbar auf der Kulturschicht der Siedlung des 3. Jahrhunderts der Bauhorizont einer steinernen Kirche liegt" [ebd., 44]. Bis zum 10. Jh. liegen keine weiteren Nachrichten zu Ohrdruf vor [ebd., 45].

Bemerkenswert sind schon die fehlenden archäologischen Funde und Befunde von der römischen Kaiserzeit bis dem angeblich im 8. Jh. errichteten Kirchenbau. Sollte - wovon ich ausgehe - dieser Kirchenbau nicht dem 8. Jh. angehören, sondern viel später sein, so wird die archäologische Lücke noch deutlicher. Erinnern möchte ich an dieser Stelle, dass LEOPOLD auf dem Quedlinburger Burgberg  ebenso eine Besiedlungslücke zwischen der römischen Kaiserzeit und dem 10. Jh. festgestellt hat (siehe Abschnitt zu Quedlinburg). Für Erfurt gibt es übrigens einen ähnlichen Befund (siehe Abschnitt zu Erfurt).

Nach den archäologischen Untersuchungen war die erste Kirche ein ca. 22 m langer Bau, bestehend aus einem "fast quadratischen Langhaus mit einer Größe von 13,50 Meter x 13,50 m und einem nur wenige Zentimeter eingezogenen Chor mit 6 Metern Länge und vermutlich ehemals drei Apsiden, von denen die südliche in ihrer Gründung noch zum Teil vorhanden ist" [ebd., 44].

HOPF sieht in diesem Bau die durch Lul gegründete Kirche. Er stützt sich auf die schriftliche Überlieferung sowie auf C14-Proben von südlich der Apsis aufgefundenen Skeletten mehrerer Reihengräber. Die C14-Untersuchung soll eine jüngstmögliche Datierung auf die Jahre 781/782 ergeben haben.

Um 980 soll die Kirche des 8. Jh. eine Vergrößerung erfahren haben, "die einem Neubau gleichkam" [ebd., 47]. Der Neubau war eine kreuzförmige Anlage mit sehr kurzem, dreischiffigem Langhaus und einem quadratischen, apsidial geschlossenen Chor mit einer Hallenkrypta unter dem Chorquadrat, die in das Querhaus hineinragte. Dieser Umbau bzw. Neubau wird von HOPF aufgrund der C14-Datierung einer Bestattung in einem Doppelsteinkistengrab südlich des Querhauses um 980 datiert.

Alternative Rekonstruktion der Baugeschichte

Hinsichtlich ihrer zeitlichen Einordnung der aufgefundenen Bauten kann ich HOPF und MÜLLER nicht folgen. Ich sehe die erste Kirche auf jeden Fall nach 1100. Die Ausgräber scheinen keine Spuren einer Gliederung von Langhaus und Chor in Schiffe gefunden zu haben, wenigstens wird in dem Artikel nichts darüber ausgesagt. Die Raumbreite von deutlich mehr als 10 m von Langhaus und Chor machen eine Zwischenstützung sehr wahrscheinlich, auch wenn diese nicht gefunden wurde. Der dreiapsidiale Chor weist auf eine dreischiffige Anlage hin. Ich gehe davon aus, dass der Bau kein Dreiapsidensaal war, wie er verschiedentlich im südlichen Alpenraum anzutreffen ist. Dazu würde auch das westlich anschließende Langhaus nicht passen.

Der Chorgrundriss gleicht dem einer Reformorden-Kirche, ein apsidial geschlossener etwas breiterer Hauptchor, begleitet von zwei ebenfalls apsidial geschlossenen Nebenchören. Ob die Apsiden von Hauptchor und Nebenchören wirklich parallel lagen, wie die Rekonstruktion von HOPF zeigt, oder der Hauptchor etwas weiter nach Osten vorsprang, was ich für wahrscheinlich erachte, konnte offensichtlich nicht ermittelt werden. Die Hauptapsis konnte durch die Grabungen nicht nachgewiesen werden. Zu einer Reformordenkirche passt auch das Nichtvorhandensein einer Krypta. Seit dem 13. Jh. sind Augustinerchorherren in St. Peter bezeugt [ebd., 48]. Die Augustiner-Chorherren sind im 11. Jh. reformierte Kanoniker (regulierte Chorherren). Diese führten fast alle bis Mitte des 12. Jh. die Augustinerregel ein [Wikipedia zu Augustiner-Chorherren]. Es liegt nahe, dass schon der erste Kirchenbau als Augustiner-Chorherrenstiftskirche errichtet wurde.

Der um 980 datierte Umbau/Neubau zu einer kreuzförmigen Anlage mit Krypta ist mit Sicherheit viel zu früh eingeordnet. Die Hallenkrypta um 980 ist undenkbar. Der Umbau/Neubau dürfte nach dem Brand 1184 erfolgt sein. Jetzt ist die Hallenkrypta natürlich keine Besonderheit mehr. HOPF sieht erst jetzt die Umwandlung in eine dreischiffige Basilika, wobei ich davon ausgehe, dass der Bau schon zuvor eine basilikalen Querschnitt hatte.

Die Präsentation der ältesten Hallenkrypta und der ältesten Inschrift Thüringens sowie der ältesten Glocke Deutschlands durch HOPF und MÜLLER erledigt sich damit von selbst. Bei so vielen Superlativen hätten ihnen eigentlich selbst Zweifel kommen müssen.

Im Endeffekt kann die ergrabene Kirche in Ohrdruf den Titel der ältesten Kirche in Thüringen nicht behalten. Dieser gebührt nach dem derzeitigen Kenntnisstand der Michaelskirche in Rohr. Sowohl Dom als auch die Severikirche in Erfurt, ursprünglich ebenfalls in das 8. bzw. 9. Jh. datiert, können hier ebenfalls nicht mithalten (siehe Abschnitt Erfurt). Ob die aus den Quellen bekannte Kanonikerkirche auf dem Erfurter Petersberg, deren Kanoniker 1060 vertrieben wurden, Rohr den Titel streitig machen könnte, ist noch unklar. Bisher wurden keine Reste dieser Kirche entdeckt.

 

                                          
     aus  [HOPF/MÜLLER, 52]: Grundriss der ersten Kirche              aus  [HOPF/MÜLLER, 52]: Grundriss der zweiten Kirche

 

Literaturverzeichnis:

Hopf, Udo / Müller, Christine (2014): Die ehemalige Kirche St. Peter in Ohrdruf - die älteste Steinkirche Thüringens, Historische Überlieferung und archäologische Befunde, in: Jahrbuch des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins, Bd. 29 (2014), 43-56

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 18.09.2016

 

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