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Rom, San Paolo fuori le mura

Ravenna, San Apollinare Nuovo

Jerusalem, Grabeskirche

                                                                                                                                                                 

 

Frühchristlicher Kirchenbau – das Produkt eines Chronologiefehlers
 

Einleitung

Frühchristliche Kirchen werden allgemein die Kirchenbauten des 4. bis 6. Jh. bezeichnet. Sie sind ein fester und unverrückbarer Teil der Architekturgeschichte. Jeder Zweifel verbietet sich eigentlich von selbst. Territorial ist der frühchristliche Kirchenbau auf das Gebiet des ehemaligen Römischen Reichs beschränkt, des West- als auch des Ostreichs.

Der frühchristliche Kirchenbau beginnt nach herrschender Lehre mit den Kirchengründungen Kaiser Konstantins I. am Beginn des 4. Jh. und geht bis zum Ende der Spätantike im ausgehenden 6. Jh. Das Christentum vor dem 4. Jh. errichtete danach noch keine Kirchen, sondern nutzte so genannte Hauskirchen, das sind für den christlichen Kult umgenutzte Wohnräume bzw. -häuser.

Der Beginn des monumentalen Kirchenbaus wird traditionell mit der Regierungszeit von Kaiser Konstantin I. verbunden. Als markantes politisches Ereignis gilt die berühmte Mailänder Vereinbarung von 313 (das sog. Toleranzedikt), in der durch Konstantin und Licinius „allgemeine Religionsfreiheit, namentlich für das corpus Christianorum, d. h. für die christliche Gemeinde, und die Rückgabe des ihr in der Verfolgung entzogenen Eigentums“ [DEMANDT, 42] bestätigt wird.

Konstantin I. soll bereits 312, also zeitlich vor der Mailänder Vereinbarung, die Lateranbasilika für den Bischof von Rom gestiftet haben. 324 bis 326 folgen die Petersbasilika und die Umgangsbasilika für Marcellinus und Petrus [ebd, 42]. „Nicht nur in Rom und Konstantinopel, sondern im ganzen Reich hat der Kaiser den Kirchenbau gefördert…Insbesondere im Heiligen Lande entstanden monumentale Kirchenbauten, so die Basilika von Mamre, sowie die Geburtskirche in Bethlehem und die Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg…Die Grabeskirche nahe der Schädelstätte wurde mit besonderem Aufwand errichtet und zu den Tricennalien des Kaisers am 17. September 335 eingeweiht.“ [ebd, 51].

Doch es regen sich Zweifel. Das so genannte Toleranzedikt kann kaum der Auslöser für den angeblich von Konstantin initiierten monumentalen Kirchenbau gewesen sein. Eine sozusagen übergangslose Errichtung solch monumentaler und repräsentativer Kulträume, für die gar kein, den riesigen Räumlichkeiten entsprechender Kult bestand, steht im Widerspruch zum damaligen Entwicklungsstand des Christentums. Ein dazu gehörender gestiegener Repräsentationsanspruch und ein entsprechend ausgestalteter Kult, aus denen solche neuen Anforderungen an die Räumlichkeiten und die Ausschmückung der Kulträume resultieren können, sind zum damaligen Zeitpunkt noch lange nicht vorhanden.

Erst mit der Erhebung des Christentums zur Reichsreligion und der Schaffung der Reichskirche entsteht das große Repräsentationsbedürfnis, dem natürlich die Kulträume durch Monumentalität und Ausschmückung entsprechen mussten. Die Errichtung monumentaler Kirchenbauten ist für mich mit der Begründung der Reichskirche untrennbar verbunden. Vorher kannte das Christentum dieses Bedürfnis noch nicht, weshalb seine christlichen Versammlungsräume noch recht bescheiden daherkamen.

Nach der traditionellen Darstellung der Geschichte des Christentums entsteht die Reichskirche mit dem Edikt von 391, in dem Kaiser Theodosius I. die heidnischen Kulte verbietet. Dieser Auslegung der antiheidnischen Gesetze Theodosius I. widerspricht z. B. ERRINGTON. Er weist nach, dass die angeblich so bedeutenden antiheidnischen Gesetze von Kaiser Theodosius I. den zeitgenössischen Autoren (Ambrosius, Augustinus, Orosius, Rufinus, Sokrates, Theodoret, Philostorgius, Sozomenos) entweder unbekannt waren oder weitgehend unbeachtet blieben. Die Gesetze waren entweder an einen eng begrenzten Personenkreis gerichtet oder Entscheidungen betreffend einzelner regionaler Ereignisse, z. B. die Zerstörung des Sarapeion in Alexandria. Den o. a. Autoren – die an sich an einer Auslegung als reichsweit gültiges Edikt das größte Interesse gehabt haben müssten - war dies offensichtlich klar, weshalb sie auf diese Gesetze kaum eingingen [ERRINGTON, 435]. Die griechischen christlichen Autoren Sokrates, Sozomenos und Theodoret haben mehr als vierzig Jahre später (nach 391) noch keine konkrete Kenntnis von Theodosius’  antiheidnischen Gesetzen – oder ignorierten diese [ebd. 402f]. Es scheint offensichtlich: Es gab keine reichsweite Verfügung durch Theodosius zur Zerstörung von heidnischen Tempeln. Die Darstellung der meisten modernen Historiker, dass durch die Gesetze Theodosius’ I. die Reichskirche begründet wurde, ist nicht zutreffend.

Die neuere Forschung sieht die Gründung der Reichskirche erst unter Justinian I. im 6. Jh. Nach BEAUFORT setzte Kaiser Justinian dem apostolischen Christentum "seine eigene katholische Reichskirche entgegen." [319] BEAUFORT formuliert weiter: "Von nun an war die katholische Reichskirche als einzig wahre Repräsentantin des von Jesus begründeten Christentums anzuerkennen. Abweichende Lehren ... wurden als Ketzerei verboten und deren Anhänger verfolgt." [319f]

„Justinian I. war es, der ein ganz besonders ausgeprägtes Verständnis der besonderen Bedeutung der Kaiserinstitution, ihrer Aufgaben und ihrer ideologischen Verankerung hatte und so die Entwicklung des Verhältnisses von Kaiser und Kirche in Byzanz wesentlich bestimmte.“ [WINKELMANN, 131]

Wenn der Beginn des monumentalen Kirchenbaus - wie ich meine - erst im 6. Jh. anzusetzen ist, muss es für die so genannten frühchristlichen Kirchen vor dem 6. Jh. eine Erklärung geben, da die betreffenden Kirchenbauten zweifellos existent waren bzw. noch sind und von Jedem besichtigt werden können.

 

Entwicklung des Christentums und Gründung der Reichskirche

Für meine Begriffe bietet BEAUFORT, der ebenso Kaiser Justinian I. als Protagonisten bei der Konstituierung des Katholizismus als Reichsreligion sieht, die am besten nachvollziehbare Geschichte des Christentums.

Nach BEAUFORT [Mail vom 26.07.2015] lässt sich die Entwicklung des Christentums in folgende vier Phasen unterteilen:

 "1. Erste Phase des Christentums (erstes Jahrhundert v. Chr.) ist ein aus dem Nordosten (Mesopotamien) kommendes, aramäisch-sprachiges Taufchristentum, das zwar einen Christus und einen Jesus, aber noch nicht dessen Biographie mit Kreuzigung kennt. Diese Christen nennen sich Nazoräer (und wurden später von ihren Gegnern Arianer genannt). Jesus-Sprüche, wie sie sich im Thomas- und Matthäus-Evangelium finden, gehören zu ihrem Predigtbestand. Dieses (apostolische) Christentum verbreitet sich schnell in der ganzen Ökumene. Einzelne Gemeinden werden von Episkopoi geleitet.

2. In Ägypten verbreitet sich ab dem ersten Jahrhundert nach Christus ein Christentum, das sich am Markus-Evangelium als Grundtext orientiert und für das Jesus nunmehr eine Biographie mit Kreuzigung hat. Die Sprache dieses Christentums ist griechisch und koptisch.

3. Spätestens ab der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts ("Mark-Aurel-Krise") verbreitet sich dieses Kreuzchristentum weit über die Grenzen Ägyptens hinaus und wird auch in Byzanz und in Rom greifbar. In dieser Phase halte ich einen "Frühkatholizismus" für möglich. Dessen genauer Inhalt lässt sich noch schwer angeben. In seiner Minimalform folgt es schlicht dem ins Griechische bzw. Lateinische übersetzten koptischen Ritus. Es mag aber auch schon Bestrebungen gegeben haben, andere, frühere christliche Bewegungen zu integrieren und so im Wortsinne "kat-holisch" zu sein.

4. Erst nach der Katastrophe entsteht durch Justinian der uns heute bekannte, voll ausgebildete Katholizismus, der etwa nicht nur die Evangelien, sondern auch die Paulus-Briefe kennt, und der sich als Orthodoxie von den Haeretikern abgrenzt."

Den "Frühkatholizismus" in Phase 3 sieht BEAUFORT aus folgenden Gründen:

"- weil es im alten Rom einen altlateinischen Ritus vor dem heute immer noch praktizierten (nachkatastrophischen) gab, der sich erheblich vom neurömischen Ritus unterschied
 - weil Gunnar (Gunnar Heinsohn - MM) mich davon überzeugt hat, dass es vor der Justin-Katastrophe auch außerhalb von Ägypten und Nordafrika bereits christliche Basiliken gab, und ich diese für Kirchen des Frühkatholizismus halte (Arianer brauchten keine Basiliken, bestenfalls Baptisterien) 

- weil es ab Theodosius byzantinische Münzen mit (früh-)katholischen Symbolen gibt (Kreuzstab)" [ebd.]

Nach BEAUFORT erfolgt die Konstituierung des Katholizismus als Reichsreligion durch Justinian I. als Antwort auf die Katastrophe (um 940).

Ich teile die Begründung für die Phase 3 nur zum Teil. Ja, es gab einen Frühkatholizismus. Dass dieser aus der Existenz von christlichen Basiliken geschlossen werden kann, bezweifle ich. Klar, es muss diesen Katholizismus schon gegeben haben, denn als Justinian den Katholizismus zur Reichsreligion erklärte, muss er auf ein im Wesentlichen fertiges christliches Konzept zugegriffen haben. Für eine theologische Grundlagenarbeit hatte er gar keine Zeit.

Das vorjustinianische, nicht katholische Christentum wird von BEAUFORT als arianisch bezeichnet. Nach Erhebung des Katholizismus zur Reichreligion werden sämtliche Anhänger anderer christlicher Strömungen zu Arianern erklärt und als Ketzer gnadenlos verfolgt.

Festzustellen ist, dass als Konsequenz der Konstituierung des Katholizismus als Reichsreligion die Reichskirche als zugehörige Organisationsstruktur erst von Justinian (627 - 665) ins Leben gerufen wurde. Gleichzeitig wurden alle anderen christliche Richtungen ausgeschlossen und verketzert, was unter anderem später die Entstehung des Islam zur Folge hatte.

Damit dürfte auch klar sein, dass die Christianisierung Europas - West- als auch Osteuropas - erst nach Justinian erfolgt sein kann. Die antiken christlichen Religionsgemeinschaften im Gebiet des ehemaligen Römischen Reichs können aufgrund ihrer geringen Anzahl an Gläubigen als auch ihrer Verbreitung noch nicht als Christianisierung bezeichnet werden. Von Christianisierung kann erst gesprochen werden, als der Katholizismus zum Glauben der gesamten oder zumindest des größten Teils der Bevölkerung wird, ob freiwillig oder durch Zwang.

Ob BEAUFORTs Einschätzung richtig ist, dass Arianer keine Basiliken benötigten, bin ich mir nicht sicher. Genauso bezweifle ich die Aussage, dass aus dem Vorhandensein von christlichen Basiliken auf die Existenz des Frühkatholizismus geschlossen werden kann.

Auch das vorjustinianische Christentum hat für seine Kulthandlungen Versammlungsräume benötigt. Als solche werden die vorkonstantinischen Hauskirchen gesehen, das sind umgenutzte Wohnräume oder -gebäude. Sie waren natürlich nur für eine sehr begrenzte Anzahl von Gläubigen geeignet. Der Gebäudetyp "Basilika" ist zunächst nutzungsneutral. Er findet in römischer Zeit für die verschiedensten profanen als auch kultische Zwecke Verwendung. Diese Gebäudetyp ist in Abhängigkeit von den gewählten Abmessungen geeignet, größere bis sehr große Menschenmengen aufzunehmen. Nach STÜTZER [68] leitet sich der Bautyp der Basilika mit Apsis aus der Palastbasilika her, die dem Kaiser als Thronsaal diente. „Man pries Christus … als König, Weltherrscher, Allbeherrscher – und ein solcher brauchte ganz einfach einen Thronsaal, wie ihn die römischen Kaiser hatten. So war die christliche Basilika von Anfang an als Thronsaal des Gottkönigs Christus konzipiert.“ [ebd. 69]  Für mich ist die Verwendung einer solchen kaiserlichen Bauform vor Einführung des Christentums als Reichsreligion undenkbar. Erst die Anerkennung der herrschaftlichen Stellung Christi durch den Kaiser und umgekehrt des Kaisers als oberster Vertreter Christi ließ eine solche Bauform zu. Zuvor wäre es - denke ich - einen Affront gegen den Kaiser, da nur seiner Verherrlichung diese Bauform zustand.

Monumentale Größe und Repräsentation spielten bei den frühen Christen logischerweise noch keine Rolle, im Gegenteil war Unauffälligkeit wegen der gelegentlichen Verfolgungen von Vorteil. Die bescheidenen Räumlichkeiten und der Kult entsprachen einander.

 

Die HEINSOHN-These

Da die so genannten frühchristlichen Kirchenbauten des 4. und 5. Jh. aus meiner Sicht zu früh in unserer Geschichte eingeordnet sind, ist für diese die Zuweisung in eine spätere Zeit erforderlich. Für die Verbringung dieser Bautengruppe in eine spätere Zeit benötigt es jedoch einen glaubhaften Ansatz.

Ich sehe diesen Ansatz in der von Gunnar HEINSOHN ab 2013 vorgestellten These zur Revision unserer Chronologie (siehe dazu meinen Aufsatz "Stimmt unsere Chronologie?")

Zur Erinnerung:
Gemäß der HEINSOHN-These sind die in der Chronologie nacheinander eingeordneten Zeitabschnitte 1 - 230 (Westrom), 290 - 520 (Ostrom) und 8.Jh. - 930 (Norden und Nordosten) in Wirklichkeit zeitgleich und sind nur regional unterschiedliche Aspekte eines einzigen etwa 230 Jahre währenden Zeitabschnittes, der Römischen Kaiserzeit.

Am Ende dieses Zeitabschnittes sieht HEINSOHN eine Mega-Katastrophe, die aufgrund der Auftrennung in drei Zeitabschnitte durch die gültige Chronologie als drei Katastrophen um 230, um 520 und um 930 erscheinen. HEINSOHN erarbeitete seine These auf der Grundlage der Auswertung von vorhandenen Stratigraphien einer Großzahl von antiken, spätantiken und frühmittelalterlichen archäologischen Stätten.

Da somit bei HEINSOHN das Jahr 230 gleich dem Jahr 930 ist, verbleiben dem ersten Jahrtausend letztendlich nur ca. 300 reale Jahre. Die aktuelle Chronologie enthält nach ihm also im ersten Jahrtausend ca. 700 Phantomjahre. Das von HEINSOHN in Vorbereitung befindliche Buch hat gegenwärtig den Arbeitstitel "Wie lange währte das erste Jahrtausend".

Im Gegensatz zu ILLIG, der die Zeit von 614 bis 911 einschließlich ihrer geschichtlichen Ereignisse ersatzlos aus der Chronologie streicht, geht HEINSOHN davon aus, dass die Geschichte der 700 Phantomjahre i. W. real ist, nur eben in die 300 Realjahre gehört.

Als Konsequenzen ergeben sich beispielsweise, dass der spätantike Kaiser Konstantin I. gleichzeitig mit den antiken Kaisern Tiberius und Caligula (HEINSOHN sieht parallel herrschende Kaiser in Rom, Konstantinopel und im Westen) regierte und dass die frühmittelalterlichen Karolinger in der Antike lebten.

BEAUFORT, der HEINSOHN folgt, sieht drei isolierte, zeitversetzte Datierungsstränge, die antike, die spätantike und die frühmittelalterliche Datierung. Letztere entspricht der heute gebräuchlichen Zeitrechnung nach unserer Zeit. In den Randbereichen überlappen sich die Datierungsstränge zwangsläufig. Als Zeitversatz zwischen der antiken und der spätantiken Datierung schlägt BEAUFORT 284 Jahre vor, zwischen der spätantiken und frühmittelalterlichen Datierung, die der aktuellen Zeitrechnung entspricht, 418 Jahre. Die Katastrophe hätte antik um 238, spätantik um 522 und nach u. Z. um 940 stattgefunden.

Die Verschiebung zwischen der antiken und der spätantiken Datierung sieht BEAUFORT im Zusammenhang mit der Einführung der Inkarnationszählung, d. h. die Zählung ab Christi Geburt, die im 6. Jh. von Dionysius Exiguus vorgeschlagen worden sein soll. Mit der durch Dionysius Exiguus vorgenommenen Verschiebung von Christi Geburt gegenüber der Diokletiansära um 284 Jahre in die Vergangenheit wurde die Geschichte des antiken Roms ebenfalls verschoben. Somit ist heute die Geschichte des antiken Roms und damit ganz Westroms auf der Zeitachse um 284 Jahre gegenüber der Geschichte von Byzanz versetzt. Die Verschiebung zwischen der spätantiken und der heutigen Datierung erfolgte in einer zweiten Aktion nach der Regierungszeit Justinians I. Als Protagonisten dieser Aktion sieht BEAUFORT den byzantinischen Universalgelehrten und Geschichtsschreiber Michael Psellos den Jüngeren. Damit ist in unserer Chronologie heute insgesamt eine Phantomzeit von ca. 700 Jahren enthalten.

Beda Venerabilis (672-735) soll erstmalig die Inkarnationszählung nach Dionysius Exiguus in seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum verwendet haben. Bemerkenswert ist, dass diese Zeitrechnung erst nach der Jahrtausendwende allgemein in Gebrauch kam, also mehr als 400 Jahre nach Dionysius Exiguus. Die Kirche führte sie erst 1431 ein.

Nach JOHNSON ist die Bedas Historia ein Pseudepigraph des 16. Jh. [ARNDT, 113].

Die etablierte Wissenschaft geht noch heute davon aus, dass die angeblich von Dionysius Exiguus vorgeschlagene Zeitrechnung mit unserer Zeitrechnung identisch ist.

Wie kam es zu der Chronologiemisere? Wie bekannt, wurde unsere derzeitige Chronologie im ausgehenden 16. Jh. von Joseph Justus Scaliger aufgestellt. Der im 16. Jh. erarbeiteten Chronologie lag natürlich die zur damaligen Zeit aktuelle und noch heute gültige Zeitrechnung nach u. Z. zugrunde. Davon, dass die Chronologie schon damals aufgrund der oben beschriebenen Manipulationen an der Zeitrechnung die etwa 700 phantomzeitlichen Jahre enthielt, ahnten die Ersteller der Chronologie offensichtlich nichts.

Scaliger & Co. konnten sich für ihre Chronologie nur auf die verfügbaren historiographischen Quellen stützen. Dass diesen unterschiedlichen Zeitrechnungen zugrunde lagen, wussten sie nicht. Sie ordneten die Geschichte nach bestem Wissen und Gewissen, wobei eigentlich parallele Geschehnisse nacheinander gefügt wurden, womit im Endeffekt die verlängerte, falsche Chronologie entstand.

Um zum tatsächlichen Ablauf der Geschichte zu kommen, ist zwangsläufig eine Bereinigung der Datierungen erforderlich. Letztendlich kann in der Chronologie der Zeitabschnitt von ca. 230 Jahren natürlich nur einmal enthalten sein.

Welche zwei Zeitabschnitte von den drei zu streichen sind, ist im Grunde dem Betrachter freigestellt. Lässt man z. B. den Zeitabschnitt 8. Jh. bis um 930 in der Chronologie, so sind die antike und spätantike Geschichte in diesen Zeitraum zu verschieben. Möchte man die Spätantike von 290 bis um 520 belassen, so wären die antike und die frühmittelalterliche Geschichte in diesen zu verschieben. Ich bevorzuge eine andere Betrachtungsweise. Als geeignete Zäsur sehe ich das Katastrophenjahr 238 (antik), 522 (spätantik) bzw. 940 (frühmittelalterlich = u. Z.). Damit bleiben die antiken Datierungen bis 238 beibehalten und die Geschichte würde im Jahr 940 fortsetzen. Zugleich würden die Spätantike und das Frühmittelalter verschwinden. Die spätantik und die frühmittelalterlich datierten tatsächlich stattgefundenen Ereignisse werden in die Antike bzw. in die Zeit nach 940 transferiert.

Damit behalten die uns geläufigen antiken Datierungen, z. B. die Regierungszeiten der Kaiser Augustus, Tiberius, Caligula etc. und die Datierungen ab etwa Mitte des 10. Jh. zunächst Gültigkeit. Die Zeit von 238 bis 940 wäre als Phantomzeit aus der Chronologie zu entfernen.

Bei dieser Betrachtungsweise gehört Konstantin I. in die 1. Hälfte des 1. Jh. Das Mailänder Edikt datiert damit in das Jahr 29. Theodosius I. regierte am Beginn des 2. Jh. und das Edikt des Theodosius datiert in das Jahr 107; die bekannte Reichsteilung von 395 in das Jahr 111.

Kaiser Justinian I., dessen traditionelle Regierungszeit (527-565) nach der Katastrophe (522) datiert ist, rückt jetzt nach 940.  Seine korrigierte Regierungszeit ist 945-983, also im fortgeschrittenen 10. Jh.

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass ich die gesamte überlieferte Geschichte für wahr halte. Wie ARNDT in seinem Buch "Die wohlstrukturierte Geschichte" glaubhaft darlegt, ist die offizielle Geschichte in großem Umfang konstruiert. Das betrifft nicht nur das frühe und hohe Mittelalter, sondern auch die römische Antike einschließlich der spätantiken Kaiserzeit. Der Umfang der Manipulationen an der Geschichte ist dabei noch völlig im Dunkeln. Da hier jedoch nicht die Geschichte der jeweiligen Herrscher im Focus steht, sondern der frühchristliche Kirchenbau, übernehme ich deren traditionelle Datierungen unkommentiert.

Ich gehe bei meinen folgenden Ausführungen von der prinzipiellen Gültigkeit der HEINSOHN-These aus, wobei ich einzelne Schlussfolgerungen HEINSOHNs, z. B. zum frühchristlichen Kirchenbau oder zur Geschichte der Karolinger nicht mittrage.

 

Italien im 10. Jh. und der Beginn des monumentalen Kirchenbaus in Italien

Mit der Erhebung des Katholizismus zur Reichsreligion und der Begründung der Reichskirche durch Justinian I. nimmt die Errichtung von monumentalen Kirchenbauten seinen Anfang. Folgerichtig entstehen in Konstantinopel die ersten mumentalen Kirchenbauten.

Natürlich war Justinian bemüht, die Reichskirche auch in den rückeroberten weströmischen Gebieten zu installieren. Das ist durch die Einrichtung eines der fünf Patriarchate in der ehemaligen Hauptstadt Westroms, in Rom, deutlich.

Rom wurde endgültig erst 552 durch Ostrom zurückerobert, Ravenna bereits 540. Schon vor den Gotenkriegen war die Stadt Rom bereits mehrfach Eroberungen, Verwüstungen und Plünderungen ausgesetzt, so 410 durch die Westgoten unter Alarich, 455 durch die Vandalen unter Geiserich, 476 durch Odoaker, ab 489 durch die Ostgoten unter Theoderich.

555 konnten zwar die oströmischen Truppen ganz Italien wieder dem Römischen Reich eingliedern, aber bereits 568 erscheinen die Langobarden auf dem Plan und erobern zunächst Norditalien, später sogar große Teile Süditaliens. Es gelang zwar, einige begrenzte Gebiete Ostrom zu erhalten, darunter Rom und Ravenna, jedoch war Ostrom offensichtlich außer Stande, der Invasion der Langobarden ernsthaft entgegenzutreten. Insgesamt gelang es Byzanz überhaupt nicht mehr, nachhaltig in Italien Fuß zu fassen.

Wie im vorangegangenen Abschnitt beschrieben, sind sämtliche o. a. spätantike Datierungen zu korrigieren. Die Datierungen vor 522 sind in die Antike, die nach 522 in das 10. Jh. zu verschieben Bemerkenswert ist, dass der Untergang des weströmischen Kaisertums bereits relativ kurz nach der Marc-Aurel-Krise stattfindet (im Jahr 192), d. h. noch vor der reichsweiten Katastrophe im Jahr 238 (=940).

Die Eroberungen und Plünderungen des 5. Jh. der Stadt Rom fanden im antiken 2. Jh. statt. Die Katastrophe 238 (= 940) hat Rom zusätzlich schwer geschädigt. Die Gotenkriege und die Rückeroberung Roms durch Ostrom im Jahr 552 (= 970) waren bereits nachkatastrophisch. Die Rückeroberungen Justinians I. ab 533/534 (Vandalenreich) bzw. ab 535 (Italien) waren sicher durch die Katastrophe begünstigt, wenn nicht sogar veranlasst.

Mit der Rückeroberung durch Ostrom im Jahr 970 u. Z. ist ein terminus post quem für einen Kirchenbau in Rom gegeben. Da ich den monumentalen Kirchenbau mit der Installation der Reichskirche durch Justinian verbinde, ist für mich ein früherer monumentaler Kirchenbau unmöglich.

Hätte es einen solchen gegeben, so hätten die Kirchenbauten wie die antiken römischen Bauten mit ziemlicher Sicherheit die zahlreichen Eroberungen und Verwüstungen und insbesondere die Katastrophe von 940 nicht überstanden.

Da die Installation der Reichskirche mit Sicherheit einen sehr hohen Stellenwert in der Politik Ostroms hatte, ist davon auszugehen, dass schon kurz nach der Rückeroberung Roms und der sicher vorrangigen  Stabilisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse mit dem Bau der Patriarchalkirche Roms begonnen wurde. Bekanntermaßen ist die Laterankirche die eigentliche Bischofskirche Roms. Man kann mit einiger Wahrscheinlichkeit vermuten, dass sie bzw. ein möglicher Vorgängerbau die ehemalige Patriarchalkirche war.

Ich sehe für den Kirchenbau in Italien zwei Phasen: 
 

Phase 1: Errichtung von Kirchenbauten unter der Bauherrnschaft Ostroms. Diese Kirchen waren keine Basiliken, sondern Zentralbauten. Zeitlich ist diese Phase ab 540 (= 958 u. Z.) bis etwa um 1000 zu sehen.

Zuerst wären hier die Patriarchalkirchen in den von Justinian gegründeten Patriarchaten zu betrachten. Leider gibt es zur Gestalt der Hauptkirchen in den fünf Patriarchaten Justinians so gut wie keine Informationen. Nach LASSUS soll Konstantin in Antiochia eine oktogonale Kirche gegründet haben [33]. Der Autor vermutet in diesem Bau die Patriarchalkirche des Patriarchats Antiochia, die natürlich nicht von Konstantin sondern von Justinian gegründet wurde.

Die Patriarchalkirche des Patriarchats Rom ist vermutlich die Laterankirche, die noch heute die Bischofskirche Roms ist. Ich halte jedoch nicht die bekannte frühchristliche Basilika für die ursprüngliche Patriarchalkirche, sondern einen noch unbekannten Vorgängerbau. Näheres dazu unten.

Von den erhaltenen Bauten der ersten Phase ist San Vitale in Ravenna das bekannteste Beispiel. Als Vorbildbau für San Vitale gilt die Sergios-und-Bakchos-Kirche in Konstantinopel. Der Ursprungsbau von San Lorenzo in Mailand dürfte ebenfalls dazugehören.

Die geringe Anzahl von erhaltenen Bauten ist wahrscheinlich auf die Streitigkeiten zwischen Ostrom und der römischen Kirche zurückzuführen, die bekanntlich 1054 zur bis heute andauernden Spaltung der Kirche in eine Ostkirche und eine Westkirche führten. Zum einen dürfte die römische Kirche den oströmischen Kirchenbau kaum unterstützt haben; zum anderen - sofern überhaupt weitere bestanden haben - ersetzte man vermutlich die Bauten relativ schnell durch römische Bauten, so z. B. in Rom.
 

Phase 2: Errichtung der Kirchenbauten durch die römische Kirche. Diese Kirchen sind ausschließlich Longitudinalbauten, also Saalkirchen oder Basiliken. Sie sind zeitlich nach Phase 1, d. h. etwa ab 1000 entstanden. Zentralbauten werden erst in Folge der Kreuzzüge im 12. Jh. wieder errichtet - jetzt als Nachbildungen der Grabrotunde in Jerusalem.

Fast alle erhaltenen, so genannten frühchristlichen Kirchen sind dieser Phase zuzuordnen. Sie sind nach meiner Ansicht die, z. B. in Rom nach traditioneller Sichtweise bisher fehlenden romanischen Kirchen des 11.-13. Jh. Der Kirchenbau in Rom erfolgte also zeitgleich mit dem Boom des Kirchenbaus in ganz Europa.

Unabhängig von und zeitlich vor HEINSOHN hatte ich die Entstehung des monumentalen Kirchenbaus maßgeblich ab dem 10. Jh. gesehen. Der Aufsatz dazu, noch unter der Phantomzeitthese von ILLIG erarbeitet, ist veröffentlicht in den ZEITENSPRÜNGE-Heften 3/2010, 2/2011 und 3/2011. Der vorliegende Aufsatz ist sozusagen das Upgrade auf die HEINSOHN-These.

Entgegen der Auffassung von HEINSOHN, der monumentale christliche Basiliken bereits im 1. und 2. Jh. sieht, schließe ich generell einen vorkatastrophischen monumentalen Kirchenbau aus.

 

Die frühchristlichen Kirchen der Stadt Rom

Ich beginne mit voller Absicht bei den frühchristlichen Kirchen der Stadt Rom. Da der Katholizismus von Ostrom ausging, hätte Konstantinopel am Anfang stehen müssen. Da ich aber gerade für die Datierung der stadtrömischen Kirchen einen am leichtesten nachvollziehbaren Korrekturansatz sehe, wird zum besseren Verständnis für den Leser mit diesen begonnen.

Fast alle stadtrömischen frühchristlichen Kirchen sind im Liber Pontificalis erwähnt und damit anscheinend eindeutig datiert, sofern man diese Quelle als verlässlich ansieht.

Der Liber Pontificalis ist eine chronologisch geordnete Sammlung von Biographien der Päpste. Dort sind Gründungen, Weihen, Baumaßnahmen, Ausstattungen etc. genannt und wenn nicht genau datiert so doch den Amtszeiten von Päpsten zugeordnet.

Der Liber Pontificalis soll bekanntlich erst im 6. Jh. entstanden sein. Wikipedia: "Der Liber Pontificalis wurde im 6. Jahrhundert in mehreren Stufen aktualisiert und ab dem 7. Jahrhundert mehr oder weniger regelmäßig nach dem Ableben eines Papstes aktualisiert. Der ältere Text bricht im 9. Jahrhundert mit dem Pontifikat von Stephan V. (Papst) ab."

ARNDT hat sich u. a. auch mit dem Liber Pontificalis befasst. Er kommt zu dem beachtenswerten Ergebnis, "dass die Papstliste von 685-1455 AD ganz offensichtlich aus Kopien vorangegangener Abschnitte sowie Konstruktionen besteht" [194]. Nach ihm scheint der Teilabschnitt 314-532 der von Fälschungen am wenigsten betroffene zu sein. Davor und danach sieht ARNDT eindeutige Indizien für eine "Konstruktion".

Während ich andere Schriftquellen zur Geschichte des frühchristlichen Kirchenbaus, wie die Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea (um 262 bis um 338) als auch dessen Vita Constantini für Pseudepigraphen erachte, halte ich den Liber Pontificalis zumindest für den o. a. Teilabschnitt von 314-532 für eine weitgehend verlässliche Quelle.

Nun datiert der Liber Pontificalis die stadtrömischen Kirchen alle gerade in die oben definierte Phantomzeit zwischen 238 und 940. Diese Feststellung ist jedoch nicht ganz korrekt. Der Liber Pontificalis datiert nämlich nicht nach einer Zeitrechnung, sondern nach Pontifikaten - wie zuvor die Herrscher in Rom nach den Konsulaten. Die Reihung der Pontifikate incl. der Amtszeiten ergibt einen zusammenhängenden Zeitabschnitt, der auf der Zeitachse zu verankern war. Erst mit der Festlegung des Einfügepunktes in die fehlerhafte, weil um ca. 700 Jahre zu lange Chronologie ergaben sich die heute bekannten Datierungen der Pontifikate.

Nach meiner Auffassung wurde der Liber Pontificalis nicht im 6. Jh., sondern kaum vor dem 14./15. Jh. zusammengestellt.

Dieser Fehler muss entsprechend korrigiert werden.

Nach Wikipedia (Liste der Päpste) ist der erste historisch eindeutig gesicherte Bischof von Rom der hl. Anterus (235-236). Damit liegt der Beginn der Pontifikatsreihung vor dem Jahr 238 in der Antike. Da der Einfügepunkt der Pontifikatsreihe unmittelbar vor dem Jahr 238 liegt, erstreckt sich dieser eingefügte Zeitabschnitt zwangsläufig in die Phantomzeit. Es ergibt sich damit quasi eine Fortsetzung der antiken Datierung in die Phantomzeit. Um zu den wirklichen Datierungen zu kommen, muss die Phantomzeit ausgeblendet werden, indem das Jahr 238 gleich dem Jahr 940 gesetzt wird. Damit erstreckt sich der eingefügte Zeitabschnitt, die Reihung der Pontifikate, jetzt in die reale Zeit nach 940. Die realen Datierungen, d. h. die Datierungen nach u. Z., ergeben sich letztendlich, indem den traditionellen Datierungen des Liber Pontificalis 702 Jahre hinzuaddiert werden.

Nach ARNDT war der Teilabschnitt 314-532 der verlässlichste des Liber Pontificalis. Die frühchristlichen Kirchen Roms gehören alle in diesen Zeitabschnitt. Mit dem Jahr 532 sind wir nach der vorgeschlagenen Korrektur bereits im Jahr 1234 u. Z., d. h. jenseits der Epoche des frühchristlichen Kirchenbaus.

Bei der vorgeschlagenen Vorgehensweise ergibt sich nun als Datierung für Alt-St. Peter als eine der frühesten "frühchristlichen" Kirchen Roms das Jahr 1026. Nur die Laterankirche wäre noch früher zu datieren. Wenn man die Datierung 312 von DEMANDT (siehe oben) übernimmt, ergibt sich für die Laterankirche das Stiftungsjahr 1014.

In der Endkonsequenz gibt es in Rom keinen so genannten frühchristlichen Kirchenbau.

Sozusagen als Nebeneffekt liefert der Liber Pontificalis möglicherweise die wirklichen Päpste des 11.-13. Jh.


Bevor die einzelnen frühchristlichen Kirchen Roms betrachtet werden, muss mit einem Grundirrtum aufgeräumt werden. Zu den angeblich von Konstantin in Rom gegründeten Kirchen zählt auch die Umgangsbasilika für Marcellinus und Petrus. Dieses Bauwerk gehört zu einer Gruppe von Bauten in Rom (und nicht nur in Rom), die alle traditionell dem 4. Jh. zugerechnet werden. Neben Santi Pietro e Marcellino gehören dazu die sog. Umgangsbasiliken San Sebastiano fuori le mura (Basilica Apostolorum), Sant' Agnese fuori le mura und San Lorenzo fuori le mura. Diese mit Grablegen "vollgestopften" Zömeterialbauten einschließlich der angeschlossenen Mausoleen (Mausoleum der Helena und Santa Costanza) sind ursprünglich keine christlichen Bauten. BRANDENBURG [55ff] beschreibt insgesamt sechs Umgangsbasiliken mit angeschlossenen bzw. unmittelbar benachbarten Mausoleen (möglicherweise gab es eine siebte über der Praetextat-Katakombe). Über die o. a. Bauten hinaus die Basilika von Tor de'Schiavi [60ff] und die Basilika der Via Ardeatina [86f]; für beide steht eine umfängliche Erforschung jedoch noch aus.

Die römischen Zömeterialbasiliken wie auch die Zömeterialbasiliken andernorts sind Zweckbauten für die Anlage von Bestattungen mit integrierten Raumkompartinenten für den i. d. R. heidnischen Totenkult. Der westliche apsidiale Schluss ist kein zwingender Hinweis auf eine christliche Bestimmung, da es ihn auch bei heidnischen Bauten gibt. Offensichtlich bin ich mit meiner Auffassung, dass die Umgangsbasiliken keine christlichen Bauten sind, nicht allein. Leider hält es BRANDENBURG nicht für nötig, auf die abweichenden Meinungen anderer Forscher näher einzugehen [BRANDENBURG, 90].

Auch UNTERMANN scheint in den Zömeterialbasiliken zunächst keine christlichen Kirchen zu sehen, wenn er es auch nicht so deutlich ausspricht. Über die ursprüngliche Zömeterialbasilika St. Pierre in Vienne schreibt er: "Der Boden des 14 m breiten Saalraumes nahm dicht gereihte Sarkophage auf. Die Apsis ... diente zunächst nicht der Liturgie, sondern dem exklusiven Begräbnis [UNTERMANN, 23f]. Zu Sitten/Sion (Wallis) vermerkt er, dass ein spätrömischer Zömeterialkomplex im 6. Jh. zur Kirche umgewandelt wird und dass seitdem im Inneren nur noch wenige Bestattungen erfolgten [UNTERMANN, 26].

LEIPZIGER hat in ihrer Dissertation die römischen Basiliken mit Umgang untersucht und kommt zu dem Schluss: "Es gibt keine einheitliche primäre Funktion der sechs Basiliken mit Umgang und daher auch keine spezifisch christliche Funktion. Ebenso wenig spezifisch christlich ist die Herkunft der Bauform: … Diese Bauform ist von Anfang an für Bestattungen bestimmt gewesen,... Alle sechs Basiliken sind bei aller Unterschiedlichkeit demnach primär für den Totenkult errichtet worden." [240] Natürlich waren die an die römischen Umgangsbasiliken angeschlossenen Mausoleen wohlhabender Familien ebenfalls keine christlichen Bauten. Die Verrenkungen der Forschung, die Umgangsmosaiken von Santa Costanza christlich zu deuten, sind unnötig. Die Mosaiken sind heidnisch und nicht christlich. Die nachträglich eingefügten christlichen Motive der Nischenmosaiken sind einfach durch eine spätere christliche Nutzung erklärbar. Die Ursprungsbauten waren mit Sicherheit nicht christlich. Es hat bisher immer verwundert, dass die Umgangsbasiliken in der Nähe der Heiligengräber errichtet wurden und nicht direkt über dem Grab. Der einfache Grund ist, dass die Bauten keine Märtyrerkirchen sind und ihnen diese Funktion erst viel später angedichtet wurde. BRANDENBURG [63] verweist darauf, dass sich z. B. für SS. Pietro e Marcellino und die Umgangsbasilika von Tor de'Schiavi die Dedikation für bestimmte Märtyrer erst im 6. Jh. nachweisen lässt. Der "Nachweis" ist offensichtlich für SS. Pietro e Marcellino der Liber Pontificalis [BRANDENBURG, 59]. Für die Zömeterialbasilika Tor de'Schiavi ist gar kein Märtyrerkult überliefert, doch wird sie von BRANDENBURG aufgrund ihrer Grundrissform und einer benachbarten kleinen Katakombe als christlicher Bau eingeordnet.

Diese Bereinigung „beraubt“ Rom mit einem Schlag fast aller Märtyrerkirchen (bis auf Alt-St. Peter und S. Paolo fuori le mura). Die römischen Umgangsbasiliken wurden alle in der Katastrophe 238 zerstört und danach - mit Ausnahme der Basilica Apostolorum  - nicht wieder aufgebaut. Die heute noch existenten Kirchen  Sant' Agnese fuori le mura, San Lorenzo fuori le mura und Santi Pietro e Marcellino sind spätere Neubauten; alle außerhalb des Grundrisses der eigentlichen Umgangsbasilika. Als einzige wurde die ehemalige Basilica Apostolorum nach der Katastrophe als Kirche San Sebastiano ad Catacumbas, heute San Sebastiano fuori le mura, umgebaut, wobei die Kirche nur das Mittelschiff der ehemaligen Umgangsbasilika nutzt. Pfeilerstellungen und Obergaden des antiken Baus sollen im heutigen Kirchenbau noch weitgehend erhalten sein, wenn auch meist hinter der barocken Verkleidung, ebenso Teile der Außenmauern des Umgangs und der Seitenschiffe [BRANDENBURG, 63f]. Über den Zeitpunkt des Umbaus zur Kirche liegen keine Informationen vor. Vermutlich erfolgte der Umbau zur Kirche erst 1608, also fast sieben Jahrhunderte nach der Zerstörung der Umgangsbasilika. Möglicherweise hat die Basilica Apostolorum wegen der "im Westen hohe(n) Substruktionen mit Stützpfeilern" [ebd, 66], die aufgrund der Geländesituation erforderlich waren, die Katastrophe besser überstanden als die anderen Umgangsbasiliken.
Aus der Belegung mit Gräbern ist zu schließen, dass die Umgangsbasiliken vor ihrer Zerstörung längere Zeit genutzt worden sein müssen. Damit rückt ihre Errichtung in das 1. bzw. 2. Jh. Die traditionelle Datierung beruht wahrscheinlich auf der irrigen Annahme, dass diese Bauten christliche Kirchen waren, die nicht vor dem 4. Jh. errichtet sein können. Denkbar ist, dass SS. Pietro e Marcellino wirklich von Konstantin I. aber eben im 1. Jh. gegründet wurde, natürlich noch nicht mit dem Patrozinium SS. Pietro e Marcellino. Möglicherweise ist die traditionelle Datierung der Umgangsbasiliken in das 4. Jh. auch der falschen Einordnung der Regierungszeit Konstantin I. in das 4. Jh. geschuldet.

Auf die wichtigsten frühchristlichen Kirchen Roms soll nachfolgend etwas näher eingegangen werden.

Bei der Betrachtung der frühchristlichen Kirchen der Stadt Rom beziehe ich mich vorwiegend auf BRANDENBURG, Hugo: "Die frühchristlichen Kirchen in Rom". Bezeichnend die Feststellung von BRANDENBURG [106]: "Da ... für die meisten frühchristlichen Kirchen Roms eine moderne Bauuntersuchung fehlt ... Alle bisher in der Wissenschaft diskutierten Datierungen sind lediglich Einschätzungen ohne solide Grundlage."

 

Die Kirchenbauten

 

San Giovanni in Laterano und Lateranbaptisterium San Giovanni in Fonte

Bekanntlich ist San Giovanni in Laterano die Bischofskirche Roms. Sie soll traditionell unmittelbar nach dem Toleranzedikt von 313 durch Kaiser Konstantin I. gegründet worden sein. Die Laterankirche liegt nicht wie Alt-St. Peter oder San Paolo fuori le mura außerhalb, sondern innerhalb der antiken Stadt. Sie wurde auf dem Areal einer um 200 errichteten Kaserne errichtet. Unter der Kaserne wurden ältere Häuser des 1. und 2. Jh. freigelegt. "Die Gebäude des Lagers wurden niedergelegt, die Unterbauten zugeschüttet: So ergab sich eine große Plattform, auf der die christliche Basilika errichtet wurde." [BRANDENBURG, 20]

Ich bin der Meinung, dass der allgemein bekannte so genannte frühchristliche Bau nicht der Ursprungsbau war, sondern der Nachfolgebau einer früheren, der ersten Kirche Roms. Denkbar ist auch, dass dieser erste Bau nie fertiggestellt wurde bzw. nie in Nutzung ging.

Die ursprüngliche Patriarchalkirche des Patriarchats Rom war nach meiner Auffassung keine Basilika, sondern ein Zentralbau, vielleicht ähnlich San Vitale in Ravenna. Möglicherweise ist dieser Ursprungsbau unter dem Lateranbaptisterium S. Giovanni in Fonte zu verorten. Die polygonalen Außenmauern des bestehenden Baus, angeblich aus dem 5. Jh., stehen auf einem großen Rundfundament von 19,20 m Durchmesser und einer beträchtlichen Mauerstärke von 1,70 m [BRANDENBURG, 38], das eindeutig nicht zum bestehenden Bau gehört. Aufgehendes Mauerwerk auf dem Rundfundament wurde nicht nachgewiesen [ebd. 38]. Dieses Rundfundament soll Anfang des 4. Jh. in ein aufgelassenes Thermengebäude gebaut worden sein. Auf diesem Fundament soll ein Rundbau gestanden haben, in dessen Mitte sich ein rundes Becken befunden haben soll. Die Fußbodenhöhe des Rundbaus lag ca.   1,30 m über dem der Therme. BRANDENBURG hält diesen Vorgängerbau für das konstantinische Baptisterium, wobei das Becken eine nicht belegte Annahme seinerseits ist. Verschiedene Gebäudeteile der ehemaligen Therme wurden damals in den ersten Bau einbezogen.

Die Bereitstellung der Baufläche über einer ehemaligen kaiserzeitlichen Kaserne war natürlich keinem großzügigen kaiserlichen Akt zu verdanken. Das westliche Kaisertum gab es nicht mehr. Die Kaserne wurde nicht mehr genutzt und war in der Katastrophe zerstört worden, womit der Bauplatz einfach zur Verfügung stand.

Ein genaues Baudatum der Laterankirche ist nicht bekannt. Nach dem Liber Pontificalis wurde sie unter dem Pontifikat des Papstes Sylvester (314-335) errichtet. Sie soll schon 324 weitgehend vollendet gewesen sein. Nach Korrektur der Datierung ergibt sich als Pontifikat des Papstes Sylvester 1016-1037 u. Z. bzw. die weitgehende Fertigstellung im Jahr 1026 u. Z. Diese Datierung dürfte zur zweiten Kirche gehören, deren Bau von der römischen Kirche initiiert wurde. Die erste Kirche, der von Ostrom initiierte Bau, wird kaum im Liber Pontificalis erwähnt sein.

 

Rom, Laterankirche, Grundriss aus [BRANDENBURG, 260]

 

Der Bau des 11. Jh. soll noch in Teilen im aufgehenden Mauerwerk des heutigen Barockbaus erhalten sein. "19 rote Granitsäulen säumten das Mittelschiff. Sie waren wie die großen, aber in Form und Dimension nicht einheitlichen, unterschiedlichen Ordnungen angehörenden Kapitelle älteren, kaiserzeitlichen Bauten oder Lagerbeständen entnommen, also Spolien ... 21 grüne Marmorsäulen ..., ebenfalls Spolien, trennten dagegen die Seitenschiffe" [BRANDENBURG, 23] Aufgrund einer Nachricht im Liber Pontificalis erschließt BRANDENBURG ein Atrium im Osten der Basilika. Das Atrium soll unter Papst Hadrian I. (772-795) restauriert worden sein, das wäre nach Ende des 15. Jh. Archäologisch gibt es keinen Nachweis. Ich erinnere, dass nach ARNDT der Liber Pontificalis nach 532 weitgehend konstruiert sein dürfte. 1506 wurde der Grundstein für den barocken Neubau gelegt.

Nach STÜTZER [70f] stellte Gregor der Große (590-604) die Basilica Salvatoris unter den Schutz Johannes des Täufers und wohl auch des Evangelisten Johannes, womit sie seit dem 7. Jh. das Johannespatrozinium besitzt. Nach BRANDENBURG [20] wird die heute noch übliche Bezeichnung S. Giovanni erst im Frühmittelalter von der Dedikation des Baptisteriums auf die Basilika übertragen. Entsprechend Fußnote bezieht er sich auf den Liber Pontificalis, womit konsequenterweise die Datierung korrigiert werden muss. Damit ergäbe sich für diese Übertragung Anfang 14. Jh. und nicht das Frühmittelalter.

 

San Pietro in Vaticano (Alt-St. Peter)

Alt-St. Peter soll nach einer Nachricht im Liber Pontificalis wie die Laterankirche durch Konstantin unter dem Pontifikat des Papstes Sylvester I. (314-335) errichtet worden sein. Nach einem Münzfund in einer Ascheurne soll der Friedhof, über dem die Kirche erbaut wurde, 317/318 noch in Benutzung gewesen sein. Aus diesem Grund wird der Baubeginn in den zwanziger Jahren des 4. Jh. angesetzt.

Auch hier ist wieder Ordnung in die Datierungen zu bringen. Die Bezugnahme auf Konstantin ist konstruiert. Das Pontifikat des Papstes Sylvester I. ist in den Zeitraum 1016-1037 zu datieren. Die Münze ist mit Sicherheit byzantinisch datiert, womit nur der Beweis für die Benutzung des Friedhofs im Jahr 33/34 erbracht ist. Dieses Datum gibt absolut nichts her für die Datierung des Baus von Alt-St. Peter. Wie lange die antike Nekropole genutzt wurde, ist somit nicht eindeutig zu bestimmen. Ich gehe davon aus, dass die Nekropole spätestens seit der Katastrophe 238, also seit mehr als als fünfzig Jahren, nicht mehr in Benutzung war. Der Liber Pontificalis berichtet, dass Papst Liberius (352-366) von der Petersbasilika Besitz ergriffen habe. Das könnte ein Hinweis auf die Fertigstellung im Zeitraum 1054-1068 sein.

Einen weiteren Anhaltspunkt liefert vielleicht die traditionelle Baugeschichte. Um ca. 600 soll unter Papst Gregor dem Großen das Petrusgrab durch eine Ringkrypta mit Confessio zugänglich gemacht worden sein. Ich sehe diese Datierung als byzantinisch an, womit sich transformiert 1018 ergibt. Nach meiner Auffassung ist zu dieser Zeit nicht nur die Ringkrypta entstanden, sondern der gesamte Kirchenbau einschließlich Ringkrypta. Der Bau war von Anfang an ausschließlich auf das angebliche Petrusgrab ausgerichtet.

Hinsichtlich der Bedeutung ist San Pietro in Vaticano (Alt-St. Peter) mindestens die zweitwichtigste Kirche Roms, wenn nicht die wichtigste. Sie wurde über dem vermeintlichen Grab des hl. Petrus auf einer Nekropole errichtet. Damit war Alt-St.Peter eine an einem Ort der Jesusgeschichte, hier dem angeblichen Grab des Petrus, errichtete Gedächtniskirche, vergleichbar mit der Geburtskirche in Bethlehem und der Grabeskirche in Jerusalem. Schon im 2. Jh. soll die christliche Gemeinde Roms "das Grab des Apostelfürsten" an der Stelle, wo heute der Papstaltar steht, vermutet haben. Im Laufe des 2. Jh. sollen Christen in einer um die Mitte des 2. Jh. errichteten Mauer eine Nische angebracht haben, die später durch zwei Säulchen ergänzt wurde und somit die Gestaltung eine Ädikula erhielt. "Dieses kleine, sehr bescheidene Denkmal, das das älteste Märtyrerheiligtum oder Gedächtnisstätte (memoria) überhaupt ist" [BRANDENBURG, 92], wird bis heute als Petrusgrab verehrt. In den Gedächtniskirchen sehe ich den Ausgangspunkt des wenig später so blühenden Märtyrerkults. BRANDENBURG [94] sieht die Entwicklung des Märtyrerkults "im Laufe des 3. Jahrhunderts", korrigiert wäre das im 10. Jh.

Für den Bau der Kirche wurden "bis zu 10 m hohe Stützmauern errichtet und die sich den Hügel hinaufziehenden Grabbauten im unteren Bereich der römischen Nekropole zugeschüttet und die höher am Hügel gelegenen Grabmonumente in der Nähe der memoria niedergelegt" [BRANDENBURG, 96]. Säulen und Architrav waren Spolien, wie schon bei der Lateranbasilika.

 

Rom, Alt-St. Peter, Grundriss aus [BRANDENBURG, 276]

Gegen Ende des 4. Jh. soll am Scheitel der Apsis ein großes Mausoleum in Form einer apsidialen Halle für die damals wohl bedeutendste römische Adelsfamilie, die Anicier, angebaut worden sein. Wenn man auch diese Datierung korrigiert, wäre das Ende des 11. Jh. In der frühromanischen Baukunst kennt man solche Bauten als Außenkrypten, wie z. B. die Ludgeridenkrypta in Werden (Weihe 1059).

Die im Süden angebauten Rundmausoleen sollen im Kern ältere Bauten sein, die um 400 erweitert worden sind [BRANDENBURG, 100]. Das westliche soll die dynastische Grablege des theodosianischen Herrscherhauses gewesen sein, wo u. a. 407 seine Gemahlin Maria und 415 seine zweite Gemahlin Thermantia und 423 der Kaiser selbst bestattet worden sind. Diese Datierungen sind byzantinisch, womit sich als weströmische Daten 123 für Maria, 131 für Thermantia und  139 für Theodosius ergeben. Merkwürdig hierbei ist vielleicht der Umstand, dass Theodosius I. Kaiser in Ostrom war, d. h. er regierte in Konstantinopel. Wieso ließ er sich in Rom bestatten und nicht in Konstantinopel? Es sind also Zweifel gestattet. Im 8. Jh. soll der Bau der hl. Petronilla geweiht worden sein, was korrigiert dem 15. Jh. entspricht. Die Erinnerung an die kaiserlichen Grabinhaber soll zu diesem Zeitpunkt schon verloren gegangen gewesen sein.

Sowohl die Laterankirche als auch Alt-St. Peter sind gewestete Kirchenbauten. Offensichtlich war zur Zeit ihrer Gründung der christliche Kult in solchen Großbauten noch nicht gefestigt. Die möglicherweise als Vorbild dienenden, für den (nicht christlichen!) Totenkult bestimmten römischen Umgangsbasiliken waren durchweg gewestet, da man den von den Toten Auferstandenen aus dem Osten erwartete, weswegen der Eingang im Osten lag.

Die übrigen so genanten frühchristlichen Kirchen Rom sind für mich durchweg jüngere Gründungen. Sehen wir uns diese kurz an:
 

Santa Maria Maggiore

Dreischiffige gewestete Basilika, nach einer Inschrift im Triumphbogenmosaik von Papst Sixtus III. (432-440) gestiftet und nach einer weiteren, nicht erhaltenen Inschrift auch geweiht [BRANDENBURG, 178f]. Der Kirchenbau wurde auf den Resten eines größeren römischen Gebäudes der Kaiserzeit errichtet, welches angeblich bis Mitte des 4. Jh. genutzt wurde. Diese Datierung der Nutzung erfolgte "nach Ausweis der verschiedentlich erneuerten Wandmalereien" [BRANDENBURG, 178] und ist m. E. anzuzweifeln.
"Die Kirche folgt mit ihrer Ausrichtung von Nordwest nach Südost dem größeren Hauskomplex, einem Wohnhaus mit gewerblichen Einrichtungen, den sie zusammen mit einer Straße überbaut. ... Die Basilika lag auf dem Grundgeschoß der Vorgängerbauten gleichsam auf einer Substruktion oder Plattform." [BRANDENBURG, 179] Es liegt auf der Hand: Das römische Gebäude ist in der Katastrophe untergegangen und mit Erde bedeckt worden. Darüber wurde später der Kirchenbau errichtet.
Die frühchristliche Apsis soll Ende das 13. Jh. abgebrochen worden sein. Damals wurde weiter westlich eine neue, die heute noch vorhandene Apsis errichtet. Vom Bau des 5. Jh. soll der reich mit Mosaiken geschmückte Triumphbogen erhalten sein, ehemals die Ostwand der Kirche.
Die Säulenschäfte der Mittelschiffskolonnaden sind aus verschiedenen Material, wahrscheinlich aus einem Magazinbestand entnommen, die Basen hatten unterschiedliche Maße und sollen z. T. Spolien sein und die zeitgenössischen ionischen Kapitelle waren ungleich in den Maßen und ungleichmäßig in Machart und Formenbestand. Der Architrav über den Mittelschiffskolonnaden ist aus Holz, mit Stuck überzogen. "Offensichtlich standen für den Architrav Marmorblöcke oder antike Spolien in den erforderlichen Maßen nicht zur Verfügung, so daß man sich mit der Konstruktion eines Scheinarchitravs behelfen musste."
[BRANDENBURG, 185] Die Säulenschäfte wurden bei der Restaurierung Mitte des 18. Jh. überarbeitet und auf eine einheitliche Stärke gebracht. Die Basen wurden damals ummantelt und die Kapitelle durch Neuanfertigungen ersetzt [BRANDENBURG, 179]. Der Ersatz des Architravs durch Arkaden im Westen der Mittelschiffskolonnaden erfolgte im Zuge der Restaurierung des 18. Jh.
Zur Datierung: Das Pontifikat Sixtus III. von 432 bis 440 ergibt korrigiert 1134-1142. Der Bau erfolgte also im 12. Jh. bei teilweiser Verwendung von Magazinmaterial und Spolien. Dementsprechend können die Mosaiken auch frühestens im 12. Jh. entstanden sein.
Es gibt darüber hinaus auch stilistische und ikonographische Argumente für die späte Entstehung der Mosaiken. Auf dem Verkündigungsmosaik des Triumphbogens ist Maria in ganz neuer Weise dargestellt: „Maria königlich gewandet mit Nimbus“ [STÜTZER,157ff]. Eine solche Darstellung ist erst nach Erhebung des Christentums zur Reichskirche denkbar, also frühestens im 10. Jh.. Der kleinteilige, erzählende Stil der Mosaiken erinnert an frühromanische Wandmalerei. Die Marienverehrung beginnt traditionell in der frühromanischen Kunst erst im 10. Jh.
Neben dem Triumphbogenmosaik befinden sich weitere Mosaiken an den Mittelschiffswänden. Die Themen der Mosaiken im Langhaus sind vorwiegend aus dem alten Testament, am Triumphbogen neutestamentlich. Nach STÜTZER [154] im Stil weitgehend von der Buchmalerei beeinflusst. Dem widerspricht BRANDENBURG, da es für eine solche Bildkunst damals noch keine umfangreiche christliche Tradition gab - auch nicht in der Buchmalerei [BRANDENBURG, 189]. Der Mosaikzyklus sei in seinem Stil einzigartig und hat keine Nachfolge gefunden [BRANDENBURG, 188]. BRANDENBURGs Einspruch ist bei der Entstehung der Mosaiken im 12. Jh. gegenstandslos.
 

Santa Croce in Gerusalemme

„Die Gründung der Kirche … geht auf die Legende von der Auffindung des Kreuzes Christi durch Kaiser Konstantins Mutter Helena zurück. Die Reliquie ist angeblich um 320 in Jerusalem gefunden und nach Rom gebracht worden. Tatsache ist aber lediglich, dass 1144 von Papst Lucius II. hier eine alte Kirche erneuert wurde.“ [ROSENDORFER, 152] Nach BRANDENBURG wurde die Kirche im 4. Jh. in einem vorhandenen Saal eines kaiserlichen Palastes aus der Severerzeit (192-211) eingerichtet. Dabei wurde auf der südöstlichen Schmalseite eine große Apsis angefügt, womit die Kirche zum ersten geosteten christlichen Kultbau der Stadt wurde [BRANDENBURG, 105]. Weiterhin sollen zwei Querwände zu den Baumaßnahmen des 4. Jh. gehören. Die Datierung in das 4. Jh. beruht auf einer Erwähnung im Liber Pontificalis und entspricht korrigiert dem 11. Jh. Nach dem Untergang des weströmischen Kaisertums 476 (= 192) und insbesondere nach der Katastrophe 238 (= 940) war der kaiserliche Palast ohne Nutzung. Da der Palast an den Hängen des Hügels Esquilino lag, war er nach der Katastrophe als Bauhülle möglicherweise noch weitgehend intakt, so dass im 11. Jh. eine Kirche dort eingerichtet werden konnte. Die Bezugnahme auf Konstantin ist wieder konstruiert. Im 12. Jh. wurde dann in den antiken Saal die dreischiffige Kirche eingebaut. In diesem Zusammenhang wurde auch die Apsis errichtet. Möglicherweise war zunächst nur ein Saalbau mit der großen Apsis vorgesehen. Dann entschied man sich doch für einen basilikalen Querschnitt und zog die Mittelschiffswände ein. Im 12. Jh. erhielt die Kirche auch ihren Turm.
Die Rekonstruktion der Kirche des 11. Jh. mit den Querwänden mit den doppelten Säulenstellungen stammt nach BRANDENBURG von KRAUTHEIMER. Sie ist m. E. ein reines Phantasieprodukt von ihm. An den Längswänden waren nur Abbruchspuren von Querwänden o. ä. erhalten (mehr kann auch KRAUTHEIMER nicht gesehen haben). Mit dem Einbau der Kirche des 12. Jh. sollen die Querwände abgebrochen worden sein.
 

Santa Pudenziana

Vom Gründungsbau des ausgehenden 4. Jh. soll nur noch die Apsis mit ihren Mosaiken stammen. Das Apsismosaik ist sehr stark restauriert. Der heutige Zustand ist i. W. vom Ende des 16. Jh. Bruchstücke eines romanischen Portals sind in der Fassade enthalten. Der Campanile stammt aus dem 12. Jh.
Die Kirche soll im späten 4. Jh. in einem Hofgebäude eines größeren Baukomplexes des 2. Jh. errichtet worden sein. Das Hofgebäude war ein allseitig von Pfeilerarkaden und darüber im ersten Stock von einer überwölbten Galerie mit großen Fensteröffnungen umgebener offener Hof. Beim Umbau zur Kirche soll die nordwestliche, kreissegmentförmig abschließende Schmalseite als Apsis bestimmt sowie der Hof überdacht worden sein, indem ein zweites Geschoss als Obergaden zur Belichtung aufgesetzt wurde. Die Apsis soll das noch heute erhaltene Mosaik damals erhalten haben. Die überwölbten Galerien an den Längsseiten sollen als Seitenschiffe gedient haben. "Es ist bemerkenswert, daß die Kirche im Inneren des Hofgebäudes unter Beibehaltung seiner Strukturen und offenbar auch ohne wesentliche Veränderungen im Außenbau eingerichtet wurde." [BRANDENBURG, 138f] Der Bau ist durch eine Grabinschrift aus dem Jahr 384  für das letzte Viertel des 4. Jh. bezeugt. Die Gründung soll unter Papst Damasus (366-384), die Stiftung der Ausstattung und Einrichtung des Altarraumes soll unter Papst Siricius (384-402) erfolgt sein [BRANDENBURG, 137]. Marmordekoration und Apsismosaik sollen unter Papst Innozenz (402-417) ausgeführt worden sein.
Nach dem Liber Pontificalis wurde die Kirche unter Papst Hadrian (772-795) restauriert. Damals sollen die Pfeiler durch Spoliensäulen mit Palmkapitellen des 4. Jh. ersetzt worden sein. Die Säulen sind ohne Basen, was nach BRANDENBURG für eine mittelalterliche Baumaßnahme spricht. Darüber hinaus soll damals die südöstliche Schmalseite der ursprünglichen Hofanlage abgerissen und das Schiff nach Osten um zwei Arkaden verlängert sowie eine neue Fassade errichtet worden sein [BRANDENBURG, 139]. Ein Veranlassung für die Erweiterung sieht BRANDENBURG in dem "bis zum Mittelalter merklich erhöhten Straßenniveaus" [139f].
Die vorgenannten Datierungen sind alle zu korrigieren. Die Gründung unter Papst Damasus erfolgte demnach zwischen 1068 und 1086, die Stiftung der Ausstattung unter Papst Siricius zwischen 1086 und 1104, die Ausführung von Marmordekoration und Apsismosaik unter Papst Innozenz zwischen 1104 und 1119. Die Restaurierung der Kirche unter Papst Hadrian erfolgte zwischen 1474 und 1497. Damit ist klar, dass die Baumaßnahmen, die BRANDENBURG Papst Hadrian zuordnet, keinesfalls zu dieser Restaurierung gehören können.
Der Obergaden des Hofbaus und die Verlängerung des Mittelschiffs sind offensichtlich unterschiedlichen Bauabschnitten zuzuordnen. "Das unregelmäßige Ziegelmauerwerk der Hochwand über den Arkaden (der Verlängerung - MM) spricht ebenfalls für mittelalterliche Entstehung dieser Erweiterung." [BRANDENBURG, 139]

Mein Vorschlag zur Rekonstruktion der Baugeschichte: Die Überdachung des Innenhofs einschließlich Obergaden erfolgte noch vor der Katastrophe und ist antik. Ende des 11. Jh. und im 12. Jh. wurde das nach der Katastrophe 238 (= 940) nicht mehr genutzte, überdachte Hofgebäude, das vermutlich die Katastrophe einigermaßen überstanden hatte, zur Kirche umgebaut. Jetzt wurde die südöstliche Schmalseite des Hofgebäudes abgerissen und das Mittelschiff verlängert und die Spoliensäulen mit den Kapitellen eingebaut und das Apsismosaik angebracht. Das Mosaik stellt Christus in der Mitte der zwölf Apostel (davon nur noch zehn erhalten) dar. Christus ist wie ein römischer Kaiser dargestellt (gemmengeschmückter Thron, Purpurkissen, Pallium). Eine solche Darstellung ist m. E. frühestens nach Installation des Christentums als Reichskirche möglich und im 12. Jh. natürlich kein Novum mehr.
Damit klären sich ein paar Ungereimtheiten von selbst wie die Beibehaltung der Strukturen des Hofgebäudes (siehe oben) und die Bemerkung BRANDENBURGs, dass das Mosaik "in Aufwand und Qualität, sowie durch seine vielfigurige Komposition, den komplexen und vielschichtigen Bildinhalt in eigentümlichem Kontrast (steht) zu dem mit geringem Bauaufwand zu einer Basilika umgestalteten Hofbau." [BRANDENBURG, 140] Damit erledigt sich auch, dass das Mosaik das älteste der uns erhaltenen frühchristlichen Apsismosaiken sei. Die Portalbruchstücke und der Campanile gehören für mich zum romanischen Umbau zur Kirche.
Die Verlängerung des Mittelschiffs sieht BRANDENBURG "auch durch die bis zum Mittelalter merklich erhöhten Straßenniveaus veranlaßt, die das ursprünglich hohe Podium der Erdgeschoßbebauung in der Auffüllung des Tales weitgehend verschüttet haben."
[139f] Ich gehe davon aus, dass die geänderte Geländesituation eine Folge der Katastrophe war.
 

Santa Sabina

Nach Widmungsinschrift und dem Liber Pontificalis unter Papst Sixtus III. (432-440) vollendet [BRANDENBURG, 167]. Die Kirche wurde im Mittelalter und in der Barockzeit stark verändert. Nach BRANDENBURG ist sie "die am besten erhaltene frühchristliche Kirche Roms ... Sie vermag daher den vollkommensten Eindruck von diesen frühchristlichen Kultbauten zu vermitteln ..." [167]. Der heutige Zustand ist das Ergebnis der Restaurierungen von 1914 bis 1919 und von 1936 bis 1938. Der dreischiffige Kirchenbau ohne Querhaus wurde über Resten verschiedener kaiserzeitlicher Privathäuser errichtet. Verschiedene Fassadenmauern wurden sogar in den Kirchenbau einbezogen. Die kannelierten Säulen einschließlich der korinthischen Kapitelle stammen nach BRANDENBURG [169] "aus einem einheitlichen Bestand des späteren 2. Jahrhunderts , sind hier also wiederverwendet." Die Werkstücke könnten einem Marmormagazin entnommen worden sein. Die Fenster der Seitenschiffe sind romanisch. An der Eingangswand ein Mosaik mit Widmungsinschrift mit Hinweis auf Papst Coelestin I. (422-432). Original angeblich auch noch ein Fries mit Marmorinkrustationen. Die traditionelle Datierung der Kirche offensichtlich nach dieser Widmungsinschrift. Gemäß der Inschrift soll der Stifter ein illyrischer Priester namens Petrus gewesen sein. Die reich skulptierte Holztür soll angeblich vom Ursprungsbau stammen. Sie ist „die älteste holzgeschnitzte Tür christlicher Kunst“ [FISCHER, 334]. „Das Mosaik über der Eingangswand gehört zu den ältesten Roms;…“ [FISCHER, 334f]. Bei solchen Superlativen erheben sich bei mir größte Zweifel.
Wie oben bereits ausgeführt, sind die Datierungen des Liber Pontificalis zu korrigieren. Danach datieren das Pontifikat von Papst Coelestin I. von 1124 bis 1134 und das Pontifikat von Papst Sixtus III. von 1134 bis 1142. Damit liegt die Vollendung in der 1. Hälfte des 12. Jh. Spricht etwas dagegen? Reliefgeschmückte Türen aus Holz oder Bronze sind im 11. Jh. und 12. Jh. keine Seltenheit (Verona, Pisa, Trani, Köln, Hildesheim, Augsburg, Magdeburg - jetzt in Novgorod). Die Konzentration auf die handelnden Personen, der ornamentale Faltenwurf, phantastische Pflanzendarstellungen aber auch die Komposition einzelner Szenen wie die Huldigung der Sterndeuter finden sich ebenso in der Buchmalerei des 11. Jh. Die phrygischen Mützen der Sterndeuter aus der Huldigungsszene tragen auch die Heiligen Drei Könige im Mosaik in San Apollinare Nuovo in Ravenna, welches ich frühestens dem 11. Jh. zuordne. Dass bzgl. des künstlerischen Stils keine unmittelbare Verwandtschaft zu den anderen erhaltenen Werken vorliegt, mag vielleicht auch an der falschen zeitlichen Einordnung liegen. Säulen und Kapitelle müssen keine Spolien sein. Sie können auch nach antiken Vorbildern neu gefertigt sein. Auch Marmorinkrustationen sind im 12. Jh. üblich (San Miniato in Florenz).
Damals müssen die kaiserzeitlichen Privathäuser noch halbwegs gestanden haben, sonst wäre die Einbindung verschiedener Fassaden  in den Kirchenbau kaum denkbar. Vermutlich waren die Zerstörungen auf dem Hügel des Aventin nicht so gravierend. Eine Überdeckung mit Schlamm ist bei der Hügellage auch nicht anzunehmen.
 

Santo Stefano Rotondo

Die Gründung von Santo Stefano Rotondo wird traditionell um 470 gesehen. Nach dem Liber Pontificalis das Weihedatum unter Papst Simplicius (468-483) [BRANDENBURG, 204]. Errichtet über einer ehemaligen Kaserne, weshalb man von einer kaiserlichen Förderung des Baus ausgeht. Bei einer nachkatastrophischen Errichtung des Bauwerks entfällt dieses Argument. Die Kaserne soll im späten 4. Jh. noch in Funktion gewesen sein, was aus einem Bericht des Ammianus Marcellinus hervorgehen soll, wonach die Kaserne als Staatsgefängnis für den alemannischen König Knodomar benutzt worden sei. Ein Mithräum der Kaserne soll noch im späten 4. Jh. neu ausgemalt worden sein. Bei Grabungen im Bereich des nicht mehr erhaltenen äußeren Umgangs wurden drei Münzen des Kaisers Libius Severus (461-465) aufgefunden. [BRANDENBURG, 203f]
"Das einzige für den Bau selbst hergestellte Element der Architekturdekoration ist der aus prokonnesischen Marmor gearbeitete Architrav (des Zentralraums - MM)" [BRANDENBURG, 209]. Bemerkenswert die sorglose und unregelmäßige Bearbeitung. Alle Säulen, Kapitelle und Basen sind Spolien oder aus einem Magazin entnommen, d. h. nicht für diesen Bau hergestellt. "Offenbar war es schwierig, in der Zeit der Erbauung der Kirche einen einheitlichen Satz an Kapitellen zu beschaffen ... Diese Befunde, die eine erstaunliche Nachlässigkeit in der formalen Bearbeitung des Materials und eine überraschende Sorglosigkeit in der Verwendung der Architekturdekoration aufzeigen, scheinen in einem starken Kontrast zu dem großartigen Entwurf des Baues und seiner kostbaren Ausstattung zu stehen." [BRANDENBURG, 212f]
Im 7. Jh. unter Papst Theodorus I. (642-649) Übertragung der Reliquien der Märtyrer Primus und Felicianus - eine der frühesten dokumentierten Reliquientranslationen - ; in diesem Zusammenhang Einbau der Apsis in die Stirnwand des Kreuzarmes und Apsismosaik [BRANDENBURG, 213].

Nach STÜTZER [163ff] eines der "problematischsten Bauwerke der frühchristlichen Zeit". Er sieht hier eine Erinnerung an die Grabrotunde der Grabeskirche in Jerusalem und "das Vorbild für die vielen Grabeskirchen, die in den nachfolgenden Jahrhunderten in Europa entstanden sind." Von der spätantiken Ausstattung sind offensichtlich keine Reste vorhanden. Der Bau soll im 11. Jh. durch die Normannen sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Die bauliche Gestalt als Zentralbau mit Umgängen und einbeschriebener Kreuzesform belegt eindeutig, dass S. Stefano Rotondo eine Nachbildung der Grabrotunde in Jerusalem ist. Fast dieselbe Grundrissgestaltung finden wir noch in Perugia (um 500 = 1200 u. Z.) und beim Felsendom wieder. Da die Grabeskirche für mich eine justinianische Gründung ist, kann Santo Stefano Rotondo also frühestens aus dem 11. Jh. stammen. Die sorglose Dekoration und die fast ausschließliche Verwendung von Spolien etc. sprechen eindeutig für eine nachkatastrophische Herstellung. Bei der vermeintlichen Nutzung der Kaserne noch im späten 4. Jh. sind die Historiker offensichtlich dem uns bekannten Datierungswirrwarr auf den Leim gegangen. Die HEINSOHN-These hilft hier weiter. Während alle den Bau betreffenden Datierungen antik sind, ist die Datierung über Ammianus Marcellinus jedoch byzantinisch. Die Korrektur der Marcellinus-Datierung in die antike Datierung (abzüglich 284 Jahre) ergibt eine Zeitstellung in das beginnende 2. Jh. für die Inhaftierung des alemannischen Königs. Die Auseinandersetzung zwischen Rom und den Alemannen ist im 2. Jh. auf jeden Fall besser verständlich als Ende des 4. Jh. Als zweites Argument für eine Nutzung der Kaserne im späten 4. Jh. wird die Ausmalung des Mithräums angeführt. Es ist klar, dass das Mithräum noch zur Nutzungszeit der Kaserne eingebaut und ausgemalt worden sein muss. Die Kaserne ist bei der Katastrophe zerstört worden. Die Ausmalung des Mithräums wurde nur so spät angesetzt, da man davon ausging, dass die Kaserne noch bis Ende des 4. Jh. benutzt wurde. Die Ausmalung kann spätestens Ende des 2. Jh./Anfang des 3. Jh. erfolgt sein.
Nach meiner Auffassung wurde die Kaserne einschließlich des nachträglich eingefügten Mithräum in der Katastrophe 238 zerstört. Im 12. Jh. wird der Kirchenbau errichtet. Das Pontifikat von Papst Simplicius datiert von 1170 bis 1185. Auch die aufgefundenen Münzen dürften in das 12. Jh. gehören und damit auch Kaiser Libius Severus (1163-1167).
Zu dieser Zeit sind Nachbildungen der Grabrotunde keine Seltenheit.
Die normannische Zerstörung hat es nie gegeben, da der Bau zu dieser Zeit noch nicht existierte.
Die angebliche Reliquientranslation im 7. Jh. gehört nach Korrektur der Datierung in die Mitte des 14. Jh. und entfällt natürlich als früheste Reliquientranslation.

 

Rom, Santo Stefano Rotondo [EFFENBERGER, 236f]


 

San Clemente

Der heutige Bau wurde im 12. Jh. errichtet, nachdem ein Vorgängerbau 1084 durch die Normannen zerstört worden sein soll. Dieser Vorgängerbau, eine dreischiffige Basilika mit Westapsis, angeblich ein Bau des 4. Jh. ist z. T. unter der heutigen Kirche noch erhalten, da das Laufniveau der heutigen Kirche um mehrere Meter angehoben wurde. Mit dieser sog. "Unterkirche" wiederum wurde ein römisches Wohnhaus überbaut, nach BRANDENBURG eher ein öffentliches Gebäude, in dessen Hof ein Mithras-Heiligtum nachträglich (Ende des 2. Jh./Anfang des 3. Jh.) eingebaut worden ist [BRANDENBURG, 142]. Die "Unterkirche" und das Mithras-Heiligtum wurden im 19. Jh. ausgegraben und zugänglich gemacht. Nach BRANDENBURG war die "Unterkirche" zunächst eine zur Straße z. T. geöffnete Halle und noch keine Kirche. Erst Ende des 4. Jh. wurden die Mauern der antiken Halle für die Errichtung der Kirche wiederbenutzt und eine Westapsis angebaut [BRANDENBURG, 143]. Aufgrund von erheblichen Unregelmäßigkeiten der Baureste geht BRANDENBURG von einer Wiederherstellung im 6. Jh. oder im frühen Mittelalter aus. Zu den "Unregelmäßigkeiten" äußert sich BRANDENBURG wie folgt: "So haben die Arkaden der Säulenstellung verschiedene Weiten und unterschiedliche Säulenschäfte und Kapitelle, die ohne Ordnung eingesetzt zu sein scheinen. Die Kollonaden stehen zudem auf einem höheren als dem ursprünglichen Bodenniveau. Die kompositen Vollblattkapitelle, die einem bekannten, in Rom hergestellten Typus des späten 4. und frühen 5. Jahrhunderts entsprechen, stammen offenbar aus dem frühchristlichen Bau und sind bei der Erneuerung im 6. Jahrhundert wiederverwendet worden. Hinzu kommt, daß die Säulen im Verhältnis zu dem aufgehenden Mauerwerk des Obergadens, das mit den Arkaden in der rechten Außenwand des schmaleren mittelalterlichen Nachfolgebaus in der Nähe der Fassade sichtbar ist, niedriger sind als in anderen römischen Basiliken des späten 4. Jahrhunderts. Ein letztes Indiz gibt noch das Mauerwerk dieser Partie, das nicht der an der Wende zum 5. Jahrhundert gebräuchlichen Technik entspricht." [BRANDENBURG, 144f]
Nach einer Weiheinschrift wurde die Kirche unter Papst Siricius (384-399) geweiht. Weiterhin ist der Bau bezeugt in Briefen von Papst Zosimus (417-418) und von Papst Leo dem Großen (440-461).
Im 8. Jh. soll die Kirche mit Fresken neu ausgemalt worden sein, wovon ein Rest - eine Madonna mit dem Christuskind - noch erhalten sei. "Vor allem aber sollen die Bilder des späten 11. Jahrhunderts erwähnt werden, die ... auf die Mauern gemalt wurden, mit denen die Interkulumnien der Kirche des 6. Jahrhunderts geschlossen wurden, ... An den Wänden des Narthex haben sich weitere Malereien des 12. Jahrhunderts mit Themen aus der Clemenslegende erhalten." [BRANDENBURG, 148] Die Wandmalereien sind offensichtlich so bemerkenswert, dass andere Autoren von einer "Schatzkammer der romanischen Wandmalerei" schwärmen.

Ich möchte im Folgenden versuchen, die Baugeschichte zu entwirren. Offensichtlich gab es neben dem heutigen Laufhorizont zwei tiefer gelegene. Der erste ist der Fußboden des römischen Wohnhauses oder auch öffentlichen Gebäudes mit einer Hofsituation, in die das Mithras-Heiligtum eingebaut wurde. Die antike Bebauung wurde in der Katastrophe 238 (= 940) zerstört und mit Erdmassen bedeckt.
Nach der Katastrophe wurde an dieser Stelle der Vorgängerbau der heutigen Kirche errichtet. Die Bauphase "Halle" gab es aus meiner Sicht überhaupt nicht. BRANDENBURGs Argumentation "... vor allem weil in konstantinischer Zeit ein öffentliches Gebäude von den Christen kaum als Kultsaal genutzt werden konnte"
[BRANDENBURG, 143] trägt bei vorliegender Rekonstruktion natürlich nicht. Offensichtlich gab es aber auch die Phase der frühchristlichen Basilika nicht. Ich halte die von BRANDENBURG eingeschobene "Wiederherstellung" des 6. Jh. für den ersten Kirchenbau, errichtet nach der Katastrophe im 11. Jh./12. Jh. Die Datierung in der Weiheinschrift mit Hinweis auf Papst Siricius ist zu korrigieren. Korrigiert ergibt sich für das Pontifikat von Papst Siricius 1086-1101.
Entgegen der Rekonstruktion von BRANDENBURG sehe ich in den aufgedeckten Bauresten nicht das Ergebnis einer Wiederherstellung. Auch halte ich BRANDENBURGs Rekonstruktion einer frühchristlichen Säulenbasilika für nicht zutreffend. Die Mittelschiffswände wurden nie von einer Säulenstellung getragen. Die heute sichtbaren weitgehend geschlossenen Mauern sind die Mittelschiffswände, hinter denen sich die Seitenschiffe als eigenständige Räume erstreckten. Das Mittelschiff hatte das Erscheinungsbild eines Saalraumes. Die Säulen und Kapitelle in den Mittelschiffswänden wurden nur als Schmuck bzw. Gliederung in die Wände eingesetzt, waren aber nie tragende Elemente. Wir haben es also nicht mit geschlossenen Interkolumnien zu tun, sondern mit einer einheitlich hergestellten Wand. Nur so lassen sich die romanischen Wandmalereien auf der "Ausmauerung der Interkolumnien" logisch erklären. So sind auch die o. a. "Unregelmäßigkeiten" nachvollziehbar, die den Mangel an Baumaterial und an versierten Bauleuten belegen. Die Verwendung von Spolien verwundert natürlich nicht, lagen doch überall römische Bauwerke in Trümmern. Dass die verwendeten Spolien von einem Vorgängerbau herrühren, ist eine unbewiesene Annahme von BRANDENBURG.
Die Zerstörung durch
die Normannen 1084 erachte ich für frei erfunden. Die Wandmalereien im Narthex sollen aus dem 12. Jh. sein. Wenn die normannische Zerstörung zuträfe, wäre dieser Umstand erklärungsbedürftig. Wahrscheinlich stand der erste Kirchenbau im 12. Jh. noch und wurde erst Ende des 12. Jh. oder im 13. Jh. durch einen kleineren Neubau ersetzt. Die Cosmatenarbeiten können durchaus auch in das 13. Jh. datiert werden. Im Zusammenhang mit dem Neubau des 12./13. Jh. erfolgte eine Anhebung des Bodenniveaus auf das heutige Niveau, womit die Reste des Vorgängerbaus zur "Unterkirche" wurden. Eine Ausmalung im 8. Jh. entfällt natürlich ersatzlos bzw. ist dem 15. Jh. zuzuordnen. Das Madonnenfresko gehört in das 11./12. Jh. Ob die Wandmalereien überhaupt noch dem 11. Jh. angehören ist m. E. fraglich.
Nach BRANDENBURG
[146f] sollen sich einige Ausstattungsstücke der frühchristlichen Basilika erhalten haben; so ein Altar und ein Ziborium, gestiftet unter Papst Hormisdas (514-523) sowie die Schrankenplatten, gestiftet von Papst Johannes (533-535). Die Korrektur dieser Daten ergibt 1216-1225 bzw. 1235-1237. Damit dürften die genannten Ausstattungsstücke für die rezente Kirche gestiftet worden sein.
 

Santi Cosma e Damiano

Die Kirche soll nach dem Liber Pontificalis von Papst Felix 527 in einem leerstehenden antiken Gebäude des Gebäudekomplexes des forum Pacis auf dem Forum Romanum eingerichtet worden sein. Als Ergebnis neuer Grabungen ist bekannt, dass sich "schon im Laufe des 4. Jahrhunderts kleinere Baulichkeiten und Ladenlokale angesiedelt hatten, daß offenbar während des 5. Jahrhunderts das ganze Areal aufgegeben und im 6. Jahrhundert dort Bestattungen angelegt wurden. ... In dem südöstlichen Saal des abschließenden Gebäudekomplexes des forum Pacis ... richtete Papst Felix 527 die Kirche ... ein." [BRANDENBURG, 222]
Der rechteckige Saal soll noch im 4. Jh. durch eine kreissegmentförmige Wand unterteilt worden sein. "Dieser einschiffige Saal wird nun ohne bauliche Änderungen als Kirche übernommen."
[BRANDENBURG, 224] In der Apsis wird ein Wandmosaik angebracht. "Das Mosaik mit einer eindrucksvollen Komposition ist von hoher Qualität. Es findet auch in Ravenna und andernorts unter den zeitgenössischen Mosaiken in dieser Hinsicht keinen Vergleich. ... Das Mosaik ist verhältnismäßig gut erhalten. ... Die Figuren haben eine überraschende Körperlichkeit und ihre Gewänder sind lebendig und differenziert modelliert. Die lebendigen, kräftig geschnittenen Gesichter sind voller Ausdruck und Individualität. ... Diese außergewöhnliche Qualität des Mosaiks überrascht in dieser Zeit der Unsicherheit nach dem Tode Theoderichs und kurz vor dem Ausbruch der Gotenkriege." [BRANDENBURG, 224]
Die Datierung 527 ergibt korrigiert 1229, das Pontifikat von Papst Felix IV. 1228-1232.
Der Gebäudekomplex des forum Pacis wurde offenbar in der Katastrophe 238 (= 940) zerstört. Danach, im 11. Jh., wurden in den Resten kleinere Baulichkeiten und Ladenlokale errichtet. Im 6. Jh. (= 13. Jh.) wurde in dem vermutlich erhaltenen südöstlichen Saal die Kirche eingerichtet und das Mosaik angebracht.
Bei der Datierung des Apsismosaiks zweifelt STÜTZER [171] an einer Datierung in die Zeit von Papst Felix IV. "Manches spricht dafür, dass es erst in der Zeit von Papst Sergius I. (687 - 701) geschaffen wurde." Die Anlegung des Mosaiks sieht er jedoch sicher unter Felix IV.
Die Qualität des Mosaiks verwundert im 13./14. Jh. überhaupt nicht. Die von STÜTZER [175] bemerkte Nähe zur byzantinischen Kunst auch nicht.
 

Santi Giovanni e Paolo

Von dieser Kirche „stehen zwar noch die Mauern der dreischiffigen Basilika des 4. Jahrhunderts, …, aber sonst erinnert nichts mehr an den frühchristlichen Bau“ [STÜTZER, 168].
Die gewestete Kirche wurde auf dem Caelius, einer der sieben Hügel Roms, errichtet. Nach BRANDENBURG
[156] soll das Quartier seit dem 4. Jh. einer weitreichenden Umstrukturierung unterworfen worden sein, indem die ältere intensive Bebauung mit standardisierten insulae (röm. Mietshäuser) mit einer Vielzahl von Wohnungen und Ladenlokalen zugunsten reicher ausgedehnter Stadtpaläste aufgegeben wurde. In diesem Kontext sei auch die Stiftung des titulus zu sehen, der über einer älteren intensiven Wohnbebauung in bevorzugter Lage erbaut wurde. Bei Grabungen im 19. Jh. wurde unter der Kirche ein älterer christlicher Kultort freigelegt - der einzige, der unter einer frühchristlichen Kirche bisher nachgewiesen sei.
"Für den Kirchenbau wurde ein älteres Gebäude benutzt und adaptiert. Von mehreren Wohnhäusern des 2. -3. Jahrhunderts wurden die zum clivus Scauri gelegenen Fassaden über den Ladenlokalen in den Kirchenbau einbezogen; ..."
[BRANDENBURG, 157] In den überbauten Wohnhäusern wurden bei den Grabungen umfangreiche Malereien mit traditionellen Motiven römischer Wandmalerei aufgedeckt, datiert vom frühen bis in das fortgeschrittene 4. Jh. Auf einem Treppenabsatz wurde eine Nische mit vermeintlich eindeutig christlichen Wandmalereien des ausgehenden 4. Jh. entdeckt, die angeblich einen Heiligen oder Märtyrer abbilden. Angeblich "die älteste Darstellung eines Martyriums in der frühchristlichen Kunst" [BRANDENBURG, 159]. In dieser Nische wird "eine christliche Gedenkstätte in der Art einer Hauskapelle" gesehen [BRANDENBURG, 160]. Die Art des Kultes kann nicht eindeutig bestimmt werden. BRANDENBURG [161] sieht Hinweise, dass "am Ende des 4. Jahrhunderts im Erdgeschoss dieses Hauskomplexes ein Märtyrerkult eingerichtet wurde, der auf eine größere Besucherzahl ausgelegt war."
"Schon wenige Jahrzehnte nach der Einrichtung der Märtyrergedenkstätte wurde das Untergeschoss, die Hofanlage und die aufgegebene Märtyrergedenkstätte zugeschüttet und auf dem vereinten ersten Stockwerk der Häuser ein Kirchenbau eingerichtet." [BRANDENBURG, 161] Für die Gründung der Mittelschiffskolonnaden wurden zwei Fundamentmauern in das Untergeschoss abgesenkt; für die nördliche Seitenschiffswand eine entsprechende Stützmauer.
Pammachius, der vermeintliche Stifter des Kirchenbaus soll 410 gestorben sein, womit die Kirche vor diesem Zeitpunkt errichtet sein muss. Im Mittelalter soll die Fassade umgestaltet worden sein. Die Arkadensäulen der frühchristlichen Basilika sollen hinter der Vorhalle aus dem 13. Jh. noch sichtbar sein. Einen weiteren Umbau hat die Kirche in der Barockzeit erfahren, wobei die meisten Säulen der Mittelschiffsarkaden sich auch in dem barocken Umbau erhalten haben. "Die Kapitelle sind Kompositkapitelle severischer Zeit, also Spolien.  ... Die Säulenschäfte ... sind also Magazinbeständen entnommen. ... Der Narthex des 13. Jahrhunderts ... hat eine schöne Architravkolonnade mit antiken Basen und Spolienschäften und qualitätvollen mittelalterlichen ionischen Kapitellen, die in ihren Formen sich an spätantike Stücke anlehnen." [BRANDENBURG, 162] Die frühchristliche Apsis soll im Mittelalter mit einer Zwerchgalerie versehen worden sein. Der etwas abseits stehende Campanile wurde im 12. Jh. errichtet, die oberen Geschosse wurden Anfang des 13. Jh. fertiggestellt.

Der Kirchenbau soll angeblich um 400 erfolgt sein. Korrigiert ergibt diese Datierung als Bauzeit den Anfang des 12. Jh. Die vorangegangene Bebauung war nach der Krise des 2. Jh. und der Katastrophe 238 nicht mehr genutzt, vielleicht zum Teil zerstört. Die Datierung der Wandmalereien in das 4. Jh. dürfte eher byzantinisch sein, was bei Transformation in die antike Datierung dem beginnenden 2. Jh. entspricht.
Die Kirche wurde Anfang des 12. Jh. in die Reste der Altbebauung eingebaut, wobei diese z. T. genutzt wurden. Das Fußbodenniveau der Kirche wurde so gewählt, dass ein ebenerdiger Zugang von Osten in die Kirche möglich war. Aufgrund des nach Westen abfallenden Geländes blieb das Untergeschoss der Altbebauung erhalten und wurde beim Bau der Kirche verfüllt. Die sog. Märtyrergedenkstätte spielte offensichtlich beim Kirchenbau keine Rolle, sonst hätte man sicher eine Zugänglichkeit hergestellt. Die von BRANDENBURG
[162] vermutete Kultkontinuität kann ich nicht sehen.
Kirche mit Zwerchgalerie, Campanile und nachträglich angebaute Vorhalle belegen einen kontinuierlichen Bauablauf im 12./13. Jh.
 

San Lorenzo fuori le mura

San Lorenzo fuori le mura ist hinsichtlich ihrer Baugeschichte sicher ein interessantes Objekt. Traditionell setzt sich die Märtyrerkirche aus zwei unterschiedlich datierten Bauten zusammen; der angeblich in der zweiten Hälfte des 6. Jh. errichteten, ursprünglich gewesteten Emporenbasilika und der in der ersten Hälfte des 13. Jh. angefügten westlichen Basilika, womit die Emporenbasilika zum im Osten gelegenen Chor wurde. Der Fußboden der im 13. Jh. angebauten Basilika liegt fast 2 m höher als der in der Emporenbasilika, womit dort die Anordnung des Heiligengrabes ähnlich der Aufstellung in einer Krypta und eine podestartige Erhöhung des Chorfußbodens ermöglicht wurde. Nach Wikipedia war die westliche Basilika eine von Papst Sixtus III. errichtete benachbarte, geostete Marienkirche, die im 13. Jh. unter Papst Honorius III. mit der östlich gelegenen Laurentiuskirche vereinigt wurde.
Die traditionelle Datierung der älteren Emporenbasilika bezieht sich auf eine Nachricht im Liber Pontificalis, wonach Papst Pelagius II. (579-590) eine neue Basilika über dem Grab des Heiligen errichtete. Die Datierung des Liber Pontificalis ergibt korrigiert 1281-1292. Diese Nachricht kann sich damit nur auf die Erweiterung des 13. Jh. beziehen. Zur Bauzeit des älteren Baus fehlt damit jede Nachricht.

Vielleicht hilft uns die ältere Umgangsbasilika in unmittelbarer Nachbarschaft weiter. Es verwundert einigermaßen, dass die Umgangsbasilika dasselbe Patrozinium besitzt wie die deutlich spätere Kirche, zumal die Umgangsbasilika ein Zömeterialbau war und keine Kirche und damit eigentlich gar kein Patrozinium gehabt haben kann. Ich denke, hier ist einiges bei der Rekonstruktion der Geschichte dieses Baukomplexes durcheinander geraten, wie übrigens auch bei San Agnese. Das Patrozinium ist irrtümlich rückwirkend auf den Zömeterialbau übertragen worden. Nach dem Liber Pontificalis soll die Umgangsbasilika von Kaiser Konstantin gestiftet worden sein. Ob die Umgangsbasilika, die mit Sicherheit antik ist, tatsächlich von Konstantin I. im 1. Jh. gestiftet wurde, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist diese Nachricht im Liber Pontificalis als Konstrukt anzusehen, da ein solcher Bau auf keinen Fall eine bischöfliche Gründung war und damit im Liber Pontificalis nichts zu suchen hat. Zur Zeit als der Liber Pontificalis verfasst bzw. "ergänzt" wurde, war der Zusammenhang zwischen dem schon lange zerstörten Zömeterialbau und dem Kirchenbau nicht klar. Schon damals irrte man, indem man in der Umgangsbasilika einen Vorgängerbau der Kirche sah, weshalb man diesen Bau vermutlich in den Liber Pontificalis aufnahm. "Jüngst hat man jedoch vermutet, daß die Kirche erst unter Papst Sixtus III. (432-40) erbaut worden sei." [BRANDENBURG, 88] Der entsprechende Eintrag im Liber Pontificalis dürfte der Emporenbasilika und nicht der Umgangsbasilika gegolten haben. Der Bezug auf Papst Sixtus III. verweist auf das 12. Jh. Die umfassende Verwendung von Spolien in der Emporenbasilika legt die Errichtung im 12. Jh. nahe. In der Erweiterung sollen dann alle Bauglieder zeitgenössisch sein. Das nach meiner Meinung heutige, ziemlich grobe Erscheinungsbild der Basilika des 13. Jh. könnte der Restaurierung des 19. Jh. und der Wiederherstellung nach den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs geschuldet sein. Unabhängig davon ist der Bautyp einer Emporenbasilika sehr ungewöhnlich und die weiten Arkaden im Emporengeschoss ohne Beispiel. Zu fragen wäre, ob das Emporengeschoss vielleicht erst beim Umbau des 13. Jh. aufgesetzt wurde.
Dass die Zömeterialbasilika und der spätere Kirchenbau nebeneinander bestanden haben soll, wie ein Pilgerführer berichtet, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Ich denke, dass die Zömeterialbasilika - wie die anderen Umgangsbasiliken auch - in der Katastrophe zerstört wurde, während der Kirchenbau erst später errichtet wurde.
 

San Paolo fuori le mura

Nach dem Liber Pontificalis soll Konstantin über dem Grab des Apostels Paulus eine Gedächtniskirche errichtet haben. Zur konstantinischen Kirche bemerkt BRANDENBURG [103]: "Die gewestete, zum Tiber gerichtete Apsis hatte einen Durchmesser von ca. 7,50 m, während das Gebäude, das durch die Grabungen (nach dem Brand 1823 erfolgte Tastgrabungen - der Verf.) nicht erschlossen worden ist, etwa die Abmessungen von 21 x 12 m gehabt haben wird. Warum dieser konstantinische Memorialbau für den Apostel Paulus, der eher ein einfacher Saal als ein dreischiffiger Hallenbau gewesen sein wird, so bescheiden ausgefallen ist, wissen wir nicht." Möglicherweise war der Kult um Paulus anfangs weit weniger ausgeprägt, als der um Petrus, weshalb zunächst Anfang bis Mitte des 11. Jh. nur eine bescheidene Gedächtniskirche errichtet wurde. Die im Liber Pontificalis erfolgte Nennung Konstantins als Gründer ist konstruiert (siehe oben) und liefert keinen Hinweis zur tatsächlichen Gründung des Kirchenbaus. Eine andere Möglichkeit wäre zu erwägen: War der erste Bau vielleicht eine Zömeterialbasilika und gar keine Kirche? Die ergrabene Apsis soll "zwei römische Mausoleen der Kaiserzeit und weitere Reste auf dem Fußbodenniveau der aufgefundenen Apsis" umschlossen haben [BRANDENBURG, 125].
Gemäß einem Schreiben sollen die Kaiser Theodosius, Valentinian II. und Arcadius im Jahr 383 den Neubau der bestehenden Basilika Pauli über dem Grab des Apostels verfügt haben [BRANDENBURG, 114]. Die traditionellen Regierungszeiten der genannten Kaiser sind byzantinisch datiert; korrigiert herrschten diese Kaiser Ende des 1. Jh./Anfang des 2. Jh. Das byzantinische Jahr 383 entspricht dem antiken Jahr 99. Ich denke, damit ist klar, dass dieses Schreiben viel später konstruiert wurde und für die Baugeschichte von San Paolo fuori le mura kaum verwendbar ist.
Trotzdem könnte das Jahr 383 den Baubeginn des Neubaus markieren, jedoch ohne die drei o. a. Kaiser. Das Jahr 383 entspricht korrigiert dem Jahr 1085. Zu dieser Zeit ist Alt-St. Peter bereits fertig gestellt. Der "Erfolg" der Peterskirche könnte die Veranlassung dazu gegeben haben, einen weiteren Gedächtniskult in Rom zu installieren. Die Kirche hierfür musste noch größer und prachtvoller sein als der Bau über dem Petrusgrab.
"Die Paulsbasilika übertraf die Petersbasilika noch an Größe und Pracht." [BRANDENBURG, 115] Dedikationsinschriften von 390/391 von Papst Siricius auf Basis und Schaft der ersten Säule der nördlichen Seitenschiffe am Querhaus verweisen auf die Jahre 1092/1093, in denen dieser Teil des Baus sich in der Ausführung befand [BRANDENBURG, 122].
Nach dem Liber Pontificalis wurden das Triumphbogenmosaik und der Wandschmuck des Obergadens aus biblischen Szenen von Papst Leo dem Großen (440-461) angebracht, der die Basilika nach einem Blitzschlag oder Brand im Jahre 441 restauriert haben soll
[BRANDENBURG, 122f]. Die Korrektur ergibt für Papst Leo 1142-1163, für die Restaurierung 1143. Nach meiner Auffassung die erste Ausschmückung des Anfang des 12. Jh. fertig gestellten Baus.
Wie schon bei Alt-St. Peter war möglicherweise das vermeintliche Grab des Apostels Paulus durch eine memoria in der Nekropole an der Via Ostiense gekennzeichnet. Der Presbyter Gaius soll die Tropaia der Märtyrerapostel am Vatikan und an der Via Ostiense um das Jahr 200 erwähnt haben. "Schürfungen und Sondagen im Altarbereich der Basilika ... haben die Situation nicht klären können. Man fand 3,80 m unter dem Niveau des heutigen Querschiffs das Pflaster einer Straße, die im schrägen Winkel zur Via Ostiense und vor einer nach Westen gerichteten Apsis (des Vorgängerbaus - Verf.) verlief."
[BRANDENBURG, 125]. 1823 wurde durch einen Großbrand Teile des Langhauses zerstört. "In den folgenden Jahren wurden die noch stehenden Teile niedergerissen und das Langhaus im klassizistischen Geschmack der Zeit wiederaufgebaut unter Benutzung der Grundmauern und offenbar auch der Außenmauern der Seitenschiffe der alten Basilika." [ebd, 115]
Die Säulenschäfte, Kapitelle und Basen sollen entgegen Alt-St. Peter keine Spolien, sondern zeitgenössische Werkstücke gewesen sein, wobei die Kolonnaden des Mittelschiffs aus Marmor von den Prokonnesischen Inseln im Marmarameer bei Konstantinopel waren. Das ist m. E. ein weiteres Indiz für eine spätere Bauzeit. Erstens ging der Vorrat an qualitätvollen Spolien zurück - zumal in der benötigten großen Anzahl - und zweitens hatte sich die Entwicklung im Römischen Reich so weit stabilisiert, dass nunmehr der Bezug von entsprechenden Werkstücken in größerer Zahl wieder möglich war. Auch dürfte der gestalterische Anspruch an die Bauwerke gestiegen sein, der mit zusammengesammelten Architekturelementen nicht befriedigt werden konnte. Bei der Restaurierung unter Papst Leo sollen 24 Säulen der Mittelschiffswände ersetzt worden sein, wobei jetzt Spolien zum Einsatz kamen. Vermutlich stand die frühere Bezugsquelle nicht mehr zur Verfügung.
Insgesamt war scheinbar San Paolo fuori le mura in allen gestalterischen Belangen die reifere Leistung im Vergleich zu Alt-St. Peter.
 

Die oben behandelten vermeintlich frühchristlichen Kirchen sind natürlich nicht die einzigen in Rom. BRANDENBURG beschreibt noch eine ganze Reihe weiterer solcher Bauten. Das sich ergebende Bild ist aber immer dasselbe. Ich möchte nur ganz kurz einige dieser Bauten anführen:
 

Santa Maria in Trastevere

Gründung Mitte des 4. Jh. unter Papst Julius I. (337-351). Diese Datierung entspricht Mitte des 11. Jh. Unter Papst Innozenz II. (1130-1143) entstand der heutige Bau. Architekturglieder sind Spolien aus den Caracallathermen. Bei Grabungen wurde der Vorgängerbau des 11. Jh. aufgefunden. Die Erneuerung unter Papst Hadrian I. (772-795) gehört vermutlich in das 15. Jh.
 

Sant' Anastasia

Nach nicht erhaltener Inschrift in der Apsis Gründung von Papst Damasus (366-384), d. h. in der 2. Hälfte des 11. Jh. Die Kirche wurde "auf dem ersten Stock eines großen kaiserzeitlichen Wohnblocks des 2. und 3. Jahrhunderts mit Ladenlokalen im Untergeschoß ... unter Ausnutzung der aufgehenden Mauern des Hauses ... als einschiffige Halle ausgebaut." [BRANDENBURG, 134] Gleichzeitig wurde ein Querhaus mit Apsis angefügt. In karolingischer Zeit soll der Umbau zu einer dreischiffigen Basilika erfolgt sein. Der Liber Pontificalis erwähnt eine Restaurierung unter Papst Leo III. (795-816), die vermutlich in das Ende des 15. Jh. gehört. Der Umbau zur dreischiffigen Basilika ist eher im 12. Jh. zu suchen. Die italienische Wikipedia nennt eine Restaurierung unter Papst Ilario (461-468), d. h. nach der Mitte des 12. Jh.
 

Santi Nereo ed Achilleo

Die Kirche ist wahrscheinlich unter Papst Damasus (366-384) entstanden, d. h. in der 2. Hälfte des 11. Jh. Im 6. Jh. erfolgte eine Übertragung von Märtyrerreliquien, d. h. im 13. Jh. Die heutige Kirche soll aus karolingischer Zeit stammen und den frühchristlichen Bau ersetzt haben. Bei archäologischen Untersuchungen sind keine Reste des frühchristlichen Baus gefunden worden. Nach meiner Auffassung ist die heutige Kirche der Bau aus dem 11. Jh.
 

San Sisto Vecchio

Nach dem Liber Pontificalis unter Papst Anastasius (399-402) errichtet, d. h. um 1100. Die heutige Kirche von 1198-1222 unter Verwendung von Wänden des Vorgängerbaus. Die vermeintlich frühchristliche Kirche, eine gewestete dreischiffige Basilika, wurde 3,5 m unter der heutigen Kirche ergraben.
 

San Crisogono

Im 4. Jh. soll die Kirche in eine domus aus der 2. Hälfte des 2. Jh. eingebaut worden sein, was korrigiert dem 11. Jh. entspricht. Die heutige Kirche aus den zwanziger Jahren des 12. Jh., fast 5 m über dem angeblich frühchristlichen Bau (wegen des gestiegenen Niveaus der Umgegend).
 

San Lorenzo in Lucina

Vermutlich eine Gründung durch Papst Sixtus III. (432-440), also um 1140. Errichtet über einem großen kommerziellen Baukomplex des 2. und frühen 3. Jh., der im Erdgeschoss Ladenlokale und Magazine, darüber wohl Wohnungen hatte. Das Apsismauerwerk mit karolingischem Mischmauerwerk verstärkt, von angeblicher Restaurierung unter Papst Hadrian I. (772-795). Diese Restaurierung gehört vermutlich in das 15. Jh. u. Z. Das angeblich karolingische Mischmauerwerk gehört in das 12. Jh.
Wikipedia: "U
nter Papst Hilarius (461–468) wurde die Kirche erstmals, unter Benedikt II. (684–685) und Hadrian I. (772–795) weitere Male restauriert. ... unter Paschalis II. (1099–1118) aber wiederhergestellt, was jedoch nahezu einem Neubau gleichkam ..." Weihe von Coelestin III. 1196. Zweifelsfrei liegt die Hauptbauzeit des ersten(!) Baus im 12. Jh.
Im 15. Jh. erfolgte eine grundlegende Sanierung mit Anhebung des Fußbodens; im 17. Jh. erhielt sie i. W. ihr heutiges Aussehen.
 

San Pietro in Vincoli

Nach Stiftungsinschrift unter Papst Sixtus III. (432-440) errichtet, d. h. um 1140. Kirche überbaut mehrere sich überlagernde kaiserzeitliche Stadthäuser mit Gärten und Wasserbecken und benutzt Teile als Fundament und im Aufgehenden. Der Bau soll einen älteren Kirchenbau ersetzt haben. Dieser durch Bauuntersuchungen erschlossen, zum großen Teil im heutigen Bau erhalten. Mitte des 15. Jh. erfolgte grundlegende Restaurierung. Der "ältere Kirchenbau" dürfte der Bau des 12. Jh. sein.

 

Santa Cecilia in Trastevere

Nach Fußbodeninschrift zwischen 379 und 464, d. h. zwischen 1081 und 1166. Der heutige Bau, eine gewestete Basilika mit Apsismosaik, angeblich ein Neubau des 9. Jh. Unter der Kirche Reste eines kaiserzeitlichen Wohn- und Geschäftshauses des 2. Jh. und spätantike Badeanlage. Die vermeintlich antike Kirche wurde bis heute nicht gefunden, nur ein Baptisterium wurde bei den Grabungen freigelegt, das in einen Saal des Wohnhauses des 2. Jh. eingebaut war. Nach Wikipedia ließ Papst Paschalis I. (817-824) die Kirche neu aufbauen, der angeblich karolingische Neubau, in Wirklichkeit aber eine Restaurierung im 16. Jh., möglicherweise im Zusammenhang mit dem Einzug der Benediktiner im Jahr 1527. Der stehende Bau mit Sicherheit der Bau des 12. Jh.
 

Santi Quattro Coronati

Vermutlich im 5. Jh. Umwandlung der großen apsidialen Halle einer domus aus dem 4. Jh. in eine Kirche, jedoch ohne archäologischen Beleg. Kirche nach dem Liber Pontificalis erbaut oder erneuert unter Honorius I. (625-638) und restauriert unter Hadrian I. (772-795). Leo IV. (847-855) soll eine große dreischiffige Basilika errichtet haben, die die Apsis und die Seitenwände der domus als Fundamente nutzte. Die Kirche wurde unter Pasquailis II. (1099-1118) erneuert und 1116 geweiht. Sofern die Päpste des traditionellen 7.-9. Jh. nicht konstruiert sind - ich erinnere an ARNDT - gehören die Päpste Honorius I., Hadrian I. und Leo IV. in das 14. bis 16. Jh. Was bleibt, ist die Errichtung der Kirche Anfang des 12. Jh.
 

Santa Susanna

Die Gründung ist unbekannt. Heutige Kirche über einem Wohnhaus des 2. Jh. erbaut. Untersuchungen und Grabungen haben ergeben, dass die für frühchristlich gehaltene Kirche, eine dreischiffige Basilika mit Emporen über den Seitenschiffen, ein Neubau aus karolingischer Zeit sei. Dieser wird Papst Leo III. (795-816) zugeordnet. Nach dem Liber Pontificalis unter Papst Sergius (687-701) erwähnt und von Papst Hadrian I. (772-795) restauriert. Die genannten Päpste - sofern real  und nicht konstruiert - gehören vermutlich in das 14. bis 16. Jh., sind also maximal für etwaige Restaurierungen verantwortlich zu machen. Wahrscheinlich ist der Gründungsbau im 12. Jh. errichtet worden. Die sog. "karolingische" Krypta ist eher im 12. Jh. als im 13. Jh. oder später einzuordnen. Die frühchristliche Kirche wird in dem kaiserzeitlichen Wohnhaus des 2. Jh. vermutet. Nach meiner Auffassung ist der Bau des 12. Jh. die gesuchte "frühchristliche" Kirche.
 

Santa Prassede

Wahrscheinlich Gründung des 5. Jh. Nach dem Liber Pontificalis erfolgte völlige Restaurierung unter Papst Hadrian I. (772-795). Unter Papst Pasqualis I. (817-824) Neubau an anderer Stelle, angeblich nicht weit entfernt. Diese angeblich karolingische Kirche, eine Querschiffbasilika mit Architravkolonnaden, ist der heutige Kirchenbau. Wo die frühchristliche Kirche lag ist unbekannt. Papst Hadrian I. und Papst Pasqualis I. verweisen auf das 15. und 16. Jh. Sie haben mit dem ursprünglichen Kirchenbau nichts zu tun. Die Gründung im 5. Jh. weist auf eine Bauzeit im 12. Jh. Mein Vorschlag: Der erhaltene Bau ist der Bau des 12. Jh. Es gibt keinen anderen frühchristlichen Bau.
 

San Giovanni a porta Latina

Vermutlich im 5. Jh. gegründet. Dreischiffige Basilika mit außen polygonaler Apsis. Byzantinische Grundrisslösung. Nach dem Liber Pontificalis erfolgte Restaurierung unter Papst Hadrian I. (772-795). Im Jahr 1191 wurde die Kirche erneut geweiht. Apsismauerwerk wie das des romanischen Campanile, Spoliensäulen, Kapitelle weisen auf das 5. Jh. Die romanischen Wandmalereien "wiederholen in Aufbau und Inhalt das antike Schema, das wir aus den frühchristlichen Basiliken des 5. Jahrhunderts kennen." [BRANDENBURG, 222]
Das 5. Jh. entspricht korrigiert einer Bauzeit im 12. Jh. Dazu passt die Weihe 1191. Alles deutet auf einen romanischen Bau des 12. Jh.
 

San Stefano in Via Latina

Weihe der Kirche von Papst Leo I. (440-461), d. h. Mitte des 12. Jh. Die dreischiffige, gewestete Basilika wurde in die ausgedehnten Baulichkeiten der Villa eingesetzt, deren Mauern sie z. T. als Fundamente nutzt. Heute Ruine. Nach dem Liber Pontificalis Restaurierung des Daches unter Leo III. (795-816), weitere Stiftungen unter Papst Sergius (844-847) und Leo IV. (847-855). Diese Datierungen weisen auf das 16. Jh. und sind für den Gründungsbau nicht relevant. "Aus der späteren Zeit fehlen alle Nachrichten, so daß wir annehmen müssen, daß der Bau im Mittelalter aufgegeben wurde und verfiel." [BRANDENBURG, 235] Falsch! Mit dem 9. Jh. - korrigiert gleich dem 16. Jh. - sind wir an die Zeit der Abfassung bzw. letzten Ergänzung des Liber Pontificalis herangerückt. Danach kann es dort keine jüngeren Eintragungen mehr geben.
 

Sant'Agnese fuori le mura

Angeblich unter Papst Honorius I. (625-638) errichtete Emporenbasilika ähnlich San Lorenzo fuori le mura. Diese Datierung entspricht korrigiert dem 14. Jh. Die Umgangsbasilika soll von Papst Hadrian (772-795) nochmals restauriert worden sein. "Danach schweigen die Quellen." [BRANDENBURG, 241] Mit Sicherheit ist die Restaurierung von Papst Hadrian falsch zugeordnet. Sie gehört nicht zur Umgangsbasilika, sondern zu der Emporenbasilika. Warum die Quellen ab dem 8. Jh. schweigen, haben wir oben bereits festgestellt. Wie bei der ähnlichen Emporenbasilika San Lorenzo fuori le mura fehlt der definitive Hinweis auf die Gründung. Ist der Gründungsbau möglicherweise doch erst aus dem 14. Jh.? Bei San Lorenzo ergab sich das Ende des 13. Jh., das ich eigentlich der Erweiterung zuordnete.
 

San Pancrazio

Erbaut unter Papst Symmachus (498-514), d. h. Anfang des 13. Jh., mit Märtyrergrab im Altarbereich. Unter Papst Honorius I. (625-638), d. h. im 14. Jh., Neubau der Kirche mit Querhaus, erhöhten Presbyterium und Altar über dem Grab und Ringkrypta.
 

Santa Maria Antiqua

Die Kirche wurde traditionell frühestens in der 2. H. des 6. Jh. in eine antike Halle (möglicherweise Empfangshalle für den Zugang vom Forum) des Kaiserpalastes eingebaut. Der Kaiserpalast ist bei der Katastrophe weitgehend zerstört worden und war seitdem ungenutzt. Unter der Basis einer Säule im Atrium wurde eine Münze aus der Zeit Justins II. (565-578) gefunden, die für die Datierung des Umbaus verantwortlich zeichnet. Die Datierung Justins II. ist byzantinisch, womit der Einbau in die antike Halle korrigiert frühestens in der 2. Hälfte des 10. Jh. erfolgt sein kann.
Die Ausmalungen der Kirche sind dagegen nach dem Liber Pontificalis datiert. Eine Ausmalung (nicht die erste) erfolgte unter Papst Martin I. (649-653). Diese Datierung entspricht korrigiert 1351-1355. Weitere Ausmalungen unter Papst Johannes VII. (705-707), unter Papst Zacharias (741-752), unter Papst Paulus I. (757-772) und unter Papst Hadrian I. (772-795). Diese Datierungen reichen damit bis an das Ende des 15. Jh. Die Kirche soll nach einem Erdbeben unter Papst Leo IV. (847-855) aufgegeben worden sein, das war also Mitte des 16. Jh.
BRANDENBURG charakterisiert die Malereien so: "zum Teil von hoher Qualität und erstaunlicher Frische und impressionistischem Schwung". Weiter BRANDENBURG: Es "wird diskutiert, ob die Maler aus dem Osten kamen und die Stilprägung der Bilder charakteristisch für die frühbyzantinische Malerei sei" Für Malereien des 14. und 15. Jh. sicher nicht überraschend. Nach BRANDENBURG ist die Datierung unsicher. Es gibt auch noch keine Bauaufnahme. Nach Wikipedia erfolgte die Umwandlung in eine Kirche im 5. Jh. Die Datierung in das 5. Jh. entspricht korrigiert dem 12. Jh., was durchaus möglich ist. Die gefundene Münze stellt einen terminus post quem dar. BRANDENBURG sieht den Bau zeitgleich oder spätestens eine Generation später als SS Cosma e Damiano, die ich in die 1. H. des 13. Jh. datiere.

 

Soviel zum frühchristlichen Kirchenbau in Rom. Doch auch außerhalb Roms gibt es frühchristliche Kirchenbauten. Leider haben wir außerhalb Roms keine so für die Datierung hilfreiche Quelle wie den Liber Pontificalis für die römischen Kirchen.  In den meisten Fällen sind keine konkreten Jahreszahlen für den Baubeginn oder die Fertigstellung bzw. Weihe überliefert. Die Datierung erfolgte i. d. R. unter Zuhilfenahme von vermeintlichen Vergleichsbauten, durch Stilvergleiche der Bauform oder Ornamentik und andere Dekoration oder durch Bezugnahme auf historische Herrscherpersönlichkeiten, Heilige, aber auch historische Ereignisse, etc. Dabei ist selbstverständlich zu beachten, dass die Vergleichsbauten, die Stilvergleiche und die historischen Bezüge alle an der falschen Chronologie geeicht sind und in keinem Fall zu einer wahren Datierung führen kann.
 

 

Konstantinopel

Vorweg muss leidenschaftslos festgestellt werden, dass auch die byzantinische Geschichte - wie ARNDT zweifelsfrei nachweist - ein ähnlich konstruiertes System aufweist wie das Mittelalter des Westens. "Die Reihenfolge der Namen der 78 legitim herrschenden Kaiser von Konstantinopel (324-1453, Konstantin I.-Konstantin XI.) ist wohlkonstruiert, und zwar um den Namen Konstantin herum." [ARNDT, 164]

Die byzantinische Geschichte datiert logischerweise byzantinisch/spätantik. Wie oben zur HEINSOHN-These dagelegt, sind die Ereignisse vor 522 um 284 Jahre in Richtung Antike zu verschieben; die Ereignisse nach 522 um 418 Jahre in Richtung u. Z. Nun gibt es eine Jahreszahl, wo das byzantinische System mit dem mittelalterlichen System des Westens synchronisiert ist: das ist die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1204 durch die Kreuzfahrer, d. h. spätestens ab 1204 datiert auch Byzanz nach u. Z.
Durch die Verschiebung der byzantinischen Geschichte vor 1204 um 418 Jahre in Richtung u. Z. ergibt sich ein "Zuviel" an Geschichte von 418 Jahren im Zeitraum von 522 bis 1204. Wo versteckt sich dieses "Zuviel"?

Auch hier sind bei ARNDT entsprechende Hinweise zu finden: "Besonders auffällig ist hier die Makedonische Dynastie (867-1056)." [ARNDT, 156] Weiter: " Es gibt nun in der byzantinischen Geschichte genau eine Zeit, in der sich die dynastische Konstellation der Zeit um 600 ziemlich identisch wiederholt: die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts. ... Dazu passt, dass Mitte des 11. Jh. die slawischen Reiche südlich von Ungarn wieder von der Landkarte verschwunden sind (die Auferstehung ist dann um 1200) und das Byzantinische Reich auf dem Balkan in den Grenzen um 600 wiederhergestellt ist." [ARNDT, 173]

Es erscheint klar, dass das "Zuviel" in der Zeit zwischen 600 und Mitte des 11. Jh. zu finden ist. Die Zeit um 600 korreliert auch mit der Feststellung ARNDTs: "Die Zeit um 600-642 ist aus Quellensicht gesehen, das Ende der antiken Geschichtsschreibung." [ARNDT, 172]

Nebenbei bemerkt, damit verflüchtigen sich auch die karolingischen und ottonischen Kontakte zu Byzanz ins Nirwana.

Wo genau der Schnitt zu machen ist, ist an dieser Stelle ohne Relevanz. Dass die verbleibende Geschichte sich jedoch wirklich so ereignet hat, ist keinesfalls sicher, aber wird hier nicht weiter verfolgt.

Für die Errichtung von Kirchenbauten bleibt nach Ausschneiden der Geschichte von ca. 600 bis Mitte 11. Jh. neben der Zeit Justinians und seiner direkten Nachfolger nur noch das fortgeschrittene 11. Jh. und das  12. Jh.

In einem um 425 angefertigten Inventar sind für Konstantinopel 14 Kirchen aufgelistet, von denen sich nur zwei „mit einiger Wahrscheinlichkeit“ auf Konstantin zurückführen lassen, die Apostelkirche und die Irenen-Kirche [YERASIMOS, 35]. „Vieles spricht allerdings dafür, dass die fraglichen Kirchen von den Kaisern des sechsten Jahrhunderts erbaut wurden.“ [ebd. 35] Keine der drei angeblich ältesten Kirchen Konstantinopels, das sind die Apostelkirche, die Irenen-Kirche und die Hagia Sophia, ist im Urzustand erhalten [ebd. 36].
Als erste Frage ist die Datierung des Inventars zu klären. Antik oder byzantinisch? Die byzantinische Datierung wäre in das antike Jahr 141 zu korrigieren. Die genannten Kirchenbauten dem 2. Jh. zuzuordnen, ist nach meiner Auffassung nicht möglich. Damit kommt für das Inventars nur eine weströmische (antike) Datierung in Frage, die korrigiert das Jahr 1127 ergibt. Dass im Jahr 1127 nur 14 Kirchen in Konstantinopel gelistet sind, ist einigermaßen auffällig, wenn man davon ausgeht, dass angeblich schon seit dem 4. Jh. in Konstantinopel Kirchen existent sind. Wenn man den Beginn des Kirchenbaus aber in der 2. Hälfte des 10. Jh. unter Justinian sieht, verwundert diese geringe Zahl dagegen nicht mehr.

Die Datierung "6. Jh." ist dagegen eindeutig spätantik bzw. byzantinisch und entspricht dem 10. Jh.

 

Hagia Sophia

Die Hagia Sophia ist die bedeutendste Kirche Konstantinopels. Der bestehende Bau der Hagia Sophia ist nach Ansicht der traditionellen Kunstgeschichte der Bau Justinians, 532 begonnen. Schon 537 soll der Rohbau eingeweiht worden sein. 553 und 558 Einsturz der Kuppel infolge von Erdbeben. Kuppelneubau 558-562. Bei einem Erdbeben 989 Einsturz des westlichen Kuppelbogens. 1346 bei einem Erdbeben Einsturz des östlichen Kuppelbogens, weshalb man Strebepfeiler zur Stabilisierung errichtete.

Die traditionelle Baugeschichte sieht zwei Vorgängerbauten. Ein erster Bau soll um 325 noch unter Konstantin I. begonnen worden sein und um 360 unter Konstantios II. vollendet worden sein. Er soll „fast ebenso breit und ebenso lang wie der heutige Bau“ gewesen sein. Dieser Vorgängerbau soll 404 abgebrannt sein. Danach wurde unter Theodosius II. (408-450) ein Neubau errichtet, der im Nika-Aufstand 532 wiederum abbrannte. Zu den sog. Vorgängerbauten gibt es fast keine brauchbaren Informationen. Der erste Bau soll zunächst vermutlich als Palastaula errichtet worden sein (Wikipedia). Sofern die Datierungen byzantinisch sind, sind sie entsprechend zu korrigieren. Damit würde der erste Bau in das 1. Jh. rücken - für mich nicht vorstellbar, zumindest nicht als Kirchenbau.

Die Hagia Sophia hatte bei ihrer Gründung noch kein Patrozinium, sondern "erhielt die schlichte Bezeichnung Große Kirche und wurde Jesus Christus geweiht." [ebd. 45].

Nach meiner Auffassung gab es keinen vorjustinianischen Bau. Der 532 (korrigiert = 950) begonnene "Wiederaufbau" ist der Gründungsbau.

Vorstellbar ist auch, dass das angebliche Fertigstellungsjahr "um 360" eine antike Datierung ist und dem korrigierten Jahr 1062 entspricht - möglicherweise das Fertigstellungsjahr nach der Wiedererrichtung des eingestürzten Kuppelbogens.

 

 Konstantinopel, Hagia Sophia, Grundriss aus [EFFENBERGER, 297]

 

Apostelkirche

Die Apostelkirche soll nach der Hagia Sophia die zweitwichtigste Kirche in Konstantinopel gewesen sein. Das Dilemma ist, sie wurde bereits 1461 abgebrochen, also kurz nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. An ihrer Stelle wurde damals eine Moschee errichtet, die selbst seitdem schon wieder einen Neubau erfahren hat.

Über die Apostelkirche einschließlich ihrer Baugestalt wissen wir nur aus den literarischen Quellen. Archäologische Untersuchungen zur Baugeschichte gibt es keine. Selbst die exakte Lage der Kirche war bis zu den Untersuchungen von DARK/ÖZGÜMÜS unbekannt.

DARK/ÖZGÜMÜS führten nach Wikipedia ein "Survey" durch. Dieser ergab, "dass einige noch vorhandene Mauerreste mit größter Wahrscheinlichkeit in die Zeit vor der Errichtung der Moschee zu datieren sind und damit ursprünglich Bestandteil der Apostelkirche gewesen sein dürften."

Nach Wikipedia soll im 4. Jh. Konstantin I. für sich einen Grabbau errichtet haben, der bei seinem Tod 337 fertiggestellt war. Nach Eusebius von Caesarea soll der Bau sowohl Grabstätte als auch Kirche gewesen sein. "Zudem gewinnt man den Eindruck, es habe sich um einen Zentralbau gehandelt."

Die Überlieferung berichtet für das Jahr 358 Reparaturmaßnahmen infolge eines Erdbebens. In den Quellen ist ab Ende des 4. Jh. von zwei miteinander verbundenen Bauten die Rede - einer Kirche und dem Mausoleum Konstantins, wovon einer ein Neubau gewesen sein soll.  Quellen des 5. Jh. berichten, dass beide Bauten von Konstantios II. neu errichtet worden sein sollen.

Konstantios II., seine Frau und andere spätantike Kaiser mit ihren Angehörigen sollen im Mausoleum bzw. anderen Anbauten bestattet worden sein.

Da die Kirche im 6. Jh. als nicht mehr großartig genug galt, soll unter Justinian der alte Bau abgebrochen und ein Neubau begonnen worden sein. Dessen Weihe soll dann 550 stattgefunden haben.

Das Aussehen dieses Baus wird von Prokop näher beschrieben. Der Neubau soll von den Architekten der Hagia Sophia, Anthemios von Tralles und Isidor von Milet, als kreuzförmiger Bau mit fünf Kuppeln entworfen und errichtet worden sein. "Je eine Kuppel überwölbte die vier Arme des Kreuzes. Die Vierung zwischen den Kreuzarmen trug die fünfte, noch größere und mit Fenstern ausgestattete Kuppel; jeder Kreuzarm war dreischiffig. Im Westen des westlichen Arms des Kreuzes setzte das Atrium an. An den nördlichen Kreuzarm ließ Justinian ein weiteres Mausoleum anfügen, das ebenfalls kreuzförmig war und in dem später er (Justinian - MM) und seine Frau bestattet wurden." [Wikipedia]

1204 wurde der Bau während des 4. Kreuzzugs geplündert.

Also auch hier eine ziemlich unklare Situation vor dem 6. Jh. Gemäß der HEINSOHN-These ist Konstantin I. in das 1. Jh. zu datieren. Sein Mausoleum in Konstantinopel ist sicher denkbar. Der abgelegene Standort innerhalb der antiken Stadt, weitab vom kaiserlichen Palast verwundert dagegen schon. Etwa zeitgleich, nur ein paar Jahre jünger, das Mausoleum des Diokletian in Split, das jedoch direkt innerhalb der kaiserlichen Palastanlage errichtet wurde.

Es dürfte ausgeschlossen sein, dass das Mausoleum gleichzeitig Kirche war. Eine separate Kirche im 1. Jh. entfällt ebenso. Wie oben bereits angeführt, sehe ich Eusebius von Caesarea als spätere Fälschung bzw. als Pseudepigraph. Er entfällt damit als glaubwürdige Quelle.

Nun zum justinianischen Bau: Das byzantinische Jahr der Weihe 550 ergibt korrigiert das Jahr 968. Zu dieser Zeit war Justinians Prestigeobjekt, die Hagia Sophia, gerade im Bau (Baubeginn 950). Dass er daneben einen weiteren Großbau am anderen Ende der Stadt errichten ließ, darf zumindest bezweifelt werden.

Ich bezweifle darüber hinaus die justinianische Entstehung des von Prokop beschriebenen Baus. Ein Mehrkuppelbau verweist eher auf eine spätere Zeit. Auch Prokop ist aus meiner Sicht ein Pseudepigraph, der im  12. Jh. oder sogar später schreibt. Er konnte maximal den zu seiner Zeit stehenden Bau beschreiben.

DARK/ÖZGÜMÜS fanden bei ihrer augenscheinlichen Untersuchung nur wenige beim Moscheebau wiederbenutzte Mauerzüge, die nach ihrer Ansicht in die Zeit vor dem ersten Moscheebau, also in byzantinische Zeit zu datieren sind. Für die betreffenden Bauteile gilt zunächst nur das Jahr 1460 als terminus ante quem. Sie rekonstruieren die justinianische Apostelkirche als geostete Kuppelkirche mit Apsis im Osten; das Mausoleum Konstantins sehen sie unmittelbar vor der Apsis [409f]. Genaugenommen sind der Ostabschluss einschließlich Apsis und das Mausoleum bei ihnen jedoch Annahme ohne irgend einen Beleg.

 

Konstantinopel, Apostelkirche. Grundriss aus [DARK/ÖZGÜMÜS, 409]

 

Als Vergleichsbauten nennen DARK/ÖZGÜMÜS als auch Wikipedia die Johanneskirche in Ephesos und San Marco in Venedig. San Marco ist ein Bau aus der 2. Hälfte des 11. Jh. Die Johanneskirche in Ephesos gilt traditionell als Bau des    6. Jh., wäre also in etwa zeitgleich mit der Apostelkirche.

Ich halte sowohl die Apostelkirche als auch die Johanneskirche für Bauten des 11. Jh. Eine justinianische Apostelkirche sehe ich nicht.

Eine andere Rekonstruktion nachstehend:

 

 

Konstantinopel, Apostelkirche.
Plan bei N. Asutay-Effenberger – A. Effenberger, Die Porphyrsarkophage der oströmischen Kaiser. Wiesbaden 2006. Aus: [https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/konstantinopel _kaiserhof_und_stadt_prof._dr._peter_schreiner?nav_ id=1204]

 

Irenenkirche

Auch die konstantinischen Anfänge der Irenenkirche in Konstantinopel sind äußerst suspekt. Sie soll 564 abgebrannt und unter Justinian restauriert worden sein. Danach neue Zerstörungen durch ein Erdbeben (740) und erneuter Wiederaufbau. Untersuchungen aus den 70er Jahren des 20. Jh. ergaben, dass „die meisten Mauerabschnitte der heutigen Kirche vom Wiederaufbau im achten Jahrhundert stammen.“ [ebd. 49ff]

 

 

Konstantinopel, Irenenkirche
Quelle: CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=452863

Die Datierung der "meisten Mauerabschnitte der heutigen Kirche" in das 8. Jh. würde auf das 12. Jh. verweisen, wenn mit dem 8. Jh. eine byzantinische Datierung vorliegt.

Ich sehe in der Irenenkirche einen Bau des 11./12. Jh. Einen Vorgängerbau hat es nicht gegeben. Die Datierung des Brandes 564 könnte dagegen antik sein und damit dem Jahr 1266 entsprechen.

 

Hagios Johannes Studios

Die angeblich älteste, als Ruine erhaltene Kirche Konstantinopels, die Hagios Johannes Studios – eine dreischiffige Basilika - soll 454 erbaut worden sein [YERASIMOS, 36]. Hier dürfte eine antike Datierung vorliegen, die korrigiert 1156 entspricht, womit sie ihren Status als älteste Kirche verliert.

 

Sergios-und-Bakchos-Kirche

Im Jahr der Thronbesteigung Justinians 527 (= 945) soll die heute noch bestehende Sergios-und-Bakchos-Kirche von Justinian begonnen worden sein. Sie wäre damit die früheste Kirche in Konstantinopel - nicht völlig unmöglich, da Justinian und seine Frau Christen waren und mit der Thronbesteigung durchaus die Gelegenheit bestand, einen Eigenkirchenbau zu errichten.

Zweifel erheben sich, da über die besondere Stellung dieses Baus zu Justinian nichts überliefert ist. Der Baubeginn wäre etwa 5 Jahre nach der Katastrophe und erscheint damit etwas zu früh. Unmittelbar nach der Katastrophe bestanden vermutlich andere Prioritäten als ein Eigenkirchenbau - was aber nicht zwingend ist.

 

Konstantinopel, Sergios-und-Bakchos-Kirche, Grundriss aus [EFFENBERGER, 296]

 

Ephesos

Ephesos war eine antike Metropole und bis in byzantinische Zeit eine bedeutende Stadt des Byzantinischen Reichs. Im    7. Jh. soll durch die Einfälle der Sassaniden und die anschließenden Arabereinfälle die antike Phase der Stadt beendet worden sein. Im Jahr 1090 soll Ephesos von den Seldschuken erobert worden sein. Bis in das 14. Jh. soll Byzanz versucht haben, die Region um Ephesos zu sichern, bis Ephesos endgültig an die Türken fiel. Die Bevölkerung soll umgebracht oder deportiert worden sein.

Wie zu Konstantinopel bereits ausgeführt, ist die Zeit zwischen ca. 600 und Mitte des 11. Jh. als Phantomzeit auszuscheiden. Damit dürften die Sassaniden- und Arabereinfälle des 7. Jh. erfunden sein.

Auch wurde die "Eroberung" durch die Seldschuken bisher scheinbar falsch interpretiert. So vermeldet 2010 die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI), Sabine Ladstätter: "Wie Grabungen der vergangenen Jahre und eine neuerliche Aufarbeitung des bisherigen Fundmaterials gezeigt haben, wurde die Stadt - im Gegensatz zur bisherigen Ansicht - im 7. Jahrhundert nicht verlassen. Vielmehr blieben die byzantinischen Griechen in Ephesos und lebten während des Mittelalters in Koexistenz mit den türkischen Selcuken, die sich im nur zwei Kilometer entfernten Ayasoluk angesiedelt hatten. ... Im 7. Jahrhundert war Ephesos, zu ihrer Blütezeit eine der bedeutendsten Städte des Altertums, von einer schweren Krise betroffen: Die Archäologen fanden Zerstörungshorizonte mit Brandschichten. Was die Auslöser dafür waren, wissen die Forscher bisher noch nicht genau, historische Quellen liefern Erklärungen, die von Perser- und Arabereinfällen bis zu Erdbeben reichen." [derstandard.at/1271374824372/Archaeologie-Ephesos-Geschichte-neu-geschrieben]

Dafür spricht auch, dass die Seldschuken in einiger Entfernung zur antiken Stadt siedelten und nicht in der Stadt selbst. Der festgestellte Bedeutungsrückgang von Ephesos im 7. Jh. (= 11. Jh.) war nicht durch die Seldschuken bedingt, sondern eher durch die Versandung des Hafens.

Die unbekannte Katastrophe war vermutlich die Mega-Katastrophe 522/um 940 und die Versandung des Hafens eine Folge derselben. Möglicherweise wurde die Johanneskirche in Ephesos errichtet, um nach dem Niedergang der wirtschaftlichen Bedeutung einen neuen Anziehungspunkt in der Stadt zu haben.

Die Stadt Ephesos wurde erst mit der Eroberung durch die osmanischen Türken im 15. Jh. zerstört.

 

Johanneskirche

Nach Wikipedia soll schon im 4. Jh. über dem Grab des Apostels Johannes eine Kirche erbaut worden sein, für die Steine und der Marmor von dem zerstörten Tempel Verwendung fanden. Weiter unten heißt es: "Über der Stelle des Grabes wurde zunächst ein Mausoleum ... errichtet."

Kaiser Justinian soll diesen ersten Bau durch eine kreuzförmige, dreischiffige Kuppelkirche mit sechs Kuppeln ersetzt haben. Sie gilt aufgrund der Gestalt und der Einwölbung mit Kuppeln als direkter Nachfolgebau der angeblich auch von Justinian errichteten Apostelkirche in Konstantinopel.

Wie ich den Kuppelbau der Apostelkirche in Konstantinopel nicht für den justinianischen Bau halte, so ist für mich auch die Kuppelkirche in Ephesos kein justinianischer Bau, sondern ein Bau frühestens des 11. Jh.

Falls es einen justinianischen Bau (10. Jh.) gab, kommt nur die erste Kirche bzw. das Mausoleum infrage, das zur Verehrung des Apostelgrabes errichtet wurde, analog den justinianischen Bauten in Jerusalem über dem Grab bzw. in Bethlehem über der Geburtsgrotte. Dieser Bau dürfte ein Zentralbau gewesen sein. Für ihn könnte Material aus den in der Katastrophe zerstörten Bauten wiederverwendet worden sein.

Frühestens im 11. Jh. wurde der byzantinische Großbau, jetzt mit einem Grundriss in Form eines lateinischen Kreuzes errichtet.

 

Johanneskirche.
Quelle: Von Marsyas - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3676836

 

Die Johanneskirche reiht sich damit ein in die hinsichtlich ihrer Veranlassung und ihrer Gestalt verwandten Bauten - der Apostelkirche in Konstantinopel, die allen Aposteln gewidmet ist, sowie San Marco in Venedig über dem Grab des Apostels Markus. In diese Reihe gehört - zumindest zeitlich - auch die Kathedrale von Santiago de Compostela (1075-1128), die angeblich das Grab des Apostels Jakobus beherbergt und natürlich im westlichen Stil erbaut wurde, jedoch in ihrer baulichen Gestalt bis auf die Kuppelwölbung große Ähnlichkeit mit der Johanneskirche hat.
 

Syrien

Kalat Siman

Auch in Syrien ist ein frühchristliches Pilgerheiligtum existent: Kalat Siman.

 

Grundriss aus [SCHECK/ODENTHAL, 287]

Kalat Siman ist als Pilgerheiligtum zur Verehrung des hl. Symeon stylites des Älteren (gest. 459) bekannt. Dieses soll 476 bis 490 errichtet worden sein. Eine andere Quelle nennt als Datum „unbekannt zwischen 459 und 560“ [www.archnet.org/library/sites zu St. Simeon Church _12.05.09].

Die Anlage bestand aus dem so genannten Martyrium, einem Oktogon, in dessen Zentrum sich angeblich die 20 m hohe Säule befand, auf der der Heilige mehr als 30 Jahre verbracht haben soll. Östlich schloss sich an das Oktogon eine dreischiffige Basilika an, deren drei Schiffe in Apsiden endeten. Nördlich, südlich und westlich schlossen sich an das Oktogon weitere dreischiffige Hallen an, womit sich eine kreuzförmige Grundrissgestalt ergab [EFFENBERGER, 327]. Ob das Oktogon überdacht war oder nicht, ist unklar [LASSUS, 45].

Auffällig ist, dass der sonst sehr akkurate Grundriss für den Ostarm in seiner Ausrichtung eine leichte Abweichung nach Norden aufweist. Vermutlich war der Ostarm der Ursprungsbau, eine „einfache“ querhauslose dreischiffige Basilika.

Die Erweiterung um den Oktogonalhof und die nach Norden, Westen und Süden ausgerichteten Basiliken erfolgte später. Möglicherweise war nur die Ostbasilika eine Kirche; die anderen Basiliken dienten vielleicht der reibungslosen Abwicklung des Pilgerbetriebs. Die Südbasilika mit dem Narthex diente als Hauptzugang zu dem Pilgerheiligtum.

Der östliche dreiapsidiale Abschluss ist in der frühchristlichen Architektur sonst nirgends zu finden, in der frühromanischen Architektur dagegen häufig.

Wenn man sich die Reste von Kalat Siman ansieht, z. B. auch die zweigeschossige Säulengliederung an der Apsisaußenseite, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man kein spätantikes, sondern ein romanisches Bauwerk vor sich hat.

Die traditionelle Datierung 476/490 oder 459/560 sind antike Datierungen, die korrigiert 1178/1192 bzw. 1161/1262 entsprechen.

Von 1098 bis 1268 gehörte das Gebiet um Kalat Siman zum Fürstentum von Antiochia, einem der vier Kreuzfahrerstaaten.

 

Die Toten Städte Nordsyriens 

Neben Kalat Siman werden von der Kunstwissenschaft in den so genannten Toten Städten Nordsyriens, im Belos (Gebiet westlich von Aleppo), weitere frühchristliche Basiliken gesehen, die alle im 4., 5. oder frühen 6. Jh. angehören sollen [SCHECK/ODENTHAL, 281ff].

Das sind die Bauten von Brad, Mushabbaq, Burjke, Fafertin, Basufan, Kharab Shams, Deir Turmanin, Dar Qita, Qalb Lhoze und zahlreiche andere. Ein paar Merkwürdigkeiten dieser Bauten:

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Burjke weist ein Okulus in der Apsis auf (in Westeuropa später ein beliebtes Motiv)

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Die Säulenbasilika von Deir Turmanin besitzt eine Art Doppelturmfassade (in Europa erst gegen 1100)

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Auch Qalb Lhoze besitzt eine Doppelturmfassade mit einer Vorhalle, die sich in weitem Bogen nach Westen öffnet; in den Türmen Zugänge zur Westempore und den Emporen in den Seitenschiffen; außen
an der Apsis eine zweigeschossige Säulengliederung wie auch in Kalat Siman.

SCHECK/ODENTHAL [306] zitieren dazu die Bemerkung des französischen Grafen Melchior de Vogué: „Unmöglich ist zu verkennen, dass in diesem Gebäude all die Elemente ihren Ursprung haben, welche den Vorbau der romanischen Kirchen bilden.

Das monophysitische Großkloster Tell Ade soll bis 962 bestanden haben, also über die islamische Eroberung der 30er Jahre des 7. Jh. hinweg (30er Jahre des 7. Jh. = Mitte des 11. Jh. u. Z. Damit erledigt sich diese Merkwürdigkeit.)

Die Datierung vom 4. bis in das 6. Jh. ist antik, womit sie dem 11. bis 13. Jh. entspricht. Die Errichtung dieser Kirchen sehe ich im 12. Jh. unter der Herrschaft der Kreuzfahrer.

Mit den Kreuzfahrern kamen aus Europa nicht nur Abenteurer und Plünderer, sondern auch zahlreiche landarme Bauern mit ihren Familien, die sich eine neue Existenz aufbauen wollten und in dem eroberten Land siedelten. In den neuen Siedlungen errichteten sie neben ihren Wohnhäusern als erste Bauten Kirchen, wie sie sie aus ihrer Heimat kannten. Das Ende der Herrschaft der Kreuzfahrer beendete auch diese Siedlungstätigkeit.

Vor allem die falsche Datierung von Kalat Siman und den Toten Städten ist für die traditionelle Sicht der Entwicklung des byzantinischen Kirchenbaus verantwortlich, die vor den Kuppelbauten eine basilikale Phase einordnet. Bei richtiger Datierung entfällt diese basilikale Phase vollständig. Der byzantinische Kirchenbau beginnt unter Justinian mit kuppelgedeckten Zentralbauten. Die Saalkirchen und Basiliken entstehen erst im Kontext der Kreuzzüge als aus dem Westen "importierte" Bauform.

 

Armenien

Armenien rühmt sich, die früheste Kirche überhaupt zu beherbergen. Schon im Jahr 301, noch vor dem Mailänder Edikt, soll das Christentum in Armenien als Staatsreligion eingeführt worden sein.

Wikipedia: "Die Fundlage frühchristlicher Bauten ist eher bescheiden. Vollständig erhalten ist keiner. Anhand der Reste lässt sich vorsichtig formulieren, dass die für Byzanz geltende Entwicklung von der Basilika über die Vermischung mit dem Zentralbau zur Kreuzkuppelkirche ähnlich verlaufen ist."

Die Kunstwissenschaft sieht im 4.-6. Jh. die Basilika als beherrschenden Typ. Errichtet wurden einfache Saalkirchen, aber auch dreischiffige Basiliken.

Seit dem 5. Jh. werden Kuppelkirchen gebaut, die ihre architektonische Vollendung im Typus der Zentralkuppelbauten mit besonderer Betonung der Vertikalen erfahren, z. B. die Kirche des Hl. Sarkis in Tekor, die Kirche in Odsun, die Kathedrale und die Gajane-Kirche in Etschmiadsin, die Kirchen in Ptgni und Arutsch. Höhepunkt der frühen armenischen Baukunst in der 1. Hälfte des 7. Jh., z. B. Ripsime-Kirche und die Kirche des hl. Gregor bei Etschmiadsin. Bauten sind bereits im 5./6. Jh. reich ornamentiert und mit Skulpturenschmuck versehen. [TJASHELOW/SOPOZINSKI, 120f]

Angebliche Unterbrechung der künstlerischen Entwicklung durch den Einfall der Araber Ende des 7. Jh.

Erneuter Aufschwung erst im 9. Jh. nach Vernichtung des Kalifats und Erlangung der Selbständigkeit. "Die sich entwickelnden Städte wiederholen in ihrer Struktur den Stadttypus der vorangegangenen Zeit ..." [ebd., 124] Im 10.-13. Jh. wird Ani wichtigstes Zentrum des Profan- und Sakralbaus. "Die Erbauer Anis strebten zunächst danach, den klassischen Bauten des 5. bis 7. Jahrhunderts nachzueifern." [ebd., 125f] Herausragende Beispiele sind die Kirche des hl. Gregor Gagiks I., die Apostelkirche in Wagarschapat und die Kathedrale von Ani.

Es ist nach meiner Ansicht eindeutig, dass die von der Forschung vermeintlich getrennte Entwicklung des Sakralbaus des 5.-7. Jh. und des 10.-13. Jh. zusammengehören. Die Bauten des 5.-7. Jh. sind offensichtlich byzantinisch/spätantik datiert. Bei Korrektur wären sie etwa deckungsgleich mit den Bauten des 10.-13. Jh.

Die frühe Phase der Entwicklung des Kirchenbaus in Armenien ist ebenso der falschen Chronologie geschuldet.

Es ist zutreffend, dass die Entwicklung des Kirchenbaus in Armenien ähnlich der in Byzanz verlief. Wie in Byzanz so gibt es auch in Armenien keine frühchristliche basilikale Phase. Diese basilikale Phase gehört in viel spätere Zeit, nämlich in das 11.-13. Jh.

Vermutlich entstammt dieser Irrtum aus einer antiken/weströmischen Datierung der Bauten bzw. ihrer Protagonisten. Für die Korrektur in u. Z. muss eine Zeitdifferenz von ca. 700 Jahren zu der antiken/weströmischen Datierung hinzuaddiert werden. Damit gelangen diese Bauten in das 11.-13. Jh.

Auch das Jahr der Einführung des Christentums als Staatsreligion ist mit Sicherheit antik/weströmisch, womit sich korrigiert eine Datierung um 1000 ergibt.

Letztendlich gelangt man in Armenien zu einer völlig anderen Entwicklung des Kirchenbaus.

Ab dem späten 10. Jh. entstehen - von Byzanz ausgehend -kuppelgedeckte Zentralbauten, wie in Byzanz auch. Der von der Kunstwissenschaft gesehene Beginn im 5. Jh. ist zu früh. Es gibt für keinen Bau eine exakte Datierung. Die Datierungen erfolgten von der Kunstwissenschaft nach stilkritischen Gesichtspunkten, sind also "unscharf".

Künstlerischer Höhepunkt dieser Bauten ist im späten 12./13. Jh. Im 12./13. Jh. werden auch Longitudinalbauten, kleine Saalkirchen und dreischiffige Basiliken, errichtet. Die Wölbung dieser Bauten ist dann zeitgemäß.

 

Georgien

Der Vollständigkeit wegen soll auch der Kirchenbau in Georgien kurz abgehandelt werden. Die Parallelen zu Armenien sind kaum zu übersehen. Auch in Georgien soll schon Anfang des 4. Jh. das Christentum als Staatsreligion eingeführt worden sein.

Auch in Georgien gibt es angeblich im 5. Jh. eine erste Blütezeit mit Basiliken, z. B. die dreischiffige Zionskirche in Bolnisi.

Nach Mitte des 6. Jh. entstehen Kirchen des Typus der Zentralkuppelkirchen, wie die Kathedrale in Ninozminda (Tetrakonchos, 3. Viertel 6. Jh.), die Dshuari-Kirche in Mzcheta (586/87-604). [TJASHELOW/SOPOZINSKI, 141f]

Der arabische Überfall in der 2. Hälfte des 7. Jh. beendete zunächst die künstlerische Entwicklung. Erst mit der Schwächung der Macht des Kalifats Mitte des 8. Jh. neue kulturelle Blüte.

In der Periode vom 10.-13. Jh. ist ein bedeutender Aufschwung der materiellen und geistigen Kultur zu verzeichnen. Der Sakralbau erreicht seinen Höhepunkt in den größten Bauten des 11. Jh., z. B. der Kirche Bagrat III. in Kutaisi (975-1014), der Sweti-Zchoweli-Kirche in Mzcheta (1010-1029) und der Kathedrale in Alawerdi (1. Viertel 11. Jh.). [ebd., 144]

Die Lösung ist dieselbe wie für Armenien. Die Kirchen des späten 6. Jh./anfang 7. Jh. sind byzantinisch datiert und gehören korrigiert an das Ende des 10. Jh./1. Viertel 11. Jh.

Die angeblich frühe basilikale Phase ist antik/weströmisch datiert. Die Bauten des 5. Jh. werden somit zu Bauten des 12. Jh.


Jerusalem und Bethlehem

Und die Großbauten im Heiligen Land? Jerusalem und das unmittelbar benachbarte Bethlehem gehörten bis 614 zu Ostrom. Im Jahr 614 wird Jerusalem/Bethlehem von den Persern eingenommen. Von 629 bis 637 gehörte Jerusalem noch einmal kurzzeitig zu Ostrom. Im Jahr 637 wurde es vom Islam erobert. 1099 eroberten die Kreuzfahrer Jerusalem und gründeten das Königreich Jerusalem, das 1187 durch Saladin beseitigt wurde. Ein nochmaliges lateinisches Intermezzo gab es von 1229 bis 1244, als sich Friedrich II. selbst zum König von Jerusalem erhob. Er hatte die Stadt zuvor durch Verhandlungen vom Sultan erhalten.

Die Datierungen in das 7. Jh. sind durchgängig byzantinisch und müssen zum Verständnis der zeitlichen Abläufe korrigiert werden. Die Einnahme Jerusalems im Jahr 614 fand 1032 statt. Die kurzzeitige Rückeroberung durch Ostrom 629 demzufolge 1047. Die islamische Eroberung 637 erfolgte 1055, d. h. Jerusalem gehörte zu Ostrom bis 1032 und zwischen 1047 und 1055. Jerusalem verzeichnete eine nochmalige christliche Phase am Ende des 11. Jh. mit dem Einzug der Kreuzritter, die jedoch nur 88 Jahre andauerte.

Nach der persischen Eroberung dürfte die christliche Entwicklung abrupt beendet worden sein, was durch das Schicksal dieser Bauten belegt wird. Übrigens ist sowohl für die Geburtskirche in Bethlehem als auch für die Grabeskirche in Jerusalem eine justinianische „Erneuerung“ bezeugt.

 

Grabeskirche

Die Grabeskirche einschließlich der Rotunde ist i. W. ein Neubau des 12. Jh. Die tradierte Baugeschichte kennt mehrere Vorgängerbauten der Grabrotunde, den letzten aus dem 11. Jh.

Der Gründungsbau soll bei der Eroberung durch die Perser 614 (= 1032) durch Brand zerstört worden sein. Danach soll es nur bescheidenere Wiederaufbauten bis zum monumentalen Neubau des 12. Jh. gegeben haben.

Nach meiner Auffassung ist nur die Grabrotunde selbst, also die Anastasis, der justinianische Gründungsbau, fertiggestellt vor 1032. Die sich nach Osten erstreckende basilikale Erweiterung erfolgte dann unter den Kreuzfahrern zwischen 1099 und 1187 sowie unter Friedrich II. zwischen 1229 und 1244.

Konstantinisches ist bei der Grabeskirche nichts auszumachen, was auch nicht anders sein kann, da Konstantin in das 1. Jh. gehört.

 

Jerusalem, Grabeskirche, Grundriss aus [EFFENBERGER, 134]

 

Geburtskirche

Die konstantinische Geburtskirche soll im Samariteraufstand 529 (= 947) beschädigt und danach vollständig abgerissen worden sein. Beim nur wenig größeren Neubau der Geburtskirche unter Justinian sollen die Architekten Justinians das Mauermaterial der konstantinischen Basilika für den zweiten Bau der Geburtskirche verwendet haben [GORYS, 180].

Unter den Kreuzfahrern 1161-1169 ist die Kirche gründlich restauriert worden.

Über der vermeintlichen Geburtsgrotte wurde ein oktogonaler Bau ergraben, weshalb allgemein die konstantinische Basilika mit einem Oktogon als Westabschluss rekonstruiert wird.

Von mir wird diese Rekonstruktion grundsätzlich angezweifelt. Ich sehe nur das ergrabene Oktogon als den justinianischen Gründungsbau. Die basilikale Anlage einschließlich des jetzigen Ostschlusses sehe ich als einen Bau des 12. Jh. unter den Kreuzfahrern.

 

Isometrie aus [EFFENBERGER, 135]

 

Bethlehem, Geburtskirche, Grundriss aus [GORYS, 179]

 

Felsendom

In Jerusalem ist nach meiner Auffassung ein weiterer justinianischer Memorialbau noch existent ist, der Felsendom.

Der Felsendom, heute eines der Hauptheiligtümer des Islam, wurde über dem geheiligten Felsen errichtet, auf welchem Abrahams Opfer und Mohammeds „Himmelsreise“ stattgefunden haben sollen [STIERLIN, 36]. „Merkwürdigerweise ist das erste architektonische Meisterwerk der Kalifen keine Moschee, sondern eine Art Martyrion, ein Gedächtnisbau,... An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass der Felsendom an die erste Grabrotunde in Jerusalem (335) erinnert, die sich ganz in der Nähe befand. Bei beiden handelt es sich um Zentralbauten mit doppeltem Umgang und einer Kuppel, deren Innendurchmesser 20,4 m beträgt. Beide umschließen einen heiligen Felsen, der eine Grotte schützt. … Eine solche Übereinstimmung in Form und Funktion kann kein Zufall sein.“ [ebd. 36].

Wie bereits STIERLIN feststellt, hat dieser Bau von der Motivation her den gleichen Charakter wie der Bau über dem Grab Christi. Aber auch wie der Bau über der Geburtsgrotte. Auch hier wird eine für das Christentum besondere Lokalität durch den Bau hervorgehoben. Vermutlich war ursprünglich nur die Altarstelle gemeint. Die Himmelfahrt Mohammeds an dieser Stelle ist sicher erst später durch den Islam hinzugefügt worden. Vielleicht war eine völlige Umdeutung der Stelle nicht mehr möglich. Im Übrigen konnte der Islam aufgrund seiner christlichen Vorgeschichte auch gut mit der Abrahamlegende leben.

Nicht nur, dass die Veranlassung für den Bau des Felsendoms ähnlich der für die Geburtskirche und der Grabeskirche war, auch die bauliche Gestalt ähnelt dem der beiden anderen Bauten – wie STIERLIN ebenfalls feststellte.

Für mich wie auch für WEISSGERBER [706] mit Bezug auf ZELLER ist der Felsendom ein byzantinisch-christliches Bauwerk.

Da Jerusalem 614 von den Persern eingenommen wurde und erst wieder unter den Kreuzfahrern kurzzeitig in christlichen Händen war, müsste die Errichtung des Felsendom als byzantinisch-christliches Bauwerk zeitlich vor 614 oder nach 1099 liegen. Die tradierte Baugeschichte sieht die Erbauung unter dem Kalifen Abd al-Malik ibn Marwan (685-705) und dessen Sohn al-Walid I. ibn Abd aä-Malik (705-715).

Die vorgenannten Datierungen sind - bis auf 1099 - alle byzantinisch. Die Korrektur ergibt 614 = 1032, 685-705 = 1103-1123 und 705-715 = 1123-1133.

Seit 1099 u. Z. ist Jerusalem in der Hand der Kreuzfahrer, deren Herrschaft über Jerusalem erst 1187 endet.

Wenn diese o. a. Daten zutreffen, wäre der Felsendom ein ehemaliger Kreuzfahrerbau, der von Islam später entsprechend vereinnahmt wurde. Möglich ist jedoch auch eine Errichtung unter Justinian I., also vor 614 (=1032) im Zusammenhang mit der Aufwertung der Jesusstätten in Jerusalem und Bethlehem.

 

 

Felsendom, Grundriss aus [GORYS, 115]

 

Die Errichtung von oktogonalen oder auch runden Memorialbauten über bedeutenden Stätten des Neuen Testaments finden wir nicht nur bei der Grabeskirche und der Geburtskirche oder auch dem Felsendom. Die Bauform wurde, was nahe liegend war, der Mausoleumsbaukunst entlehnt.

Ein weiteres Oktogon soll im 4. Jh. auf dem Ölberg in Jerusalem errichtet worden sein, an der Stelle der Himmelfahrt Christi. Dort wird sein vermeintlicher Fußabdruck verehrt. Der oktogonale Kirchenbau, die so genannte Himmelfahrtskapelle, soll nach Wikipedia 387 von einer Römerin Poimenia gestiftet und 614 von persischen Truppen zerstört worden sein. LASSUS [34] zeigt einen Grundriss des Oktogons des 4. Jh. (Außenmaß etwa 21 m), von ihm irrtümlich als Auferstehungskirche bezeichnet. Der heutige kleine oktogonale Bau wurde 1150 von Kreuzfahrern errichtet, wovon das Erdgeschoss erhalten ist. Tabour und Kuppel wurden im Zusammenhang mit der Umwandlung in eine Moschee 1187 durch Saladin errichtet.
Gut vorstellbar ist, dass das urprüngliche Oktogon unter Justinian errichtet wurde und im Zuge der persischen Eroberung untergegangen ist. Der heutige, deutlich kleinere Bau wurde dann von den Kreuzfahrern errichtet.

Ein Oktogon wurde auch in Kapernaum über dem so genannten Haus des Petrus ergraben. Vor Ort wird das Oktogon in das 5. Jh. datiert. Auch hier halte ich eine Erbauung unter Justinian für denkbar. Das entspräche allerdings dem byzantinischen 6. Jh. (= 10. Jh. u. Z.).

 

 

 

Ravenna

Dass es außerhalb der Mauern Roms auch andernorts in Italien angeblich Frühchristliches gibt, wurde oben schon gesagt. Da wäre an erster Stelle Ravenna zu nennen. Ravenna war von 402 bis 476 Hauptresidenz der weströmischen Kaiser (401 verlegte Honorius seinen Hof von Mailand nach Ravenna). 408 belagerten die Westgoten unter Alarich Ravenna. Von 476 bis ca. 540 regierten die Ostgoten in Ravenna (Odoaker 476-493, Theoderich 493-526). Ab 540 gehörte Ravenna zu Ostrom und war Zentrum eines kaiserlichen Exarchats (Exarchat von Ravenna). Nach MEIER [99] fiel Ravenna endgültig erst 552 nach einer zwischenzeitlichen Wiedereroberung durch die Goten. 568 tauchen die Langobarden in Italien auf und gründen ein Langobardenreich mit der Hauptstadt Pavia (572). Ravenna blieb aber oströmisch.

Erst 751 sollen die Langobarden Ravenna erobert haben. 754 versprach der Karolinger Pippin der Jüngere im Vertrag zu Quierzy das ehemals byzantinische Exarchat von Ravenna dem Papst zu übergeben (Pippinische Schenkung). 756 besiegte Pippin die Langobarden und realisierte die Schenkung an den Papst, womit der Kirchenstaat begründet wurde. Seitdem herrscht im Namen des Papstes ein Erzbischof über das frühere byzantinische Gebiet.

Zuerst muss bezüglich der Datierungen Ordnung hergestellt werden. Sämtliche o. a. Datierungen sind byzantinisch und müssen zur Vergleichbarkeit in u. Z. korrigiert werden. Die Verlegung des kaiserlichen Hofs von Mailand nach Ravenna erfolgte in antiken Jahr 117. Ravenna ist dann von 118 bis 192 Hauptresidenz der weströmischen Kaiser. Von 192 bis ca. 256 (= 540 = 958) regierten die Ostgoten in Ravenna, also über die Katastrophe von um 940 hinweg. Ab 540 (=958) bzw. 552 (=970) gehörte Ravenna wieder zu Ostrom. Ab 568 (=986) erobern die Langobarden große Teile Nord- und Mittelitaliens.

Die byzantinische Macht in Italien war nach den Eroberungen der Langobarden auf wenige Enklaven - darunter Ravenna - zurückgedrängt. Auch in diesen Restflecken dürfte in der Folgezeit die Macht von Byzanz weiter geschrumpft sein. Zum einen hatte Ostrom andere Prioritäten durch äußere Feinde im Norden und Osten sowie die Pest und Naturkatastrophen im Reich. Zum anderen beanspruchte Rom die kirchliche Führung in den ehemals weströmischen Gebieten, so auch in Ravenna.

Im 11. Jh. gehört Ravenna dem Städtebund mit Ancona, Fano, Pesaro, Senigallia und Rimini an. Aufgrund der fehlenden Zentralgewalt waren die aufstrebenden Städte gezwungen, untereinander Bündnisse zum Schutz gegen äußere Feinde als auch des Handels einzugehen. Das 12. Jh. sieht die Gebiete des ehemaligen so genannten Exarchats von Ravenna in der Hand der römischen Kirche. Die Fälschung um die Pippinische Schenkung sollte den Status quo nur nachträglich legitimieren.

Die angebliche Einnahme Ravennas durch die Langobarden im Jahr 751 und Feldzüge der Karolinger gegen die Langobarden sind ein Konstrukt und haben nie stattgefunden. Genauso ist die so genannte Pippinische Schenkung eine spätere Fälschung der römischen Kirche. Den Reichstag Ottos I. im Jahr 967 in Ravenna erachte ich für ein Konstrukt der sächsischen Chronisten des 12. Jh.

Die traditionelle Forschung sieht einen vorjustinianischen Kirchenbau in Ravenna sowohl zur Zeit, als Ravenna Hauptresidenz des Weströmischen Reiches war, also unter Honorius und Galla Placidia, als auch nach 493 unter Theoderich.

Dass die Ostgoten nach ihrem Einfall in Italien mit dem Christentum in Berührung kamen, war unausweichlich, da ein Teil der Bevölkerung der römischen Gebiete sicher christlich waren. Dieses Christentum, dass sie angetroffen haben, war das später durch Justinian verketzerte arianische Christentum. Dass die Goten selbst christlich, d. h. arianisch waren, bleibt zu bezweifeln. Das arianische Christentum baute noch keine monumentalen Kirchen. Der Kirchenbau kam erst mit Justinians Erhebung des Katholizismus zur Reichsreligion und der Begründung der Reichskirche.

Erst mit der Einnahme Ravennas durch Ostrom, d. h. nach 958 bzw. 970, waren die Bedingungen für einen monumentalen Kirchenbau in Ravenna gegeben. Das Jahr 958 bzw. 970 sehe ich damit als terminus post quem für den Kirchenbau in Ravenna vorgegeben.

Übrigens scheinen auch die ravennatischen Kirchen unmittelbar auf zuvor zerstörten römischen Bauten zu stehen. BENDAZZI/RICCI führen aus: " Die Kirche Santa Croce wurde errichtet auf Überresten eines großen römischen Gebäudes aus dem II.-III. Jhd. n. Chr. Dieses Gebäude, wie auch alle anderen dieses römischen Wohnviertels, wurden zwischen Ende des IV.- Anfang des V. Jhds. zerstört." [87] Dasselbe dürfte für die Kirche San Vitale zutreffen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu S. Croce steht. Ich denke, dass diese Zerstörungen auf die Katastrophe von 522 (spätantik) bzw. um 940 u. Z. zurückzuführen sind.

Traditionell ist für Ravenna eine stattliche Anzahl an angeblich frühchristlichen Kirchenbauten überliefert. Ravenna steht damit Rom kaum nach.

Wie oben bereits erwähnt, haben wir für die Datierung der ravennatischen Kirchenbauten keine so aussagefähige Quelle wie den Liber Pontificalis für die stadtrömischen Kirchen. Die Datierungen um die Eroberung Ravennas sind auf jeden Fall spätantik. Die Gründungsdaten der Kirchen sind i. d. R. "unscharf". Einige beziehen sich u. a. auf historische Personen, wie Galla Placidia oder Bischof Ursus, dessen Bischofssitz ursprünglich in Classe war und der nach Verlegung des Hofes von Mailand nach Ravenna den Bischofssitz zurück nach Ravenna verlegt haben soll. Diese Personen sind durch die falsche Chronologie auch falsch datiert. Bei richtiger Datierung können sie mit einem Kirchenbau in Ravenna überhaupt nichts zu tun haben. Für die Korrektur der Datierungen gibt es leider keine einheitliche Regelung.

Sehen wir uns die angeblichen frühchristlichen Bauten Ravennas an:
 

San Giovanni Evangelista

Sie soll die älteste Basilika in Ravenna sein und 425 auf Wunsch der Galla Placidia begonnen worden sein. Leider sind kaum frühchristliche Bauteile erhalten. Die Kämpfer über den Säulenkapitellen des Mittelschiffs sollen die ältesten (!) Ravennas sein. Die Kirche zeigt heute den Zustand der Restaurierung von 1921. Im 2. Weltkrieg wurde sie sehr stark zerstört und danach wieder aufgebaut. Die Untergeschosse des über dem westlichen Joch des südlichen Seitenschiffs errichteten Campanile werden traditionell dem 10. Jh. zugerechnet. Nach BENDAZZI/RICCI [118] soll der Glockenturm bis zur Höhe der Drillingsschallöffnungen sogar dem 8. oder 9. Jh., darüber erst aufgrund des Rundbogenfrieses der Zeit um 1000 angehören. Der nicht erhaltene Mosaikschmuck soll die Gründungslegende der Galla Placidia erzählt haben. Es gab angeblich unterhalb des heutigen Fußbodens zwei tiefer liegende Fußbodenebenen, eine vom angeblichen Gründungsbau und eine angeblich frühmittelalterliche (ca. 1,75 m tief, 10./11. Jh.). Von beiden Fußböden sind nur spärliche Fragmente erhalten (nicht in situ). Mit dem Anheben des Fußbodenniveaus sollen auch die Mittelschiffssäulen erhöht worden sein. Insgesamt ist aufgrund der dürftigen Reste ist sichere Beurteilung schwer möglich. Vielleicht hilft uns die Datierung 425 weiter. Diese Datierung ist m. E. antik, womit sich nach Korrektur das Jahr 1127 als Baubeginn ergibt. Nun passen besser ein paar andere Datierungen ins Bild: Die Glocken im Glockenturm wurden 1208 gegossen. Das Fußbodenmosaik mit Szenen des 4. Kreuzzuges, der Eroberung Konstantinopels, werden in das Jahr 1213 [BENDAZZI/RICCI 120] bzw. 1273 datiert [BUSTACCHINI, 102f]. Weitere Mosaikfragmente des mittelalterlichen Fußboden zeigt u. a. eine Szene, die ein sehr beliebtes Motiv in der mittelalterlichen Ikonographie darstellt [BENDAZZI/RICCI 121].  In der Apsis ein Marmorstuhl von 1267, angeblich die Kathedra des Abtes Benvenuto [BENDAZZI/RICCI 120]. Das Portal am Eingang in den ummauerten Vorhof der Kirche datiert in das 14. Jh. In Summe schließe ich daraus, dass die Kirche um 1127 begonnen und im 14. Jh. fertiggestellt war. Die frühchristliche Gründung ist legendär bzw. dem Chronologiefehler geschuldet. Außer der Gründungslegende, bei der der überlieferte Baubeginn mit der Regentschaft der Galla Placidia vermischt wurde, gibt es nichts Frühchristliches. Die Säulen und Kapitelle dürften wiederverwendete Bauteile aus in der Katastrophe untergegangenen antiken Bauwerken sein. Sie sind damit natürlich kein Beleg für einen frühchristlichen Kirchenbau.
Der Fußboden ist sicher nur einmal erhöht worden - wie bei verschiedenen anderen ravennatischen Bauten. Der mittelalterliche Fußbodenschmuck gehört zum Gründungsbau des 12. Jh. Das tiefere Fußbodenniveau könnte von der vorherigen Bebauung stammen, die vermutlich in der Katastrophe um 940 zerstört wurde. Schließlich ist die Kirche innerhalb des Stadtgebiets errichtet worden, was eine ursprüngliche Bebauung sehr wahrscheinlich macht. Die Erhöhung des Fußbodens wird wie bei anderen ravennatischen Kirchen im 16. Jh. erfolgt sein.
Auffällig ist der fast identische Grundriss mit Sant'Apollinare in Classe und Sant'Apollinare Nuovo, die ich in das 13. Jh. datiere (siehe unten). Meiner Meinung nach ist San Giovanni Evangelista das Vorbild für die Grundrisslösung der beiden wenig später folgenden Kirchenbauten.
 

Baptisterium des Neon oder Baptisterium der Orthodoxen

Angeblich von Bischof Ursus Anfang des 5. Jh. als Baptisterium für seinen gleichzeitigen Dom, der nicht erhalten ist, erbaut. Die Mosaikausschmückung soll um 450 erfolgt sein. Die Kuppel soll im Rahmen einer Erweiterung Ende des 5. Jh. errichtet worden sein. Das ursprüngliche Fußbodenniveau lag 3 m tiefer. Die Wandmosaiken zeigen die zwölf Apostel.
Ich gehe davon aus, dass die Datierung in den Anfang des 5. Jh. wieder antik ist, womit sich als Baudatum Anfang des 12. Jh. ergibt. Die Mosaikausschmückung wäre dann um die Mitte des 12. Jh. und die Kuppel aus dem Ende des 12. Jh. Die Anhebung des Fußbodens wird wieder im 16. Jh. erfolgt sein.
Auffällig ist die Außenfassade im oberen Bereich. Sie zeigt eine Fassadengestaltung, die in frühromanischer Zeit besonders in den Gebieten südlich der Pyrenäen und der Alpen (Mittel- u. Oberitalien) verbreitet ist (von J. PUIG I CADAFALCH 1935 als  Premier Art Roman bezeichnet). Das Kuppelmosaik wirkt sowohl von der Komposition als auch von der Darstellung der Figuren ungelenk. Vom Motiv her ist das Kuppelmosaik im Wesentlichen eine Nachahmung des Kuppelmotivs im Baptisterium der Arianer. Die Stuckdekoration in der Zone unterhalb der Kuppel könnte man auch der Renaissance zuordnen. Auch hier sind gestalterische Mängel offensichtlich, so dass mit Sicherheit nicht die besten Künstler am Werk waren. Für ein provinzielles Werk des 12. Jh. sicher nicht außergewöhnlich.
 

Mausoleum der Galla Placidia

Ein kleiner kreuzförmiger Bau, der als späterer (im 2.Viertel des 5. Jh.) südlicher Anbau an den Narthex der früheren Kirche S. Croce errichtet worden sein soll. Die Kirche S. Croce ist nur teilweise erhalten, die Grundmauern des Ostbaus sind freigelegt und zu besichtigen. Sie ist die einzige angebliche frühchristliche Kirche mit einem Querhaus im Osten.

Die Kirche S. Croce soll als Hofkapelle durch Galla Placidia errichtet worden sein. Der kleine Anbau sollte ihr angeblich als Mausoleum dienen, wobei sicher ist, dass sie nie in diesem Bau bestattet wurde. Kann sie auch nicht: Die Lebenszeit der Galla Placidia gehört in das 2. Jh. Ihre übliche Datierung 392-450 ist byzantinisch und entspricht den antiken Jahren 108-166. „Galla Placidia starb 450 in Rom, wo sie fast mit Gewissheit im Mausoleum der theodosianischen Familie in S. Peter im Vatikan bestattet ist.“ [SALERA-Führer,86] Bei dem kleinen Bau denke ich eher an eine kleine Kapelle zur Verehrung des Märtyrers Laurentius.

Das Kuppelmosaik des so genannten Mausoleum mit lateinischen Kreuz und den Evangelistensymbolen, die Mosaiken des Kuppeltambour mit acht Aposteln. Die Lünettenmosaiken: In der südlichen Lünette der hl. Laurentius mit dem Feuerrost als Hinweis auf sein Martyrium,  in der nördlichen Lünette über dem Eingang der jugendliche Christus als guter Hirte mit dem Kreuzzepter inmitten einer Schafherde. Die Mosaiken in den Lünetten, insbesondere das der nördlichen Lünette mit Christus als guten Hirten, wirken ikonographisch älter.

Der kleine kreuzförmige Anbau des „Mausoleums der Galla Placidia“ gleicht auffällig ähnlichen Anbauten an das Lateransbaptisterium S. Giovanni in Fonte in Rom. Dort sind an den Bau des Baptisteriums im Nordosten und Südwesten kleine kreuzförmige Kapellen angebaut, die einmal S. Giovanni Evangelista und zum anderen S. Giovanni Battista gewidmet sind. Da ich das Lateranbaptisterium als auch die Laterankirche als Bauten des 11. Jh. sehe, möchte ich auch für das so genannte Mausoleum der Galla Placidia und die nicht mehr bestehende Kirche S. Croce frühestens das 11. Jh. als Bauzeit veranschlagen. Sieht man die Datierung "2. Viertel 5. Jh." als antik an, ergibt die Korrektur das 2. Viertel des 12. Jh.

Meines Erachtens sprechen auch die ikonographisch älter wirkenden Mosaiken im „Mausoleum der Galla Placidia“ nicht gegen die späte Datierung. Bildliche Darstellungen mit Christus als guten Hirten verweisen nicht zwingend in eine frühere Zeit. Solche ältere Bildthemen sind logischerweise noch längere Zeit parallel zu den neueren Bildthemen zu finden.
 

Erzbischöfliche Kapelle

Die Erzbischöfliche Kapelle ist eine kleine kreuzförmige Kapelle mit Apsis nach Norden und Narthex im Süden. Sie ist dem hl. Andreas geweiht. Sie soll die Privatkapelle der Bischöfe gewesen und zur Zeit Theoderichs errichtet worden sein. Die Apsis wurde zu Beginn des 20. Jh. erneuert. Die angebliche Erbauung unter Theoderich ist nicht aufrecht zu erhalten. In welchem baulichen Zusammenhang befand sich die kleine Kapelle? Sie liegt unmittelbar östlich der Südostecke des heutigen Doms, also unmittelbar östlich der angeblichen Basilika Ursiana. Das ursprüngliche Bodenniveau des Vorgängerbaus des Doms aus der 1. Hälfte des 12. Jh. lag mehr als 2 m tiefer. Die Basilika Ursiana ist legendär und hat es nicht gegeben. Der vermeintliche Vorgängerbau des Doms aus dem 12. Jh. ist der erste Dombau. Für die erzbischöfliche Kapelle ist von einer Anhebung des Fußbodens nirgendwo Rede. Sie befindet sich etwa auf dem Niveau des heutigen Domes. Lag sie ursprünglich ca. 3 m oberhalb des Fußbodenniveaus des Neubaus des 12. Jh.? Kaum, denn sonst müssten unter ihr entsprechende Substruktionen vorhanden sein. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zur Kirche ist eine Gründung ohne solche nicht möglich. Oder ist die Kapelle erst im 18. Jh. mit dem Neubau des Doms errichtet worden? Die Bemerkung von BENDAZZI/RICCI [181], dass das Mosaik in einem ausgezeichneten Erhaltungszustand sei und das ganze Werk zweifellos von einem hervorragenden Künstler stammt, stützt vielleicht letzte Vermutung.
 

Sant'Apollinare Nuovo

Sant'Apollinare Nuovo soll nach der Überlieferung eine Stiftung Theoderichs sein und 561 katholisiert worden sein. Eine Inschrift innen an der Westwand, die ursprünglich in der Apsis des 6. Jh. angebracht gewesen sein soll, benennt Theoderich als Erbauer. Das Patrozinium des hl. Apollinaris trägt die Kirche angeblich erst seit der Reliquienüberführung in der 2. H. des 9. Jh. Der Gründungsbau soll Christus, dem Erlöser, und nach der Rückeroberung durch Justinian dem hl. Martin geweiht gewesen sein. Der Zusatz "Nuovo" im Namen soll sich nicht auf Sant'Apollinare in Classe beziehen, sondern auf eine kleine alte Kirche Sant'Apollinare in Veclo.

Der Campanile soll dem beginnenden 11. Jh. angehören. Im 1. Weltkrieg wurde der Portikus durch eine Bombe zerstört. 1955 wurden nach dem Einsturz des Mittelschiffs beträchtliche Konsolidierungsarbeiten durchgeführt [BUSTACCHINI, 105].

                                 

                          

                           Ravenna, Sant’Apollinare Nuovo, Grundriss aus [BENDAZZI/RICCI, 122]

 

                              

                           

                            Ravenna, Sant’Apollinare in Classe, Grundriss aus [BENDAZZI/RICCI, 209]

 

 

                           

                            Ravenna, San Giovanni Evangelista, Grundriss [BENDAZZI/RICCI, 120]

 

Auch hier wurde der Fußboden im 16. Jh. (1514 bis 1520) höher gelegt, und zwar um 1,20 m. Dabei sollen aus der über den Arkaden befindlichen Mauerzone neue Arkaden herausgearbeitet worden sein. Dies ging zu Lasten der direkt unter dem Mosaikfries befindlichen Mauerzone, die angeblich ebenfalls mit vergoldetem Schmuck oder auch Mosaiken geschmückt war [BENDAZZI/RICCI, 135]. Eine solche Verfahrensweise wird auch für San Michele in Affricisco beschrieben [EFFENBERGER, 25]. Diese Arbeiten sollen zu dem späteren Einsturz des Mittelschiffs beigetragen haben [BUSTACCHINI, 105].

Für mich scheint die überlieferte Geschichte der Kirche konstruiert. Die o. a. Inschrift ist sicher kein ausreichender Beleg für die Gründung zur Zeit Theoderichs. Lässt man Theoderich weg und nimmt das Datum der Katholisierung 561 (= 979) als Gründungsdatum und als byzantinische Datierung, so bewegen wir uns Ende des 10. Jh.; das wäre auf jeden Fall im Bereich des Möglichen. Damit ergäbe sich eine Bauzeit bis in das 11. Jh. u. Z. Ich halte jedoch die Annahme, dass das Datum 561 antik ist, für die wahrscheinlichere. Damit ergibt sich das Jahr 1263 als Gründungsdatum. Wenn man die z. T. ziemlich späten "frühchristlichen" Kirchen in Rom sieht (siehe oben), erscheint diese Annahme keineswegs unbrauchbar. Den Namen S. Apollinare Nuovo soll der Kirchenbau im Zusammenhang mit der Überführung der Reliquien von St. Apollinaris im Jahr 856 erhalten haben, die dadurch vor den Streifzügen der slawischen Piraten in Sicherheit gebracht werden sollten [BUSTACCHINI, 104]. Die Datierung 856 kann eigentlich nur byzantinisch sein und deutet damit auf das Jahr 1274, welches wiederum zu dem von mir favorisierten Gründungsdatum passt. Nach einer Untersuchung durch Papst Alexander III. im Jahr 1173 ruhten die Gebeine des Hl. Apollinaris noch in Classe, weshalb BENDAZZI/RICCI annehmen, dass die Überführung nie stattgefunden hat. Bei meiner Neudatierung wäre dieses Rätsel gelöst; San Apollinare in Classe behielt diese natürlich bis 1274.
Die vehemente Behauptung, dass sich "Nuovo" nicht auf Sant'Apollinare in Classe bezieht, verweist m. E. gerade darauf. Sant'Apollinare in Classe lag außerhalb der Stadtmauern Ravennas. In der 1. Hälfte des 13. Jh., in das ich den Bau von Sant'Apollinare verorte, hatte sicher der Hafen von Classe seine Bedeutung verloren. Ostrom war von der Apeninnenhalbinsel weitestgehend verdrängt. Diese Entfernung zur Stadt Ravenna brachte sicher infrastrukturelle Probleme mit sich. Die Pilgerscharen brauchten Unterkunft, Verpflegung etc., was außerhalb der Stadt schwierig zu bewerkstelligen war. Auch sollten die Einnahmen aus dem Zustrom der Pilger ausschließlich der Stadt zugute kommen. Möglicherweise war dieser abseitige Standort auch Piratenangriffen besonders ausgesetzt. Man verbrachte die Reliquien des hl. Apollinaris hinter die Stadtmauern von Ravenna und erbaute eine neue Kirche zur Aufbewahrung und Präsentation der Reliquien. Die neue Kirche hatte dieselbe Grundrisslösung, 3 Schiffe, 12 Säulenpaare im Mittelschiff, polygonale Apsis und Ringkrypta ähnlich Sant'Apollinare in Classe. Zur Krypta schreiben BENDAZZI/RICCI: "Sie hat die Form eines halben Ringes und ähnelt folglich der von Sant'Apollinare in Classe, ist aber wohl etwas jünger als diese, hat ein Tonnengewölbe und besaß einen Mittelgang, der vielleicht nicht in die Kirche führte, sondern von ihr getrennt war durch ein Fenster." [136] Die Verlegung der Reliquien in die Stadt und damit der Kirchenbau kann nicht allzu lange Zeit nach der Innutzungnahme von Sant'Apollinare in Classe erfolgt sein. Die Wahl derselben Grundrisslösung und die Ringkrypta sind Beleg dafür. Die Verlegung im Jahr 1274 erachte ich für durchaus glaubhaft. Der Campanile wird auch im 13. Jh. errichtet worden sein. Die Campanile in Ravenna sind m. E. durchweg viel zu früh datiert.

BENDAZZI/RICCI datieren die Mosaiken mit dem Zug der 22 Jungfrauen und den hl. Drei Königen und diejenigen der 26 Märtyrer in justinianische Zeit. Sie hielten folgende Erklärung für erforderlich: "...während sich die Mosaikkünstler der Zeit Justinians nach den Gesetzen einer neuen Kunstvorstellung ausdrückten, die wir byzantinisch nennen, die die Tendenz hat, die menschliche Figur zu stilisieren, sie zu entmaterialisieren und also gleichsam zu vergeistigen, indem die Künstler sie in eine unwirkliche goldene Atmosphäre tauchen, wodurch sich diese Kunst der musikalischen Abstraktion nähert, nämlich durch ihren ständig wiederholten Rhythmus und durch regelmäßige Intervalle." [BENDAZZI/RICCI, 130] Die Beschreibung ist vom Grundsatz her zutreffend, jedoch noch nicht für die Zeit Justinians, sondern um einiges später. Für das 13. Jh. kann dem voll zugestimmt werden. Die byzantinische Darstellung der thronenden Maria mit dem frontal auf ihren Knien sitzenden Kind gehört für mich der Romanik an. Die Mosaiken am westlichen Ende des Jungfrauenzuges als auch des Märtyrerzuges sind für mich ikonographisch unverständlich. Wieso kommt der Jungfrauenzug aus Classe, wieso der Märtyrerzug aus dem Palast des Theoderich, wie BENDAZZI/RICCI die Stadtdarstellungen interpretieren [131f]? Sind diese Mosaiken vielleicht spätere Zutaten? An den Stadtdarstellungen scheinen auch die größten nachträglichen Änderungen vorgenommen worden sein. Nach traditioneller Erklärung wurden hier "arianische" Darstellungen bzw. Personen, die für den "Arianismus" stehen in justinianischer Zeit entfernt. Es könnten aber auch während einer späteren Restaurierung, z. B. im 19. Jh. Personen entfernt worden sein, die der Bauzeit im 13. Jh. entstammten und der Legende der Gründung durch Theoderich entgegenstanden. Beispiele solcher "Korrekturen" sind nicht so selten. Merkwürdig ist, dass die "Korrekturen" in der Stadtmauer von Classe nicht mit Mosiksteinen aus Glas, sondern mit Marmor erfolgt sind [BUSTACCHINI, 118]. Zu justinianischer Zeit dürfte eine solche Verfahrensweise undenkbar sein. Die vielleicht noch spätantik wirkenden Mosaiken mit der Lebensgeschichte Jesu sind für mich auch im 13. Jh. vorstellbar. Wir müssen bedenken, dass die Mosaikkunst in Ravenna auf eine lange Tradition zurückblickt und sogar noch 1916 hervorragende Mosaizisten aus Ravenna bei der notwendig gewordenen Ergänzung der 1916 zerstörten Mosaiken tätig waren.

Ich denke, dass die Kunstgeschichte ein generelles Problem mit der zeitlichen Einordnung der Mosaikkunst in Italien hat. Für sie ist die ehemals hohe antike Kunstfertigkeit in den „dunklen Jahrhunderten“ verloren gegangen. Dadurch werden von ihr qualitativ hochwertige Mosaiken i. d. R. in antike Zeit datiert. Nach der HEINSOHN-These schließt das 10. Jh. unmittelbar an die Antike an. Von der Kunstgeschichte ist die Einschätzung des 10. bis 14. Jh. diesbezüglich sicher neu zu überdenken.
 

Baptisterium der Arianer

Angeblich auch eine Gründung Theoderichs von Ende 5.Jh./Anfang 6. Jh. Die Katholisierung soll 556 durch kaiserliches Edikt erfolgt sein. Ursprünglich war das Bauwerk von einem gewölbten Wandelgang umgeben, der in Resten noch erkennbar ist. Das Kuppelmosaik zeigt im Zentrum die Taufe Christi und darunter eine Apostelprozession. Der ursprüngliche Fußboden lag 2,3 m unter Straßenniveau. Abgesehen davon, dass unter Theoderich nach meiner Meinung kein Kirchenbau und auch kein Baptisterium errichtet wurden, stellt sich für mich auch hier die Frage, wieso die Katholisierung erst 16 Jahre nach der Wiedereinnahme durch Ostrom erfolgt sein soll. Bei dem Mosaik sind zwei verschiedene Künstler (zeitgleich?) am Werk gewesen. Die Apostel tragen hier zum allerersten Mal in der Kunstgeschichte einen Heiligenschein. Ein Indiz für die zu frühe Einordnung? Im Übrigen erinnert der Grundriss an San Vitale in Kleinformat. Der erhaltene Kernbau ist auch ein Oktogon, aus dem die Apsiden oder Nischen herausragen. Vielleicht waren die Wände zum umgebenden achteckigem Umgang früher geöffnet? Ist dieser Bau eventuell von San Vitale inspiriert und damit zeitlich nach San Vitale einzuordnen? Das Ende des antiken 5. Jh. verweist auf das Ende des 12. Jh. Das antike Jahr der Katholisierung 556 wäre dementsprechend 1258.
 

Spirito Santo

Sie soll die "alte Kathedrale des arianischen Kultus" gewesen sein und von Theoderich Anfang des 6. Jh. gegründet worden sein [BUSTACCHINI, 105]. Dreischiffige Säulenbasilika mit 14 Säulenpaaren. Vom Ursprungsbau sei wenig erhalten. Die Kapitelle und Kämpfer sollen noch aus der Zeit Theoderichs sein. Mit diesen wenigen Angaben ist eine zeitliche Einordnung kaum möglich. Ich sehe auch keinen Ansatz für eine Datierung in vorjustinianische Zeit. Die m. E. antike Datierung Anfang 6. Jh. verweist auf eine Gründung Anfang 13. Jh.
 

San Vitale

Dieser Kirchenbau fällt unter allen ravennatischen Kirchenbauten aus dem Rahmen. Er ist - abgesehen von den beiden Baptisterien der Arianer und der Orthodoxen - der einzige Zentralbau. Der Baubeginn von San Vitale soll 526/527 unter Bischof Ecclesius erfolgt sein, der die Idee des Zentralbaus von seinem Aufenthalt in Konstantinopel mitgebracht haben soll. Als bauliches Vorbild für San Vitale gilt allgemein die noch heute erhaltene Kirche Sergios und Bakchos in Konstantinopel. Diese soll unmittelbar nach der Thronbesteigung Justinians im Jahr 527 begonnen worden sein. Angenommen, der Baubeginn im Jahr 527 (= 945) von Sergios und Bakchos ist zutreffend, so ist es äußerst unwahrscheinlich, dass der Bau in Ravenna zur selben Zeit begonnen wurde. Ravenna war zu dieser Zeit noch ostgotisch. Erst 540 (= 958) oder sogar erst 552    (= 970) konnte Ostrom die Herrschaft in Ravenna erringen. Wenn man bei einem Baubeginn 526/527 für San Vitale bleiben möchte, müsste ein anderer, bis heute unbekannter Kirchenbau das Vorbild für San Vitale gewesen sein, was ich ausschließen möchte.

Auf jeden Fall ist der Baubeginn von San Vitale nach der justinianischen Rückeroberung einzuordnen, also nach 540 (= 958). Schon EFFENBERGER sieht den Baubeginn erst 540, seine Weihe dann 547 [246].

Ich halte San Vitale für den frühesten Kirchenbau Ravennas, vermutlich sogar ganz Italiens. Die Bauform ist offensichtlich ein Import aus Konstantinopel. Die Zentralbaulösung - Oktogon oder Rundbau mit Umgang - gilt eigentlich immer als Nachbildung der Anastasis über dem Grab von Jesus, ist aber grundsätzlich erst einmal die Bauform eines Memorialbaus. Nach meiner Auffassung ist hier in Ravenna im 10. Jh. ein Memorialbau für Justinian errichtet worden, wofür die auf Justinian fokussierte Mosaikausstattung spricht. In dieser Eigenschaft als Memorialbau wurde San Vitale im 11. Jh. wiederum zum Vorbildbau für die so genannte Pfalzkapelle in Aachen, dort als Memorialbau für Karl den Großen.

 

Ravenna, S. Vitale. Grundriss aus [EFFENBERGER, 245]

 

Ich gehe davon aus, dass dieser Bau ursprünglich noch nicht das Patrozinium des Hl. Vitalis besaß. Meines Wissens taucht der Hl. Vitalis im Bildschmuck der Kirche nur ein einziges Mal auf; in der Kalotte der Hauptapsis. Auffällig ist, dass das Mosaik der Hauptapsis stilistisch von den anderen Mosaiken des Prebyteriums stark abweicht. Die offizielle Begründung hierfür ist, dass ein Künstler mit byzantinischem Einfluss zu Werke war, während die Mosaiken des Presbyteriums eindeutig der römisch-hellenistischen Tradition entstammen. Das Apsismosaik wird darüber hinaus bezüglich der "idyllischen Atmosphäre" mit den Mosaiken von Sant'Apollinare in Classe verglichen [BUSTACCHINI, 50]. Ich gehe davon aus, dass ein ursprüngliches Apsismosaik - welches wir nicht kennen - durch dieses ersetzt wurde. Diese Aktion sehe  ich im Zusammenhang mit der späteren Umwandlung des Baus in eine dem hl. Vitalis geweihte Kirche.
 

Sant'Apollinare in Classe

Die Weihe soll im Jahr 549 stattgefunden haben. Die Krypta soll aus dem 9. Jh., der Campanile aus dem 10 Jh. stammen. Die Jahresangabe für die Weihe 549 könnte byzantinisch sein, was dem Jahr 967 u. Z. entspräche, oder aber antik sein, was dem Jahr 1251 entspräche. Als Weihedatum ist m. E. 967 deutlich zu früh, da Ravenna erst 958 u. Z. wieder zu Ostrom gehört. Also bleibt nur noch das Weihedatum 1251. Die Datierungen der Krypta und des Campanile sind keine wirklichen Datierungen. Sie orientieren sich an der angeblichen Bauzeit ab dem 6. Jh. Krypta und Campanile dürften dem Gründungsbau zuzuordnen sein, welcher 1251 geweiht wurde.
Die Kirche ist als Memorialbasilika "neben einem christlichen Friedhof" [BUSTACCHINI, 139] errichtet worden. Die halbringförmige Krypta mit einem mittigen, längs verlaufenden Gang, der ursprünglich angeblich in das Mittelschiff führte, soll nachträglich eingefügt worden sein. Wenn die Rekonstruktionen richtig sind, haben wir hier eine ziemlich reine Ringkrypta mit Grabstollen, Confessio und Fenestella vor uns. M. E. gab es ursprünglich keinen Durchgang zum Mittelschiff. Möglicherweise befand sich in der Wand zwischen Gang und Mittelschiff die Fenestella, durch die die Gläubigen vom Mittelschiff aus das Heiligengrab einsehen und ihre Devotionalien in die Confessio reichen konnten. Die früheste dieser Anlagen kennen wir aus Alt-St. Peter in Rom, welche im 1. Viertel des 11. Jh. errichtet wurde. Rom kennt aber auch deutlich spätere Ringkryptenanlagen. Da eine Memorialbasilika ohne Heiligengrab eigentlich keinen Sinn macht, dürfte die Kryptenanlage - wie oben bereits erwähnt - zum Ursprungsbau gehören und ist nicht nachträglich eingefügt worden.
Wenn man sich den Mosaikschmuck betrachtet, so spricht gegen eine Datierung in das 13. Jh. wenig. Außer den Mosaiken in der Apsiskalotte mit der Verklärung Christi am Berg Tabor, den vier Bischofsfiguren zwischen den Fenstern und den Bildnissen der Erzengel Gabriel und Michael sind sämtliche anderen Mosaiken bereits in der traditionellen Datierung Werke des 7., 9., 11. oder sogar 12. Jh. [BENDAZZI/RICCI, 209ff] Zum Mosaik der Apsiskalotte bemerkt BUSTACCHINI "Blumen so groß wie Bäume und riesige Schafe; Abstraktionen, die dem mittelalterlichen Kunstverständnis vorgreifen." [141] Ich meine, dass wir hier keinen Vorgriff auf das mittelalterliche Kunstverständnis vorliegen haben, sondern einfach ein mittelalterliches Kunstwerk betrachten. Im Übrigen sieht BUSTACCHINI nur in den Mosaiken zwischen den Fenstern eine Dekoration aus der Bauzeit Mitte des 6. Jh. [141]. Hier dürfte er irren. Aus der Bauzeit ja, aber aus dem 13. Jh.
 

Santa Maria Maggiore

Errichtung angeblich durch Bischof Ecclesius "um die Jahre 525-532“ [BENDAZZI/RICCI, 86]. Der Glockenturm soll dem 9.-10. Jh. angehören. Der Ursprungsbau soll eine dreischiffige Kirche mit Querhaus gewesen sein. In der Apsis befand sich ein Mosaik, das die Mutter Gottes darstellte [ebd. 86]. Die alte Apsis ist noch erhalten, "außerdem noch die zwölf Säulen aus griechischem Marmor und die dazugehörigen byzantinischen Kapitelle aus dem VI. Jhd." [ebd. 86f] in Wiederverwendung. Heutiger Bau von 1671. Eine Datierung des Gründungsbaus aufgrund der wenigen Angaben erscheint schwierig. Ausgesprochen exotisch das angeblich ursprünglich vorhandene Querhaus. Es wäre das einzige Querhaus einer ravennatischen Kirche. Falls diese Angabe zutrifft, wäre m. E. frühestens an eine romanische Entstehung zu denken, d. h. etwa im 12. Jh., was sicher nicht abwegig ist. Die Datierung "um 525-532" dürfte wieder antik sein, so dass sich die 1. Hälfte des 13. Jh. ergibt. Da die Glockentürme offensichtlich generell zu früh angesetzt sind, wäre auch von der Gleichzeitigkeit von Kirche und Glockenturm auszugehen.
 

San Francesco

Der Ursprungsbau soll von Bischof Neon nach 450 (= 1152) errichtet worden sein. Der heutige Bau geht auf einen angeblichen Wiederaufbau um 1000 zurück.  Der Grundriss gleicht auffällig den Kirchen San Giovanni Evangelista, Sant'Apollinare in Classe und Sant'Apollinare Nuovo, die ich alle dem 13. Jh. zuordne (siehe dort). Der Glockenturm steht wie bei S. Giovanni Evangelista über dem westlichen Joch des südlichen Seitenschiffs. Seine Errichtung wird in das 9. bis 11. Jh. datiert. "Vom ursprünglichen Bau ist so gut wie nichts erhalten,..." [BENDAZZI/RICCI, 101]  Der Fußboden des Ursprungsbaus lag angeblich 3,6 m tiefer. Darüber gibt es einen Fußboden, angeblich aus dem 11. Jh., der 1,7 m unter dem heutigen Fußboden lag. Das östliche Säulenpaar steht auf diesem Niveau, ebenso der Fußboden der dreischiffigen Hallenkrypta. Die heutige Fußbodenhöhe wurde Anfang des 16. Jh. hergestellt, wie bei den übrigen ravennatischen Kirchen. Wenn das östliche Säulenpaar auf der Ebene des Kryptafußbodens steht, dann war die Krypta im Bau des 13. Jh. nicht eingetieft, d. h. sie hat in voller Höhe herausgeragt, womit der Chorfußboden sehr erhöht gewesen sein muss. Eine solche Lösung ist für das 13. Jh. denkbar. Möglicherweise ist sie wegen des hohen Grundwasserstands gewählt worden. Denkbar ist aber auch, dass der Bau des 13. Jh. gar keine Krypta hatte und diese erst bei Anhebung des Fußbodens im 16. Jh. zur Schaffung eines erhöhten Chores aus Spolien errichtet worden ist, wobei man den damals sicher noch zeitweiligen Grundwasserstand in der Krypta in Kauf genommen hat. Die zusammengestoppelten Stützen der Krypta könnten ein Indiz dafür sein. Vorstellbar ist, dass man im 16. Jh. einen alten Zustand für diesen Ort, an dem angeblich einst das Grabmal des Bischofs Neon stand und an dem im Mosaikfußboden eine diesbezügliche Inschrift sich noch heute befindet [ebd. 103], vortäuschen wollte. Das in 3,6 m Tiefe aufgefundene Fußbodenniveau gehört mit Sicherheit zu einer vorherigen an diesem Ort vorhandenen Bebauung, möglicherweise eine vorkatastrophische Bebauung, die in der Katastrophe um 940 zerstört wurde. Ein Beleg, dass das eine Kirche war, existiert m. E. außer in späteren Schriftquellen oder Inschriften nicht. Die angeblich ursprünglich vorhandenen, nicht erhaltenen Mosaiken mit Darstellungen von Petrus und Paulus könnten auf die römischen Märtyrerkirchen des 11. Jh. hinweisen.
 

Sant'Agata

Angeblich gegen Ende des 5. Jh. erbaut. Durch spätere Umbauten stark verändert. Dreischiffige Kirche mit zehn Säulenpaaren. Alle Kapitelle und Kämpfer ganz verschieden, z. B. Kompositkapitell, korinthisches Kapitell mit Akanthusblättern, korinthischen Leierkapitell, Kapitelle aus der Renaissance. Fußbodenerhöhung Ende des 15./Anfang des 16. Jh. [BENDAZZI/RICCI, 107] analog zu anderen ravennatischen Bauten. Erhalten vom Bau des 5. Jh. sollen der untere Teil der Apsis und Mauern des nördlichen Seitenschiffs sein, sowie Mosaikfragmente der Apsis, des Triumphbogens und des Fußbodens. Die Mosaiken sollen den thronenden Christus zwischen zwei Erzengeln dargestellt haben. Die dürftigen Reste erlauben keine zeitliche Einordnung. Der Grundriss und das Sammelsurium an Kapitellen und Kämpfern sprechen auf jeden Fall für eine nachkatastrophische Entstehung, als nämlich antike Bauteile, die als Spolien Verwendung finden konnten, in großer Zahl zur Verfügung standen. Die Datierung Ende  des 5. Jh., die durch eine Kämpferinschrift mit Hinweis auf Bischof Petrus II. (494-519) unterstützt wird, ist m. E. wieder antik, womit sich korrigiert eine Bauzeit Ende des 12. Jh. ergibt.
 

Dom

Angeblich die erste große katholische Kirche Ravennas, geweiht zu Beginn des 5. Jh. durch Bischof Ursus, deshalb auch Basilika Ursiana genannt. Sie soll eine fünfschiffige Basilika ohne Querhaus gewesen sein. "Im Laufe der Zeit machte sie so viele Restaurierungen und Veränderungen durch, dass sie ihren ursprünglichen Charakter fast verlor und den einer Basilika des 9.-10. Jhds. annahm." [BENDAZZI/RICCI, 189] 1733/34 wurde sie abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Vom Gründungsbau ist so gut wie nichts erhalten. Um 1000 sollen die Säulen erhöht und vielleicht auch die Außenwände erneuert worden sein [ebd. 189]. Die Krypta soll dem 10. Jh. entstammen; der Glockenturm aus dem 10.-11. Jh. An den Fenstern des Glockenturms ist erkennbar, dass das ursprüngliche Fußbodenniveau tiefer gelegen haben muss. Der ursprüngliche Fußboden lag mehr als zwei Meter unter dem heutigen [ebd. 190]. Von einem ursprünglich "grandiosen" Mosaikschmuck aus dem Jahr 1112 sind Fragmente erhalten.
Die Datierung Anfang des 5. Jh. ist antik und entspricht Anfang des 12. Jh. Das Mosaik von 1112 entstammt der Bauzeit; die Krypta mit Sicherheit ebenfalls. Die Fünfschiffigkeit wurde vielleicht von den römischen Kirchen des 11. Jh., der Laterankirche, Alt-St. Peter und Sankt Paul vor den Mauern übernommen. Die angebliche Anhebung des Fußbodens um 1000 gab es sicher nicht. Erst mit dem Neubau im 18. Jh. wurde das Fußbodenniveau angehoben, was bei den anderen ravennatischen Bauten schon im 16. Jh. erfolgt ist.
 

San Michele in Affricisco

Stiftung der Kirche im Jahr 545. Aufhebung der Kirche 1805. Wenige Reste der Kirche in der jüngeren Überbauung noch erhalten. Ursprünglich dreischiffige Pfeilerbasilika mit polygonaler Apsis. Das Apsismosaik befindet sich im Bodemuseum in Berlin. Erhöhung des Fußbodens um ca. 1,9 m - wie bei anderen ravennatischen Kirchen - im 15./Anfang 16. Jh. Das Datum der Stiftung ist antik und entspricht dem Jahr 1247.


Zusammenfassend ist in Ravenna nichts Frühchristliches zu finden. Die so genannten frühchristlichen Kirchen Ravennas sind - wie in Rom auch - die fehlenden Bauten des 11. bis 13. Jh. Jetzt schließt sich auch die Lücke von rund 500 Jahren in der Mosaikkunst zwischen den angeblich frühchristlichen Mosaiken z. B. in Rom, Thessaloniki, Ravenna und der Fortsetzung in Torcello, Venedig, wie sie von ILLIG und NIEMITZ in ihrem Artikel „Hat das dunkle Mittelalter nie existiert?“ [1991] festgestellt wurde. Da die Mosaiken generell zu früh datiert sind, ergibt sich nicht nur eine Lücke von 500 Jahren, sondern von ca. 700 Jahren; ziemlich exakt die Differenz zwischen der weströmischen Datierung und unserer heutigen Datierung.

 

Mailand

Neben Ravenna rühmt sich auch Mailand, Frühchristliches in seinen Mauern zu beherbergen. Mailand, in der zweiten Hälfte des 4. Jh. (353-402) zeitweilige kaiserliche Residenz, verweist auf einige angeblich frühchristliche Bauten aus dieser Zeit. Darüber hinaus führen verschiedene mailändische Kirchenbauten ihre Gründung auf den hl. Ambrosius (339-397) zurück. 539 wurde Mailand von den Ostgoten mit Unterstützung des Merowingers Theudebert, der den Ostgoten 10 000 Burgunder beistellte, zurückerobert. Angeblich zerstörten die Eroberer die Mauern, töteten die Männer und überließen die Frauen den Burgundern. [DEMANDT, 175] Nach Wikipedia sollen die Ostgoten Mailand sogar zerstört haben. Spätestens mit dem Ende der Gotenherrschaft 552 dürfte Mailand wieder oströmisch geworden sein. 569 fällt Mailand an die seit 568 in Italien eindringenden Langobarden. 572 erfolgt die Gründung eines Langobardenreichs, das offensichtlich nicht lange Bestand hatte. Als Hauptstadt wählten sie nicht Mailand, sondern das nur wenig entfernt gelegene Pavia. In der Folgezeit dürften die Langobarden aufgrund ihrer relativ geringen Anzahl (geschätzt werden 100 000 - 150 000) in der ansässigen Bevölkerung aufgegangen sein. Heute ist Mailand die Hauptstadt der Lombardei, deren Name an die Langobarden erinnert.

Bevor ich zu den Bauten komme, müssen die o. a. Datierung geklärt werden. Die Zeit der kaiserlichen Residenz ist der Geschichte des römischen Kaisertums entnommen, die in Byzanz aufgeschrieben wurde und byzantinisch datiert ist. Korrigiert in die antike Datierung ergibt sich für die kaiserliche Residenz der Zeitraum 69-118.
Bei den Lebensdaten des hl. Ambrosius bin ich mir unsicher, welche der beiden Datierungsmöglichkeiten zutrifft. Sind die traditionellen Lebensdaten byzantinisch, würden sie korrigiert den antiken Jahren 55-113 entsprechen. Die zweite Möglichkeit ist, dass diese antik datiert sind und damit 1041-1099 entsprächen. Im ersten Fall wären die die Gründungen durch den hl. Ambrosius nichts als fromme Legende; im zweiten Fall wären sie möglicherweise real, gehörten jedoch dem 11. Jh. an. Die Datierungen um die Gotenkriege und die Langobarden sind spätantik und gehören damit in das 10. Jh.

Einen Kirchenbau sehe ich in Mailand nicht vor der endgültigen byzantinischen Wiedereroberung 540/552 (= 958/970). Vermutlich haben die Langobarden die kirchliche Entwicklung nicht beeinträchtigt.

Nach EFFENBERGER [136] sind die frühchristlichen Kirchen in Mailand folgende:
 

Basilika des Simplicianus (San Simpliciano)

Angeblich eine Gründung des hl. Ambrosius. Der jetzige Bau ist romanisch. Portal und Glockenturm 12. Jh. Keine Anzeichen von Frühchristlichem.
 

Kirche der Apostel (San Nazaro)

Die kreuzförmige Kirche soll nach einem Brand im Jahr 1075 unter Verwendung der alten Substanz  wiederaufgebaut worden sein. 1571 wurde sie verändert, von 1946-1963 restauriert. Auch hier kein Beleg für Frühchristliches.
 

Bischofskirche der hl. Thekla mit Baptisterium

Fünfschiffige Basilika mit abgetrennten Presbyterium und Baptisterium östlich vor der Kirche an der Stelle des heutigen Doms, angeblich vom hl. Ambrosius erbaut. Das Baptisterium ist ein Oktogon mit acht Nischen, abwechselnd halbrund und rechteckig, so dass sich sowohl für die halbrunden als auch für die rechteckigen ein eingeschriebenes griechisches Kreuz ergibt. Die Orientierung des Baptisteriums stimmte nicht mit der der Kirche überein. Im 14. Jh. wurde die Kirche abgebrochen. Die unter dem heutigen Dom ergrabene fünfschiffige Kirche sehe ich in der Nachfolge der fünfschiffigen Märtyrerkirchen Alt-St. Peter und St. Paul in Rom. Als Bauzeit dürfte frühestens das 12. Jh. infrage kommen.
 

San Lorenzo Maggiore

Der bedeutendste angeblich frühchristliche Bau Mailands. Zentralbau mit ursprünglich im Westen vorgelagertem Atrium. An den Konchen außen Oktogone angefügt. Der oktogonale Tambour neuzeitlich verändert. Seitlich der flachen Konchen vier Ecktürme. Der Bau wurde auf einem künstlichen Hügel errichtet. Für den Bau wurde Material des nahen Kaiserpalastes und des römischen Amphitheaters zweitverwendet. Im 10. Jh. soll die Kuppel unter Beteiligung byzantinischer Baulaute erneuert worden sein. Im 11./12. Jh. haben angeblich mehrere Katastrophen dem Bau schwer zugesetzt, insbesondere der Brand von 1071 sowie mehrere Erdbeben. Die Kirche soll im 12./13. Jh. restauriert (einschl. Erneuerung der Pfeiler, die die Kuppel tragen) und nach einem Einsturz im 16. Jh. im Barockstil wiedererrichtet worden sein.[www.sacred- destinations.com/italy/milan-san-lorenzo-maggiore, 01.03.2009]. Nach Wikipedia [http://en.wikipedia.org/wiki/Basilica_of_San_Lorenzo_Milan, 01.03.2009] Eine jüngere Detailuntersuchung der Wände identifizierte fünf Bauphasen, von Theodosius I. bis zur frühen lombardischen Periode [http://en.wikipedia.org/wiki/Basilica_of_San_ Lorenzo_ Milan, 01.03.2009]. Das an der südlichen Konche angebaute Oktogon - ursprünglich angeblich ein Mausoleum - ist erhalten (Kapelle  Sant' Aquilino). In dem zugehörigen Narthex und in der Kapelle sind Reste eines Mosaikschmucks und Wandmalereien angeblich aus dem 4. Jh. erhalten. [EFFENBERGER, 136f] Das Mosaik im Narthex zeigt Christus als "Lawgiver" oder möglicherweise als Lehrer [http://en.wikipedia.org/wiki/Basilica_of_San_Lorenzo_Milan, 01.03.2009]. Ihm zur Rechten und Linken je sechs Apostel.

 

Mailand, S. Lorenzo Maggiore. Grundriss aus [EFFENBERGER, 138]

 

Der Grundriss von S. Lorenzo steht im frühen Kirchenbau des Westens weitgehend isoliert da. Nirgendwo sonst in Italien gibt es einen so gewaltiger Zentralbau. Das Vorbild für S. Lorenzo Maggiore sehe ich nur in Konstantinopel. Der Bau könnte eine reduzierte Hagia Sophia sein. Die englische Wikipedia sieht die Errichtung zwischen 390 und 402, wobei sie sich die Forscher betreffend der Funktion uneins sind. Während die einen in dem Bau eine imperiale Basilika sehen, denken die anderen an ein Mausoleum der Theodosianischen Dynastie. Nach der englischen Wikipedia ist das Patrozinium S. Lorenzo erst 590 (= 1008) bezeugt.

Mit der Funktion des Baus haben m. E. beide Lager unrecht. Die Datierung der frühesten Bauphase in die Zeit Theodosius I., der traditionell byzantinisch datiert ist und korrigiert den antiken Jahren 95-110 angehört, könnte darauf hinweisen, dass bei der Errichtung von San Lorenzo Teile eines antiken Baus Verwendung fanden, vielleicht der Thermen  von Kaiser Maximian, zu denen wahrscheinlich auch die so genannte "Colonne di San Lorenzo" gehörte. Der antike Bau dürfte in der Katastrophe weitgehend zerstört oder stark beschädigt worden sein. Für das 10. Jh. ist eine Rekonstruktion belegt, die unter Mitwirkung von byzantinischen Bauleuten stattgefunden haben soll. Damals soll die Kuppel erneuert worden sein. Diesen Wiederaufbau - jetzt als Kirchenbau - sehe ich in byzantinischer Zeit etwa ab 970. Später, d. h. im 11. Jh. erachte ich diese Bauform für kaum denkbar. Die römische Kirche, die sich im Westen im 11. Jh. gegen die oströmische Kirche durchsetzen konnte, hätte mit Sicherheit keinen Zentralbau errichtet.

Der Anbau der Kapelle Sant' Aquilino wird im 11. oder 12. Jh. erfolgt sein. Das Mosaik kann ohne Probleme dem 11./12. Jh. zugeordnet werden. Der Bau war sicher kein Mausoleum; möglicherweise ein Bau zur Verehrung des hl. Aquilin, der vor 1018 in Mailand verstorben sein soll, ähnlich dem Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna aus dem 11./2. Viertel des 12. Jh., dort für den hl. Laurentius.

Außer den von EFFENBERGER aufgeführten frühchristlichen Bauten behauptet Sant'Ambrogio, eine Gründung des hl. Ambrosius zu sein:
 

Sant'Ambrogio

Der Vorgängerbau der heutigen Kirche, ein dreischiffiger Bau, soll im 4. Jh. vom hl. Ambrosius gegründet worden sein. Sie steht über seinem vermeintlichen Grab. Der heutige Bau ist ein einheitlicher Bau des 12./13. Jh. Der Vorgängerbau wurde unter der heutigen Kirche ergraben. Die Datierung der Gründung im 4. Jh. ist vermutlich antik und verweist auf das 11. Jh. Das ist durchaus glaubhaft. Diesem Vorgängerbau folgte schon in relativ kurzer Zeit der heutige Bau. Ein ergänzender Hinweis in diese Richtung ist die vom Vorgängerbau erhaltene Krypta, die im späten 10. Jh. im Zuge einer "großen Renovierung der Ostteile der Basilika"  errichtet worden sein soll [http://www.sacred-destinations.com/italy/milan-basilica-sant-ambrogio].
Wenn der hl. Ambrosius in das 11. Jh. gesetzt wird (siehe oben), ist eine Gründung durch ihn im Bereich des Möglichen. Sollte der hl. Ambrosius in das 1./2. Jh. gehören, ist eine Kirchengründung in Mailand durch ihn nur fromme Legende.


Damit ist auch in Mailand nicht Frühchristliches zu vermelden.

 

Cimitile/Nola

Die Universität Münster untersucht als Forschungsschwerpunkt in Verbindung mit der Soprintendenza Archeologica und der Soprintendenza ai Monumenti (Neapel) sowie mit Unterstützung des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom das frühchristliche Pilgerheiligtum in Cimitile/Nola, „das neben den Apostelheiligtümern in Rom das bedeutendste Pilgerzentrum der italischen Halbinsel in der Spätantike war.“ [www.uni-muenster.de/Archaeologie/forschung/cimitile.html, 15.01.2009]

 

 Grundriss aus [LEHMANN, Falttafel 2]

 

Nola - heute der Ort Cimitile - liegt nordöstlich von Neapel unweit des Vesuv. Der heutige Gebäudekomplex umfasst verschiedene Sakralbauten, die nach der traditionellen Forschung der Zeit vom 3. bis 14. Jh. zugeordnet werden. Das sind nach [http://digilander.libero.it/centrostudicimitile/sezioni/basiliche.htm_15.01.2009]:

1. Basilica di S. Tommaso (6./7. Jh.)

2. Cappella dei Ss. Martiri (3. Jh./E.9./A.10.Jh)

3. Basilica di S. Felice (4. Jh.)

4. Cappella di S. Calionio (5.Jh.)

5. Capella di S. Maria degli Angeli (14.Jh.)

6. Basilica nova, poi S. Giovanni (401-403)

7. Basilica di S. Stefano (6. Jh.)

Nach der Literatur haben wir in Nola ein frühchristliches Pilgerheiligtum - z. T. nur als Ruine erhalten - vor uns. Der Aktivität der Uni Münster verdanken wir eine umfängliche Veröffentlichung von LEHMANN, die aus meiner Sicht insbesondere wegen der ausführlichen Beschreibung der doch recht unübersichtlichen überlieferten Bausubstanz zu schätzen ist.

Neben der Beschreibung der Bauten bzw. Baureste versucht LEHMANN die verschiedenen Bauten zeitlich einzuordnen und versucht sich an einer Rekonstruktion der Basilica Nova unter Zuhilfenahme der überlieferten "umfangreiche(n) Beschreibungen des römischen Exkonsuls und Bischofs von Nola Paulinus"  [www.uni-münster.de/Archaeologie/forschung/cimitile.html_15.01.2009].

Die Entwicklung des Komplexes sieht LEHMANN wie folgt:

Über dem Grab des Hl. Felix (Nekropole aus dem Anfang 4. Jh.) wird zwischen 335 und 340 eine einschiffige Halle mit Apsis im Norden (sog. Aula) errichtet.

Östlich der Aula wird nach 335/340 die Basilica Vetus errichtet, die von Paulinus Nolanus angeblich um 400 renoviert wurde (Diese Ende 18. Jh. überbaut.).

Nördlich der Aula wird die Basilica Nova errichtet (Anfang 5. Jh.).

Bau der Kirche S. Tommaso. Ende 6./Anfang 7. Jh.

Bau von S. Stefano zeitlich nach Basilica Nova

 

Der von LEHMANN vorgetragenen Entwicklung des Komplexes einschließlich der Datierung der Bauten kann ich nicht folgen. Offensichtlich stand für LEHMANN das Ergebnis im Voraus fest. Dieses Pilgerzentrum musste eine spätantike Anlage sein. Die Datierung der Bauten gewinnt LEHMANN auf folgende Art: Bei den Ausgrabungen wurde eine Asche- und Schwemmlandschicht gefunden, die möglicherweise von einem Vulkanausbruch des Vesuv herrührt und die die Zerstörung des Komplexes hervorgerufen hat. (Soweit kann ich dem noch folgen.) Die Ausgrabungen haben ergeben, dass die Basilica Nova als auch S. Stefano vor der Katastrophe errichtet wurden, während z. B. S. Tommaso in die Schwemmlandschicht hineingebaut wurde. Auch die Westapsis der Basilica Vetus wurde nach der Katastrophe errichtet. Die Schwemmlandschicht wurde jedoch nicht überall angetroffen, was aber auch auf frühere wenig fachgerechte Ausgrabungen zurückgeführt werden könnte, wo diese nicht dokumentiert wurden. Nun musste LEHMANN nur noch das Datum der Katastrophe finden. Das fand er natürlich. In der Schwemmlandschicht wurde ein Teller gefunden, der "drei Tauben angeordnet um ein lateinisches Kreuz" zeigt [LEHMANN, 55]. Damit ordnet er die Schwemmlandschicht der Zeit um 500 zu und verbindet die Katastrophe mit zwei Schriftquellen: "Zum einen mit einem Eintrag in der Chronik 'Paschale Campanum' unter dem 9. November 505 (Mons Besubius eructavit) und zum anderen mit einem Brief des Theoderich aus den Jahren 507-512, worin es um Steuererleichterungen für das Nolanum territorium geht, da dieses vor kurzem von einem gewaltigen Vesuvausbruch und dadurch ausgelösten massiven Überschwemmungen schwer getroffen wurde." [LEHMANN, 55f]  

Ich versuche über die Korrektur der Datierungen eine aus meiner Sicht glaubhaftere Rekonstruktion.  

Die antike Nekropole mit z. T. zweistöckigen Sepulkralbauten überwiegend ab Ende des 2./Anfang des 3. Jh. Diese Datierung wurde vorwiegend nach zwei aufgefundenen Sarkophagen aus dem 1. Drittel des 3. Jh. gewonnen. Ein Mausoleum mit drei Arkosolgräbern mit frühchristlichen Malereien aus der 2. Hälfte 3. Jh. Ein weiteres Mausoleum von 303/305 mit u. a. dem vermeintlichen Bodengrab des Confessor Felix aus dem letzten Viertel des 3. Jh. Die Nekropole erstreckte sich über ein größeres Areal und bestand in dem uns interessierenden Bereich eben aus z. T. zweistöckigen Grabbauten und Mausoleen, angeordnet um einen kleinen Platz. Die vorgenannten Datierungen sind m. E. alle byzantinisch und entsprechen dem -1. Jh. bis zum 1. Jh. weströmisch, d. h. die Nekropole bestand bereits im 1. Jh. vor der Zeitenwende und wurde im 1. Jh. noch genutzt.
An der Nordseite dieses kleinen Platzes stand - mit der Fassade zu diesem Platz ausgerichtet - ein relativ großer dreischiffiger Bau, angefüllt mit Gräbern des 6. und 7. Jh. in zwei Schichten übereinander [LEHMANN, 69f]. Dieser relativ große dreischiffige Bau ist die so genannte Basilica Nova. Der Zeitpunkt der Errichtung ist unbekannt. Sie soll vor der Katastrophe von 505 bestanden haben. Ich halte diesen Bau für eine spätantike Zömeterialbasilika und keine Kirche.

Die Katastrophe, die LEHMANN im (byzantinischen) Jahr 505 (= 923) annimmt, dürfte die Katastrophe um 940 gewesen sein. Seit der Katastrophe ist das antike Laufniveau "durch eine ca. 30 cm hohe Schicht von vulkanischen Aschen und Lapilli und darüberliegender gut 1 m hohen Schwemmlandschicht versiegelt...." [LEHMANN, 55] LEHMANN sieht in der Höhenquote der Schwemmlandschicht das Kriterium für die vor- bzw. nachkatastrophische Errichtung der Gebäude und Baumaßnahmen. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so einfach zu handhaben ist. So könnte bei späteren Baumaßnahmen eine zumindest teilweise Geländeregulierung erfolgt sein. Die Entfernung von ca. 1,3 m Schwemmlandschicht auf einer begrenzten Fläche war sicher kein exorbitantes Problem.
Die Zerstörung der Basilica Nova bringt LEHMANN mit einem Brand und Einsturz im 10. Jh. in Zusammenhang, was durchaus zu dem Katastrophenszenario um 940 passt. Trotzdem soll die Basilica Nova im 6. Jh./7. Jh. (= 10./11. Jh.) noch in Benutzung gewesen sein, was durch die Anlage von Gräbern im späteren 6. Jh. belegt sei [LEHMANN, 71]. Wurde der Bau nach der Katastrophe trotz Zerstörung noch genutzt oder gehören die Bestattungen in eine frühere Zeit? Der westliche Apsisnebenraum befand sich zu dieser Zeit angeblich nicht mehr in Nutzung. Die Schwemmlandschicht in diesem Raum wurde erst bei den Grabungen 1995-1999 beseitigt [ebd. 113]. Auch aus dem östlichen Seitenschiff (im Süden) wurden die Eruptions- und Schwemmlandschichten nicht mehr entfernt [ebd. 78]. Merkwürdig erscheint schon, dass trotz der Nutzung die Schwemmlandschichten im Gebäude nicht entfernt wurden.

Über dem angeblichen Felixgrab wurde eine einschiffige Halle mit Apsis im Norden (Aula absidata) errichtet. Das Apsisfundament wird durch eine Bronzemünze (335/337) in die Jahre 335-340 datiert. Die Datierung dürfte antik sein und entspricht 1037-1042.
Man brach einige störende kleinere Grabbauten ab und baute über dem angeblichen oder vielleicht sogar realen Felixgrab einen kleinen Saalbau mit einer weiten Apsis im Norden, die von LEHMANN bekannte Aula über dem Felixgrab. Die Nord-Süd-Ausrichtung des Baus war durch die vorhandene Bebauung um den kleinen Platz prinzipiell vorgegeben.  Dieser kleine Bau wurde südlich in relativ geringen Abstand vor die Fassade der Zömeterialbasilika gesetzt. Im Zusammenhang mit der Errichtung oder Erweiterung der Basilica Vetus wurde die Apsis abgebrochen.  Die Niederlegung der Apsis berichtet Paulinus Nolanus in den Jahren 401/402. Diese Datierung ist ebenfalls antik und entspricht 1103. Paulinus von Nola lebte 354-431 und ist antik datiert, d. h. er lebte tatsächlich 1056-1133. Paulinus von Nola begegnet uns auch in Rom, nämlich bezeugt er eine Armenspeisung an Alt-St. Peter für das Jahr 396 [BRANDENBURG, 94]. Wie oben ausgeführt, wurde Alt-St. Peter erst im 11. Jh. erbaut.

Im 3. Viertel des 4. Jh. erfolgte Neubau einer ost-west-orientierten, breit gelagerten, dreischiffigen Basilika mit kleiner Apsis im Osten, der von LEHMANN beschriebenen Basilica Vetus, von Paulinus um 400 angeblich renoviert. Von diesem Bau sind nur spärliche Reste übrig. Er wurde im Osten von der Pfarrkirche des 18. Jh. überbaut. Vor der angeblichen Renovierung des Paulinus hatte die Basilica Vetus keine Säulen, sondern Pilaster (gemeint sind sicher Pfeiler) [LEHMANN, 48]. Ausgehend von der Annahme, dass die vorgenannten Datierungen weströmisch antik sind, ergeben sich als Baudaten für die Errichtung das 3. Viertel das 11. Jh. und die Renovierung um 1100. Es ist denkbar, dass dieser Bau ursprünglich als dreischiffige Pfeilerbasilika erbaut wurde. Bei dem späteren Umbau erhielt sie statt der Pfeiler Säulen. Das Verhältnis von Mittelschiffsbreite zur Breite der Seitenschiffe beträgt ziemlich exakt 2:1. Das erinnert sehr an das gebundene System der Romanik [ebd. 47]. Die Malereien an der Außenseite der Ostapsis, die eine Marmorinkrustation imitieren, sind m. E. romanisch.
Westlich des so genannten Felixgrabs, in der Achse der Basilica Vetus, wurde um 510 (= um 1210) eine zweite, wesentlich größere Westapsis errichtet. Möglicherweise war ein großer Neubau geplant, der das Heiligengrab mit einschließen sollte, der jedoch nie zur Vollendung kam. Mit dem Bau der Westapsis entstand eine doppelchörige Anlage. Der Westchor könnte der Verehrung des örtlichen Heiligen Felix zugedacht gewesen sein.
Wie oben erwähnt, wurde der möglicherweise geplante Neubau nicht mehr komplett ausgeführt. Denkbar wäre, dass die Bauarbeiten wegen Geldmangels steckengeblieben sind. Vielleicht war die Anziehungskraft des Felix doch nicht so groß wie behauptet. Anders kann ich mir den langsamen Verfall der Anlage (auch des Areals der Basilica Nova) nicht erklären.

Dem einstigen Zömeterialbau, der Basilika Nova, wurde im Norden eine Apsis angefügt, später auch noch Apsisnebenräume. Der Bau wurde damit umfunktioniert zur christlichen Kirche. Im 2. Drittel des 5. Jh. soll der östliche Apsisnebenraum abgebrochen und ein Oktogon (Baptisterium?) errichtet worden sein. "Das im Norden aus dem Langhaus hervorspringende Sanktuarium ist der am besten erhaltene Baukörper der Basilica Nova." [LEHMANN, 90]. "In der Architektur der Antike ist mir eine parallele Konstruktion nicht bekannt." [ebd. 94] Im Übrigen ist die Apsis vom Langhaus als auch von den Apsisnebenräumen durch eine Baunaht getrennt. [ebd. 94, 112] Ich sehe diese Baumaßnahmen erst im Zusammenhang mit der Errichtung der Kirche S. Giovanni um 1300.

Es gibt noch einen Zömeterialbau in dem betrachteten Gebäudekomplex - die heutige Kirche S. Tommaso. Auch dieser Bau ist mit gleichmäßig angeordneten Gräbern in 2 Schichten übereinander angefüllt. Bau und Gräber entstammen einer einheitlichen Planung [ebd. 124], d. h. der Bau wurde für die Grablegen erbaut. S. Tommaso ist in die Schwemmlandschichten hineingebaut, d. h. nach LEHMANN wurde der Bau nach der Katastrophe errichtet. Vielleicht war die bisherige Zömeterialkirche so schwer geschädigt, dass lieber ein neuer Zömeterialbau errichtet wurde, als den alten Bau wieder aufzubauen.

Ein zeitlich vor der Naturkatastrophe errichteter Bau ist die heutige Kirche S. Stefano. Im Gegensatz zu S. Tommaso ist sie offensichtlich nicht ausschließlich für die Aufnahme von Bestattungen erbaut worden. Die Langhauswände des gewesteten (Westapsis), einschiffigen Baus sind im Abstand von 5 m von der Apsisstirnwand durch je eine weite Arkadenöffnung durchbrochen, die später vermauert worden ist  [ebd. 128]. Die korinthische Marmorkapitelle der Säulen des Apsisbogens datiert LEHMANN in das 2. Jh. Sie sollen einschließlich der attischen Basen Spolien sein.
Ich sehe diesen Bau zugehörig zur Basilica Nova. Diese hatte keinen Bereich für die Abhaltung des Totenkults. Diese Funktion wurde ausgelagert in einen gesonderten Bau. Dieser Bau war gewestet wie auch die römischen Zömeterialbasiliken, da der Auferstandene von Osten erwartet wurde. Die Eingangsfassade war im Osten. Offensichtlich war der Bau mit der Basilica Nova auch räumlich verbunden, was die Baureste nahelegen. Die Errichtung dieses Baus wird etwa zeitgleich mit der Basilica Nova erfolgt sein. LEHMANN datiert diesen Bau in das letzte Drittel des 5. Jh. Diese Datierung ist mit Sicherheit byzantinisch und entspricht Ende des 2. Jh. Damit passen auch die Marmorkapitelle aus den 2. Jh. bestens. Die Annahme, dass diese Spolien sind, entfällt damit logischerweise. Frühestens im 11./12. Jh. oder sogar deutlich später wurde dieser Bau zur Kirche umfunktioniert. Die Kirche St. Stefano wird 1551 erstmals erwähnt. Die Arkadenöffnungen nach LEHMANN zum Ursprungsbau gehörend, vielleicht Annexräume. In der Ersterwähnung von 1551 führt die Kirche in ihrer Bezeichnung "lo crucifisso", was auf einen kreuzförmigen Grundriss hinweist. Um im 17. Jh. in die Kirche zu gelangen, musste man 11 Stufen hinabsteigen [ebd. 126]. Diese Höhendifferenz ergab sich offensichtlich aus der Schwemmlandschicht von 1,3 m Dicke, was einer Stufenhöhe von ca. 12 cm entspricht.

Die heutige Capella dei Ss. Martiri ist nach LEHMANN ein im 10. Jh. umgebauter spätantiker Grabbau [ebd. 41].

Der Vollständigkeit halber möchte ich die Kapelle S. Calionio noch erwähnen, ebenso wie Ss. Martiri ein ehemaliger Grabbau, der im 10. Jh. mit drei Blockaltären und Malereien in der Apsis ausgestattet wurde [ebd. 41]. Die Ostapsis ist m. E. ebenfalls erst zu dieser Zeit angefügt worden. Die Baumaßnahmen an Ss. Martiri und S. Calionio sehe ich entgegen LEHMANN zeitgleich mit der Errichtung der so genannten Aula im 11. Jh.

Die im 11./12. Jh. in Rom errichteten Märtyrergedenkstätten für St. Peter und St. Paul und der daran geknüpfte Erfolg der Präsentation haben auch andernorts ähnliche Ideen aufkeimen lassen. Man hatte in Cimitile zwar keinen Märtyrer aber angeblich einen bekennenden Christen Felix zu bieten und eine spätantike Nekropole.
"Die Geschichte der christlichen Gemeinde Nolas in Spätantike und Frühmittelalter wird in der Forschung fast ausnahmslos durch das Sanktuarium in Cimitile bestimmt, da von Cimitile unabhängige Quellen nicht vorliegen. In der Stadt Nola konnte z. B. bisher kein frühchristlicher Kirchenbau literarisch oder archäologisch nachgewiesen werden." [LEHMANN, 46]

Punktuell sind in Italien weitere angeblich frühchristliche Bauten in der Literatur vermerkt. So z. B. in Neapel und in Perugia.

 

Neapel

In Neapel ist als frühchristlicher Bau lediglich das Baptisterium mit seinem Mosaikschmuck erhalten. "Das Baptisterium soll durch Bischof Severus um 400 gestiftet worden sein. Aus dieser Zeit stammt jedenfalls das Kuppelmosaik, das somit das älteste erhaltene eines Taufhauses ist." [EFFENBERGER, 237] Das Kuppelmosaik zeigt neben Aposteln die Evangelistensymbole sowie Szenen aus dem Leben Jesu. Die Datierung um 400 ist antik und entspricht um 1100. Dem hätte ich nichts hinzuzufügen.

 

Perugia

Perugia, Zentralbau Sant' Angelo: In Reiseführern allgemein als frühchristlicher Bau bezeichnet und um 500 datiert, ist ähnlich wie S. Stefano in Rom offensichtlich eine Nachbildung der Grabesrotunde in Jerusalem. Wie auch S. Stefano ist der Rundbau mit Umgang durch 4 Kreuzarme durchdrungen, wovon nur noch die rechteckige Apsiskapelle erhalten ist. Die Datierung um 500 ist wieder antik und entspricht um 1200. Sie folgt damit Santo Stefano Rotondo in Rom, die ich in das 12. Jh. datiere.

 

Poreč

Wie sieht es außerhalb Italiens aus? In Poreč auf der kroatischen Halbinsel Istrien steht die Euphrasius-Basilika: Um 380 soll eine erste Basilika an der Stelle der heutigen Euphrasius-Basilika errichtet worden sein. Eine im 19. Jh. aufgefundene Steinplatte "bezeugt" die Übertragung der Reliquien des hl. Mavro im 4. Jh. In der 1. Hälfte des 5. Jh. soll eine große so genannte vor-euphrasische Basilika erbaut worden sein. In der Mitte des 6. Jh. (543-554) wurden dann durch Bischof Euphrasius die heute noch bestehende Kirche, das Atrium, das Baptisterium und der Bischofssitz errichtet. Die cella trichora soll in der 2. Hälfte des 6. Jh. erbaut worden sein.
Zuerst ist wieder Ordnung bzgl. der Datierungen herzustellen. Die Datierungen sind durchweg weströmisch antik. Danach ist die erste Basilika 1082 erbaut worden. Die vor-euphrasische Basilika wäre dann in der 1. Hälfte des 12. Jh. und die Euprasius-Basilika selbst 1245-1256 errichtet worden. Dazu passt das Ziborium von Bischof Otto aus dem Jahr 1277. Zwischen dem 6. Jh. und dem 13. Jh. gibt es offensichtlich keine baurelevanten Nachrichten. Es ist einleuchtend, wieso. Ab dem 13. Jh. erfolgen die Datierungen in u. Z., so dass sich hier die Differenz von ca. 700 Jahren zwischen der antiken weströmischen Datierung und der Datierung nach u. Z. bemerkbar macht.


Am Ende ist alles klar: Die Euphrasius-Basilika ist ein Bau des 13. Jh. Die Nähe zur byzantinischen Kunst ist damit nachvollziehbar.

 

Grundriss aus [MILOHANIĆ, 20]

 

Thessaloniki

In Griechenland ist sicher die Demetriusbasilika in Thessaloniki der bekannteste Bau. Der Gründungsbau der Demetriusbasilika soll ein kleines Oratorium gewesen sein, das kurz nach 313 in den Ruinen eines römischen Bades errichtet wurde. Im 5. Jh. wurde angeblich an seiner Stelle eine dreischiffige Basilika errichtet, die Opfer eines Brandes geworden sein soll. Von 629-634 soll sie zu einer fünfschiffigen Basilika erweitert und ausgebaut worden sein. 1917 wurde dieser Bau bei einem großen Stadtbrand vernichtet. Der Wiederaufbau dauerte bis 1949.
Das kleine Oratorium als Gründungsbau erachte ich für eine Legende. Die Datierung kurz nach 313 sieht sehr nach dem Mailänder Edikt Konstantins aus. Konstantin und das Mailänder Edikt gehören in das antike 1. Jh., die traditionelle Datierungen der Lebenszeit Konstantins und des Mailänder Edikts 313 sind byzantinisch.
M. E. ist der Gründungsbau die dreischiffige Basilika. Die Datierung des Umbaus zur fünfschiffigen Basilika 629-634 ist wieder byzantinisch und entspricht 1047-1052. Die dreischiffige Basilika als Vorgängerbau dürfte kurz vorher errichtet worden sein. Für sie gilt vielleicht die Datierung kurz nach 313, jetzt jedoch als antike Datierung, was korrigiert kurz nach 1015 entspricht.

 

Thessaloniki, Demetriusbasilika, Grundriss aus [MAJOR, 66]

 

 

In Nordafrika sind zahlreiche größere und kleinere vermeintlich frühchristliche Kirchenbauten aus der Literatur bekannt. Datiert werden diese Bauten in der Regel vor der vandalischen Eroberung im Jahr 429. Unterstützt wird diese Datierung durch vermeintlich originale Schriftquellen, die für das 3. bis 5. Jh. von einem regen christlichen Leben und zahlreichen Kirchenbauten berichten.

Ich erachte den Kenntnisstand über diese Bauten jedoch für äußerst problematisch.

Die zugehörigen bauarchäologischen Untersuchungen stammen fast ausschließlich aus dem 19. und der 1. Hälfte des 20. Jahrhundert. Weder die Ausgrabungsmethoden noch deren Dokumentation waren damals auf einem hinreichend befriedigendem Stand. Die Interpretation der Funde erfolgte zwangsläufig vor einem veralteten Geschichtsbild.

Neuere Forschungen sind aufgrund der immer noch schwierigen politischen Verhältnisse in der Region rar. (Ausnahme: Leptis Magna (Libyen), wo von ca. 1920 bis 1969 durch Italien und in jüngerer Zeit durch italienische und deutsche Archäologen mehr oder weniger kontinuierlich gegraben wird).

Hochinteressant die Archäologie-Doku über Leptis Magna von 2010 (ausgestrahlt von ARTE am 04.09.2010, 20.15 Uhr). Leptis Magna, das Rom Afrikas – eine mit Rom verbündete punische Stadt an der Meeresküste des afrikanischen Tripolis, deren glanzvoller Ausbau unter dem in Leptis Magna geborenen Kaiser Septimius Severus (193-211) erfolgte - wurde 439 von den Vandalen eingenommen und 534 von justinianischen Truppen zurückerobert.
„Karl-Uwe MAHLER, Archäologe, Universität Mainz: <Man kann sagen, dass hier im 6. Jahrhundert ein Bauboom einsetzte, was Kirchen angeht. Es scheint eine ganz gezielte, bewusste Politik des Justinians gewesen zu sein, hier diesen Stadtraum einerseits zu befestigen mit einer massiven Mauer und andererseits dann im Inneren zu strukturieren durch zahlreiche Kirchenbauten.>“ [ARTE, Archäologie-Doku]
„Aus der severischen Basilika wird eine christliche Kirche…“ [ebd, Kommentar], d. h. die Palastbasilika STÜTZERs (siehe Teil 1) wird zu einer christlichen Kirche umgebaut.
Nach MAHLER, der zu einer Arbeitsgruppe aus Mainz gehört, die mit der Ausgrabung der Kirche am alten Forum begonnen hat, wurde ein vorhandenes, älteres, ursprünglich punisches Gebäude im 6. Jahrhundert in eine christliche Kirche umgebaut.
„Man weiß noch nicht sehr viel über die Entwicklung des Christentums vor der byzantinischen Zeit. Nach einigen historischen Quellen gibt es in Leptis ab dem 3. Jahrhundert einen Bischof, doch die Archäologen haben dafür noch keine Beweise.“ [ebd, Kommentar]

Zunächst ist wieder Ordnung bzgl. der Datierungen herzustellen. Bis auf die Regierungszeit von Septimus Severus (193-211), die antik datiert ist, sind alle o. a. Datierungen byzantinisch. Die vandalische Eroberung erfolgte 429 byzantinisch, was dem antiken Jahr 145 entspricht. Die Rückeroberung von Leptis Magna durch Justinian war 534 byzantinisch = 952, also rund einhundert Jahre nach der vandalischen Eroberung. Ein Kirchenbau in Leptis Magna erfolgte frühestens ab der 2. Hälfte des 10. Jh.

UNTERMANN [21f] beschreibt z. B. die Melleus-Basilika in Haïdra (Westtunesien), die aufgrund von Bischofsgräbern als Bischofskirche identifiziert wird. Die Kirche soll um 440 von den Vandalen erbaut oder übernommen worden sein. Die Datierung um 440 ist vermutlich weströmisch antik und entspricht 1142. Damit dürfte sie mit den Vandalen nichts zu tun haben. Für UNTERMANN schwer erklärbar ist die dichte Belegung mit Gräbern, da sich die Kirche nicht in der Nekropole sondern innerhalb der Stadt befindet. Ihren Namen erhielt sie von dem byzantinischen Bischof Melleus. Um 1142 u. Z. ist sicher nicht mehr von einer Zömeterialbasilika auszugehen. Der Grund für die dichte Belegung mit christlichen Gräbern dürfte im Umfeld der christlichen Gemeinde zu suchen sein. Im 12. Jh. dürfte sich in Nordafrika bereits die neue Religion ausgebreitet haben - der Islam. Möglicherweise gab es für katholische Christen keine andere Bestattungsmöglichkeit.

Zu der Basilika in der nordalgerischen Stadt Ech Cheliff (frz. Orleansville, nach der französischen Kolonialherrschaft in Al Asnam umbenannt, später nochmals umbenannt in Ech Cheliff) sieht sich JACOBSON [(1992), 191] in dem Abschnitt über doppelchörige Kirchen veranlasst zu bemerken: „Eines der wenigen, wenn auch mit Vorbehalt datierbaren Beispiele war hier die Basilika von Al Asnam, …die gegen 326 errichtet worden war und an die vermutlich um 475 eine halbkreisförmige Westapsis gefügt wurde, als man dort den Bischof Reparatus bestattete.“ Nimmt man die Datierungen 326 und 475 als antik an, so ergeben sich korrigiert die Datierungen 1028 und 1177.

 

Tebessa

Ein sicher interessantes Objekt ist das als frühchristliches Pilgerheiligtum bekannte Tebessa, im äußersten Osten von Algerien gelegen. In Tebessa - außerhalb des antiken Stadtgebietes über einem heidnischen Friedhof - sind uns Reste eines umfangreichen Kirchenkomplexes überliefert, welcher in der einschlägigen Literatur als bedeutendes frühchristliches Pilgerheiligtum geführt wird. Die bisher erfolgten Rekonstruktionen der Kirche liefern eine dreischiffige geostete Emporenbasilika mit an der Südseite angebauten Trikonchos. Die Apsis ist von zwei Nebenräumen flankiert und außen inklusive der Nebenräume rechtwinklig umschlossen. Die Mittelschiffspfeiler hatten zum Mittelschiff ein vorgestelltes mehrgeschossiges Säulensystem. Über den Seitenschiffen ursprünglich Emporen. Die gesamte Anlage steht auf einem gemauerten Podium, das im Westen ca. 2,5 m, im Osten durch den Geländeabfall ca. 5 m hoch ist. Im Westen war der Basilika ein Atrium vorgelagert.

Unter dem Trikonchos wurden „einige unzusammenhängende Mauerzüge von kleineren Gebäuden“ [CHRISTERN,107] als Vorgängerbauten ergraben, wahrscheinlich Zömeterialbauten, in denen u. a. mehrere christliche Gräber - durch Mosaikepitaphen mit Christusmonogrammen gekennzeichnet - aufgefunden wurden. Die Mosaikepitaphen wurden später durch einen neuen Mosaikfußboden (Novellusmosaik) überbaut. Auf diesem ist eine Märtyrerinschrift - umgeben von Scheinepitaphen (Epitaphe ohne Grab) - erhalten, die sieben unbekannte Märtyrer nennt. Man vermutet kühn, dass diese die aus Märtyrerakten bekannten Leidensgenossen der in Tebessa hingerichteten Hauptheiligen der Stadt, Crispina, waren. Einmal im Schwung vermutet man weiter, dass das eigentliche Verehrungsobjekt die Reliquien der Crispina gewesen seien müssen und dass diese Kern und Veranlassung für den Bau der Gesamtanlage war. [ebd. 293]
Durch aufgefundene Münzen des Constantius (351-354) ist für die Schichten unterhalb des Novellusmosaiks ein terminus ante quem gegeben. Das Novellusmosaik datiert CHRISTERN in das 3. Viertel des 4. Jh.  [CHRISTERN,128]. Nach meiner Auffassung irrt CHRISTERN. Die Datierung von Constantius 351-354 ist auf jeden Fall byzantinisch und entspricht den antiken Jahren 67-70. Ob das Novellusmosaik wirklich kurz danach errichtet wurde, ist fraglich. Auf jeden Fall sind das Novellusmosaik und der zugehörige Zömeterialbau vorkatastrophisch, d. h. im 2. Jh., spätestens zu Beginn des 3. Jh. Der Trikonchos ist ca. 1-1,25 m oberhalb dieser Vorläuferbauten errichtet worden. Diese Erhöhung des Geländeniveaus dürfte der Katastrophe im antiken Jahr 238 (= um 940) geschuldet sein. Das bedeutet auch, dass der Trikonchos nach der Katastrophe errichtet wurde, also frühestens ab Mitte des 10. Jh.

Die Errichtung des Baus auf einer ehemaligen Nekropole würde die Annahme einer Märtyrerkirche stützen. Dagegen spricht das Fehlen eines Grabes sowie jeglicher baulicher Einrichtungen zur Verehrung eines Märtyrergrabes. Ob der Trikonchos diese Funktion erfüllt hat, ist aus meiner Sicht anzuzweifeln.

Nach CHRISTERN ist die Anlage einheitlich um 400 erbaut. Die Datierung basiert maßgeblich auf einem 1870 gefundenem Mosaikepitaph mit der Jahresangabe 508 (heute zerstört), das ein vandalisches Kindergrab markierte, welches „unzweifelhaft“ nachträglich in den Boden der Vierung des Trikonchus eingebracht worden sei, und auf Münzfunden (die jedoch nur aussagen, dass die Fundschicht nicht älter sein kann, sofern die Münzen richtig datiert sind). Weiterhin werden stilistische Vergleiche, insbesondere zur Kapitellplastik herangezogen sowie bemerkt, dass der Baubeginn als auch die Vollendung eines solchen Baus nach dem Vandaleneinfall um 430 nicht denkbar sei [225]. UNTERMANN datiert Tebessa um etwa 100 Jahre später, also um 490/500 in die vandalische Zeit, schreibt es jedoch dem katholischen Kult zu [22].

 

 

Tebessa, Grundrissausschnitt aus [CHRISTERN]

 

CHRISTERN hält die Anlage der Basilika und des Trikonchos für einheitlich. Dem widersprechen jedoch die Baufugen zwischen dem Podium der Basilika und den Außenmauern des Trikonchos. CHRISTERN verweist dagegen auf die fehlende Fuge zwischen dem Podest und den Treppenwangen der zum Trikonchos hinabführenden Treppe.

Ich denke, dass bei der Errichtung der Basilika der Zömeterialbau mit dem Novellusmosaik noch stand und von der Basilika dort ein direkter Zugang über eine Freitreppe zu diesem Bau bestand. („Die Treppe ist in zwei aufeinander folgende Läufe geteilt: einem schmalen oberen mit vier Stufen und einem freitreppenartigen Abschnitt mit neun Stufen, der die ganze Breite der Vierung einnimmt.“ [CHRISTERN,75])  Später wurde der Zömeterialbau einschließlich der Freitreppe mit dem Trikonchos überbaut.

Die Datierung CHRISTERNs um 400 und auch UNTERMANNs Datierung um 500 können nur weströmisch antik sein und entsprechen um 1100 bzw. um 1200. Die Datierung des Kindergrabes wäre dann 1210. Das Argument "Vandalenherrschaft " ist bei dieser Neudatierung gegenstandslos.

Inwieweit die Datierung wirklich an dem o. a. Kindergrab mit dem datierten Mosaikepitaph festgemacht werden kann, kann heute nicht mehr überprüft werden. Alle anderen Mosaikepitaphen, die ausschließlich im Fußbodenniveau unter dem Novellusmosaik gefunden worden, sind undatiert. Der Fundort im Mosaikfußboden der Vierung des Trikonchos erscheint ungewöhnlich. Der Mosaikepitaph ist heute zerstört; auch der Bauzusammenhang ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Eine zweifelsfreie Dokumentation der Grabung um 1870 liegt nicht vor und ist sicher damals auch noch nicht zu erwarten. Die von CHRISTERN vorgeschlagene Chronologie [127f] kann zwangsläufig aufgrund des von ihm nicht erkannten Datierungsproblems nicht zutreffen.

Wann wurde die dreischiffige Basilika erbaut? Nach CHRISTERN gibt es keine direkten epigraphische oder literarische Quellen [222]. Er geht von zwei seiner Auffassung nach wichtigen Daten aus. Erstens dem o. a. Kindergrab von 508 und zweitens von einem Münzfund unter der Treppe von der Basilika zum Trikonchos, einem Goldsolidus Theodosius I. vom Jahr 388. Da die Fundumstände nicht genau bekannt sind, ist die Bedeutung der Münze für die Datierung vermindert [222]. Das Kindergrab hatte ich in das Jahr 1210 datiert (siehe oben). Die traditionelle Regierungszeit von Theodosius I. ist byzantinisch datiert, womit das Jahr 388 dem antiken Jahr 104 entspricht. Offenkundig hilft der Münzfund nicht weiter. CHRISTERN sieht sich mit der Münze des Theodosius zwar bestätigt, da diese sich mit den Münzfunden des Arcadius (395-408) unter den Trikonchos deckt, übersieht natürlich dass der Memorialbau unter dem Trikonchos durchaus in das 1. Jh. datiert werden kann, was für die Basilika aber nicht geht. Er verweist weiter auf vergleichbare Kapitelle in der Kirche von Benian, deren Erbauung zwischen 434 und 439 datiert ist [223], übersieht jedoch auch hier, dass diese Datierungen antik sind und 1136 und 1141 entsprechen. Auch ein stilistischer Vergleich des Bodenmosaiks mit dem Bodenmosaik der Kirche von El Asnam, das inschriftlich 324 datiert ist, führt nicht zum Ziel, weil auch dieses antik datiert ist und folglich 1026 entstanden ist. Den Datierungsvorschlag um 430 von GSELL für die Einziehung der Emporen lehnt CHRISTERN ab, da diese Zeit in die Vandalenzeit fällt [225]. Um 430 antik entspricht um 1132.
Schlussendlich bleibt, dass die Basilika ein Bau des 12. Jh. ist. Der Trikonchos ist sicher nur kurze Zeit später errichtet worden, vielleicht noch im 12. Jh. oder am Beginn des 13. Jh.

Auffällig ist der zurückhaltende Bauschmuck. Es gibt überhaupt keine eindeutig christlichen Motive, nur allgemein dem Christentum zuzuordnende Motive wie Weinranken, Vögel etc., vielleicht vergleichbar mit dem zurückhaltenden Bauschmuck der mittel- und westeuropäischen Reformorden des späten 11. und des 12. Jh.

Ein paar Zitate von CHRISTERN zum Bauschmuck: „Es ist zu betonen, dass die tebessaner Fenstertransennen nicht nur die ältesten bekannten mit vegetabiler Ornamentik sind, sondern auch die einzigen bekannten mit gegenständlichen Darstellungen; sie stehen in Qualität und Dekoration den späteren Gitterwerkplatten in Ravenna nicht nach.“ [CHRISTERN,204]

"Der stilistische Gegensatz zu den kaiserzeitlichen Vorbildern lässt sich folgendermaßen umreißen: Verlust an Plastizität, Verflachung, Kerben statt Bohrrillen, Vereinfachung der Konturen, weitgehender Verzicht auf Details, …“ [ebd., 206]

„In der tebessaner Bauornamentik zeigen sich nun schon bereits stilistische Merkmale, die man gemeinhin als charakteristisch für die Plastik der Zeit um 500 ansieht, und man würde die Stücke, wären sie aus ihrem lokalen und zeitlichen Kontext gerissen, womoglich später datieren.“ [ebd.,263]

„Dieser größere Abstand zum klassischen Formenapparat ist aber nicht – im qualitativen Sinne – als provinzielle Rückständigkeit zu verstehen; im Sinne der Gesamtentwicklung ist vielmehr die Provinz – an Tebessa exemplifiziert – der Hauptstadt entwicklungsgeschichtlich sogar voraus.“ [ebd.,275]

Nach der herkömmlichen Geschichtsdarstellung bleibt Nordafrika bis zum Jahr 698 (byzantinisch = 1116) römisch und christlich; das sind immerhin 164 Jahre nach der justinianischen Rückeroberung. Selbstredend verschwinden die christlichen Gemeinden nicht schlagartig.

Die Basilika von Tebessa steht nicht isoliert, sondern sie gehört zu einer regionalen Bautengruppe in Nordafrika. Die Beschreibung der Bauten dieser nordafrikanischen Bautengruppe durch CHRISTERN [7f] mit vorgestellten Säulen in mehreren vertikalen Zonen als Wandgliederung, Emporen über den Seitenschiffen, Hallenkrypten, kreuzgewölbte Seitenschiffe, Tonnengewölbe etc. lassen sofort an romanische Bauten des 11./12. Jh. denken, keinesfalls an spätantike Bauten. Nach CHRISTERN sind Doppelstützen als Mittelschiffsstützen eine charakteristische Besonderheit des nordafrikanischen Kirchenbaus [7], wobei natürlich Tebessa keine richtigen Doppelstützen besitzt, sondern ein vor die Mittelschiffspfeiler gestelltes Säulensystem – ähnlich dem der ehemaligen Palastbasilika in Leptis Magna, die – wie oben bereits erwähnt – im 6. Jh. (= 10. Jh.) zu einer Kirche umgebaut wurde. Vielleicht ist das nahe Leptis Magna das Vorbild für dieses Gestaltungselement. Die Bauten der Tebessaner Gruppe sehe ich genauso wie Tebessa im 12. Jh. Möglicherweise ist Djemila, das traditionell in das 1. Viertel des 4. Jh. datiert wird [CHRISTERN, 144], etwas früher. Bei angenommener antiker Datierung ergibt sich das 1. Viertel des 11. Jh.

 

Mittel- und Westeuropa

Auch in Mittel- und Westeuropa kennt die traditionelle Architekturgeschichte vermeintlich frühchristliche Kirchen. In Deutschland wären diesbezüglich Trier, Boppard und Xanten näher zu betrachten.

WESSEL (eine zugegeben etwas ältere Quelle) berichtet über Bauuntersuchungen und Grabungen unter dem Münster in Bonn, in Kempten, unter der Liebfrauenkirche in Koblenz, in Köln (St. Georg, St. Gereon, St. Severin, St. Ursula), in Metz, unter St. German in Speyer, in Trier (St. Martin, St. Maximin, Dom u. Liebfrauenkirche) und unter dem Dom St. Victor in Xanten.

Die neuere Forschung sieht in den meisten dieser ergrabenen Bauten spätantike Grabbauten und keine christlichen Monumente. "Während nach dem Zweiten Weltkrieg an allen wichtigen Heiligengrabstätten im Rheinland "frühchristliche Kirchenbauten" gefunden wurden, stößt die Deutung dieser Befunde seit einigen Jahren auf heftige Kritik. Die jüngere Forschung lehnt für alle in diesen Regionen ergrabenen frühen Bauten des 4./5. Jahrhunderts die gängige Deutung als "Kirchen" ab." [UNTERMANN; 38]

Die Datierung 4./5. Jh. ist spätantik/byzantinisch und entspricht dem antiken 1./2. Jh.

Für das französische Gebiet stütze ich mich auf HEITZ: "Gallia Praeromanica", wobei ich nur die Bauten betrachte, die traditionell in das 5. Jh. bis zum Ende der Merowingerzeit um 750 datiert werden, auch wenn ich die merowingische Geschichte nach Dagobert I. (bis 639) für konstruiert erachte.  Wie schon JACOBSON [1982] in seiner Rezension zu HEITZ bemerkt, ist der Titel etwas irreführend, da nicht nur vorromanische, sondern auch die frühromanischen Denkmäler behandelt werden. Das macht die Arbeit mit dieser Quelle zwar etwas mühsamer, aber sonst hätte HEITZ wahrscheinlich nur ein dünnes Bändchen zusammenbekommen, da die materiell überlieferten vorromanischen Denkmäler äußerst überschaubar sind.

Sicher ist zu beachten, dass HEITZ die Bauwerke vorwiegend nach stilistischen Kriterien einordnet. Seine Vergleichsbauten sind natürlich nach der traditionellen Chronologie zeitlich eingeordnet. Eine möglicherweise antike oder auch byzantinische Datierung ist ihm unbekannt.
 

Trier, Doppelkirchenanlage 

Von besonderer Bedeutung ist sicher die unter dem Dom und der Liebfrauenkirche in Trier ergrabene angeblich konstantinische Doppelkirchenanlage.

Trier war von 293 bis 392 eine der Residenzen der römischen Kaiser im Westen. WESSEL schwärmt in den höchsten Tönen über diesen großartigen Kirchenbau. Dieser soll ab 324 an der Stelle einer kaiserlichen Palastanlage errichtet worden sein. "Damit bestätigt sich die frühmittelalterliche Tradition, nach der Helena ihren Palast der Kirche zu Ehren des hl. Petrus geschenkt habe." [WESSEL, 360]

Wenn der Palast niedergelegt wurde, wo hat dann der Kaiser residiert? Trier bleibt bis 392 Regierungssitz des Weströmischen Reiches. Ist ein neuer Palast errichtet worden? Hat man ihn gefunden?

Es gibt nur eine vernünftige Erklärung. Der ergrabene Bau ist die ehemalige kaiserliche Palastanlage, keine Kirche. Der Bau hatte keine Apsiden und zahlreiche Nebenräume, deren Verwendungszweck nicht ermittelt werden konnte; Altarfundamente wurden auch nicht gefunden. [WESSEL, 361]

Im Übrigen schreibt WESSEL selbst, dass die vergleichbare Zweikirchenanlage in Aquileja aufgrund neuerer Forschungen  als Fehldeutung "abgeschrieben" werden musste [WESSEL, 361]. Erstaunlich, dass ihm keine Zweifel bei Trier aufgekommen sind.

Die o. a. Datierungen sind byzantinisch und müssen für eine Beurteilung in die Antike korrigiert werden. Die kaiserliche Residenz bestand demnach von 9 bis 108. Der Kirchenbau soll ab dem Jahr 40 errichtet worden sein, was mit Sicherheit für einen Kirchenbau nicht geht. Das Jahr 40 kann maximal die Errichtung der kaiserlichen Palastanlage kennzeichnen.

Die Rekonstruktion der noch vorhandenen und der ergrabenen Reste als Kirchenbau entspringt vermutlich der Idee der Kultkontinuität aufgrund der heute an dieser Stelle befindlichen Kirchenbauten des 11. Jh. (Dom) und 13. Jh. (Liebfrauenkirche) in Verbindung mit der Helena-Legende.

Ich gehe davon aus, dass die noch vorhandenen Reste der Palastanlage für beide Kirchenbauten genutzt wurden, was die exakt gleiche Ausrichtung mit der ergrabenen Palastanlage erklärt. Für das 10. Jh. („bis spätestens 955“) wird für die so genannte Südkirche (unter der Liebfrauenkirche) ein „Umbau zu Saalkirche mit Flügelräumen“ vermerkt [JACOBSON/SCHAEFER/ SENNHAUSER, 421].

Der heute noch stehende Dombau, der antike Substanz nutzt, wird um 1000 begonnen. Die darüber hinaus an der römischen Palastanlage ergrabenen baulichen Veränderungen des angeblichen 5. bis 10. Jh., dürften profanen Nutzungen der antiken Reste nach der Katastrophe bis zum Kirchenbau im 11. Jh. zuzuordnen sein.
   

Boppard, St. Severus

Die Kirche wurde an der Stelle eines ehemaligen römischen Militärbads im ehemaligen römischen Kastell Boppard errichtet. Nach Abzug der römischen Truppen soll das Bad in eine Kirche umgewandelt worden sein. Bei Ausgrabungen unter St. Severus wurden Reste einer angeblich frühchristlichen Kirche des 6. Jh. mit schlüssellochförmiger Kanzelanlage (Ambo) und einem frühchristlichen Taufbecken gefunden. Der heutige Bau wurde im 12./13. Jh. errichtet.

OSWALD sieht eine erste Saalkirche  im 5. Jh. und eine zweite in karolingischer Zeit. Im 10. Jh. Neubau als Rechtecksaal [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 400].

UNTERMANN hält die erste Saalkirche für umstritten. Ambo, solea und Taufbecken mit Ziborium datiert er in das späte 6. Jh. [40]. 

JACOBSEN [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 61] sieht den Rechtecksaal aufgrund der gefundenen Pingsdorfer Keramik nach 900, welche nach Wikipedia von ca. 900 bis zum 13. Jh. vorkommt.

Vorschlag für eine alternative Rekonstruktion:

Das Ende der römischen Herrschaft am Mittelrhein im Jahr 454 ist spätantik/byzantinisch datiert und entspricht dem antiken Jahr 170 und gehört damit in die Marc-Aurel-Krise.

Die erste Brandzerstörung des Badegebäudes dürfte zu der Eroberung des Kastells durch die Germanen (vermutlich Rheinfranken) gehören. Durch diese erfolgt für eine weitere unbekannte Nutzung ein teilweiser Wiederaufbau des Gebäudes. Es gibt keinerlei Hinweise auf eine christliche Nutzung. Orientierung des Baus und Ostapsis gehörten schon zum römischen Bau.

Die zweite Brandzerstörung und die Zerstörung des Kastells im Zusammenhang mit der globalen Katastrophe um 238 (= 940).

Ende des 10. Jh. erfolgt die Errichtung einer Kirche auf den zerstörten Resten des vorangegangenen Gebäudes. Diese Kirche ist der von den Ausgräbern gefundene Rechtecksaal (Bau II).

Diesem Bau ist der Ambo, die solea sowie das Taufbecken zuzuordnen. UNTERMANNs Datierung dieser Ausstattung in das späte 6. Jh. ist ebenso spätantik/byzantinisch datiert und ergibt korrigiert eine Datierung um 1000 u. Z.
 

Xanten, St. Viktor

Nach Wikipedia: Gregor von Tours erwähnt 590 die Errichtung eines Oratoriums des Mallosus, das allgemein auf Xanten bezogen wird. 752 soll eine erste Kirche über einem Gräberfeld mit Gräbern aus dem 4. Jh. errichtet und das Stift ad sanctos, um das sich die Stadt entwickelte, gegründet worden sein. Zu Beginn des 9. Jh. soll ein Neubau und wenige Jahrzehnte später der Bau einer dreischiffigen Kirche erfolgt sein, die 863 von Normannen zerstört wurde.

Danach erfolgte zwischen 967/69 der ottonische Neubau. Nach Bränden im 11./12. Jh. Wiederherstellung. Der heutige gotische Bau ab 1263.

OSWALD [OSWALD/SCHAEFER/SENNHAUSER, 386ff] sieht fünf frühchristliche bzw. frühmittelalterliche Bauten. Davon sind Bau I und II Cella memoriae, also römische Grabbauten. Bau II vermutet er bis 450. SCHAEFER sieht dagegen Bau II im letzten Viertel des 6. Jh. wegen der Überschneidung durch fränkische Gräber [JACOBSEN/SCHAEFER/SENNHAUSER, 466].

Erst Bau IIa hält OSWALD für eine Saalkirche mit Rechteckchor, errichtet um oder nach 768. Diesem Bau vor oder um 800 folgt Bau III, ebenfalls eine Saalkirche mit eingezogenem Chor und abgesondertem Altarraum.

Bau IV ist eine dreischiffige Anlage, die von den Normannen 863 zerstörte Kirche. Schließlich Bau V, ebenfalls eine dreischiffige Anlage, datiert in die 2. Hälfte des 10. Jh.

Nach UNTERMANN lässt sich das von Gregor überlieferte oratorium des Mallosus, das im späten 6. Jh. Nebenraum einer neu gebauten basilica wurde, mit den Grabungsergebnissen nicht korrelieren [40f].

Der kleine spätrömische Memorialbau wurde dort erst im 8. Jh. durch Anbau eines Altarraums zur Kirche umgestaltet. [40f]. UNTERMANN: "Schwer deutbar sind die kleinen Saalkirchen an rheinischen Märtyrergräbern. Der spätantike Memorialbau erhielt in Xanten nach 752 einen neuen Estrich, eine Schrankenanlage und ein rechteckiges Sanktuarium; in Bonn ..." [97f]

Alternative Rekonstruktion:
Das von Gregor überlieferte oratorium aus dem späten 6. Jh. ist wie die Merowinger überhaupt spätantik/byzantinisch datiert und liefert korrigiert eine Datierung um 1000 u. Z.
Die Aufgabe dieses Gebiets durch die Römer erfolgte etwa in den 170/180 Jahren während der Marc-Aurel-Krise. Die Franken siedelten in diesem Gebiet und nutzten den römischen Friedhof weiter. Da Bau II fränkische Gräber überschneidet, ist dieser kleine Steinbau offenkundig nach der Eroberung durch die Rheinfranken entstanden. Ob Bau II schon als Kirche angesprochen werden kann, ist unsicher.

SCHAEFER datiert den Bau II in das letzte Viertel des 6. Jh. Diese spätantike/byzantinische Datierung würde um 1000 u. Z. entsprechen. Möglicherweise ist es dieser Bau, den Gregor als oratorium bezeichnete.
Bau IIa und Bau III sehe ich im unmittelbaren Zusammenhang mit Bau II, möglicherweise eine und vielleicht eine zweite Planänderung. Ob Bau II und IIa überhaupt als eigenständige Kirchenbauten genutzt wurden ist fraglich. Auch Bau IV ist schwer zu beurteilen, da nur Fundamente der Nord- und Südwand ergraben wurden. Vielleicht ist Bau IV ein nicht ausgeführter Neubau (siehe Bau V).

Bau V: Das Mittelschiff ist doppelt so breit wie die Seitenschiffe. Das erinnert an das gebundene System der Romanik. Dieses ist jedoch erst ab etwa 1100 vorkommend. Der Westbau von um 1050 vermutlich zugehörig. Die Datierung des Westbaus um 1050 möglicherweise zu früh. Möglicherweise wurden auch Westbau und Ostabschluss zuerst und gleichzeitig errichtet, wobei der Ostabschluss unbekannt ist. Vielleicht aus dem Wunsch nach dem "modernen" gebundenen System die Planänderung des Langhauses (Bau IV). 

Zusammenfassend bleibt der Beginn des Kirchenbaus in Xanten um 1000. Ein fassbarer Neubau um 1100. Danach ständige bauliche Aktivitäten bis zum rezenten Bau ab 1263. Einen frühchristlichen Bau kann der Autor nicht ausmachen.
 

Paris, St-Germain-des-Prés

Die bestehende Kirche wurde im 11. Jh. erbaut. Die Fundamente der ersten Kirche, unter König Childebert (511-558) erbaut, wurden angeblich ergraben. Die ergrabenen Fundamente dürften zu einem Bau der      2. Hälfte des 10. Jh. oder um die Jahrtausendwende gehören. Die Datierung der Herrschaftszeit von König Childebert 511-558 ist byzantinisch. Korrigiert ergibt sich 929-976.
 

Soissons, St. Medard

Die noch bestehende Krypta soll von dem 817-841 errichteten Kirchenbau stammen. Die Gründung der Kirche soll sogar schon 557 erfolgt sein. Die Krypta ist erstmals 1079 bezeugt. JACOBSON verweist die Krypta in die 1. Hälfte des 11. Jh. [JACOBSON (1982), 551] Das Gründungsjahr 557 ist byzantinisch datiert und entspricht 975, womit die Datierung der Krypta durch JACOBSEN in die 1. Hälfte des 11. Jh. korreliert. Die karolingische Datierung 817-841 ist konstruiert.
 

Jouarre, St. Paul

Die erhaltene Krypta des Nonnenklosters St. Paul wird von HEITZ um 680 datiert. Sie soll damals an eine bestehende Zömeterialbasilika im Osten angefügt worden sein. Die Einwölbung erfolgte erst im 12. Jh. Nach meiner Auffassung stellt die erhaltene Krypta die Erweiterung eines bestehenden spätantiken oder merowingischen Zömeterialbaus dar, der im 12. Jh. durch Überbauung zu einem Kirchenbau umgestaltet wurde. „Die Gewölbe sind auf jeden Fall romanisch, damit wohl auch die heutige Aufstellung der Säulen. Für merowingische Zeit bleiben mithin nur die Außenwände sowie die isoliert zu betrachtenden Säulen in Diskussion.“ [JACOBSON (1982), 551] Die bekannteste Bestattung in der Krypta ist der Sarkophag von Agilbert (gest. um 685, ab 668 Bischof von Paris). Diese Datierungen sind byzantinisch und entsprechen um 1103 für das Todesjahr und ab 1086 für das Bischofsamt in Paris, d. h. die Bestattung erfolgte erst im Zusammenhang mit der Umnutzung zur Kirche im 12. Jh. Der sehr schöne Sarkophag der Theodechilde (gest. 665) steht ebenfalls in der Krypta. Theodechilde, die Schwester von Agilbert, war erste Äbtissin des Klosters in Jouarre; ihre Amtszeit von 635-643. Auch diese Datierung ist wieder byzantinisch und entspricht 1053-1061.

 

Jouarre, St-Paul, Grundriss aus [HUBERT/PORCHER/VOLBACH, 310]

 

St-Philibert-de-Grandlieu

Angeblich 677 gegründet, die Abteikirche vor 819 errichtet, Wiederbesiedlung nach den Normannenstürmen um 1000. "Während die Ostteile, nämlich Querhaus, Chorquadrat, Apsis und Umgangskrypta, in gemeinsamer Aufmauerung einem ersten, wenn auch in den oberen Teilen später erneuerten Bauabschnitt zugewiesen werden müssen, dessen Errichtungszeit im frühen 11. oder allenfalls ausgehenden 10. Jahrhundert durch die ottonisch-frühromanischen Kämpferprofile in der Vierung und im östlichen Kryptaumgang festgelegt ist, gehören die heutigen Mittelschiffspfeiler mit ihrem entwickelten Formenapparat des mittleren oder späteren 11. Jahrhunderts offenbar einem beabsichtigten und auch begonnenen, dann aber mit Fertigstellung der Langhausarkatur wieder aufgegebenen Neubau an." [JACOBSON (1992), 291] Die byzantinische Datierung 677 entspricht 1095. Die karolingische Datierung ist konstruiert.
 

Civaux

Früher dem 11. Jh. zugeordnet, datiert HEITZ zumindest die "siebenfach abgewinkelte Polygonalapsis" in das frühe 5. Jh. "Die regelmäßigen Kleinquader verraten noch intakte römische Mauertechnik. ...diese Apsis, die an die gleichzeitigen Chöre der Basiliken in Ravenna erinnert..." [HEITZ, 216f] Die Vergleichsbauten, die HEITZ im Sinn hatte, sind antik datiert. Das frühe 5. Jh. entspricht korrigiert dem frühen 12. Jh. Die Nähe zur Antike ist bei Anerkennung der HEINSOHN-These gegeben.
 

Poitiers, Baptisterium St. Jean

Das Baptisterium in Poitiers gilt als das älteste christliche Bauwerk Frankreichs. Es ist darüber hinaus das größte Baptisterium der frühchristlichen Welt. Zwei Superlative, die zu denken geben sollten. "Der Bau stammt zweifellos aus dem 4., spätestens aus dem beginnenden 5. Jh. Die Kanalisation des Taufbeckens war mit der römischen Wasserleitung verbunden, die nicht über das 5. Jh. hinaus funktioniert hat." [HEITZ, 217] Im 6. oder 7. Jh. wurden der Chor und die quadratischen Seitenapsiden angebaut und der Innenbau mit einem verstärkenden Mantel versehen. Um 1000 Umbau des westlichen Narthex. [ebd. 218] Offensichtlich gibt es Zweifler an der frühen Datierung, da sich HEITZ veranlasst sieht, zu bemerken: "Kürzliche Funde ... bringen zusätzliche Argumente für die hie und da angezweifelte Datierung in das 4. Jh., das in Poitiers - man solle nicht vergessen - den großen Bischof Hilarius walten sah." [218]

 

Poitiers, Baptisterium St-Jean, Grundriss aus Le Baptistère Saint-Jean de Poitiers, Société des Antiquaires de l’Ouest, 2004


Die Datierung 4. Jh./Anfang 5. Jh. ist möglicherweise byzantinisch und entspricht dem 2. Jh. In der Katastrophe 238 (= um 940) wurde die römische Wasserleitung zerstört. Der Umbau im 6. oder 7. Jh. mit Chor und Seitenapsiden entspricht dem 10. oder 11. Jh. Diesem dürfte auch der Narthex angehören. Dass das antike Bauwerk ein Baptisterium war, ist anzuzweifeln. Ich gehe von einer ursprünglich anderen Bestimmung aus. Erst mit dem Umbau um 1000 oder im 11. Jh. erfolgte die kirchliche Nutzung als Baptisterium.
 

Poitiers, Hypogeum des Mellebaudis

HEITZ datiert die Anlage in das frühe 8. Jh. [218].  Mellebaudis soll sich angeblich "...72 Reliquien, viele lokaler Herkunft, so jene der Radegundis, der Heiligen Acnanus (Aignan), Hilarius und Martin..." verschafft haben. [HEITZ, 14] Radegundis lebte von ca. 936 bis 1005, also kann er sich ihre Reliquien frühestens im 11. Jh. beschafft haben. Die Kirchen für die Verehrung der Radegunde, von Hilarius und auch von Martin wurden alle im bzw. nach dem 11. Jh. errichtet, so St-Radegonde und St-Hilaire-le-Grand in Poitiers als auch St-Martin in Tours.
 

St-Généroux (ca. 50 km nördlich von Poitiers)

Nach HEITZ ein karolingischer Bau. In der strikten Abtrennung des Querhauses vom Langhaus durch Arkaden sieht HEITZ eine Parallele zu den asturischen Kirchen des 9. Jh., z. B. San Cristina di Lena [219], die jedoch von ILLIG bereits der Karolingerzeit entrissen und dem späten 10. und 11. Jh. zugewiesen wurden. [ILLIG (1999), 107ff] Nach JACOBSON verunklären zwei Bauphasen (Ende 10. Jh./mittleres 11. Jh.?) das Bild. [JACOBSON (1982)]
 

Mélas (Le teil-d'Ardeche), St. Stefan

Romanische Kirche des 12. Jh. mit nördlichem Seitenschiff aus dem 11, Jh. Von dort aus Zugang zu einem Zentralraum mit Baptisterium. Aufgrund des Kapitellschmucks wurde der Bau bisher dem 10 Jh. zugewiesen. HEITZ sieht die Möglichkeit einer viel früheren Entstehung, "...denn nach der Zerstörung durch die Vandalen des nahen Bischofssitzes in Alba (Alba augusta) soll der hl. Auxonius Mélas zum Sitz gewählt und dort eine Kirche und ein Baptisterium gebaut haben. Dies trug sich in der 1. Hälfte des 5.Jhs. zu, gerade als Ravenna die Baptisterien baute." [HEITZ, 222] Die Datierung in die 1. Hälfte des 5. Jh. ist antik und entspricht der 1. Hälfte des 12. Jh. Zu Ravenna siehe oben.
 

Auxerre. St-Germain

Die erste Kirche soll sogar auf Geheiß von Chlotilde (493-545), der Gattin Chlodwigs, erbaut worden sein. Ein skulptiertes Christogramm soll bis auf Chlotilde zurückreichen. Die erhaltene Krypta sei dann zwischen 841 und 856 errichtet worden. Die Krypta von St-Germain in Auxerre ist so ziemlich die letzte der so genannten spätkarolingischen Umgangskrypten, die heute noch dem 9. Jh. widerspruchslos zugeordnet wird. Möglicherweise traut sich kein Forscher an dieses "Nationalheiligtum Frankreichs" heran. Die verwandten Bauten wie St-Philibert-de-Grandlieu, Flavigny, Halberstadt, Soissons sind längst im    11. Jh. angekommen. Dahin gehört zweifelsfrei auch St-Germain in Auxerre.
Nach Wikipedia wurde eine Basilika Anfang des 6. Jh. erbaut. Um 841 erfolgte ein Neubau, dessen Krypta 857 fertiggestellt worden ist. 860 wurden die Gebeine des Germanus (gest. 448) in den Neubau überführt. 865 soll die Kirche fertiggestellt worden sein. In der 2. Hälfte des 12. Jh. fanden umfangreiche Renovierungsarbeiten statt. Ab 1277 erfolgte der gotische Neubau.
Chlotildes Lebendaten sind byzantinisch und entsprechen 911-963. Der erste Kirchenbau könnte damit durchaus nach der Mitte des 10. Jh. errichtet worden sein. Die karolingischen Daten sind sämtlich konstruiert.
 

Flavigny, St-Pierre

Die Benediktinerabtei soll 719 gegründet worden sein. Die wieder ausgegrabene komplexe Kryptenanlage wird allgemein in die 1. Hälfte des 9. Jh. datiert. Die Chorscheitelrotunde - ein sechseckiger Zentralbau - ordnet HEITZ dem 11. Jh. zu. Dieser würde jedoch auf einer kreisrunden Sohle aus dem 9. Jh. stehen. [HEITZ, 225] JACOBSON [(1982), 552] hält die noch bestehenden Bauteile für komplett im 11. Jh. entstanden. Den ornamentierten Pfeiler sieht er in Zweitverwendung.
 

Nevers, St-Cyr-et-Ste-Julitte

Neben der Kirche aus dem 11. Jh. wurde ein Nischenbaptisterium ausgegraben, das aus dem 6. Jh. (Veränderungen im 8. und 11 Jh.) stammen soll. Leider wird nicht erwähnt, wie die Datierung in das 6. Jh. zustande gekommen ist. Offenbar ist kein Vorgängerbau der Kirche aus dem 11. Jh. ergraben worden. Hat das Baptisterium allein gestanden? Das Motiv der Nischen könnte auch auf das 11. Jh. hinweisen. Ich denke, dass das Baptisterium zur Kirche des 11. Jh. gehört. Die genannte Datierung in das 6. Jh. ist möglicherweise byzantinisch und entspräche dem 10. Jh.
 

Metz, St. Peter (St-Pierre-aux-Nonnains)

Mit St. Peter in Metz haben wir einen spätrömischen Profanbau vor uns. Ein Flyer, der bei der Besichtigung erhältlich ist, informiert darüber, dass der Bau "ein Gebäude für öffentliche Treffen und Veranstaltungen, oder aber die Palestra (Sporthalle) eines Kurhauses" gewesen sei. WESSEL sieht in dem Bau, obwohl er eine geplante Hypokaustenanlage erwähnt und den Vergleich mit der Trierer Palastaula anstellt, letztlich wegen der Randlage in der römischen Stadt eine christliche Basilika. Der Ursprungsbau  ist für HEITZ eine Zivilbasilika des 4. Jh., wozu die Hypokaustenanlage gehört, die jedoch letztlich nicht ausgeführt wurde. Zwischen 613 und 620 sei die Basilika einem der hl. Waltraut geleitetem Nonnenkloster zur Verfügung gestellt worden. Im 10 Jh. soll das Nonnenkloster so verwahrlost gewesen sein, dass der Bischof von Metz zwei Drittel der Nonnen des Klosters verweisen musste. Ende des  10. Jh. soll der Bau zu einer dreischiffigen Anlage umgebaut worden sein. Das dürfte der Zeitpunkt für die Umwidmung zur christlichen Kirche gewesen sein. Die o. a. Datierungen sind wieder byzantinisch. Die Zivilbasilika des 4. Jh. gehört damit in das weströmische 1. Jh. Die Datierungen 613 und 620 ergeben nach der Korrektur 1031 und 1038. Der Umbau zur dreischiffigen Anlage wird also nicht im 10. Jh. sondern im 11. Jh. erfolgt sein.
 

Frejus, Baptisterium

Traditionell wird das Baptisterium in das 4./5. Jh. datiert. Ich erachte diese Datierung für viel zu früh. Ein Baptisterium macht nur im Zusammenhang mit einem Kirchenbau Sinn. Im 4./5. Jh. kann es einen solchen nicht gegeben haben. Bis 470/477 war die Provence westgotisch, ab 507 ostgotisch, dann ab 536 fränkisch. Die justinianische Christianisierung reichte nicht bis in die Provence. Die frühesten nachgewiesenen Bauteile der Kathedrale in Frejus gehören dem 11. Jh. an. Nach meiner Auffassung wurde das Baptisterium zeitnah mit der Kirche im 11. Jh. errichtet, wie übrigens auch die anderen Baptisterien in der Provence (Aix-en-Provence, Riez, Venasque). Die Datierung in das 4./5. Jh. ist antik und entspricht den 11./12. Jh.

          

                                

Frejus, Baptisterium                                                               Riez, Baptisterium

Grundrisse aus [HUBERT/PORCHER/VOLBACH, 303]

Aix-en-Provence, St-Sauveur mit Baptisterium, Grundriss aus [DROSTE, 243]

 

Baume-les-Messieurs, St-Pierre

Von HEITZ [230] als Wiege von Cluny  bezeichnet. Die erhaltene Kirche datiert aus dem 11.-13. Jh. Von HEITZ nicht erwähnt die iroschottische Vergangenheit. Im 6. Jh. soll das damalige Kloster Baumes-les-Moines von Columban gegründet worden sein. Auch hier - wie in Luxeuil - die Zerstörung durch die Sarazenen und Normannen. Danach Wiederaufbau Anfang des 10. Jh. Von den früheren Bauten sind keine Reste bekannt. [ILLIG (2009), 212f] Die Gründung des Klosters im 6. Jh. ist byzantinisch datiert und entspricht dem 10. Jh. Columban (540-615) ist ebenfalls byzantinisch datiert und lebte von 958 bis 1033. Der sog. "Wiederaufbau" nicht Anfang, sondern eher Ende des 10. Jh. dürfte der Gründungsbau gewesen sein. Die Zerstörung durch Sarazenen und Normannen ist Erfindung.
 

Grenoble, St-Laurent

Der bestehende Bau ist eine romanische Kirche des 12. Jh., heute ein archäologisches Museum. Unter diesem ist die Krypta St-Oyand erhalten. Im Kirchenschiff werden dem Besucher umfangreiche Ausgrabungen dargeboten, die zu einem Zentralbau mit vier Kreuzarmen gehören, an deren drei Seiten Konchen angefügt sind. Die Webseite von St-Laurent (www.musee-archeologique-grenoble.com) datiert den Zentralbau in das 6. Jh. und die Krypta in das 6.-7. Jh. Darüber hinaus verweist sie noch auf einen karolingischen Vorgängerbau (um 800). Der Ursprungsbau wurde über einer spätantiken Nekropole errichtet. Im unmittelbaren Baubereich wurden acht Mausoleen nachgewiesen. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben die Mausoleen damals noch bestanden, da der Bau doch ziemlich exakt auf diese Bezug nimmt. Der Bau wurde offensichtlich ganz genau über einem solchen errichtet, wozu dieses niedergelegt wurde, und an ein anderes, größeres angebaut.

 

Grenoble, St-Laurent, Grundriss aus [UNTERMANN, 25]

Nach neueren Untersuchungen wird die Krypta von der Wissenschaft in das 8. oder beginnende 9. Jh. datiert. Im 11. Jh. sollen dann Benediktinermönche einen Neubau errichtet haben – den o. a. Zentralbau - und den bestehenden Bau als Krypta in den Neubau einbezogen haben [HEITZ, 231] HEITZ schließt jedoch ein merowingisches Oratorium, das in frühkarolingischer Zeit durchgehend restauriert wurde, nicht aus.

Einige Marmorkapitelle datiert HEITZ ins frühe 7. Jh., die skulptierten Kämpfer sieht er um 800.

Nach UNTERMANN wurde die kreuzförmige Kirche im 6. Jh. an einen älteren, reich ausgemalten Memorialbau (das größere Mausoleum) angefügt [24f]. Die Krypta sieht er offensichtlich zeitgleich. Für ihn ist der Bau die Friedhofskirche der Bischöfe von Grenoble. Er vergleicht diesen Bau wegen der Gliederung mit zahlreichen Säulen mit St-Pierre in Vienne [25].

Den angeblich karolingischen Vorgängerbau erwähnen beide überhaupt nicht.

Auch ich bin der Auffassung, dass Krypta und der ergrabene Zentralbau einheitlich sind. Als Bauzeit sehe ich jedoch die erste Hälfte des 11. Jh. Die Krypta als auch die Kryptazugänge zeigen insbesondere bei den Bögen eine wechselnde Anordnung von roten und hellen Ziegeln wie wir es z. B. aus Speyerer Krypta oder auch von der Liebfrauenkirche in Magdeburg kennen. Dieses Schmuckelement ist m. E. dem frühen 11. Jh. zuzuordnen. Vermutlich war die Kirche als Memorialbau für einen lokalen Heiligen (St-Oyand?) angelegt, dessen Grabstätte man in das Mausoleum, über dem die Kirche errichtet wurde, verortet hatte. Damit folgt dieser Bau dem seit dem ausgehenden 10. Jh. sich rasant ausbreitenden Heiligenkult.

Die traditionelle Datierung  in das 6./7. Jh. ist byzantinisch. Korrigiert entspricht diese dem 10./11. Jh. Die neueren Datierungen verweisen sogar in das 12./13. Jh. Die Marmorkapitelle gehörten dann in die 1. Hälfte des 12. Jh. und die Kämpfer an den Beginn des 13. Jh. Die Datierung "um 800" ist konstruiert.

Von HEITZ nicht besprochen werden einige Bauten, die ich jedoch nicht unerwähnt lassen will:
 

St-Denis

Angeblich im 4. Jh. - wohl nach dem Toleranzedikt 313 - Errichtung eines Mausoleums über dem Grab des hl. Dionysius (gest. um 250) und Entwicklung eines Gräberfeldes. Um 475 Errichtung einer größeren Kirche über dem Grab, die im 6. Jh. verlängert wurde. Um 625 Klostergründung, Errichtung einer dreischiffigen Kirche unter König Dagobert I. (628-639). Kirche wurde zur Grablege der Merowinger. Dagobert I. ließ sich in der Kirche als erster bestatten. 750 wird Fulrad Abt von St-Denis. Unter Fulrad nach 768 dreischiffige Säulenbasilika mit durchgehendem Querhaus, Apsis und Ringkrypta außen um die Apsis herumgeführt. Dieser Bau unter Verwendung von frühchristlichen Kapitellen als Spolien. Eine Beschreibung dieses Baus in der Handschrift von Bischof Perpetuus von 798/799 für das Kloster Reichenau. 1137 unter Abt Suger (1122-1151)  Beginn des Umbaus des Westbaus, im 12. und 13. Jh. weitere Umbauten. Bestattungen: 570/575 Königin Arnegunde (gest. um 565/570, Gattin von Chlothar I. und Mutter von Chilperich I.), 768 Pippin, Karl der Kahle 877.
Das Mausoleum und das Gräberfeld möglicherweise noch antik (?). Die Datierung "um 475" dürfte weströmisch antik sein und entspricht um 1177; ist demzufolge möglicherweise eine Baunachricht zum Bau des 12./13. Jh. Die Nachricht über eine Verlängerung im byzantinischen 6. Jh. ist vermutlich der Hinweis auf den tatsächlichen Gründungsbau aus dem 10. Jh., eine dreischiffige Säulenbasilika mit durchgehendem Querhaus und Apsis mit Ringkrypta. Bei diesem Bau Spolienverwendung aus in der Katastrophe zerstörten antiken Bauten plausibel. In diesem Bau dürfte Königin Arnegunde 988/993 und später Dagobert I. bestattet worden sein. Die Datierung der Klostergründung "um 625" ist byzantinisch und weist auf das Jahr 1043.  Zu dieser Zeit könnte dieser erste Kirchenbau fertiggestellt worden sein. Abt Fulrad ist byzantinisch datiert und war Abt von 1168-1202 u. Z. Er gehört damit deutlich hinter Abt Suger, unter dem der heutige Bau begonnen wurde. Die Handschrift von Bischof Perpetuus ist erst 1216/1217 entstanden und beschreibt den Neubau unter Suger.
Zu St-Denis legt ILLIG eine bereinigte Bauchronologie vor. Dort nennt er einen "Merowingischen Kirchenbau vor 565, vielleicht schon im 5. Jahrhundert (Apsis vor 614 erneuert)" [ILLIG (1996), 364] Auch ILLIG erkennt die unterschiedlichen Datierungen nicht. Die byzantinische Datierung 565 entspricht 983, die Erneuerung der Apsis vor 1032.
 

Vienne, St-Pierre

Angeblich um 470 auf einer Nekropole vor der Stadt als Zömeterialbasilika erbaut. Erst später wird sie die Abteikirche St-Pierre-hors-les-murs. "Der Boden des 14 m breiten Saalraumes nahm dicht gereihte Sarkophage auf. Die Apsis, die sich hinter einem von mächtigen Säulen getragenen Triumphbogen öffnet, diente zunächst nicht der Liturgie, sondern dem exklusiven Begräbnis: In ihrer Wand richtete sich der Stifter ein Arkosolgrab ein; ein zweiter, reich verzierter Sarkophag birgt Abt Leonian von St-Marcel (1. Hälfte 6. Jahrhundert)." [UNTERMANN, 23f] Einmal abgesehen von dem Stifter- und Abtsgrab bestätigt UNTERMANN, dass dieser Zömeterialbau zunächst nicht dem christlichen Kult diente, also nicht als Kirche errichtet wurde, was - wie ich meine - für sämtliche Zömeterialbauten gilt, wie ich oben zu den Umgangsbasiliken Roms bereits ausgeführt habe. Die Frage ist nun, wann die Umwandlung in eine Kirche stattgefunden hat. Nach UNTERMANN hat Bischof Pantagathe um 540 hier ein Monasterium gegründet. Die Pfeilerarkaden seien im 10. Jh. eingebaut worden. [24]

 

Vienne, St-Pierre, Grundriss aus [UNTERMANN, 24]

 

Während in der früheren Literatur dieser Bau noch als einer der ältesten christlichen Bauten Frankreichs benannt ist, ist man heute offensichtlich anderer Meinung. Nach neuerer Ansicht wurden auch die Pfeilerarkaden wie der Glockenturm erst im 12. Jh. errichtet. Bei HEITZ wird dieser Bau überhaupt nicht erwähnt. Er rechnet ihn offensichtlich nicht zu den vorromanischen bzw. frühromanischen Bauten. Auch JACOBSON [1982] hat diese Auslassung von HEITZ nicht moniert. Es ist anzunehmen, dass die Umwidmung zur Kirche auch erst im 12. Jh. erfolgt ist. Spätestens mit dem Einziehen der Pfeilerarkaden war die Funktion als Zömeterialbasilika hinfällig; vermutlich um Einiges früher. Möglicherweise war der Bau verfallen. Für eine Erneuerung des Daches mussten die Pfeilerarkaden eingezogen werden, da so lange Holzbalken zur stützenfreien Überspannung des 14 m breiten Raumes nicht mehr zur Verfügung standen.
Ich versuche, mich dem Bau über die überlieferten Datierungen zu nähern. Das Jahr 470 ist m. E. byzantinisch und entspricht dem antiken Jahr 186, also dem ausgehenden 2. Jh. Zu dieser Zeit war der Bau ein reiner Zömeterialbau. Um 540 soll hier ein Monasterium gegründet worden sein. Diese Datierung wäre ebenfalls byzantinisch und entspräche dem Jahr 958. In diesem Zusammenhang sind möglicherweise die Pfeilerarkaden eingebaut worden. Der antike Zömeterialbau war in der Katastrophe um 940 zerstört worden. Ich denke jedoch, dass der Umbau zur Kirche erst im 12. Jh. erfolgte.
 

Marseille, St-Victor

In einem Steinbruch, der in hellenistischer Zeit als Begräbnisstätte genutzt wurde, soll Ende des 5. Jh. die Kirche St. Victor erbaut worden sein. Teile der Krypta sollen in das 5. Jh. zurückreichen. "Die Spuren verwischen sich zwischen dem 7. und Ende des 10. Jahrhunderts." [www.marseille-tourisme.com] 977 blüht die Abtei als Benediktinerkloster wieder auf. Anfang des 11. Jh. erfolgt ein Neubau, der 1040 geweiht wurde. Ein umfassender Umbau ist dann im 12./13. Jh. bezeugt. Christliche Sarkophage belegen, dass die Nekropole auch von Christen genutzt wurde.

 

 

                                 

Marseille, St. Victor

Links: Übersichtsgrundriss aus: Père Jean Pierre Ellul, L’Abbaye Saint-Victor, o. Jg.

Rechts: Grundriss Krypta (gedreht) aus [Wikipedia Saint Victor (Marseille), Link: Wikimedia Commons, Category: Abbaye Saint-Victor]

Beim Betreten der sehr geräumigen Krypta ist man anfangs etwas desorientiert. Es ist weder ein einheitliches Raumgefüge noch ein einheitlicher Bau- und Ornamentstil vorhanden. Offenbar ist der heutige Zustand ein Konglomerat der verschiedenen Bauzeiten.
Nach meiner Auffassung gibt es keine Kirche vor dem 10. Jh. an dieser Stelle. Ende des 10. Jh. errichteten die Benediktiner eine erste kleine, dreischiffige Kirche über der Nekropole, möglicherweise zum Märtyrergedächtnis, wozu die Legende der Märtyrer von Marseille, darunter Victor (Martyrium angeblich 303 oder 304), geschaffen wurde. Von diesem Bau sind Reste, die m. E. fälschlicherweise dem 5. Jh. zugewiesen werden, in der Krypta noch vorhanden. Die aus dem Fels herausgearbeitete Kapelle "le confessionnal de Saint Lazare" dürfte ebenfalls aus dem ausgehenden 10. oder 11. Jh. stammen. Dass es einen weiteren Neubau Anfang des 11. Jh. gegeben haben soll, ist zu bezweifeln. Möglicherweise ist die in der Krypta erhaltene kleine Kirche zu dem 1040 geweihten Neubau zugehörig. Wir kennen natürlich nicht den kompletten Grundriss dieser ersten Kirche. Die Krypta ist sowohl von ihrer Lage als auch ihrer Gestaltung keine Krypta im eigentlichen Sinn. Entgegen der üblichen Anordnung unter dem Chor der Oberkirche mit kultischer Verbindung zwischen Oberkirche und Krypta, ist sie hier unter dem Westteil (eigentlich NNW-Teil, da die Kirche nach SSO ausgerichtet ist). Beim Neubau der Oberkirche im 13. Jh. hat man den Vorgängerbau, die kleine dreischiffige Kirche komplett überbaut und z. T. als Unterkirche erhalten. Der in der Unterkirche sichtbare Stützapparat sind die Substruktionen dieses Neubaus aus dem 13. Jh. Die Datierung des Gründungsbaus Ende 5. Jh. ist antik und entspricht Ende des 12. Jh. Die Information, die diese Datierung enthält, galt nicht dem Gründungsbau sondern dem Neubau des 13. Jh. Ob die Unterkirche kultisch, z. B. als Krypta genutzt wurde, muss offen bleiben.
 

Six-Fours-les-Plages, St-Pierre (bei Toulon)

Der frühromanische Vorgängerbau aus dem 11. Jh. ist in dem heutigen Kirchenbau (17. Jh.) fast vollständig erhalten und gut sichtbar. In Reiseführern ist im Westen dieses Vorgängerbaus ein frühchristliches Baptisterium aus dem 5. oder 6. Jh. aufgeführt. Woher die Datierung in das 5. oder 6. Jh. stammt, bleibt mir schleierhaft. Auch in dem Flyer, der in der Kirche zu haben ist, ist kein Hinweis enthalten. Zu sehen sind nur die Reste eines Taufbeckens mit einem Innendurchmesser von einem guten Meter und einer Ablaufrinne nach außen. Das 5. oder 6. Jh. dürfte - sofern zutreffend -wieder antik sein und entspricht dem 12. oder 13. Jh.
 

Île St-Honorat (Îles de Lérins)

Laut Reiseführer: Bekannt als eine der "Wiegen des abendländischen Mönchtum". Anfang des 5. Jh. soll der hl. Honoratus hier ein Kloster gegründet haben, dass sich zu einem der bedeutendsten und mächtigsten in ganz Europa in der Folgezeit entwickelt hat, ein Zentrum der Wissenschaft, der Religiosität und Kultur. Bischöfe, Missionare und Heilige sollen von hier aus in alle Welt gezogen sein, unter ihnen Cassian, der Gründer von St-Victor in Marseille und Patrick, der Apostel Irlands. Ab 660 wurde angeblich die Regel des hl. Benedikt eingeführt.
Materielle Reste auf der Insel, die in diese frühe Zeit reichen, gibt es keine. Das Kloster wurde im 19. Jh. im neoromanischen Stil neu errichtet. Von den ehemals sieben kleinen Kirchen sind nur noch zwei erhalten, die aber auf das 12./13. Jh. verweisen. Es gab im Hochmittelalter offensichtlich christliches Leben auf St-Honorat. Die Gründung im 5. Jh. und die großartige Entwicklung - wie sie die Quellen "belegen" - dürften pure Legende sein. Auch kommt die Einführung der Benediktinerregel um 660 um einiges zu früh, da der Benediktinerorden erst im 10. Jh. entsteht [ILLIG (2009), 215].
Die Datierung "Anfang des 5. Jh." ist vermutlich antik  und entspricht Anfang des 12. Jh. Dagegen sehe ich die Datierung "um 660" als byzantinisch an. Damit wird die Einführung der Benediktinerregel 1078 u. Z. erfolgt sein.
 

Luxeuil

Angeblich um 590 von Columban gegründet, 732 Zerstörung durch die Sarazenen, danach Wiederherstellung unter Karl dem Großen, im 9. Jh. durch Wikinger geplündert. 1790 wurde das Kloster aufgehoben. Luxeuil soll Ausgangspunkt für die Mission der Bayern gewesen sein. Die heutige Pfarrkirche St-Colomban wurde 1330 fertiggestellt. Baureste aus vor- oder frühromanischer Zeit sind nicht vorhanden. Die Datierung "um 590" ist byzantinisch, womit die Gründung um 1008 erfolgt sein könnte. Sarazenen, Karl der Große und die Wikinger sind pure Legende und haben mit dem Bau nichts zu tun. Wenn man denselben Maßstab wie bei anderen in den Quellen hochgelobten Klöstern ansetzt, wo keine materiellen Zeugnisse zu finden sind, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es keine frühmittelalterliche Geschichte von Luxeuil gibt.

Columban soll allein im Marnetal sieben Abteien gegründet haben, darunter Jouarre, dann Luxeuil und Fontaine. Dank der iroschottischen Missionare Avitus, Columban, Fridolin, Gallus, Lucius, Remigius, Severin und Trudpert sollen um 600 (= um 1018) schon 220 gallische Klöster bestanden haben. [ILLIG: Das Ende des hl. Benedikts? auf http://lelarge.de/benedikt.html] Ich halte die frühe iro-schottische Mission für ein Konstrukt. Die tatsächliche "iro-schottische Mission" fand im 11. Jh. statt, was die zahlreichen Schottenklöster des 11./12. Jh. belegen.
Welche Glaubenslehre hat Columban eigentlich vertreten? ILLIG vertritt die Auffassung, dass die iro-schottische Missionierung unter Columban (ab 590) prorömisch gewesen sein soll. Das wäre nicht ganz auszuschließen, da im 11. Jh. der römische Bischof begann, die Vorherrschaft über die katholische Kirche im Westen zu beanspruchen.
 

Saint-Martin de Tours

Der hl. Martin starb 397. Im Jahr 471 soll die erste Basilika errichtet worden sein. Von einem Kirchenbau aus dem 11.-13. Jh. sind heute noch Reste vorhanden. Um 508 soll Chlodwig in der Kirche die Abgesandten des byzantinischen Kaisers Anastasios empfangen haben. Von 796-804 soll Alkuin Abt in Tours gewesen sein. 853 sollen die Normannen die Kirche zerstört haben. Das Todesjahr des hl. Martin ist entweder byzantinisch und entspricht dem Jahr 113, oder seine Datierung ist antik, womit diese dem Jahr 1099 entsprechen würde. Sofern die Nachricht zutreffen sollte, dass Paulinus von Nola den hl. Martin persönlich getroffen hat, dürfte letztere Datierung zutreffen. Paulinus von Nola lebte 1056-1133 (siehe oben). Das Jahr der Errichtung der ersten Basilika 471 dürfte ebenfalls antik sein und entspricht dem Jahr 1173. Chlodwig lebte von 466-511. Seine Datierung ist byzantinisch, womit er in der Antike von 182-227 lebte. Er kann mit dem Kirchenbau nicht zu tun haben. Genauso wenig wie Alkuin, außer wir datieren Alkuin in das 13. Jh.

 

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 21.03.2017

 

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