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Quedlinburg, St. Servatius

Die Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg ist hinsichtlich der Baugeschichte sicher einer der interessantesten Kirchenbauten Mitteldeutschlands. Durch die historischen Bezüge als angeblicher Bestattungsort des ersten deutschen Königs Heinrich I. und seiner Gemahlin Königin Mathilde bestand schon sehr früh ein großes Interesse, insbesondere an der Situation um die Grabanlage Heinrich I. Die damit verbundene relativ gute Quellenlage zu den bisher erfolgten Bauuntersuchungen gestattet eine detaillierte Auseinandersetzung mit den bisherigen Forschungsergebnissen. Eine Zusammenstellung der bisherigen Bearbeitungen bis 2008 hat VON DER FORST [2008] vorgelegt. Danach erschien meines Wissens nur noch von LEOPOLD im Jahr 2010 eine neuere Veröffentlichung zur Stiftskirche.

 

Grundriss aus [LEHMANN, 10]

 

Frühe Nachrichten in den Quedlinburger Annalen

Die Quellenlage zur Baugeschichte der Stiftskirche ist äußerst dürftig. Ein paar scheinbar konkrete Informationen sind den Quedlinburger Annalen zu entnehmen.

Nach Wikipedia sind die Quedlinburger Annalen eine Abfassung in Annalenform ab dem Jahr 702, die für die Jahre 984 bis 1025 eine selbständige Darstellung bietet. Sie sollen zwischen 1008 und 1030 im Servatiusstift entstanden sein. Für die Jahre 961 bis 983 würde eine Lücke bestehen. Die Quedlinburger Annalen sind uns nur in einer einzigen Handschrift aus dem 16. Jh. überliefert. Sie enthalten folgende Nachrichten zum Thema:

1. Königin Mathilde (gest. 968) wird neben dem Hauptaltar ad sanctos bestattet. Sie wird als Stifterin der Kirche genannt. (Diese Nachricht gehört eigentlich in die o. a. Lücke!?)

2. Für 997 wird von einem höheren und weiteren Anbau an die bestehende Kirche berichtet. Als Stifter der Kirche werden Heinrich und Mathilde genannt.

3. Äbtissin Mathilde (gest. 999) wird in der Mitte der Peterskirche und der Stephanuskirche beigesetzt.

4. 1021 Weihe von 6 Altären (ausführlicher Altarweihebericht)

Bei diesen Nachrichten ist auffällig:

1. Bei der Bestattung von Königin Mathilde ist vom Grab ihres Mannes keine Rede. Als Stifterin der bestehenden Kirche wird Königin Mathilde genannt.

2. Jetzt werden als Stifter Heinrich und Mathilde genannt.

3. Auch bei der Bestattung von Äbtissin Mathilde kein Wort vom Grab Heinrichs.

Nach FRANZ waren die Quedlinburger Annalen eine der Quellen Wibalds für die Chronik Thietmars [239]. Ausgehend von der bei ILLIG beschriebenen üblichen Arbeitsweise Wibalds, wonach die Originalquellen „bearbeitet“ wurden und danach die Originale vernichtet wurden [408], muss man auch bei den Quedlinburger Annalen von einer Wibaldschen Bearbeitung ausgehen.

Trotzdem erachte ich die Nachrichten ohne Bezug zu den Ottonen, d. h. zu Heinrich I. und Königin Mathilde, für vermutlich zutreffend. So die Nachrichten zur Erweiterung im Jahr 997, der Bestattung der Äbtissin Mathilde 999 und den Altarweihebericht von1021.

Grabungen durch GIESAU und WÄSCHER

Erste umfangreiche Grabungen - durch die Nationalsozialisten beauftragt, die die Stiftskirche in eine nationalsozialistische Weihestätte umwandeln wollten - wurden in den Jahren 1938/41 durch GIESAU und WÄSCHER zur Klärung der Situation um das Grab Heinrich I. und zu den Vorgängerbauten durchgeführt.

Im Ergebnis liefert WÄSCHER [nach VOIGTLÄNDER, 87ff] die folgende zeitliche Bauabfolge an der Stelle der heutigen Stiftskirche:

1. Großer Saalbau (Mitte 1. Jahrtausend)

2. Weiterer jüngerer Saalbau, durch Pfostenlöcher identifiziert

3. 3-schiffige Basilika /erste steinerne Kirche / Abmessungen 12 m x 12 m mit Apsis (2. H. 9. Jh.). „Confessio“ später  
   eingebaut.

4. Verlängerung nach Westen etwa auf die doppelte Länge und Annexbau im Westen (936)

5. Anbau eines Langhauses mit Lage und Abmessungen des heutigen Langhauses / bestehender Bau als Ostbau
    einbezogen / Westbau (968-997)

6 Erneuerung Ostbau mit Einbau einer Krypta in den Abmessungen der 1. Kirche (vor 1021), Aufgabe der „Confessio“

7. Nach Brand 1070 völliger Neubau auf den Fundamenten des Vorgängerbaus mit Einbeziehung des Westteils der    
    Krypta von vor 1021 (1070-1129)

Bisherige Rekonstruktionen der Baugeschichte

Als Mitarbeiter des für Quedlinburg zuständigen ehemaligen Instituts für Denkmalpflege Arbeitsstelle Halle und jetzigen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt hat sich Gerhard LEOPOLD sicher am längsten und intensivsten mit der Stiftskirche befasst. Seit 1970 veröffentlicht LEOPOLD diverse Publikationen mit leicht differierenden Rekonstruktionen der frühen Baugeschichte, so 1970, 1983 und 1988 mit FLEMMING. 2010 legt LEOPOLD eine zusammenfassende Darstellung seiner Forschungen zur Stiftskirche und präsentiert den letzten Stand seiner Rekonstruktion der Baugeschichte (LEOPOLD stirbt 2010). Da LEOPOLD den derzeitigen Forschungsstand zur Baugeschichte der Stiftskirche in Quedlinburg markiert, stelle ich seine Rekonstruktion etwas ausführlicher vor.

Nach LEOPOLD [2010]:
Bau Ia: Burgkirche König Heinrich I.

Eine kleine 3-schiffige Anlage, 12 m breit, 15 m lang, innen 10 m x 9,5 m, Mittelschiff 4,5 m breit, Seitenschiffe je 1,7 m, Ostapsis, im Westen möglicherweise sehr kleine Empore, wahrscheinlich basilikaler Querschnitt, Kirche dem hl. Petrus und dem hl. Servatius gewidmet. Westlich anschließend, entsprechend dem Verlauf des südlichen Steilhangs leicht abgewinkelt, ein 27,5 m langer Rechtecksaal, der sog. Stein-Erde-Bau, evtl. das Palatium der ersten Burg. Von diesem Reste der Süd- und Westwandfundamente (1,30 m bzw. 1,60 m dick) ergraben. Das Südwandfundament setzt an der Südwestecke des o. a. kleinen 3-schiffigen Baus an. Aufgrund der Fundamentdicke nimmt LEOPOLD einen massiven Wandaufbau darüber an. Im Bereich dieses Fundaments wurden großflächige Putzreste mit Abdruck von Binsengeflecht gefunden; nach LEOPOLD von einer ehemaligen Decke eines Raumes. Die Nordwand wurde nicht ergraben. LEOPOLD sieht diese in Fortsetzung der Nordwand der o. a. kleinen 3-schiffigen Anlage. Der Saal hatte keine eigene Ostwand, d. h. er wurde nachträglich an die 3-schiffige Anlage angebaut oder gleichzeitig mit ihr errichtet. Aufgrund von Pfostenlöchern geht er von einem Einbau in diesem Saal aus.

Datierung: "Nach den im Bereich des Quedlinburger Schlossbergs geborgenen Funden, unter denen bisher keine vor dem 10. Jahrhundert gefertigte mittelalterliche Ware entdeckt werden konnte, war dieser zwischen der römischen Kaiserzeit und dem 10. Jahrhundert offenbar nicht besiedelt. Die erste nachweisbare Anlage auf dem Berg wird also kaum vor dem 10. Jahrhundert entstanden sein. Sie war aber 922 sehr wahrscheinlich schon vorhanden, als der Ort "Quedlinburg" zum ersten Mal in den überlieferten Schriftquellen genannt wird." [15]

Bau Ib: Erweiterung der Burgkirche

Westlicher Anbau eines gleich breiten quadratischen Raums, der den Bereich der heutigen Vierung einnahm, in dessen Mitte war ein großes aus Stuck hergestelltes Taufbecken eingetieft. Offensichtlich als Laienkirche errichtet. Zugleich mit dem Anbau vermutlich Umbau der ursprünglich 3-schiffigen Anlage zu einem Saalraum zur Schaffung einer räumlichen Verbindung mit dem Neubau.

Nachträglich aber in etwa zeitgleich wurde an das westliche Fundament der Vierung  der sog. Stufenraum angebaut. Die Fußbodenhöhe in ihm war gleich der in der Vierung. Der Raum war vermutlich mit einer Tonne überwölbt, wobei die Dicke der Westwand dabei nicht erklärlich ist. Der Zweck des Stufenraums ist unklar, entweder Reliquienkammer oder Grabkammer für Sarg Heinrich I., worauf es jedoch keinerlei Hinweise gibt. Der Stufenraum wurde bei Bau des Langhauses für Bau III wieder abgebrochen. Der westlich gelegene Rechtecksaal wurde entsprechend gekürzt. Von den Wänden der Erweiterung nur Teile ihrer Fundamente erhalten.

Datierung: "Die kurze dreischiffige Petruskirche erwies sich offenbar schon bald nach ihrer Errichtung als zu klein." [22] "Mit ihm (dem geringen Platz vor dem Hauptaltar von 7 m x 4,5 m - der Verf.) hätten sich bei ihren Besuchen der Burg auch der König und seine Begleitung begnügen müssen. Dieser Zustand wird wahrscheinlich sehr bald eine Erweiterung des Raums notwendig gemacht haben, ..." [16] Weiter wird spekuliert, dass das Taufbecken für die Taufe von Heinrich I. drittem Sohn Heinrich angefertigt wurde, der 922 in Quedlinburg beim Osterfest getauft sein könnte (nach einer Vermutung von ALTHOFF). LEOPOLD spekuliert munter weiter, dass es wenig wahrscheinlich sei, dass damals noch die kleine dreischiffige Kirche aufrecht stand. Er datiert deswegen den Umbau vielleicht schon 919 oder sogar noch früher, spätestens um 922 [25].

Bau II: Stiftskirche der Königin Mathilde

Nach völligem Rückbau der Erweiterung (Bau Ib) erfolgt der Neubau der Vierung bei Wiederverwendung der Fundamente des Baus Ib. An der Vierung Annexbauten im Norden und Süden. Im Westen wurde ein Rechtecksaal als Langhaus angefügt. Damit entstand ein kreuzförmiger Grundriss. Das Langhaus war zur Vierung mit großem Bogen geöffnet. Der Fußboden im Langhaus lag zwei Stufen höher als der in der Vierung. In den Querarmen sieht LEOPOLD aufgrund der geringen Höhe des Mittelpfeilers von 3,30 m Emporen.

In der Westwand und den Mittelpfeilern der Vierung sind noch Reste dieses Baus vorhanden.

Die „Confessio“ wurde nachträglich eingebaut und war ursprünglich eine gewölbte Krypta. Die Krypta könnte schon zu Bau Ib gehört haben, ist möglicherweise aber auch jünger. Da der Stuck der Nische mit dem Sarg Mathildes jünger ist als der übrige Stuck, ist die Anlage vor 968 zu datieren. Die „Confessio“ wurde zwischen 999 und 1021 wieder abgebrochen.

Nicht einordnen kann LEOPOLD den zweiten Reliquienschacht westlich des Hauptaltars (im Osten der Vierung). Die Anordnung eines zweiten Altars vor oder hinter dem Hochaltar sei selten.

Datierung: Nach LEOPOLD ist dieser Bau die 936 auf Weisung der Königin Mathilde begonnene Stiftskirche.

WÄSCHERs Rekonstruktion des Baus von 936 (siehe oben, Nr. 4) weist LEOPOLD mit dem Argument zurück, dass die bescheidene Größe und Gestaltung nicht „zu der Bestimmung als Kirche eines Damenstifts passen, das die Königinwitwe selbst, sicher mit nachdrücklicher Unterstützung ihres Sohnes, des späteren Kaisers Otto des Großen, gegründet hatten und dem sie dann 30 Jahre lang vorstehen sollte“[26].

Bau III: Stiftskirche der Äbtissinnen Mathilde und Adelheid I.

Umfassender Neubau. Abbruch des Langhaussaales von Bau II und des Stufenraums und Neubau eines 3-schiffigen Langhauses. Die westlichen zwei Joche der heutigen Krypta zur Verbindung der seitlichen Emporen und als bauzeitliches Provisorium zur Abschirmung der Baustelle (Langhaus) errichtet (wurden später jedoch nicht zurückgebaut). Der Emporeneinbau erfolgte auf der Südseite vor dem Arkadenbogen des Baus II, dessen Doppelarkade zeitgleich mit dem Emporeneinbau errichtet wurde. (Auf der Nordseite die Doppelarkade hochromanisch.)

Bis 999 das Langhaus und Teile der Krypta fertiggestellt (Weihe 997). Krypta vor 1021 komplett fertig und genutzt. „Für ihre damalige Fertigstellung sprechen vor allem die beiden westlichen Joche, die man sicher abgebrochen hätte, wenn östlich von ihnen keine Krypta entstehen sollte.“ [62]

Nach Abbruch des Stufenraums wurden die Chortreppenläufe errichtet, zwischen diesen der Kreuzaltar. „Der Kreuzaltar wurde auffälligerweise damals (1021 – der Verf.) neu geweiht, obwohl er eigentlich schon seit der Fertigstellung des Langhauses im Jahre 997 benutzt worden sein muss.“ [65]. Im Mittelalter Zugang zur Krypta ausschließlich von den Seitenschiffen.

Fertigstellung des Chores über der Krypta mit Aufstellung des Heinrichsarkophags dort, wofür es jedoch keinerlei Belege gibt.

Die Seitenaltäre standen in den Querhausarmen, vielleicht vor je einer Apsis, der Hauptaltar vor der Hauptapsis im Chor. Der Westbau ist unbekannt.

Im Untergeschoss wurde die Kapelle St. Nikolai in vinculis einschließlich Treppenaufgang nachträglich an die Westwand des südlichen Querbauannexes angebaut. Der Treppenaufgang schloss im Westen an einen älteren kleinen Tonnengang an, der ursprünglich nach Westen weiterführte. Die Kapelle mit Treppengang ist baueinheitlich, d. h. kein nachträglicher Umbau eines Vorgängerbaus.

Datierung: Beginn des Neubaus unter Äbtissin Mathilde um 970. Weihe 1021.

Bau IV: Stiftskirche der Äbtissinnen Adelheid II. und Agnes I.

Schwere Schäden bei Brand im Jahr 1070. Danach weitgehender Neubau bei Verwendung älterer Bauteile im Osten (in Krypta und Vierung). Weihe 1129. Der bestehende Bau. Unklar ist die lange Bauzeit von fast 60 Jahren.

Während der Bauzeit sind zahlreiche hochherrschaftliche Besuche in Quedlinburg in den Quellen bezeugt (1079 Rudolf von Schwaben, 1085 Kirchenversammlung, 1088 Fürstenversammlung unter Heinrich IV., 1105 Fürstenversammlung unter Heinrich V., 1121 Heinrich V.).

Bemerkenswert ist m. E. noch, dass LEOPOLD [2010, 15] aufgrund der Grabungsbefunde eine "Siedlungslücke" auf dem Burgberg zwischen der römischen Kaiserzeit und dem 10. Jh. feststellt. Eine Interpretation liefert er nicht.

Neben LEOPOLD haben sich noch andere Wissenschaftler mit der Baugeschichte der Quedlinburger Stiftskirche mehr oder weniger intensiv befasst.

Für JACOBSEN [JACOBSEN / SCHÄFER / SENNHAUSER, 332f] existiert vor 936 die kleine 3-schiffige Kirche (Bau I). In diese wird vor 968 die „Confessio" eingebaut. Bis 997 wird Bau I nach Westen erweitert durch einen „Großraum" (Wandpfeilerbau) und einen Sepulkralbau als dessen Westannex (Bau II). JACOBSEN [ebd., 333] ist sich unsicher, ob die Langhausfundamente dieser Phase angehören. Danach nimmt er eine zügige Fertigstellung in den heutigen Abmessungen bis 1021 an (Bau III).

JACOBSEN legt unter dem Eindruck der neueren Veröffentlichungen von VOIGTLÄNDER und LEOPOLD zum Thema modifiziert nach [JACOBSEN, 63-72]. Er hält die kleine 3-schiffige Kirche, deren Errichtung er im 1. Drittel des 10. Jh. sieht, für die Pfalzkapelle (Patrozinium St. Peter), die für ihn gleichzeitig die Kirche des Kanonikerstifts war. Nach JACOBSEN sei der Grund für die Rekonstruktion einer Apsis im Bereich der „Confessio“ das Grab Heinrich I. Ab 936 erfolgt die Umwandlung in ein Kanonissenstift. Die Fundamente westlich der Kirche gehören für ihn zu einem Profanbau der Pfalz. Dieser kleine Bau bestand im Wesentlichen bis auf den nachträglichen Einbau der „Confessio“ unter Königin Mathilde unverändert bis 997. Er stellt deutlich abweichend zu LEOPOLD fest: „… so bleibt die Tatsache bestehen, dass es in Quedlinburg bis zum Ausgang des 10. Jahrhunderts jedenfalls keine respektable Stiftskirche gegeben hat.“ [64]. Als Bau II sieht er eine kreuzförmige Saalkirche mit dem Bau I als Chor. Das Querhaus bestand aus drei Kompartimenten – einem quadratischen Mittelraum und schmalere Seitenräume, die jeweils durch Doppelarkaden vom Mittelraum abgeteilt wurden und wahrscheinlich Emporen trugen. In den Winkeln zwischen Chor und Querflügel nimmt er in seine Rekonstruktion kapellenartige Apsisräume auf, worin er zwar der Rekonstruktion LEOPOLDs folgt, deren Existenz er jedoch für durchaus offen hält [64, Verweis auf Fußnote 27, S. 71] (bei LEOPOLD sind solche jedoch nur in einem Rekonstruktionsversuch unvollständig angedeutet). Der Mittelraum war für ihn ursprünglich ein lichter hoher Innenraum, der zum Langhaussaal im Westen geöffnet war. Der Bau II wird von ihm in das Jahr 997 datiert. Das Langhaus und den nachträglich an das Querhaus im Westen angebauten Stufenraum ordnet er einem Umbau des Baus II zwischen 997 und 1021 zu. Der Stufenraum sei für den Sarg Heinrich I. als Übergangslösung errichtet worden. Das Langhaus sei die Behelfskirche für die Zeit des Neubaus (Bau III) gewesen. Der Bau III wurde nach JACOBSEN nach 999 bis 1021 als 3-schiffige Basilika mit Querhaus und Ostchor errichtet. Als Patron ist 997 St. Servatius genannt, 999 jedoch wieder Petrus und Stephan, wobei JACOBSEN den Petrus- und Stephanusaltar im Osten sieht, und den Servatiusaltar westlich.

LEOPOLD weist die Rekonstruktion von JACOBSEN u. a. mit folgenden „Argumenten“ zurück:

- dass nur wenige Stiftsdamen in der Anfangszeit vorhanden waren, ist ganz unwahrscheinlich

- die Königin hat zweifellos mit Nachdruck für Vollzähligkeit der Stiftsdamen gesorgt

- die Nachricht in den Quedlinburger Annalen, dass die Königin das „coenobium“ (Übersetzung: Kloster) zu errichten begann, wird von LEOPOLD so interpretiert, dass der Bau der Stiftsgebäude und vor allem der Stiftskirche veranlasst wurde

- da dem Stift in den ersten 30 Jahren eine Königin selbst vorstand und keine Äbtissin, konnte sie sich nicht mit dem kleinen Bau begnügen

- die Kirche hatte bei Besuchen den König und seinen Hof aufzunehmen

- andernorts wurden kaiserliche Monumentalbauten errichtet wie die Moritzklosterkirche, der Palast und die erzbischöfliche Dom in Magdeburg und die Marienkirche in der Pfalz Memleben.

Aber er führt auch bauliche Argumente, insbesondere zu den Querhausarmen und zum Langhaus gegen JACOBSEN an. Er verweist auf dieselbe Bautechnik bei den Querarmen, bei dem Saal einschließlich der südlichen Sicherungsbauten und beim Stufenraum und die völlig andere Bautechnik bei den westlichen Kryptajochen und der Kapelle St. Nicolai in vinculis. An dieser Stelle erachte ich auch die Rekonstruktion von JACOBSEN für nicht zutreffend. Doch dazu später.

Die von LEOPOLD gegen JACOBSEN vorgetragenen „Argumente“ sind aus meiner Sicht sämtlich nicht tragend. Sie sind fast durchweg Vermutungen und reine Spekulationen. Abgesehen davon, dass weder die Moritzklosterkirche, noch der Palast in Magdeburg, noch die Marienkirche einschließlich der ganzen Pfalz in Memleben bisher - trotz intensiver Suche der Archäologen - nicht aufgefunden wurden, bleibt, wenn man die "Schriftquellen" außer Acht lässt, von den so genannten Argumenten nichts mehr übrig.

Nach BELLMANN [53f] war die erste steinerne Kirche die Außenkrypta zu dem ergrabenen Langbau/Saalbau und die „Confessio" die Krypta für das Schachtgrab der hl. Laurentia und hl. Stephana. Dieser Rekonstruktion ist m. E. zu widersprechen. Mir ist kein einziger Fall bekannt, wo in einer Außenkrypta eine gesonderte Krypta angelegt wurde. BELLMANN ist jedoch dahingehend recht zu geben, dass die „Confessio“ zunächst eine normale Krypta war.

LEHMANN [21] folgt für den Bau im Wesentlichen der Rekonstruktion Wäschers. Er sieht in der „Confessio" nicht eine Krypta, sondern von Anfang an ein Oratorium zur Verehrung des Heinrichsgrabes. Die Argumente, die LEHMANN gegen die Interpretation von BELLMANN vorbringt, dass die „Confessio“ eine Krypta war, sind aus meiner Sicht alle nicht stichhaltig.

UNTERMANN [176] äußert sich mit einer abweichenden Rekonstruktion der frühen Bauphasen, wobei er eingesteht, dass die Deutung der älteren Kirchenbauten umstritten ist. Er geht von einer um 920 erbauten Burgkirche als Saalbau aus. Diese hätte sich erstreckt vom heutigen Ostschluss bis zu dem von Wäscher vor dem jetzigen Westbau im Langhaus ergrabenen Querfundament. Dieses nimmt er als Fundament für den ehemaligen Westschluss an. Im Ostteil war ein großes, vierpassförmiges Taufbecken in den Boden eingelassen [182]. Dieser Saalbau erhielt nach 936 Nebenräume am Sanktuarium sowie Querarme, die er analog Meschede zweigeschossig annimmt. Damit hätte der Grundriss weitgehend den karolingischen Damenstiftskirchen in Gandersheim und Essen entsprochen. Hier bezieht sich UNTERMANN auf die vage Bemerkung von JACOBSEN zur Damenstiftskirche in Gandersheim [JACOBSEN / SCHÄFER / SENNHAUSER, 134], wonach für den Bau I eine Grundrissanlage analog dem Altfriedbau des Essener Münsters zu erwägen sei.

Nur ganz kurz dazu: Schon die Ähnlichkeit zwischen Gandersheim und Essen ist fragwürdig, da vom Gründungsbau in Gandersheim nichts bekannt ist. Wegen der späteren Errichtung könnte für Gandersheim auch eine direkte Beeinflussung aus Essen vorliegen (Der Altfriedbau bestand zur Bauzeit von Gandersheim noch).

Die Krypta, gemeint ist die „Confessio“, sei nach dem Erwerb der Reliquien 962-964 nachträglich eingebaut worden. Wegen dem einzigen Zugang über eine schmale Treppe hätte diese der sicheren Aufbewahrung von Reliquien unterhalb des Hochaltars gedient. UNTERMANN sieht im späten 10. Jahrhundert den Neubau des Langhauses als 3-schiffige Basilika. Dieser Baumaßnahme weist er die Weihe von 997 zu. Später wurden auch die Ostteile neu errichtet (Weihe 1021).

Sämtliche Rekonstruktionen und Datierungen der Bauphasen sind in erheblichen Umfang durch die überkommenen schriftlichen Nachrichten beeinflusst, die ich - wie einleitend ausgeführt - als spätere Fälschung ansehe. Lässt man diese außen vor, gelingt möglicherweise eine glaubhafte Rekonstruktion der Baugeschichte.

Vorschlag einer neuen Rekonstruktion der Baugeschichte

Grundlage aller bisherigen Rekonstruktionen der Baugeschichte war der unverrückbare Glaube an die Wahrheit der schriftlichen Überlieferungen - bis auf eine kleine Ausnahme:

Schon die neuere Rekonstruktion von JACOBSEN zur frühen Baugeschichte weicht stillschweigend von den überlieferten Nachrichten ab. Nach JACOBSEN gibt es bis 997 nur den kleinen 3-schiffigen Bau auf dem Burgberg und damit keine Kirche, wo die in den Quellen berichteten zahlreichen Besuche der späteren Ottonen insbesondere immer zu den Osterfeierlichkeiten stattgefunden haben könnten, weshalb bis heute Quedlinburg als „wichtigste Pfalz der ersten Liudolfinger", als Osterpfalz angesehen wird. JACOBSEN übergeht diese Abweichung von den Schriftquellen ohne Erklärung.

Ebenso lassen die Umstände um das Heinrichsgrab meiner Ansicht nach nur einen Schluss zu: Das Grab Heinrichs hat nie in Quedlinburg existiert. Schon für ERDMANN [VOIGTLÄNDER, 90, Anmerkung 22] ist die Heinrichsverehrung in Quedlinburg eine platzierte Legende, die nach seiner Meinung um 1000 beginnt. Ich sehe dagegen den Beginn später, im 12. Jh., einhergehend mit der „Erstellung / Bearbeitung“ der Quellen.

Neben dem unauffindbaren Grab Heinrich I. wird heute auch das Grab seiner Gattin, Königin Mathilde, in der Stiftskirche verehrt. Im Gegensatz zu Heinrich hat diese Verehrung sogar eine materielle Grundlage. Im Boden der Krypta befindet sich noch heute ein Sarkophag, auf dessen Deckel Königin Mathilde inschriftlich als Bestattete genannt wird.

Ein ähnlicher Sarkophag ebenfalls mit Inschrift existiert noch heute im Halberstädter Dom von Bischof Bernhard, der wie Königin Mathilde 968 verstorben sein soll. Meiner Ansicht nach wurden die Sarkophage später (11. Jh.?) für eine oberirdische Aufstellung angefertigt. Die Sargaufschriften dürften noch später aufgebracht worden sein. Ich kenne keine weiteren frühmittelalterlichen Sarkophage, auf denen die Bestatteten inschriftlich erwähnt sind. Selbst die deutlich späteren Sarkophage für Heinrich den Löwen und seine Frau Mathilde im Braunschweiger Dom (Ende 12. Jh.) sind ohne jegliche Aufschrift.

Ich möchte folgende abweichende Rekonstruktion der Baugeschichte vorschlagen:

Bau I: Die von WÄSCHER ergrabene dreischiffige kleine Kirche (12 m x 15 m) wurde möglicherweise als Burgkapelle errichtet. Dieser Bau hatte zunächst keine Krypta. Die geringen Abmessungen des Baus sprechen mehr für eine Halle als für eine Basilika. Das Mittelschiff im Osten mit Apsis. Möglicherweise waren auch die Seitenschiffe apsidial geschlossen, was aber nicht mehr nachweisbar ist. Der Einbau im Westen dürfte eher für eine Schranke als für eine Empore oder vielleicht auch für beides gedient haben, eine Schranke z. B. um den Besucherverkehr vom mittigen Westzugang in die Seitenschiffe zu lenken. Falls doch für eine Empore, so war diese sicher mit einem westlich gelegenen Raum im Profanbau verbunden, da diese sonst zu klein war.

Der kleine Bau wurde vermutlich als Peterskirche gegründet.

Ich schließe mich der Auffassung von JACOBSEN an, dass dieser kleine Bau bis 997 bestanden hat, und erst dann erweitert wurde. Ich widerspreche JACOBSEN, dass dieser kleine Bau schon im ersten Drittel des 10. Jh. errichtet wurde. Auch JACOBSEN ist hier den "Schriftquellen" aufgesessen, indem er die Bestattungen von Heinrich I. (936) und Mathilde (968) unbesehen übernimmt. Dass dieser bescheidene Bau ca. 70 Jahre unverändert blieb, ist einfach nicht glaubhaft. Die Errichtung des Baus sehe ich kaum vor 980.

Zum westlich anschließenden Rechtecksaal: Der Schlussfolgerung LEOPOLDs, dass der westlich anschließende Saalbau ein Massivbau gewesen sein soll, halte ich nicht für zwingend. Die Dicke des Fundaments des sog. Stein-Erde-Baus (Südfundament ca. 1,60 m, Westfundament ca. 1,30 m) könnte auch aus der Funktion als ehemalige Stützmauer am Südhang des Burgbergs zur Schaffung eines Plateaus resultieren. Die darauf errichtete Bebauung, von der sowohl die Pfostenlöcher als auch die Putzreste stammen könnten, könnte dann auch ein Fachwerkbau gewesen sein.

Bau II: Der kleine dreischiffige Bau wurde 997 nach Westen durch den so genannten Großraum („Wandpfeilerbau") erweitert. JACOBSON folgend [JACOBSON / SCHÄFER / SENNHAUSER, 333 und VOIGTLÄNDER, 94], gehe auch ich davon aus, dass sich die Baunachricht von 997 auf diese Erweiterung bezieht. Dieser „Wandpfeilerbau" (Abmessungen ca. 12 m x 12 m) diente vermutlich als Laien- und Taufkirche, wozu das ergrabene Vierpassbecken in der Mitte dieses Bauteils gehörte. Bau I blieb einschließlich seiner Westwand (bis auf die notwendigen Durchgänge) i. W. unverändert. In dieser Kirche wurde 999 Äbtissin Mathilde bestattet.

An eine Stützenstellung, wie JACOBSON sie damals für wahrscheinlich hielt [ebd., 333], würde ich vorerst nicht denken. Dem lichten hohen Innenraum, den JACOBSEN für den Mittelraum in seiner letzten Rekonstruktion annimmt, würde ich zustimmen, jedoch vorerst ohne Empore.

Der „Wandpfeilerbau“ erhielt im Süden auf seiner gesamten Länge, an der Stelle des heutigen südlichen Querarms, einen längsrechteckigen Anbau; für mich ein Portalvorbau bzw. eine Eingangshalle. WÄSCHER hatte auf der Südseite einen ehemaligen Aufgang zur Burg nachgewiesen. Dem müsste auch ein Südeingang in die Kirche entsprechen. Aufgrund der Lage unmittelbar am südlichen Steilhang des Burgbergs musste für die Gründung des Anbaus ein erheblicher Aufwand getrieben werden, wofür ein triftiger Grund vorgelegen haben muss. LEOPOLD sieht auf der Nordseite einen gleichen längsrechteckigen Anbau. Dass auf der Nordseite, d. h. zum Burginneren, ebenfalls ein Zugang vorhanden war, ist nachvollziehbar. WÄSCHER [VOIGTLÄNDER, 91] vermerkt, dass diese „Querhausarme" nur eingeschossig gewesen sein konnten, was für Eingangshallen logisch wäre.

Die entscheidende Frage ist: Hatte dieser Bau bereits ein Langhaus? LEOPOLD und JACOBSEN bejahen diese Frage. Ich denke nein.

Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, ist die Fläche westlich der Erweiterung etwas näher zu betrachten. Die dort vorhandene Bebauung musste zwangsläufig eine Veränderung erfahren, da die Erweiterung ja zu Lasten der dort verfügbaren Fläche geht. Der ehemals dort vorhandene Profanbau, der so genannte Stein-Erde-Bau, wurde nicht nur gekürzt, sondern vermutlich komplett abgebrochen. Danach erfolgte nach meiner Ansicht dort ein Neubau, jedoch nicht das Langhaus, sondern ein Neubau des Profanbaus.

Irritierend ist vielleicht - was vermutlich zu der Annahme eines Langhauses veranlasste -, dass die Längsfundamente unter den heutigen Arkaden jetzt errichtet werden. Es ist jedoch daran zu erinnern, dass an dieser Stelle bereits der Vorgängerbau seine Längsfundamente hatte, was für das Südfundament nachgewiesen ist und für das Nordfundament angenommen wird. Möglicherweise hat der Neubau die ursprüngliche innere Struktur wieder aufgenommen. Das bisher leicht nach Norden verschwenkte Südfundament des sog. Stein-Erde-Baus wurde jetzt jedoch exakt in Flucht der Süd- und Nordmauer des Kirchenbaus neu errichtet.
Verbunden mit dem neuen Südfundament wurde ein parallel verlaufender Längstonnenbau mit 2,80 m Spannweite errichtet. Das Südfundament war demnach die Nordwand des unter Geländeniveau liegenden Längstonnenbaus. Die Abbruchspuren seines Gewölbes wurden an der Südseite des Südfundaments nachgewiesen. Wohin der Längstonnenbau im Westen führte, ist nicht mehr feststellbar. Weiterhin wurde im Bereich des 1. Pfeilers der heutigen Südarkaden auf der Südseite eine Aussparung in dem Fundament nachgewiesen, die offensichtlich zu einem Quertonnenbau gehörte, dessen nördlicher Abschluss in das Fundament hineinragte. Ebenso gehört der kleine Rest des unterirdischen Tonnengangs zwischen dem heutigen barocken Längstonnenbau (1708) und dem jüngeren Treppenaufgang mit der Kapelle St. Nicolai in vinculis zum älteren Baubestand. In dem kurzen Tonnengang ist ein ursprünglich vorhandener Durchgang nach Norden nachgewiesen worden, der nach LEOPOLD dort in einen weiteren Raum oder vielleicht sogar zu einem Treppenaufgang führte.

An der Südseite des Portalvorbaus war ebenfalls ein Längstonnenbau errichtet worden, der im Osten zu zwei weiteren tonnengewölbten Räumen führte. Ob der unmittelbar westlich gelegene Quertonnenbau gleichzeitig errichtet wurde, ist unklar, aber wahrscheinlich. Es kann sicher davon ausgegangen werden, dass alle diese unterirdischen Räume untereinander verbunden waren.

Der Zweck dieser unterirdischen Bauten erhellt sich zugegebenermaßen nicht vollständig. Unabhängig davon machen diese unter Geländeniveau liegenden Räume jedoch nur Sinn mit einer planmäßigen Überbauung. Diese planmäßige Überbauung konnte jedoch nicht das Langhaus gewesen sein, da sich alle diese unterirdischen Räume südlich des von LEOPOLD und JACOBSEN angenommenen Langhaussaales befanden.

Nach meiner Ansicht hatten diese Substruktionen zwei Aufgaben zu erfüllen. Zum einen wollte man die verfügbare Fläche für den Neubau vergrößern, womit die Reduzierung der Fläche durch die Erweiterung der Kirche zum Teil kompensiert werden konnte. Zum anderen musste für den ursprünglichen Südaufgang, der durch die Erweiterung der Bebauung nach Süden vermutlich beseitigt wurde, ein Ersatz geschaffen werden. Wenn es nur um die Vergrößerung der Baufläche gegangen wäre, hätte man das sicher auch mit einer Stützwand und Erdauffüllung bewerkstelligen können.

Der von WÄSCHER festgestellte Südaufgang, wobei es fraglich ist, ob es ein tatsächlicher Südaufgang auf den Burgberg war, oder einfach eine fußläufige Verbindung nach Westen zu der dort befindlichen Bebauung, war offensichtlich so bedeutsam, dass man erstens einen Südeingang in die Kirche schuf und zweitens bei dessen Beseitigung einen Ersatz herstellte.

Diese Substruktionen und unterirdischen Räume sind mit der Errichtung von Bau II, d. h. um 997 entstanden.

In der ersten Bauphase gab es vermutlich noch keinen direkten Zugang von diesem Gangsystem zum Kirchenbau. Man musste möglicherweise im Bereich der Kirche einen Außenaufgang benutzen. Für den direkten Zugang wurde nachträglich (um 1020) der Treppenaufgang mit der Kapelle St. Nicolai in vinculis zwischen den Tonnengang und den Portalvorbau eingefügt.

LEOPOLD vermutet in dem Südquerarm den Chor der Stiftsdamen und sieht einen direkten Zugang auf der Südseite entweder von Westen oder von Osten. Letztlich verortet er das Dormitorium der Stiftsdamen an die Stelle der ehemaligen Propstei im Südosten der Kirche [91], da nach seiner Auffassung der Zugang von Westen durch das 3-schiffige Langhaus geführt hätte, was er ausschloss. Da es aber noch gar kein Langhaus gab, ist diese Argumentation hinfällig. Möglicherweise gab es auch eine Zugänglichkeit sowohl von Osten als auch von Westen. Wie oben bereits beschrieben, gab es auf der Südseite des Portalvorbaus ebenfalls einen Längstonnenbau sowie weitere tonnengewölbte Räume im Osten. Ich denke jedoch nicht, dass der Südanbau der Chor der Stiftsdamen war. Ich sehe in ihm nur den von den Stiftsdamen genutzten Zugang zur Kirche. Als Chor der Stiftsdamen kommt für mich nur der unveränderte kleine 3-schiffige Bau I infrage. Vielleicht ist der Zugang durch den Südanbau durch die dort im Zusammenhang mit der Westempore errichteten Doppelarkaden, von denen die westliche noch erhalten ist, als Eingang der Stiftsdamen architektonisch hervorgehoben worden. Nachweislich gab es solche Doppelarkaden auf der Nordseite nicht. Dort erfolgte der Zugang für die Laien. LEOPOLDs Auffassung, dass die Doppelarkaden eine zusätzliche statische Sicherung gegen den Steilhang darstellten, ist nicht nachvollziehbar.

Die Baumaßnahme von 997 war nur der Start für eine Reihe von weiteren baulichen Maßnahmen, die offensichtlich im Jahr 1021, für das ein ausführlicher Altarweihebericht vorliegt, zunächst beendet waren. Wenn man davon ausgeht, dass die Altarweihen durch Baumaßnahmen begründet waren, so müssen diese im Osten und im Westen stattgefunden haben.

Aus dem Altarweihebericht von 1021 geht hervor, dass der Altar der Hll. Laurentia und Stephana, der 1018 noch im Osten bezeugt ist (Kalendar von 1018/1021), nun in den Westbau verlegt ist. Welche Umstände haben die Verlegung des Altars der Hll. Laurentia und Stephana erforderlich gemacht? In der Weihenachricht von 1129 wird die Stiftskirche erstmalig als dem Servatius geweiht benannt. Bisher war Servatius nur als Nebenpatron aufgetaucht. Möglicherweise wurden um 1020 neue "wirksamere" Servatius-Reliquien beschafft, die für den Hauptaltar bestimmt waren. Damit war die Verlegung des Altars für die Hll. Laurentia und Stephana notwendig. Für die neuen Reliquien wurde der östliche Reliquienschacht verwendet, über dem der Hauptaltar stand, und der m. E. ursprünglich für die Reliquien der Hll. Laurentia und Stephana angelegt wurde. Östlich des Schachtes wurde eine Krypta in die vorhandene Mittelapsis eingebaut, die heute bekannte, so genannte "Confessio". Die Kirche wurde somit zur Servatiuskirche, als solche sie 1129 genannt wird.

Die „Confessio“ war nach meiner Auffassung eine normale Krypta mit Zugängen im Süden und im Norden, noch ohne die Stuckausstattung. In der Krypta war kein Altar vorhanden, womit die Weihenachricht von 1021 auch keinen Kryptenaltar nennen konnte. Sie diente zunächst ausschließlich dem Zugang zum Heiligengrab im Reliquienschacht. Eine Öffnung (Fenestella) in der Kryptawestwand zum Schacht ist m. E. anzunehmen. Daher ist die traditionelle Bezeichnung als "Confessio", einem Vorraum zum Heiligengrab, nicht ganz unberechtigt. Die Zugänge winkelten sicher nach Norden bzw. Süden zu den Seitenschiffen ab, da sonst der so schon geringe Platz im Mittelschiff erheblich eingeschränkt worden wäre. Die schmalen Seitenschiffe dienten sicher vorwiegend dem Zugang zum Altarbereich. Die Anlage einer Krypta war am Beginn des 11. Jh. modern. Wir erinnern uns, dass um 1020 auch in die Wipertikirche eine Krypta eingebaut wurde. Die Anfang des 11. Jh. errichtete Münzenbergkirche hatte ebenfalls eine Krypta. Wie konnte da die Kirche auf dem Burgberg nachstehen?

Die Wandnischengliederung ist ein übliches Motiv um 1020, das übrigens auch in der gleichzeitig errichteten Wipertikirche sowie in Magdeburg (so genannte Hunfriedkrypta des Doms und Liebfrauenkirche) wieder auftaucht.

Für die Reliquien der hll. Laurentia und Stephana und vielleicht auch für weitere Reliquien wurde ein neuer Schacht westlich vor der Ostwand des Westbaus, des „Wandpfeilerbaus“, angelegt. Über dem Schacht wurde der Kreuzaltar aufgestellt. Der Altar für die hll. Laurentia und Stephana erhielt seinen neuen Platz im Norden des Westbaus (in occidentali parte altare aquilonare). Dass der Schacht jünger ist als das Taufbecken, bestätigt indirekt LEHMANN [VOIGTLÄNDER, 91, Anmerkung 31]. Er hält zwar das Vierpassbecken für ein Reliquiar, bestätigt aber die bauliche Nachfolge des östlich davor gelegenen Schachtes.

Im Westen war an diesen „Wandpfeilerbau" ein weiterer Annex, der „Stufenbau" angefügt, der im Allgemeinen als Sepulkralbau identifiziert wird. Der Bau wurde zeitnah an die Erweiterung (Bau II) angebaut. Hier drängt sich die Frage auf, wem dieser Bau gegolten hat.

Die bisherige Forschung sieht in dem Sepulkral-Annex die Aufstellung des Heinrichsarges. Wie oben bereits ausgeführt, gehe ich davon aus, dass sich das Grab Heinrichs I. - soweit er überhaupt eine reale historische Person ist - sich auf keinen Fall in Quedlinburg befindet. Die Verortung des Grabes ist einfach eine Legende. Die nächstliegende Annahme für den Sepulkralbau ist die Aufstellung des Königinnensarkophags, der ja in der Krypta noch heute besichtigt werden kann. Auch diese Möglichkeit schließe ich aus. Ich erachte auch das Mathildengrab in Quedlinburg für "getürkt". M. E. wurde die Legende um Heinrich I. und seine Gattin Mathilde im 12. Jh. erfunden und sogar materiell "gestaltet", jedoch erst im 12. Jh. Sicher ist die Frage berechtigt, warum nicht auch für Heinrich I. eine Grabstelle materiell  "kreiert" wurde. An der zentralen Stelle vor der Confessio stand jedoch zu dieser Zeit der Hauptaltar der Kirche mit den Servatius-Reliquien. M. E. wurde das Heinrichsgrab erst später dorthin verortet, dann jedoch nicht mehr materiell, sondern nur in den Schriftquellen. Gemäß den Quedlinburger Annalen war zuerst nur von der Bestattung der Königin Mathilde die Rede.

Da der Sepulkralbau eindeutig älter ist, muss er einer anderen bedeutenden Bestattung gegolten haben. Für mich bleibt eigentlich nur die Bestattung der Äbtissin Mathilde, wobei die Verwandtschaft mit dem ottonischen Herrscherhaus eine nachträgliche Erfindung sein dürfte. Möglicherweise hat das Grab der Äbtissin Mathilde zu der Heinrich-Mathilde-Legende angeregt.

Lassen Sie mich spekulieren: Mathilde war die erste Äbtissin und wurde sehr verehrt. Nach ihrem Tod im Jahr 999 wurde sie ante altare in einem Erdgrab beigesetzt. Beim nachträglichen Einbau der Krypta um 1020 „störte“ das Grab. Ihre Gebeine wurden aufgenommen und in einem neu angefertigten Sarkophag bestattet. Für die oberirdische Aufstellung des Sarkophags wurde der Annexbau errichtet. Mit der Aufstellung des Sarkophags erfüllte der Westannex die Funktion eines Westchors zum Stiftergedenken. Ob Äbtissin Mathilde die Stifterin war oder nur eine besondere Verehrung genoss, muss offen bleiben. Ich gehe davon aus, dass der Sarkophag ursprünglich nur mit dem Vortragekreuz auf dem Deckel skulptiert war, aber noch keine Inschrift hatte (diese wurde später aufgebracht).

Die große Wanddicke der Umfassungswände hat die Vermutung begründet, dass der Stufenraum ursprünglich mit einer Tonne überwölbt war, wobei damit die Dicke der Westwand nicht erklärt wäre. Vielleicht hatte die Wand noch eine Abstufung oberhalb des Abbruchniveaus, z. B. eine Art Sitzbank oder Abstellfläche entlang der Außenwände. Damit könnte eine wesentlich geringere Wanddicke rekonstruiert werden, womit sich das Argument für eine Überwölbung erledigen würde. Der bei den Grabungen festgestellte Westdurchgang sollte sicher ursprünglich eine Verbindung zu dem oben beschriebenen Profanbau herstellen, wurde jedoch vor  oder kurz nach der Inbetriebnahme wieder vermauert. Der Bau des Stufenraums hat offensichtlich in den Profanbau hineingeragt und ist als selbständiger Baukörper nie in Erscheinung getreten. Mit Vermauerung des Westdurchgangs gab es auch keine funktionelle Beziehung zu dem Profanbau.

Ebenfalls um 1020 erfolgte im Westen des „Wandpfeilerbaus“ der Einbau einer Empore, von der noch heute 2 Joche stehen. Vorstellbar wäre die Nutzung der Empore durch den Burgherrn und sein Gefolge zur Teilnahme am Gottesdienst in der Laienkirche. Der ursprüngliche Zugang zu der Empore ist unbekannt, wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit von dem westlich gelegenen Profanbau erfolgt sein. Ein anderer Aufgang zu der Empore ist nirgendwo nachgewiesen worden.

Die Darstellung von LEOPOLD, dass die Westempore die Emporen in den Querarmen verbinden sollte und dazu ein Baustellenprovisorium gewesen sein soll, halte ich für abwegig. Als Provisorium hätte auch eine einfache Holzkonstruktion gereicht, welche viel einfacher wieder zurückzubauen wäre. Darüber hinaus gibt es für die Annahme von Emporen in den Querarmen keine wirklichen Belege. Der Einbau der Westempore um 1020, die sicher keine bauzeitliche Lösung darstellte, belegt jedoch eindeutig, dass ein Langhaus damals nicht vorhanden war. Ich gebe LEOPOLD recht, dass um 1020 eine Lettnerlösung wesentlich zu früh käme. Wie die von LEOPOLD in den nordwestlichen Vierungspfeiler gefundene Vorlage zu interpretieren ist, kann ich nicht sagen. LEOPOLD sieht hier den Ansatz eines Transversalbogens, d. h. eines Vierungsbogens zum Langhaus. Daran glaube ich nicht, Vielleicht war hier ein Durchgang zu dem Profanbau im Westen.

Die Annahme LEOPOLDS, dass 1021 die Krypta komplett fertiggestellt war, also die Westempore nach Osten verlängert wurde, ist m. E. falsch. Seine Begründung für die falsche Annahme ist das Bestehenlassen der westlichen zwei Joche, die ansonsten sicher abgebrochen worden wären. Seine Argumentation ist nur nachvollziehbar, da er von der Existenz des Langhauses zu diesem Zeitpunkt ausgeht. Ohne Langhaus ergibt sich das Bestehenlassen der beiden westlichen Joche zur Reduzierung der Baukosten von selbst.

Die ursprünglich dominierende Tauffunktion des Westbaus wurde sicher nicht mehr benötigt. Die meisten Bewohner des Umfeldes dürften in den mehr als 20 Jahren seit Errichtung dieser „Taufkirche" (und weiterer neuer Kirchen wie St. Wiperti und St. Maria auf dem Münzenberg) getauft worden sein.

Der Altarweihebericht von 1021 nennt die Weihe von sechs Altären. Wo wären diese zu verorten? Den Hauptaltar (altare supremum Trinitatis Mariae Iohannis baptistae Petri Stephani Dionysii Servatii) vermutlich vor der „Confessio“ über dem östlichen Reliquienschacht, sicher nicht über der „Confessio“; den Kreuzaltar (altare in medio ecclesiae crucis) vor der Westwand des Bau I über dem westlichen Reliquienschacht; die beiden Altäre (altare australe Libori / altare aquilonare Bartholomaei) an den Ostenden der Seitenschiffe des Baus I und die beiden Altäre im Westen (altare australe Remigii / altare aquilonare Stephanae, Laurentiae) südlich und nördlich vor der Westwand des „Wandpfeilerbaus“. Die Verwunderung LEOPOLDs über die Weihe des Kreuzaltars, der nach seiner Ansicht lange bestand und genutzt wurde, rührt allein aus seiner falschen Annahme des Vorhandenseins des Langhauses schon vor 997.

Bau IIIa: 1070 wird von einem Brand berichtet. Allgemein wird dieses Datum als Beginn des bestehenden Baus gesehen, der dann 1129 fertiggestellt und geweiht wird. Die Forschung geht bisher einhellig davon aus, dass von 1070 bis 1129 ein weitestgehender Neubau auf den Fundamenten des Vorgängerbaus erfolgte, wobei die Verwendung alter Bauelemente schon Kopfzerbrechen bereitet.

Nach meiner Auffassung entstehen jedoch bis 1129 nur das Langhaus und der Westbau. Der Ostbau, d. h. der Bau I mit der Erweiterung zum Bau II einschließlich der Anbauten im Süden und Norden, blieb zunächst unverändert bestehen.

Der bisher an der Stelle des neuen Langhauses bestehende Profanbau wird komplett aufgegeben. Ich denke, dass zu dieser Zeit die Funktion des Burgbergs als Verteidigungsanlage hinfällig wurde. Die Befestigungsanlagen des 12. Jh. dienten ausschließlich nur noch dem Kirchenkomplex.

Der Umfang des Brandes ist nicht bekannt. Hat vielleicht nur der Profanbau gebrannt? Ist der Baubeginn wirklich mit dem Brand markiert?

Die Bauornamentik der Oberkirche weist nach Oberitalien. Das von der Kunstwissenschaft angeführte Vorbild ist Sant'Abbondio in Como [MRUSEK, 72ff]. Der Bau in Como soll zwischen 1050 und 1095 errichtet worden sein. Damit kommt für den Bau in Quedlinburg ein Baubeginn vor 1100 einfach nicht infrage. MRUSEK [73] erkennt darüber hinaus: "Die Kapitelle der Krypta sind im Gegensatz zur Oberkirche außerordentlich vielfältig. ... Die Ornamentik der Oberkirche ist im Gegensatz zur Krypta in ihrem formalen Aufbau bedeutend strenger." Für "die lebensvollere Formenwelt der Krypta" verweist er auf Sant'Ambrogio in Mailand (1080-1128) und San Savino in Piacenza (Weihe 1107) [74]. Seine Schlussfolgerung, dass bei dem Neubau in Quedlinburg im Osten mit der Krypta begonnen wurde ist darum um so weniger nachzuvollziehen. Die Krypta ist eindeutig jünger als das Langhaus (siehe Bau IIIb).

Einen ottonischen Westbau oder ein Westwerk gab es selbstverständlich nie. In der 1. Hälfte des 12. Jh. ist die auch heute noch vorhandene Doppelturmfassade bereits eine Standardlösung, wobei der zweite Turm im Mittelalter nicht mehr zur Ausführung gelangte.

Die Nachrichten über die Weihe von 1129 sind im Vergleich zu der Weihe von 1021 äußerst dürftig. König Lothar weiht den Neubau während der Pfingstfeier im Beisein der Bischöfe von Hildesheim und Minden. Wie oben bereits angeführt, gehe ich davon aus, dass 1129 nur das Langhaus fertig gestellt war und geweiht wurde.

Mit der Errichtung des Langhauses wurde der bestehende Bau zum Ostbau, wobei dieser zunächst noch unverändert blieb. Die um 1020 eingebaute Westempore erscheint nun als lettnerartiger Einbau, der den Chorbereich vom Langhaus trennte - im 12. Jh. aber kein Novum mehr.

Für die Nutzung des Langhauses „störte“ der alte Sepulkralannex. Eine neue Lösung musste gefunden werden. Inzwischen war die König-Heinrich/Königin-Mathilde-Legende in Quedlinburg geboren. Das Grab der Äbtissin Mathilde wurde in den Chor zurückverlegt, und zwar in eine gesonderte Grabkammer westlich der vermeintlichen Königsgräber. Bei den Grabungen WÄSCHERs wurde der Bleisarg der Äbtissin Mathilde aufgefunden.

Der Sarkophag wurde jetzt umgewidmet und zum Sarkophag der Königin Mathilde. Erst jetzt wurde dieser mit der Aufschrift versehen. Vermutlich war der Sarkophag so aufgestellt, dass die Inschrift sichtbar war, vielleicht ähnlich der heutigen Präsentation. Erst in diesem Zusammenhang wird die Grabkammer für den Sarkophag hergestellt und dieser in die Kryptawestwand eingeschoben.  Da der Hauptaltar mittig vor der Krypta noch vorhanden war, musste der Sarkophag südlich von diesem angeordnet werden. Der ursprünglich vorhandene südliche Kryptazugang wurde mit der Anlage der Kammer für den Sarkophag beseitigt. Ich sehe diese Maßnahme etwa Mitte des 12. Jh.

Erst im Zusammenhang mit dieser Maßnahme erhält die „Confessio“ ihre Stuckausstattung. Mit diesem Umbau erfährt die ehemalige Krypta eine Funktionsänderung. Sie wurde jetzt ein Oratorium für die Königin Mathilde. Die ursprüngliche Kryptafunktion des accensus ad confessionem war nicht mehr gefragt. Krypten hatten sich inzwischen zu großräumigen Anlagen entwickelt, was in Quedlinburg unter den gegebenen baulichen Bedingungen zunächst aber nicht möglich war. Schon LEHMANN [21] vermutet, dass die „Confessio" ein Oratorium für die Verehrung des Heinrichsgrabes und keine Krypta im eigentlichen Sinn ist, wobei er beim Heinrichsgrab irrte. Die reiche Stuckausstattung erfolgte mit der Absicht der Verehrung des Grabes der Königin Mathilde. Um Mitte des 12. Jh. ist die aufwändige Stuckausstattung eher einzuordnen als Mitte des 10. Jh.

Die geometrische Passgenauigkeit bei Sarkophag und Stuckausstattung der „Confessio“ ist nun auch erklärlich. Dass die Stuckausstattung älter ist als die Einbringung des Sarkophags, wie LEOPOLD behauptet, ist m. E. nicht zwingend. Möglicherweise erfolgte eine spätere Reparatur oder der Sarg wurde nochmals bewegt.

Der Kreuzaltar, der bisher im „Wandpfeilerbau“ stand, wird jetzt - nach Aufgabe des Sepulkralbaus - an das Ostende des Langhauses an die Stelle des ehemaligen Grabannexes verlegt.

Die Umgestaltung der „Confessio“ belegt auf jeden Fall, dass zu dieser Zeit, d. h. bis etwa Mitte des 12. Jh., die Errichtung einer großen Krypta noch nicht vorgesehen war, die Umbauarbeiten an der Kirche also nicht von vorn herein einem umfassenden Plan entstammten.

Bau IIIb: Mit Fertigstellung und Nutzung des Langhauses wurde die unbefriedigende Situation im Ostteil deutlich, so dass schon kurze Zeit nach Fertigstellung des Langhauses die Entscheidung für den Umbau der Ostteile gefällt wurde. Der Startschuss für den Umbau der Ostteile dürfte etwa um 1150 gefallen sein. Jetzt wurde die kleine „Confessio“-Krypta aufgegeben und abgebrochen sowie die beiden Reliquienschächte verfüllt. Damit ist die gleichartige Verfüllung von „Confessio“ und Ostschacht nicht mehr verwunderlich [VOIGTLÄNDER, 119]. Die "getürkte" Grablege der Königin Mathilde wurde verfüllt und ist der Vergessenheit anheim gefallen, denn erst 1756 wurde der Sarkophag bei einer frühen Suche nach dem Heinrichsgrab aufgefunden [WÄSCHER, 15]. Möglicherweise war das Königingrab doch nicht so wirkungsvoll wie man gehofft hatte. Erst im 19. Jh. wurde die Königin-Grabstätte wieder populär.

Ich denke, dass erst jetzt die ursprüngliche Innengliederung des Chorraumes (Bau I) aufgehoben wurde. Ansonsten hätte bereits früher die gesamte Dachkonstruktion aufgrund der Vergrößerung der Spannweite erneuert werden müssen. Das hätte einen grundlegenden Umbau des Chors bedeutet, der sicher irgendwo vermeldet worden wäre.

An der Stelle der ehemaligen Westwand des Bau I wird der östliche Vierungsbogen errichtet.

Die „lettnerartige Bühne“ wurde einfach nach Osten verlängert. Damit entstand erst die heutige Krypta. Dass die Basen der Kryptasäulen noch keine Eckzehen haben, wie im 12. Jh. zunehmend üblich, verweist nicht zwingend auf eine frühere Entstehung. Der Hauptaltar wurde in den neu entstandenen Hochchor verlegt. Die Ausmalung der Krypta erfolgte unmittelbar im Anschluss an ihre bauliche Fertigstellung.

Parallel dürfte das Querhaus errichtet worden sein. Der Zitereinbau (um 1170) markiert vermutlich den Abschluss dieser Baumaßnahmen. Ich denke nicht, dass das Querhaus vorher fertig war und der Einbau der Ziter nachträglich erfolgt ist.

Der Neubau des Chors ist vermutlich auch erst um 1170 oder sogar später fertig gestellt worden, wenn überhaupt. Vielleicht erfolgte seine Fertigstellung erst 1320, als die Kryptawände außen ummantelt wurden und der gotische Chor errichtet wurde.

Leider wird die von WÄSCHER [VOIGTLÄNDER, 91] rekonstruierte Zwischenphase mit Pfeilern als Stützenapparat der neuen Krypta (nach WÄSCHER vor 1021) nicht deutlicher. Er beruft sich dabei auf ein bei den Grabungen aufgefundenes Fragment einer Stuckverkleidung eines Pfeilers. Dieser Pfeiler soll - wie auch die Säulen der heutigen Krypta - auf der Zugangsanlage zur „Confessio" gestanden haben, d.h. die „Confessio" muss spätestens zu diesem Zeitpunkt aufgegeben worden sein. Wenn dieser Befund zutrifft, was LEOPOLD offensichtlich bezweifelt (Er sieht hier nur einen Putzverstrich und keine Stuckverkleidung), waren möglicherweise zunächst Pfeiler als Kryptenstützen vorgesehen. Vielleicht hatte man anfangs für die Erweiterung der Krypta eine Pfeilerlösung analog den östlichen Pfeilern des Emporeneinbaus vorgesehen und begonnen auszuführen, sich aber danach anders besonnen und doch für eine gestalterisch befriedigendere Säulenlösung entschieden.

 

 

 

  Bau I (um 980)   Bau II, 1. Phase (997)   Bau II 2. Phase (1021)

 

 

Zeittafel zur Baugeschichte bis 1320:

um 980
Erster Kirchenbau (Bau I)

 

997-1021
Bau II
Erweiterung nach Westen (sog. Wandpfeilerbau)
Eingangsvorhalle im Süden (Südaufgang) und evtl. im Norden
Aufgang in die Kirche mit Kapelle St. Nikolai in vinculis
Einbau der Krypta, der sog. „Confessio“ (noch ohne Stuckausstattung)
Anlage des Ostschachtes zur Aufbewahrung von Reliquien in Verbindung mit dem Hauptaltar unmittelbar westlich der Krypta
Einbau einer Empore in den „Wandpfeilerbau“, von der heute noch 2 Joche stehen
999
Tod der Äbtissin Mathilde. Bestattung in einem Bodengrab vor dem Hauptaltar (noch kein Bezug auf eine Krypta ersichtlich)
1021
Weihe von Bau II
kurz nach 1021
Errichtung des Annexbaus im Westen (Stufenraum) Aufnahme des Bodengrabes der Äbtissin Mathilde und oberirdische Bestattung in einem Sarkophag
ab 1100
Bau IIIa
Errichtung des Langhauses
Errichtung des Westbaus
1129
Weihe des Baus IIIa (Langhaus)
nach 1129
Abbruch des Westannexes (Stufenraum)
Verlegung des Mathildensarkophags nach Osten südlich des Hauptaltars, Einbau in die Westwand der „Confessio“
Stuckausstattung der Krypta („Confessio“) als Oratorium für Äbtissin Mathilde
ab 1150

Bau IIIb
Umbau der Ostteile zu Chor und Querhaus
Abbruch der Krypta („Confessio“) und Entfernung des Altars vor der Krypta und Verfüllung von Krypta und Ostschacht.
Erweiterung der Empore in der Vierung nach Osten, womit die heutige Krypta entsteht, Ausmalung der Krypta (um 1170)
Errichtung des Querhauses unter Verwendung von Bauteilen des „Wandpfeilerbaus“ und der Empore von 1020 mit Einbau des Ziter in den nördlichen Querhausarm (um 1170)        
Neubau des Chores (?)

um 1320
Neubau des Chorraumes, gotische Ummantelung der Kryptaaußenwand

 

Vorstehend wird eine Rekonstruktion der Baugeschichte vorgeschlagen, die aus meiner Sicht eine Lösung der ungeklärten Probleme früherer Rekonstruktionen bietet.
Die beiden Kirchen St. Wiperti und St. Marien auf dem Münzenberge halte ich für jüngere Bauten (um 1000 bzw. 1015).

 

Literaturverzeichnis:

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Illig, Heribert (2007): Arbeitsentlastung für Wibald. Eine Wandlung der These von Hans Constantin Faußner. In ZEITENSPRÜNGE 19(2), 407-412

Jacobsen, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. Nachtragsband, München, 332-333

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Lehmann, Edgar (1987): Die „Confessio" in der Servatiuskirche zu Quedlinburg. In: Skulptur des Mittelalters. Funktion und Gestalt. Weimar, 9-26

Leopold, Gerhard (1970): Die Stiftskirche zu Quedlinburg. Das christliche Denkmal Heft 37. Berlin

- (1983): Archäologische Forschungen an mittelalterlichen Bauten. In: Denkmale in Sachsen-Anhalt. Weimar, 163-189

- (2010): Die ottonischen Kirchen St. Servatii, St. Wiperti und St. Marien in Quedlinburg. Zusammenfassende Darstellung der archäologischen und baugeschichtlichen Forschungen von 1936 bis 2001. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, 14-74, Fig. 1-66, Abb. 1-93

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Wäscher, Hermann (1959): Der Burgberg in Quedlinburg. Geschichte seiner Bauten bis zum ausgehenden 12. Jahrhundert nach den Ergebnissen der Grabungen von 1938 bis 1942. Berlin

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 08.02.2017

 

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